Kurt Scheel, eine Erinnerung

Er war im Leben und Tod einer der mir fremdesten Menschen, die ich kenne und gekannt habe. Oder sollte ich sagen: einer der ungewöhnlichsten? Als wir uns zum ersten Mal trafen, um herauszufinden, ob wir zusammen den Merkur machen könnten, fiel die bejahende Entscheidung meinerseits nicht wegen einer ähnlichen oder sich annähernden Idee zum Projekt. Die ließ noch einige Zeit auf sich warten. Aber ich hatte den Eindruck, einen völlig unabhängigen, originellen, ehrlichen, eben seltenen Charakter vor mir zu haben. Das war im Juni 1983, als ich die Professur in Bielefeld übernommen hatte und die Herausgeberschaft des Merkur vor mir lag.

Scheel, seit 1980 Redakteur, war gewöhnt an die Zusammenarbeit mit Hans Schwab-Felisch, der ihm als Herausgeber täglich gegenübergesessen hatte. Wie sollte das weitergehen, da ich absehbar nur selten in München sein konnte? Eigentlich sprach alles gegen eine produktive Zusammenarbeit, jedenfalls unter der Bedingung, dass ich – wenn nicht auch Bürochef – so doch Herr über die publizistischen Entscheidungen sein wollte.

Bei unseren frühen täglichen telefonischen Gesprächen zeigte sich, dass Kurt Scheels Denken eigentlich quer zu dem stand, was ich vorhatte. Schon seine intellektuelle Herkunft – Marxismus und soziologisches Training bei aller literarischen Belesenheit – ließ ahnen, dass die »Ästhetik des Schreckens« nicht ohne weiteres im Merkur eine neue Bühne finden würde. Das zeigte sich sofort beim ersten Eklat zwischen uns: Scheel schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als ich ihn mit dem Einfall konfrontierte, Jean-François Lyotards Aufsatz über das Erhabene und die Avantgarde in deutscher Übersetzung als einen der ersten großen Texte mit Signalwirkung unter meiner Herausgeberschaft zu drucken, als ein Zeichen, wo es nunmehr langgehen sollte. Nichts war Scheel gräulicher als das, was er »Franzosenphilosophie« nannte. Damit traf er sich ausnahmsweise mit der breiten, vor allem akademischen Mehrheit der westdeutschen Intelligentsia. Ich fraß keineswegs den Parisern alles aus der Hand, im Gegenteil. Aber dieser Aufsatz hatte es im Sinne meiner Absichten in sich, und so wurde er gedruckt im dritten Heft meines ersten Merkur -Jahres, im März 1984.

Scheels Animosität richtete sich aber nicht bloß gegen eine »irrationale« Richtung, die sich in Paris breitgemacht haben könnte. Es war sein kritischer Instinkt bezüglich einer prätentiös-ambitionierten Sprache, der mir hier erstmals auffiel, ein Verdikt gegenüber intellektueller Selbstüberschätzung, die sich unter kostbaren Drapierungen versteckt. Deswegen auch seine Skepsis gegenüber den Filmen der Nouvelle Vague und gegenüber einigen der berühmt gewordenen Regisseure des Neuen Deutschen Films.

Für den Lyotard rächte sich Scheel an mir, indem er, ohne Rücksprache, einige ihm stilistisch besonders gräulich vorkommende Sätze der Übersetzung kurzerhand strich. Außerdem rang er mir aus Gründen der Selbstachtung den einen oder anderen dekonstruktionskritischen Beitrag ab, so dass wir schließlich mein Regime psychologisch mit einem Pakt abfederten, das heißt die Zukunft vielversprechender aussah, zumal wir immer mehr Gemeinsamkeit in vielen unserer Urteile entdeckten.

Scheels Aversion gegen Lyotard war aber nicht nur einem intellektuellen Argument geschuldet. Es hatte wahrscheinlich etwas mit seiner Altenwerder’schen Herkunft zu tun: Er kultivierte einschlägige Charakterisierungen »welscher« Üppigkeit, sei sie französisch oder italienisch, mit einem selbstironischen Aplomb. Ja, es gab da eine Scheu gegenüber dem »Ausland«, obwohl er drei Jahre als Lektor an einer japanischen Universität unterrichtet hatte, bevor er Redakteur des Merkur wurde. Ich glaube nicht, dass er, der alle amerikanischen und englischen Romane des 19. und 20. Jahrhunderts verschlungen hat, jemals ein Gedicht von Baudelaire oder Valéry wirklich gelesen hat, und wenn, dann vielleicht nur zur Unterrichtung.

