Wie die Peer Review die Wissenschaft diszipliniert

Es gibt eine Ursprungslegende über Peer Review, die von Wissenschaftlern erfunden wurde und von Wikipedianern verbreitet wird. Als sich der erste Sekretär der Royal Society of London, Henry Oldenburg, 1665 zum Gründungsherausgeber der Philosophical Transactions ernennen ließ, führte er aus Einsicht in die Grenzen des eigenen Wissens eine neue Qualitätsprüfung für eingesandte Manuskripte ein: Er legte sie einschlägigen Experten zur Begutachtung vor. Der Legende zufolge entstand Peer Review mit dem Geburtsakt des wissenschaftlichen Zeitschriftenwesens und ist damit, seit es die modernen Naturwissenschaften gibt, integraler Bestandteil der Forschungspraxis.

Die Legende ist relativ jung. 1 Sie entstand vor kaum fünfzig Jahren zu einem nicht ganz zufälligen Zeitpunkt. Es war jene Phase, als sich Peer Review in den Vereinigten Staaten, ausgehend von der staatlichen Forschungsförderung, für die Prüfung von Projekt- und Publikationsanträgen durchzusetzen begann. Mit der wissenschaftlichen Praxis in der Royal Society des 17. Jahrhunderts hatte dieser Prozess so gut wie nichts zu tun. Oldenburg druckte in den Philosophical Transactions ab, was er für interessant hielt, darunter Briefe aus der eigenen Korrespondenz und Berichte aus dritter Hand über Experimente von anderen. Er fragte nur selten externe Spezialisten nach ihren Meinungen zu einem Text, warb viele Beiträge selbständig ein und schrieb sie vor der Publikation gerne um. Sein Kontrollanspruch über die Zeitschrift war so umfassend, dass er sich, wie die Historikerin Melinda Baldwin gezeigt hat, gelegentlich als ihr »author« und nicht als ihr »editor« ausgab.

Wollte man eine Brücke schlagen von frühneuzeitlichen Publikationsverfahren zur spätmodernen Peer Review, was nicht zwingend ist, weil es diesbezüglich keine Kontinuität gibt, müsste man eher die Gutachtertätigkeit von Akademikern für königliche Zensurbehörden anführen. Die externen Experten der offiziellen Vorpublikationszensur wurden gegenüber den betroffenen Autoren anonymisiert, und anders als die Theologen, die in erster Linie auf die Rechtgläubigkeit der Schriften zu achten hatten, konnten Mathematiker, Mechaniker oder Astronomen ihren Zensurauftrag schon auf das Verhindern von Veröffentlichungen richten, die aus ihrer Sicht keine neuen Befunde erbrachten, unzuverlässige Methoden verwendeten oder nicht auf der Höhe des wissenschaftlichen Erkenntnisstands waren. Der Bezug zur Zensur des Ancien Régime wäre auch insofern stimmig, als damit die entscheidende Rolle des Staats bei der Durchsetzung von Peer Review in den Blick geraten würde, die in der Legende vom Ursprung der Peer Review in den Philosophical Transactions schlicht ausblendet wird. Die Peer Review erscheint darin als Erfindung der Wissenschaft für die Wissenschaft zum Besten der Gesellschaft, mit »government nowhere in the picture«, wie es der Philosoph David Shatz auf den Punkt gebracht hat. 2

Tatsächlich entstanden Begriff und Konzept der Peer Review im Verlauf der 1960er Jahre im Zusammenhang mit einem massiven Ausbau der Projektmittelvergabe durch die staatliche Forschungsförderung. Obwohl die Architekten dieses Ausbaus auf Zeitschriftenpraktiken zurückgriffen, die im 19. Jahrhundert entworfen worden waren, kam der entscheidende Impuls für die Durchsetzung der Peer Review aus der Politik. 3 Eine Vorreiterrolle nahmen die Vereinigten Staaten ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg die institutionellen Fundamente für eine neue Forschungsorganisation legten. 1948 entstanden die National Institutes of Health, ausgestattet mit kleinen »study sections« für wissenschaftliche Experten, die Projektanträge für die Vergabe von medizinischen Forschungsgeldern prüften. Zwei Jahre später erfolgte die Gründung der National Science Foundation (NSF), der ersten staatlichen Fördergesellschaft für die natur- und technikwissenschaftliche Grundlagenforschung. 4 In den ersten Jahren ihres Bestehens holte die NSF nur sporadisch externe Gutachten zu Projektanträgen ein, und in den meisten Fällen trafen die angestellten Direktoren die Entscheide. Das änderte sich nach dem Sputnikschock von 1957, in dessen Folge das Budget der NSF innerhalb eines Jahrzehnts von gut 40 Millionen auf fast 500 Millionen verzwölffacht wurde.

