Zwei israelische Biografien. David Ben-Gurion und Benjamin Netanjahu

Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

Im Andenken an Kurt Scheel

Der Gründer des Staates Israel und dessen gegenwärtiger Regierungschef sind nicht nur als Politiker bekannt geworden, sondern auch als Ehemänner. Ben-Gurion war über fünfzig Jahre mit einer Frau namens Paula verheiratet, von 1917 bis zu ihrem Tod im Januar 1968. In Israels kollektivem Gedächtnis bilden sie ein unzertrennliches Paar, doch der Historiker Tom Segev zeigt in seiner Biografie, dass es nicht so war. 1 Ben-Gurion kannte nur seine politischen Ziele und nahm keine Rücksichten: Paula behandelte er zuweilen derart rücksichtslos, dass er sie an den Rand des Selbstmords trieb.

Als Benjamin Netanjahu 1996 erstmals an die Macht kam, war er schon mit seiner Frau Sara, einer Kinderpsychologin, verheiratet. Im Zeitalter der medialen Sichtbarkeit scheinen auch sie ein unzertrennliches Paar zu sein. Oft treten sie gemeinsam auf, hinter der Pose ihrer Verbundenheit aber bleibt manches verborgen. Netanjahu ist zum dritten Mal verheiratet; aus einer früheren Ehe hat er eine erwachsene Tochter; die darf er jedoch kaum sehen, weil Sara es ihm verbietet.

Jeder Mensch hat seine Geheimnisse, und sie gehen uns erst dort etwas an, wo ihr Licht – oder besser: ihr Schatten – in einen öffentlichen Raum jenseits der Privatsphäre fällt. Das ist bei Ben-Gurion und Netanjahu der Fall. Ihre Biografen zeichnen Verhaltensmuster nach, in denen sich nicht nur das Leben der Protagonisten, sondern auch ihre historische Epoche abbildet.

Politik im Zwiespalt

Er war zwanzig Jahre alt, als er 1906 nach Palästina einwanderte. Aufgewachsen in einer polnischen Kleinstadt, sagten ihm die Traditionen des Judentums nichts mehr. Die von Theodor Herzl um die Jahrhundertwende gegründete Nationalbewegung wurde ihm zum neuen Glauben, und seine Einwanderung empfand er als zweite Geburt: David Grün gehörte zu einer Generation, die dem drohenden Untergang des Ostjudentums entkommen wollte, und niemand hat die Mythen ihrer Selbstbefreiung derart in Taten umgesetzt wie dieser junge Mann, der sich bald darauf Ben-Gurion nannte.

Nicht nur sich selbst erfand er neu, sondern auch die Welt, in der er lebte. Erez Israel, wie die Juden Palästina nennen, wurde ihm zur Ideologie, die alle Zeichen einer Religion trug: Das Land war ihr Dogma, die Einwanderung war ihr Gebot, das nationale Aufbauwerk waren Schritte auf dem Weg der Erlösung, die sie ihren Anhängern verhieß. Die Ähnlichkeit mit der Jahrtausende alten Glaubensordnung der Juden ist umso erstaunlicher, als Ben-Gurion ein erklärter Atheist war. Mit der überkommenen Religion hatte er gebrochen.

Der Zionismus versprach ein Ende des Exils, und das – nach den alten Regeln – durfte nur der von Gott gesandte Messias bringen. In der Geschichte des jüdischen Volkes aber wollte Ben-Gurion keinen Gott erkennen. Auch 1948, auf dem Höhepunkt seines Lebenswerks, hat er darauf bestanden. Der Unabhängigkeitserklärung des soeben von ihm gegründeten Staates wollte man das Wort »Gott« einfügen, doch er gestattete nur die Formel »Zur Israel«, der »Felsen Israels«. Für die Religiösen war dies einer der biblischen Gottesnamen, für Ben-Gurion aber war es die »Substanz« der Nation, die jeder nach seiner Fasson auslegen mochte.

So berichtet es Tom Segev in seiner eindrucksvollen Biografie. Er ist weniger an den zahllosen Details dieses vielfach recherchierten Lebens interessiert als an den tiefen Konflikten, die hier aufbrechen mussten. Entscheidend ist schon die Tatsache, dass sowohl Ben-Gurion als vor ihm auch Theodor Herzl der jüdischen Religion zwar fernstanden, auf das biblische Narrativ aber nicht verzichten konnten, wenn ihr »Zionismus« ein konkretes Ziel erhalten sollte.

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Tom Segev, David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis. München: Siedler 2018.

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