Auch dies entsprach seinem »moralischen Pragmatismus«: Roman-Sätze hörten sich »wahr« an, wenn sie gut waren. Sie erfassten Menschen und ihre Wirklichkeit. Was in den französischen Gedichten stand, war ausgedacht, überkandidelt, zum Teil pompös, so sein Empfinden. Und pompöse Menschen, also eine ganze Reihe Intellektueller, mochte Kurt Scheel auch nicht.

Als er einmal, das einzige Mal, für eine Woche nach Paris kam, hatte sein Gesicht den Ausdruck von Angst, als er aus dem Bahnhof Gare du Nord ging. In Venedig wohnte er immerhin einmal für eine Woche, aber nur, weil ein Freund ihn dorthin eingeladen hatte. Vielleicht gefiel ihm sein Trip nach New York, wo er mit Gusto an einem Workshop für interessante Zeitschriften teilnahm. Am liebsten aber saß er an seinem Redaktionstisch, um aus guten Texten ausgezeichnete zu machen, was sich bald herumsprach. Die ausgezeichneten Texte rührte er nicht an, sondern träumte von ihnen. Scheel redigierte nicht um des Redigierens willen.

Warum hat er, wenn er sich so engagiert in die Texte anderer vertiefte, warum hat er selbst nicht öfter im Merkur geschrieben? Geschrieben hat er sehr wohl. So ausnehmend interessante Filmkritiken für den Rundfunk, so auch eine Art literarischer Comics mit einer subversiv-fantastischen Figur im Zentrum, die fünf oder sechs Mal in der Zeit erschienen sind. Dann aber überforderte ihr Witz offenbar Herrn Naumann, der sich eine Fortsetzung dieser einfallsreichen Scheel’schen Produkte verbat.

Und dann Kurts Buch nicht nur über den amerikanischen Western, nicht nur über John Wayne. Hier hat er alles Rühmenswerte gesagt, was er, entgegen der üblichen Ansicht, über den Hollywoodfilm in Differenz zu den europäischen Avantgardefilmen an Rühmenswertem sagen konnte. Und auch hier ist wieder das Kriterium zu entdecken: die »Wahrheit« der einleuchtenden Plots und die Generosität großartiger, symbolhaft wirkender Bilder. Es waren John Waynes Bewegungen, seine Art zu sprechen. Dass diese Filme nicht Dramen, sondern Epen waren, nahm Scheels Affekt für das Großartige umso mehr in Beschlag: Red River und The Searchers  – das war es! Dort gab es Dialoge, die Scheel zu Tränen rührten. Und zuletzt schrieb er Alltagsbeobachtungen auf einem von seinem Freund Rutschky eingerichteten Blog, die seine literarische Begabung bezeugen.

Von seinen Merkur -Texten scheinen mir zwei von besonderer Signifikanz für Scheels intellektuell-politische Entwicklung: sein Editorial zum 11. September 2001 und sein Aufsatz Auslaufmodell Nonkonformismus? Eine Frontbegradigung , mit dem unser letztes Doppelheft zum Problem der »Wahrheit« im Herbst 2011 endete. Beim ersten Text lagen schon zwanzig Jahre Merkur hinter ihm, zehn davon als Herausgeber. Mit den Jahren hatte sich seine immer schon argwöhnische Haltung gegenüber »Überzeugungen« zu einer eindeutig linkskritischen verschärft. Nicht dass er »konservative« Motive gehegt hätte! Aber eine ironische, blasphemische Sicht des »linken Feuilletons« hatte sich bei ihm durchgesetzt, ohne dass ich ihm das hätte beibringen müssen. Wir waren seit längerer Zeit hierin einig, und er gewann sogar meinen »Plötzlichkeits«-Ticks einiges ab. »Meinungen« waren eigentlich nicht des Merkur Sache. An aktuellen Debatten nahm die Zeitschrift nicht teil. Aber manchmal passierte es: wenn sie selbst solche erfand.

Es war die Reaktion der Mehrheit der deutschen Intellektuellen bezüglich des Islamismus, die Kurt nach 9 /11 zu einer Grundsatzerklärung motivierte: eine brillante Diagnostik des amerikanischen Verhältnisses zu den Kriegen nach 1945, einem demokratischen, nicht heroischen, wie er hervorhob. Dabei scheute er sich nicht, der militärischen Option der Vereinigten Staaten, nachdem man sich auf eigenem Boden angegriffen sah, politisch, militärisch und moralisch Argumente zu liefern. Der Tonfall des ansonsten so Ironischen überraschte mich.