Die gewaltigen Forschungsinvestitionen waren von der Hoffnung getragen, den verloren geglaubten technologischen Vorsprung gegenüber der Sowjetunion wiederherzustellen. Damit das Geld die gewünschte Wirkung erzielen konnte, brauchte es aber noch ein Verteilungs- und Kommunikationssystem, mit dem sich der Takt der wissenschaftlichen Innovationen erhöhen und der Ideentransfer vom wissenschaftlich-technologischen in den politisch-militärischen Apparat erleichtern ließ. Weder die amerikanische Regierung noch ihre westlichen Verbündeten verfügten über Verwaltungseinheiten, die fachlich hinreichend kompetent und zugleich organisatorisch in der Lage gewesen wären, die Geldströme aus der Politik sowie den Rückfluss an technologisch verwertbarem Wissen in die Politik effizient und verlässlich zu kanalisieren. Für beide Zwecke bürgerten sich vertraulich beratende Expertengremien mit wissenschaftlichen Spezialisten aus verschiedenen Fachbereichen ein. Bald rekrutierten sich auch die Mitglieder der Entscheidungsorgane von Fördergesellschaften und der Expertenkommissionen von Regierungen aus denselben Kreisen. So entstand eine neue Expertenelite mit spezifischen Beratungstugenden, geübt in der pragmatischen Auslese, gefeit gegen doktrinäre Haltungen, interessiert an der Konsensfindung, bereit zum gegenseitigen Vertrauen. 5 Diese Tugenden waren und sind für die Funktionsfähigkeit von Expertengremien essentiell, drängten aber, sobald sich wissenschaftliche Eliten auch außerhalb der Gremien vorrangig an ihnen orientierten, andere, für das Wissenschaftssystem nicht minder wichtige Tugenden zurück.

Peer Review erfüllte unter diesen Rahmenbedingungen die Funktion, die Sphäre der Vertraulichkeit auf die obersten Hierarchiestufen des Wissenschaftssystems auszuweiten. Dank dieses Instruments konnten sich die Experten in den Entscheidungsorganen von Verantwortung entlasten, ohne die anonym beratenden Experten von außen mit Verantwortung zu belasten. Noch größer war der Nutzen für die staatliche Politik. Peer Review diente ihr als eine Black Box, mit deren Hilfe wissenschaftspolitische Entscheide der demokratischen Diskussion entzogen und etablierte Wissenschaftler zu Zensoren der staatlichen Forschungsförderung erhoben werden konnten. Stellten amerikanische Bürger, Beamte oder Parlamentarier die technokratische Souveränität der NSF oder gar die Anonymität ihrer Gutachter infrage, was in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens hin und wieder geschah, gelang es der Expertenelite im Verbund mit der Regierung, die Forderung nach mehr demokratischer Mitsprache als Angriff auf die Unabhängigkeit der Wissenschaft darzustellen. Peer Review ging aus diesen Auseinandersetzungen gestärkt hervor, ja erhielt erst in der Folge den Ruf einer Bastion wissenschaftlicher Unabhängigkeit.

Inwieweit beruhte nun die Methode der anonymen Peer Review, wie sie staatliche und private Fördergesellschaften im Anschluss an die NSF in allen westlichen Ländern einführten, auf bereits bestehenden Verfahren in Zeitschriftenredaktionen? Sie war vom »Refereeing« inspiriert, das, ausgehend von gelehrten Gesellschaften in Großbritannien, im Verlauf des 19. Jahrhunderts aufgekommen war, aber noch Mitte des 20. Jahrhunderts nur eine von mehreren Routinen zur Prüfung eingesandter Manuskripte darstellte. Herausgeber baten »referees« um anonyme »reports« und reichten diese im Fall einer Ablehnung oder einer Aufforderung zur Überarbeitung an die Autoren weiter. Neben dem refereeing gab es die Praxis, Spezialistenrat bei Bedarf auf informellem Weg einzuholen oder sich ganz auf das eigene Urteil zu verlassen.

Zum Zeitpunkt, als die Fördergesellschaften die Peer Review einführten, bestand in der englischsprachigen Welt eine pluralistische Ordnung von Auswahlverfahren mit ähnlich hoher Anerkennung, während auf dem europäischen Kontinent, wo noch immer führende Titel für viele Fachbereiche erschienen, kaum ein Herausgeber ein »Referee System« unterhielt. Die britische Zeitschrift Nature , schon damals einer der respektabelsten Titel auf dem Gebiet der natur- und lebenswissenschaftlichen Forschung, hatte mit Jack Brimble und ab 1965 mit John Maddox hervorragend vernetzte Herausgeber, die entweder nach Konsultation von Redakteuren und Korrespondenten, aufgrund von Gesprächen mit Forschern oder in souveräner Eigenregie entschieden, was in der Zeitschrift erschien und was nicht. Maddox verband das Vorgehen mit der Absicht, auch ungewöhnliche und kontroverse Arbeiten aufzunehmen, denen er eine öffentliche Diskussion wünschte. 6 In den 1960er Jahren erschienen neben Nature schon über tausend wissenschaftliche Zeitschriften auf dem englischsprachigen Markt, die meisten mit mehreren Ausgaben pro Jahr, viele in spezialisierten Nischengebieten.

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Melinda Baldwin zufolge ( In referees we trust? In: Physics Today , Nr. 44, 2017) geht die Legende auf einen Artikel aus dem Jahr 1971 von Harriet Zuckerman und Robert K. Merton zurück, zwei einflussreichen Vertretern der damals jungen Disziplin der Wissenschaftssoziologie.
  2. David Shatz, Peer Review. A critical enquiry . Lanham: Rowman & Littlefield 2004.
  3. Vgl. Alex Csiszar, Peer Review. Troubled from the Start . In: Nature , Nr. 532 vom 19. April 2016.
  4. Vgl. Daryl E. Chubin /Edward J. Hackett, Peerless Science. Peer Review and U.S. Science Policy . Albany: SUNY Press 1990.
  5. Michèle Lamont, How Professors Think. Inside the Curious World of Academic Judgment . Cambridge /Mass.: Harvard University Press 2009.
  6. Vgl. Melinda Baldwin, Credibility, peer review, and »Nature«, 1945–1990 . In: Notes and records of the Royal Society , Nr. 69 vom 20. September 2015.

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