Everybody’s Darling – Warum die Blockchain das Establishment und seine Gegner begeistert

Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

Noch hat fast jedes breiter angelegte Thema der Informationstechnologie mit seiner Bugwelle utopische und dystopische Narrative aufgewühlt. 1 Nimmt man die Diskussionsdichte und Überschwänglichkeit in einschlägigen Internet-Foren zum Maßstab, ist die Blockchain das nächste große Ding.

Die grundstürzende – im Jargon gesprochen: disruptive  – Technologie ist die Grundlage der ersten funktionierenden und nach wie vor auch wichtigsten Kryptowährung Bitcoin, und auch die meisten anderen Kryptowährungen beruhen auf ihr. Die Blockchain ist ein verteiltes sowie gegenwärtig nahezu fälschungssicheres Verfahren der Datenspeicherung, das auf soziale Strukturen und Verschlüsselungstechnologien setzt. Im Fall von Bitcoin darf man sich unter sozialen Strukturen ein Netzwerk von Personen vorstellen, die sich per Computer digitales Geld überweisen. Archivierung sowie Betrugsvermeidungskontrolle erfolgt verteilt, das heißt auf den Rechnern eben dieses Netzwerks und damit unter Umgehung von traditionellen Institutionen der Finanzwirtschaft.

Die Blockchain wie auch ihre historisch erste Anwendung Bitcoin sind im festen Fundament avancierter Informationstechnologien verankert und zugleich im luftigen Reich der Imaginationen zu Hause. Der trotz des Einbruchs im Januar 2018 gegenwärtig immer noch spektakulär hohe Bitcoinkurs dürfte wie kaum eine andere Maßzahl der Weltwirtschaft die Gier von Kriminellen, politischen Radikalen, Terroristen und waghalsigen Investoren abbilden – die hoffen, sich durch Bitcoin-Transaktionen der Beobachtung entziehen zu können. Was hier die Fantasien beflügelt, ist das Potential der Technologie, dezentrale Alternativen zu hierarchischen Strukturen in Wirtschaft, Gesellschaft, Technik und Staat zu entwerfen und auch umzusetzen.

Bemerkenswert an den Debatten, die sich daran knüpfen, ist, dass die üblichen technikkritischen Muster, die bei der öffentlichen Verständigung über andere Informationstechnologien routiniert eingespielt sind, etwa die Rede von Chancen und Risiken oder Tätern und Opfern, hier so gut wie nicht aktiviert werden. Die Blockchain-Technologie wird nicht nur von der Wirtschaftspresse, sondern auch von Teilen des links-libertären Spektrums enthusiastisch begrüßt. Sie wird dabei als Brücke in eine Welt ohne herkömmliche Staaten verstanden, die unter dem Begriff „decentralized autonomous society“ für Diskussionen sorgt und sich in Projektinitiativen wie Decenturion und Bitnation manifestiert. 2 Die wenigen kritischen Statements, auf die man trifft, stammen nicht etwa von Medientheoretikern oder Soziologen, sondern überwiegend von technischen Sicherheitsexperten. 3

Geheimnisumwitterte Gründungsfigur

Rückblende: Annähernd zehn Jahre sind vergangen, seit der (oder die?) mysteriöse Satoshi Nakamoto am 31. Oktober 2008 das mittlerweile legendäre White Paper mit den konzeptuellen Grundlagen von Bitcoin und Blockchain vorstellte. Auch wenn die persönliche Identität von Nakamoto nach wie vor ungeklärt ist, so ist doch offensichtlich, dass die Gründungsfigur der Blockchain-Technologie zur Cypherpunk-Bewegung zu zählen ist. 4 Als solche werden politisch ambitionierte Computerspezialisten, ja Nerds bezeichnet, die seit den 1990er Jahren Ideen gegen eine Kontrolle durch den Staat oder durch Firmen und für einen gesellschaftlichen und politischen Wandel mithilfe von Verschlüsselungstechniken entwickelten und sich darüber mittels Mailinglisten austauschen. (Ein prominenter Vertreter dieser Gruppe ist der amerikanische Computerwissenschaftler und Aktivist Timothy C. May, der mit seinem Crypto Anarchist Manifesto (1992) und anderen Arbeiten einen prägenden Einfluss beispielsweise auf die Piratenpartei hatte).

Am 15. September 2008, zwei Wochen vor der Vorstellung von Nakamotos White Paper , fand die Finanzkrise der Jahre 2007 /2008 mit dem Insolvenzantrag der US-Bank Lehmann Brothers einen prägnanten Ausdruck. Nakamoto nimmt in seinem White Paper auf die tagesaktuellen Ereignisse keinen Bezug. Er lässt aber keinen Zweifel daran, dass das vorgestellte digitale und dezentral angelegte Bezahlsystem Bitcoin traditionelle Banken im Visier hat und diese überflüssig zu machen gedenkt.

Das hatten zwar auch Vorgängerkonzepte aus dem Kreis der Cypherpunks wie der von Nakamoto zitierte Wei Dai und sein 1999 vorgestelltes Konzept eines digitalen Bezahlsystems (b-money) beabsichtigt. Aber keines von ihnen hatte das »double spending problem«, also die doppelte und somit missbräuchliche Ausgabe digitalen Gelds, lösen können. Solche Bezahlsysteme blieben im Stadium eines Konzeptpapiers stecken und endeten auf dem Kalvarienberg der Ideengeschichte.

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Diskussion anschlussfähig an gesellschaftliche Debatten ist. Dies trifft auf die Künstliche Intelligenz, das Internet, die sozialen Medien und auf Big Data zu, nicht aber auf objektorientiertes Programmieren oder Cloud Computing.
  2. Marcella Atzori, Blockchain Technology and Decentralized Governance: Is the State Still Necessary? vom 1. Dezember 2015
  3. Ein erstes Symposium zu möglichen philosophischen Zugängen zur Blockchain erwähnt critcal blockchain studies weniger als Desiderat denn als weiteres denkbares Studienfeld. Vgl. Melanie Swan /Primavera de Filippi, Toward a Philosophy of Blockchain: A Symposium: Introduction. In: Metaphilosophy, Nr. 48 /5, Oktober 2017.
  4. Natürlich baut Nakamoto auf Arbeiten anderer auf. Ein offensichtliches Beispiel ist das weit (allerdings nicht von Nakamoto) zitierte Buch über Kryptografie von Bruce Schneier, Applied Cryptography. Protocols, Algorithms, and Source Code in C. New York: Wiley 1995.

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