Zum digitalen Wandel im Bildungssystem. Ein Gespräch

Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

Roland Reichenbach: In Ihrem Buch Stumme Medien , das die Reaktion der Bildungspolitik auf die digitale Revolution untersucht, kritisieren Sie, dass die digitale Bildungsrevolution (»ed-tech revolution«) nicht bildungstheoretisch, sondern wirtschaftsbezogen konzipiert sei und ihr Ziel nicht in der geistigen, sittlichen und politischen Bildung des Menschen liege, sondern in der Herstellung von arbeitsmarktgerecht Ausgebildeten. Im Grunde argumentieren Sie, dass das eine gewollte Abkehr von einer kritischen Haltung zur Welt sei, wie sie das klassisch-humanistische Bildungskonzept mittels Distanznahme und Reflexion über die Welt und die eigene Rolle darin zu erzeugen suchte – wenigstens dem Anspruch nach.

Roberto Simanowski: Ja. Wenn Schule nicht die sozialen Implikationen von Algorithmen reflektiert, sondern nur lehrt, wie man diese programmiert und effektiv einsetzt, konditioniert sie den Menschen auf sein Dasein als Objekt algorithmischer Kontrolle. Eine digitale Bildungsrevolution, deren blinder Fleck die digitalen Medien selbst sind, legt den Grundstein für eine auf Selbstkontrolle und Selbstoptimierung orientierte kybernetische Gesellschaft, wie sie in China bereits mit der Einführung des Social-Score-Systems aufscheint. Eine Bildungs-App wie ClassDojo , mit der Lehrer in Echtzeit das Verhalten der Schüler bewerten und die Bewertung den Eltern mitteilen sowie unter den Schülern als Wettbewerbsmotivation einsetzen können, bereitet ähnlichen Entwicklungen den Weg. Statt die Implikationen des Vermessungsparadigmas, das Digitalisierung und Datafizierung der Gesellschaft mit sich bringen, zum Gesprächsthema der Erziehungssituation zu machen, wird diese kurzerhand selbst diesem Paradigma unterstellt.

Das mag verschwörungstheoretisch klingen, aber wann immer ich die Losung »Bildung und Forschung sind Quelle künftigen Wohlstands« höre, vermisse ich ein Wort auch zu Bildung als Erziehung zur Mündigkeit, wie Adornos berühmter Essay aus dem Jahr 1969 hieß. Eine solche Erziehung wäre auch eine »Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand«.

RR : ClassDojo ist ja eigentlich keine »Bildungs-App«, vielmehr eine »Erziehungs-App«, mit der das Verhalten der Schüler /innen über eine Punktevergabe bewertet und gesteuert wird. Aus der Perspektive einer kritischen Erziehungs- oder Bildungstheorie ist eine algorithmisierte »pädagogische« Sozialtechnik wie ClassDojo natürlich von vornherein als anonymisiertes, objektiviertes und gewissermaßen entpersönlichtes Instrument zur Verhaltensmodifikation in Richtung erwünschtem Sozial- und Lernverhalten abzulehnen. Das scheint mir ein Reflex, der der antibehavioristischen Haltung einer »Erziehung zur Mündigkeit« geschuldet ist und ihrem Kampf gegen die Heteronomie. Wenn Immanuel Kant in seiner Pädagogik die Frage diskutiert, wie denn die »Freiheit bei dem Zwange zu kultivieren« sei, meint er aber gerade nicht, dass es eine Pädagogik ohne Zwang und Kontrolle geben könne.

Die ethisch relevante Frage ist nicht, wie pädagogisch auf Macht, Zwang und Kontrolle verzichtet werden kann – das ist vielmehr weitverbreitete pädagogische Romantik –, sondern welche Macht-, Zwangs- und Kontrollpraktiken in welchen Situationen legitim sind und welche nicht. Alle Bildungsinstitutionen sind von Macht- und Kontrollpraktiken geprägt, aber erstens nicht nur, und zweitens kommt es sehr wohl auf ihre Angemessenheit und Wirkung an. Es gibt keine von Sozialisationseinflüssen unabhängigen Bildungsprozesse, und die Schule wird auch mit ClassDojo nicht zur »totalen Institution«.

RS : Die Bedenken, die man mit Blick auf den Einsatz solcher Apps hört, richten sich zumeist auf die Gefahr des gläsernen Lerners und die Sicherheit der Daten. Beruhigung sucht man dann in entsprechenden Sicherheitsvorschriften und Zugangsregeln. Abgesehen davon, dass Gesetze bekanntlich keinen Hack oder anderen Missbrauch verhindern können, ist die Sicherheit der Daten im Grunde aber ein nachgeordnetes Problem. Zunächst müsste der psychologische und politische Effekt des Vermessungsparadigmas diskutiert werden: die Reduktion komplexer Interaktionen auf automatisierte Steuerungsprozeduren, die Machtverhältnisse und Vorannahmen hinter den eingesetzten Klassifikationen, die Probleme des aus der Vermessung folgenden Profilings.

Die digitale Bildungsrevolution wird mit dem Argument propagiert, dass die Schule nicht so weiter machen könne wie bisher, wenn sich ringsum die Welt mit großer Geschwindigkeit verändert. Das Argument überzeugt freilich nur, wenn man das Handlungsmotto des Silicon Valley akzeptiert: Move fast and break things. Ein Gegenargument wäre, dass gerade die Schule ein Hort der Tradition sein muss, der die disruptiven Innovationen unserer Zeit nicht blindlings wiederholt, sondern kritisch reflektiert, im vorliegenden Fall also die psychologischen und politischen Effekte des Vermessungsparadigmas.

(…)

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