Nachgespielt oder: Der subjektive Faktor

Wir fanden die Idee großartig und uns auch. Vier Leute auf Tournee, wie ABBA: zwei Männer, zwei Frauen. Wir erzählen Geschichten aus unserer Zeit, 68 und was dann kam, und machen ein bisschen Musik dazu. Wir alle haben eine kleine Geschichte von damals auf Lager, subjektiv, unterhaltsam, ein bisschen ironisch, ein bisschen sentimental. Eine gute Mischung, denken wir.

Wir haben um die Honorare gefeilscht, aber wir werden kaum etwas verdienen. Wir versuchen kein Minus zu machen. Das wäre gegen unsere Künstlerehre, und wir sind doch Künstler, oder.

Zu viert fahren wir in Joachims Kombi durch die Republik, also durch ein paar Landstriche. Wir sehen Städte wie Paderborn, Braunschweig, Oldesloe, Bargteheide, Hanau. Weil Vera Angst vor der Autobahn hat, fahren wir über die Landstraßen, aber da wird mir schlecht. Joachim fährt. Zu schnell.

Unsere Übernachtungen wie auf Klassenfahrt, das Mädchenzimmer und das Jungszimmer. Überall Unterwäsche und Chipstüten.

Wenn Vera etwas mit Thomas anfinge, hätte das schlimmere Folgen, als es früher gehabt hätte. Also fängt sie nichts mit Thomas an. Thomas hat eine Frau zuhause, und Vera inzwischen auch. Wäre auch kompliziert, so auf der Reise, für Joachim und mich. Was machen wir dann die ganze Zeit – in der Gaststube Schiffe versenken?

Wir treten in kleinen Kulturzentren, Buchhandlungen, Nebenzimmern von Stadthallen auf. Die Leute lachen so viel. Aber unsere Geschichten sind eigentlich nicht lustig. Liegt es daran, wie wir sie erzählen?

Manchmal fragen wir: Wo sind wir? Warum können wir uns alle nicht an Paderborn erinnern?

Joachim liest nur selten, meist spielt er Akkordeon. Er kann die Leute verzaubern und wie Tanzbären an der Nase herumführen. Er spielt die Internationale und die anderen alten Kampfgesänge so, dass alle lächeln, auch der Kulturmensch von den Freien Wählern.

Was machen wir da eigentlich? Wir sind eine neue Band (es gibt ja kein Wort für Schreiber, die zusammen auftreten), eine neue Band aus alten Leuten. Wir müssen alt sein, sonst könnten wir von diesen Dingen nicht erzählen. Zeitzeugen on the road.

Es fing schon bemerkenswert an. Im Juli, nach der ersten Veranstaltung, saßen wir bei Thomas auf der Terrasse. Zum Planen. Wir aßen ganz wundervolle Sachen und tranken mittags schon Wein.

Aber vorher mussten wir an den toten Autos vorbei. Starke, schlanke, junge Männer (Frauen waren wohl auch dabei, aber man konnte das nicht gleich, sondern nur später am Gang sehen, in dem Video, das einer vom Nachbarbalkon hinter seiner Grünpflanze gemacht hatte), junge Männer also hatten sie angezündet. Sie hatten genau das getan, was sie Wochen und Monate zuvor auf den bunten Seiten im Netz versprochen hatten. Und sie hatten »Anticapitalista« gerufen, rhythmisch, in einem präzise eingeübten Dreischritt. Ja, rhythmisches Rufen war schon eine Weile wieder üblich, es kam aus allen Richtungen, überhaupt waren seit einiger Zeit die alten Formen zurückgekehrt, die Blockaden, Besetzungen, das Unterbrechen von Veranstaltungen. Diese Formen schienen weltanschaulich neutral geworden zu sein. Es war nur auffällig, dass so viele Transparente und Plakate perfekt aussahen, überall auf der Welt sahen sie so aus, gedruckt, wasserfest, nicht selbstgemacht. Es schien eine Industrie dafür zu geben, während wir damals nächtelang gepinselt und Stoffe auf Latten genagelt hatten. (Hatten wir? Wir Antirevisionisten nicht, das machten doch immer die ungeliebten Bündnispartner, die nachts die Flugblätter und die Transparente herstellten, dankbar, dass sie mitmachen durften, in Erwartung eines Tages, an dem sich die Kräfteverhältnisse ändern und wir anderen im Bastelkeller verschwinden würden.)

Wir kommen immer wieder auf diesen Morgen mit den verbrannten Autos zurück. Und auf das Gefühl, über das wir nur in Andeutungen sprechen: Niemand liebt die Autos anderer Leute, und überhaupt muss es mit dem Verbrennungsmotor irgendwann endlich mal zu Ende gehen. Aber darum war es den jungen Leuten in ihren körpernahen glänzenden Anzügen ja nicht gegangen, und wenn, dann hätten wir ihnen geraten, doch die Schauräume der großen Autohändler direkt anzugehen und nicht den Kleinwagen der Nachbarin, die noch ahnungslos schlief, bevor sie zu ihrer Spätschicht musste. An diesem Auto der Nachbarin konnten wir dann doch so etwas wie ein Mitgefühl festmachen. Aber es war ein Gefühl, das flach und flügellahm war, ein Gefühl, das man herstellen, hervorrufen musste, um den ersten Reflex zum Schweigen zu bringen.

Thomas mit seinem Staubsauger im Flur. Thomas hat kein Auto, er wohnt nur in dieser Gegend, in der die Häuser alt und schön sind und das Wasser nah ist.

(…)

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