Umziehende Götter. 1968 und die Transformation des revolutionären Enthusiasmus

Fünfzig Jahre 1968 – und kaum neue Deutungen in Sicht. Rechte und Linke streiten, ob diese gesellschaftliche Schlüsselerfahrung der Bundesrepublik nun gut oder schlecht war, aber das haben sie auch schon vor fünfzig Jahren getan. Offenbar braucht es neue Schlüsselerfahrungen, um die alten in einem anderen Licht zu sehen – oder noch ältere. Hans-Ulrich Wehler etwa hätte den Enthusiasmus der 45er in Stellung bringen können: Der Erfolg der Bundesrepublik verdankt sich einer Aufbaugeneration, die in ihrer Jugend völkisch mobilisiert wurde. Ihr entnazifizierter Elan trug dann das Wirtschaftswunder und die Integration in den Westen. Die 68er aber haben Leistungsorientierung durch ihren Hippie-Schlendrian kaputtgemacht.

Einer dieser leistungsfeindlichen Achtundsechziger, Wolfgang Eßbach, hat vor wenigen Jahren den ersten, knapp tausendseitigen Band seiner Religionssoziologie vorgelegt, der aus einer langen historischen Perspektive einen neuen Blick auch auf die jüngere Geschichte erlaubt: 1968 lässt sich damit religionssoziologisch deuten. 1

Wenn gesellschaftliche Erfahrungen verarbeitet werden, ziehen auch die Götter um, so Eßbach. Der eruptive Enthusiasmus revolutionärer Bewegungen fließt in neue Glaubensformen, verzweigt sich, erkaltet und erstarrt. Neue Schichten der Religion überlagern ältere und verwandeln sie unter ihrem Druck. Mit diesen Leitgedanken entwickelt Eßbach eine Religionsgeschichte Europas, indem er Typen der Transformation beschreibt: die konfessionelle Bekenntnisreligion, die aufklärerische Rationalreligion, die positivistische Wissenschaftsreligion und die ritualtechnische Verfahrensreligion.

Bekenntnisreligion

Achtundsechzig kann man auch verstehen als ein großes Revival der Bekenntnisreligion , in dem sich der Konfessionalismus ins Politische transformierte. Wer die Weimarer Parteienlandschaft betrachtet, wer darüber nachdenkt, wie viel Sozialismus im Nationalsozialismus steckte oder wie viel Faschismus im Sowjetkommunismus, der operiert stets mit komplexen Schemata politischer Formen und Inhalte, in denen sich vielfältige Mischungsverhältnisse zwischen Partikularismus und Universalismus, Privateigentum und Gemeineigentum, Kollektivismus und Individualismus überschneiden. Dieses schillernde Farbenspektrum, noch in den fünfziger Jahren durch eine ganz auf die nationale Frage konzentrierte Schumacher-SPD und eine irgendwie linkskatholische, aber entschlossen westorientierte CDU markiert, verengte sich durch Achtundsechzig auf die binäre Codierung links gegen rechts. Die »Scheißliberalen« waren auch deshalb so verhasst, weil sie sich nicht einmal zur ordentlichen Feindschaft bereitstellten.

Die Achtundsechziger waren links, ihre Gegner rechts, daran gab es keine Zweifel. Während dieser alte politische Gegensatz früher weitgehend milieugebunden war, über soziale Herkunft zu entschuldigen, löste er sich nun von der Klassenlage und wurde frei für den reinen Bekenntnisakt, der dadurch moralisch aufladbar war. Wer rechts ist, obgleich es ihm nicht in die Wiege gelegt wurde, den kann man dafür verantwortlich machen!

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Wolfgang Eßbach, Religionssoziologie 1. Glaubenskrieg und Revolution als Wiege neuer Religionen. München: Fink 2014.

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