29. September

Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

Auf dem Friedhof riecht es nach Buchsbaum. Das muss so sein, scheint mir, ohne dass ich dieses Empfinden begründen könnte. Das Rascheln der Trauerweiden im Wind: pathetisch, aber wahr. Früher glaubten einige, Weiden seien in der Lage, denjenigen, die sich an sie lehnten, Krankheiten und Kummer abzunehmen. Dafür scheinen sie mir viel zu viel Leichtigkeit auszustrahlen. Aber Eindruck ist nie Wahrheit, und auf meine Nachfragen schweigen sie still. Einige Blätter schweben zu Boden. Eine Katze schleicht vorbei. Ich war schon lange nicht mehr hier, Jahre. Zehn vielleicht. Den Weg weiß ich intuitiv.

Auf den Gräbern um das Grab meines Bruders herum überall bunte Dekorationen. Miniaturwindräder, kleine Figuren, Kuscheltiere. Auch das Grab meines Bruders ist dekoriert. Ein Herz aus Stein, eine Engelsfigur, ein frisches, winterliches Gesteck. Der Grabstein ist klein und unprätentiös. Links und rechts davon stehen Buchsbäumchen, so geschnitten, dass man ihn gerade noch sieht. In der linken oberen Ecke eine Sonne in wenigen Strichen in den Stein gehauen. In der Mitte sein Name Tim Robin und darunter die Daten seines kurzen Lebens: 24. August 1989 bis 29. September 1989. Die Gräber in dieser Ecke des Friedhofs sind alle sehr klein. Mein Bruder liegt in der Gesellschaft anderer Kinder.

Nichts im letzten Satz trifft wirklich zu. Unsere Sprache wird hier unpräzise. Sie ist eher für das Leben als für den Tod. Zum Beispiel: Wie soll ich ihn nennen? Bruder beschreibt zwar das Verwandtschaftsverhältnis korrekt. Aber es trifft nicht die gefühlte Realität. Ist er mein Bruder, wenn ich ihn nicht gekannt, wenn wir uns keine Sekunde gemeinsam auf diesem Planeten aufgehalten haben? Ist er mein Bruder, wenn sein Tod mein Leben erst ermöglicht hat? Und unsere Eltern? Für sie gibt es keine Bezeichnung. Sie sind weder Verwitwete noch Waisen. Es gibt kein Wort für Eltern, die ihr Kind verloren haben.

(…)

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