Scheels Editorial endete mit einem Appell, dass die Gemeinsamkeit Deutschlands mit den USA im Kampf gegen den sich ausbreitenden Islamismus Staatsräson werden müsse. Ohne dass Scheel das deutsche Feuilleton angegriffen hatte – es kommt gar nicht vor –, richteten sich dessen Geschütze sofort auf den Merkur . Das bestätigte unsere Gewissheit, dass sich dieses Milieu tatsächlich, wie so oft, nicht mit »dem Westen« identifizierte. Die sentimentalen Lobhudeleien zum kulturellen Erbe des Islam, ein Erbe, das ja keiner leugnete, gaben Scheels Ingrimm recht. Ingrimm ob der Phraseologie, realitätsfremd und verlogen, die man zu Scheels Kommentar zu lesen bekam. Die Polemik machte Scheel aber auch solch eine Freude, dass er zwei Jahre später – während meiner Abwesenheit in Stanford – einen neuen Anlass fand und das kapitalismusfreundliche Doppelheft in Anspielung an einen Satz von Rosa Luxemburg mit dem Titel versah: Kapitalismus oder Barbarei?

Scheel, der Witzige, hatte hier seine andere Stimme gefunden, die er immer dann bekam, wenn es um die »Wahrheit« anstelle von Geschwätz ging. Provozierend, ja sardonisch wählte er eine so genannte staatstragende Terminologie, die in intellektuellen Zirkeln verpönt war. Charakteristischerweise schrieb er den anderen namhaften Aufsatz für das Doppelheft unseres letzten Jahres mit dem Titel Sag die Wahrheit! Es ging dabei vor allem um die verbreitete Attitüde des Nonkonformismus, die erst recht konformistisch war. Scheel, der eigentlich nichts so mied wie die Vernunft des Leitartikels, erwies sich abermals als ein souveräner Diagnostiker der Epoche. Ausgerechnet abermals am Beispiel des heikelsten Themas der Zeit: Das Ende des Nonkonformismus zugunsten politischer Korrektheit erläuterte er am Beispiel der ihm »hysterisch« vorkommenden Debatte um Thilo Sarrazins Buch, auch wenn er dieses für ein Machwerk hielt.

Zielscheibe seiner Auslassung waren die »professionellen Querdenker« und »Tabubrecher«, die »in Scharen durch die Talkshows und Kulturfabriken ziehen«. Sie werden wie folgt charakterisiert: »Diese blinzelnden Opportunisten des Zeitgeistes, die sich verwegen und unzeitgemäß geben, wenn sie Orthodoxie loben … Eben noch posierten sie als linksradikal, jetzt frömmeln sie altkatholisch nach der Tridentinischen Messe.« Scheel schrieb über die »Spottgeburt«, zu der der »existentielle Nonkonformismus« geworden war.

Mit dem Wechsel der Zeitschrift von München nach Berlin – ganz zweifellos auch als provokativer Ausdruck unserer Freude über die Wiedervereinigung gedacht und verstanden – hatte Kurt Scheel noch nicht die Alleinherrschaft in der Hand, aber doch mehr Entscheidungslust. Er war es, der die neue Redaktion in der Mommsenstraße organisierte und Ina Andrae, die neue Sekretärin, unter vielen Bewerbungen urteilssicher auswählte. Er war es, der eine neue Institution für die Wirkung der Zeitschrift erfand: Beim Anblick des großen Berliner Zimmers kam er auf den Einfall, hier einen großen ovalen Tisch einbauen zu lassen und am späten Nachmittag alle zwei Monate ein Colloquium mit zehn Eingeladenen aus Universität, Zeitung und Politik abzuhalten: eine strikte Unterhaltung über ein vorgegebenes und vorbereitetes Thema, das eventuell auch Thema für die Zeitschrift werden könnte. Er war der eigentliche Gastgeber, auch danach im italienischen Restaurant.

Unsere Beziehung hat nie die ursprüngliche Gegensätzlichkeit verloren. Besonders wenn wir die herbstlichen Doppelhefte mit möglichst nicht auf der Straße liegenden Motiven erfanden. Stundenlange Debatten am Nachmittag, zum Teil explosiv verlaufende, aber am Ende hatten wir das, was wir beide wollten.

Waren wir Freunde? Eher Genossen bei einem sehr ehrgeizigen Unternehmen. Aber wir mochten uns, wir respektierten uns und das, was wir dachten. Trotz seiner Fähigkeit zu zynischen Sätzen und brutalen Einsichten hatte er ein der Zuneigung bedürftiges Herz. Ja, in Kurts Seele steckte etwas, das immer nach Hause fliegen wollte.

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