Die Feminisierung der Migration oder der neue emotionale Imperialismus

Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

In der 1993 erschienenen und seitdem immer wieder aufgelegten Studie Age of Migration stellten Stephen Castles und Mark J. Miller fest, dass Migration angesichts des immer größer werdenden Nord-Süd-Gefälles für arme Menschen zu einer privaten Lösung für ein öffentliches und globales Problem geworden ist. 1  Dieser Trend hält an. 2017 stieg die Zahl derjenigen, die ihr Heimatland auf Dauer verlassen, auf weltweit 257,7 Millionen. 2 Eine der problematischen Folgen dieser Entwicklung ist das Phänomen des brain drain , der Abfluss von gut ausgebildeten, professionellen Beschäftigten (oder aber auch Arbeitslosen) aus ihren Herkunftsländern, in denen sie meist eine teure Bildung erhielten, hin zur wirtschaftlich entwickelten Welt – in der Hoffnung auf ein besseres Leben mit höherer Lebensqualität.

Die Senderländer profitieren dabei von der Migration, weil sie die Arbeitslosigkeit senkt und nach Angaben der Weltbank mit Transfers von über 500 Millionen Dollar pro Jahr dreimal so viele Devisen einbringt wie durch offizielle Entwicklungshilfe und direkte Auslandsinvestitionen ins Land kommen. 3 Letztlich jedoch verlieren sie mehr als sie gewinnen. Anders die Empfängerländer. Sie profitieren von der harten, aber unterbezahlten Arbeit der Migranten. Mit deren Hilfe lässt sich der Arbeitskräftemangel in der Informationstechnologie oder der Gesundheits- und Haushaltsfürsorge verringern, Migranten ermöglichen Mittelschichtfamilien die private Betreuung von Kindern oder Älteren – ein begrenzter Ausgleich für den immer weiter schrumpfenden Sozial- und Wohlfahrtsstaat. 4

Waren es in der Vergangenheit vornehmlich Männer, die die Heimat verließen, um ihre Familien versorgen zu können, und kamen (ihre) Frauen, wenn überhaupt, als Nachzüglerinnen hinterher, hat sich dies in den letzten Jahren so massiv verändert, dass heute von einer »Feminisierung der Migration« die Rede ist. Mehr als die Hälfte der Migranten sind mittlerweile Frauen – aus den Philippinen sind es sogar 70 Prozent. Im Lauf der Zeit wurden Migrantinnen, die in Branchen wie Gesundheit, Gastronomie, Hotelwesen, Haushalt sowie der Pflege und Betreuung von Kindern, Älteren oder Kranken arbeiteten, oftmals zur Haupt- oder sogar einzigen Einnahmequelle für ihre Familien. Saskia Sassen bezeichnete das als »Feminisierung des Überlebens«: Nicht »nur« Haushalte, sondern ganze Gesellschaften, Regierungen, Regionen und Staaten sind immer stärker abhängig von der Arbeit der Frauen. Damit wird die schwere Last, für das Wohlergehen aller Beteiligten zu sorgen, auf die Schultern von unterbezahlten, benachteiligten und ausgebeuteten Migrantinnen gelegt. 5

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Selmin Kaşka nennt fünf Gründe für den globalen Anstieg des Bedarfs an Haushaltsangestellten, die es zu rekapitulieren lohnt. Erstens führt das Schwinden des Wohlfahrtsstaats in vielen europäischen Staaten zur Abschaffung oder Einschränkung von ehemals kostenlosen Leistungen. Zweitens sind demografische Faktoren, vornehmlich das Älterwerden der Bevölkerung, von großer Bedeutung. Die Veränderung der sozioökonomischen Rolle der Frauen, die nach Möglichkeiten suchen, Familie und Karriere zu vereinbaren, ist ein wichtiger dritter Faktor. Als vierter Grund werden die weitergehende Kommodifizierung und Kommerzialisierung der Haus-, Fürsorge- und Pflegearbeit genannt, die seit jeher unbezahlte Arbeit war (und auch weiterhin oft unbezahlt bleibt). Fünftens ist da die Tatsache, dass die Beschäftigung von »Fremden« für häusliche Arbeit in einigen Staaten ein Statussymbol ist, das auch viele Frauen, ob sie Teil der erwerbstätigen Bevölkerung sind oder nicht, nicht missen wollen. 6

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Stephen Castles /Mark J. Miller, Age of Migration. International Population Movements in the Modern World. London: Guilford Press 1998.
  2. https://migrationdataportal.org/?i=stock_abs_&t=2017
  3. International Migration at All-Time High. In: The World Bank, Migration and Remittances Factbook 2015
  4. Geraldine Pratt, Working Feminism. Philadelphia: Temple University Press 2004.
  5. Saskia Sassen, Counter-geographies of Globalization, Feminization of Survival. In: Krimild Saunders (Hrsg.), Feminist Post-Development Thought. London: Zed Books 2002.
  6. Selmin Kaşka, The New International Migration and Migrant Women in Turkey. The Case of Moldovan Domestic Workers. Migration Research Program at the Koç University, 2005–2006.

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