Im Dreieck springen: Öffentlichkeit, Privatsphäre und der Markt

Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

Die Trennung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten scheint eine der grundsätzlichen Grenzziehungen in der modernen bürgerlichen Gesellschaft, wichtiger noch als alle anderen Gegensätze, die über lange Zeit das Leben der Menschen strukturiert haben mögen: Mann und Frau, Stadt und Land, Heiliges und Profanes, Tag und Nacht, Freie und Unfreie. Zugleich nimmt in unserer Gesellschaft der Markt eine zentrale Rolle ein. Misst man den Grad der »Marktintegration« einer Gesellschaft durch den Anteil der Kalorien, die von den Konsumenten nicht selbst erzeugt, sondern durch Kauf hinzuerworben werden, so kommt man für eine westliche Industriegesellschaft ziemlich genau auf 100 Prozent. Zu Recht lässt sich mithin sagen, dass wir in einer Marktgesellschaft leben. Aber wie verhalten sich diese beiden Grundtatsachen des modernen Lebens zueinander? Auf welche Seite der Dichotomie von Öffentlichem und Privatem gehören die Markttransaktionen – wenn man also auf dem Wochenmarkt einkauft, ein Buch bestellt, die Babysitterin bezahlt oder, weniger alltäglich, wenn man beim Notar den Kaufvertrag für eine Immobilie unterzeichnet oder die Rechnung einer Adoptionsagentur begleicht?

Die Literatur ist sich lediglich darin weitgehend einig, dass der Markt auf eine der beiden Seiten der Dichotomie gehört – unterschiedlicher Meinung ist man indes, auf welche. Manche Autoren schlagen den Markt dem Privaten zu 1. Und dies ist auf den ersten Blick auch plausibel, da der Markt wesentlich auf den privatrechtlich garantierten Grundfreiheiten des Vertrags, des Berufs und vor allem natürlich der freien und exklusiven Verfügungsgewalt über das Privateigentum gründet. Privateigentum und Privatsphäre verweisen nicht zufällig in ihren Namen aufeinander. Noch die Person  – also das bürgerliche Individuum und Rechtssubjekt, mithin der substantielle Kern des Privaten – konstituiert sich für die Sozialphilosophen der Neuzeit durch das Privateigentum, nämlich das Eigentum, welches die Person an sich selbst hat. 2

Andere Autoren verfahren derweil mit derselben Selbstverständlichkeit umgekehrt und verstehen den Markt als Teil der dem Privaten entgegengesetzten Sphäre des Öffentlichen. Und auch diese Einschätzung ist nicht unplausibel. Denn der Markt ist in der Tat ein Ort, an dem formelle Regeln herrschen und eine Logik, die auf private Befindlichkeiten keine Rücksicht nimmt. Im Zuge einer voranschreitenden »Kommodifizierung« werden mit Erziehung, Bildung und Pflege angestammte Kernelemente des Privaten zusehends in Dienstleistungen überführt. 3 Gegen eine zumal seit der neoliberalen Revolution der 1970er Jahre immer aggressivere Marktlogik wird nun das Private selbst als Schutzraum und Refugium mobilisiert. Die Person wechselt dementsprechend nun grundsätzlich die Rollen. Sie tritt nicht mehr als ultimativer Agent des Marktes auf, sondern setzt der Kommodifizierung in ihrer moralischen und körperlichen Integrität eine Grenze: Handel mit Menschen und Organen ist illegal, Leihmutterschaft ist hoch umstritten, Prostitution Gegenstand hitziger Debatten.

Irgendetwas kann mit diesen Dichotomien also nicht stimmen. Das überrascht allerdings nicht: Wenn wir über unsere heutige gesellschaftliche Wirklichkeit noch in den Begriffen von »Polis« und »Oikos« – als den antiken Urbildern von Öffentlichkeit und Privatem – sprechen, werden wir der erheblichen Eigendynamik nicht gerecht, die der Markt und die Sphäre des Wirtschaftlichen entwickelt haben, seit sie sich aus dem Oikos emanzipierten. 4 Der Markt fordert heute sowohl die Privatsphäre als auch die Sphäre von Politik und Öffentlichkeit beständig heraus – Max Weber sprach mit offenkundiger Anleihe bei den Naturgewalten von einem »Anbranden des Marktes«. Das Eiland der Privatsphäre erodiert unter der Kommodifizierung. Aber auch der Politik stellt der Markt die Existenzfrage. Das Vokabular von »Sachzwängen«, »Alternativlosigkeit« und »marktkonformer Demokratie« zeigt, wie sehr die Politik heute mit dem Rücken zur Wand steht.

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Vgl. Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Neuwied: Luchterhand 1962.
  2. Margaret Jane Radin, Property and Personhood. In: Stanford Law Review, Nr. 34 /5, Mai 1982.
  3. Vgl. Margaret Jane Radin, Contested Commodities. Cambridge /Mass.: Harvard University Press 1996.
  4. Manche Autoren wollen dies als Hinweis auf eine Binnendifferenzierung innerhalb des Privaten verstehen. So schreiben die beiden amerikanischen Rechtswissenschaftler Elizabeth Mensch und Alan Freeman: »Die Teilung von Öffentlichem und Privatem wiederholt sich innerhalb des privaten Bereichs, am deutlichsten in der Dichotomie von Markt und Familie« (Betty Mensch /Alan Freeman, Liberalism’s Public /Private Split. In: Tikkun, Nr. 3 /2, 1988). Solche Vorstellungen resultieren offenkundig aus dem ziemlich krampfhaften Versuch, an der Dichotomie von Öffentlichem und Privatem unbedingt festzuhalten und jede neue Konstellation wieder nur im selben begrifflichen Koordinatensystem zu beschreiben.

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