Die Grenzen der Heimat

Heimat als Raum ist immer das Ergebnis einer Konstruktion. Sie kommt durch Akte der Grenzziehung zustande. Dass die Grenzen dieses Raumes prekär sind, macht spätestens der Blick in die Geschichte klar. In der 88. Auflage des Diercke Weltatlas von 1948 findet man auf einer Staatenkarte von Mitteleuropa Deutschland in seinen Grenzen von 1937. Die Karte enthält den in roter Farbe hervorgehobenen Hinweis: »Verwaltungsgrenzen innerhalb des deutschen Gebietes vom 31. 12. 1937, die nach 1945 bis 1950 festgelegt wurden, deren endgültige Regelung jedoch späteren Abkommen vorbehalten ist.« Diese Regelung wurde dann 1990 im Rahmen des sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrags getroffen. Erst zu diesem Zeitpunkt hat das Deutsche Reich als völkerrechtliches Subjekt in seinem Gebietsstand von 1937 aufgehört zu existieren. Bis zur Wiedervereinigung wurde »Heimat« in Deutschland in den Grenzen des Deutschen Reiches gedacht.

Die Deutschland-Bände der im universitären Geografiestudium und in der Lehrerausbildung verwendeten Reihe Harms Erdkunde beziehungsweise Harms Handbuch der Erdkunde halten die Vorstellung von Gesamtdeutschland aufrecht. In der Ausgabe aus dem Jahr 1957 werden als »äußere« Grenzen Deutschlands diejenigen von 1937 benannt, die Einordnung Deutschlands in das Gradnetz der Erde erfolgt in einer kleinen Karte konsequenterweise als Gesamtdeutschland. In den Unterrichtsmaterialien und -richtlinien findet dieses in der Bundesrepublik politisch aufrechterhaltene und wissenschaftlich akzeptierte Deutschlandbild seine erzieherische Entsprechung: Der Band Deutsche Landschaften , den der Verlag Schöningh 1953 für den Gebrauch in den gymnasialen Sexten herausgegeben hat, bezieht die Mecklenburger Seenplatte und die Kurische Nehrung, das Elbsandsteingebirge und die Schneekoppe ebenso selbstverständlich ein wie Danzig, die Marienburg oder Breslau. Teilkarten von Ostpreußen und Pommern sind ohne Hinweise auf die tatsächlichen Verwaltungsregelungen belassen. Und eine Inselkarte von Schlesien verbleibt ohne räumliche Verknüpfung mit Polen.

In einem Teilkapitel heben die Schulbuchautoren die deutsche Prägung der »deutschen Ostgebiete« durch Bauern, Handwerker, Baumeister, Künstler und Bergleute sowie durch die Verbreitung der deutschen Sprache hervor. Die für Schüler in den gymnasialen Eingangsklassen bestimmten Ausführungen münden in die Frage: »Kannst du dir jetzt vorstellen, was der Verlust der deutschen Ostgebiete für uns bedeutet?« 1 Dem entspricht die Gestaltung der Titelseite des Buches: Sie lenkt den Blick gezielt auf eine Karte des ungeteilten Deutschen Reiches. Eine ebensolche Karte mit der ungeteilten deutschen Hauptstadt Berlin wurde 1967 von der CDU für ein Plakat im Rahmen der Wahlen für das West-Berliner Abgeordnetenhaus ausgewählt. Mit dem Begleittext beziehungsweise Motto »Deutschland unser Vaterland« wird über die Botschaft der Karte hinaus die Vorstellung von Gesamtdeutschland als fortbestehendem Staat übermittelt.

Blickt man in Arbeitshefte, die Schüler – etwa Ende der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts – in der Sexta führten, dann bekommt man einen Eindruck von der stimmigen Umsetzung der Vorgaben im Unterricht. Neben dem Schulort als Heimat finden sich Karten und Merktexte, die sich auch auf die Ostseeküste von Flensburg bis Memel, das Thüringer Becken und Sachsen beziehen. Zum topografischen Merkstoff gehörten etwa Swinemünde, Stettin, Danzig, Königsberg und Memel, Pommern und Ostpreußen, die Oder, die Weichsel und der Pregel, das Stettiner Haff, das Frische Haff und das Kurische Haff sowie die Halbinseln Darß-Zingst, Hela und Samland.

Deutschland-Bilder

Die Frage der »Heimat« ist in Deutschland vor allem eine Frage der Nation. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind in der Bundesrepublik Deutschland zwar Heimatbücher veröffentlicht worden, in denen sich Kommunen und Landkreise selbst darstellen. Sie verstanden sich oft nicht (primär) als wissenschaftliche Untersuchungen, sondern wollten Heimat als das lokale und regionale Umfeld fassen. Die Publikationen richteten sich an die Einwohner des jeweils als Heimat bestimmten Raums. Das Regionale, als Alternative zu den prekären Grenzen der Nation, hat sich im öffentlichen Heimatverständnis jedoch nicht durchsetzen können.

Ein paradigmatisches Beispiel für die Konstitution und Festschreibung eines national gedachten Heimatbewusstseins ist die Bildmonografie Die schöne Heimat. Bilder aus Deutschland . Die 1961 im 557. Tausend im Verlag Langewiesche erschienene Auflage übernimmt den Titel, das Konzept der Bildauswahl und deren Anordnung unverändert von der Erstauflage aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Publikation des Heimatbuches, das Deutschland als gesamtdeutsche Heimat darstellt, fällt in eine Zeit, in der die Errichtung der Berliner Mauer die Teilung Deutschlands in besonderer und symbolhafter Weise festigte. Während es in der DDR seit 1960 den Schießbefehl für Grenzschutztruppen bei ungesetzlichen Grenzübertritten in die Bundesrepublik gab, konnte man auf westlicher Seite Ortseingangsschilder mit der Frage »3 geteilt?« in Verbindung mit der Antwort »niemals!« lesen. Das Kuratorium »Unteilbares Deutschland« propagierte die friedliche Wiedervereinigung unter Einschluss der sogenannten deutschen Ostgebiete. 1961 wurden in der Bundesrepublik Deutschland Plakate aufgehängt, auf denen das Motto »Wir bleiben zusammen« zu lesen war.

Ungeachtet der tatsächlichen staatlichen Gliederung (auf dem Boden des völkerrechtlich weiterhin existierenden Deutschen Reiches in seinen Grenzen von 1937) umfasst der deutsche Heimatraum in der Monografie die Bundesrepublik Deutschland, die seinerzeit als SBZ bezeichnete und später von Anführungszeichen eingefasste DDR und die unter polnischer sowie sowjetischer Verwaltung stehenden Gebiete Ostdeutschlands – ohne dass diese Bezeichnungen in dem Buch selbst auftauchten. Im Jahr des Baus der Berliner Mauer wird einer der in der Bundesrepublik Deutschland epochetypischen Versuche gemacht, die deutsche Heimat durch eine retrospektive Raumproduktion als nationale Ganzheit zu erhalten.

Mit diesem Vorgehen steht der Bildband nicht allein. Im Verlag Langewiesche sind nach dem Zweiten Weltkrieg weitere Bildbände erschienen, die zwar andere thematische Schwerpunkte hatten, gleichwohl auf Deutschland in seinen Grenzen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg Bezug nahmen. Eine 1955 erschienene Monografie mit dem Titel Deutsche Dome des Mittelalters ist so konzipiert wie die 1921 erschienene Ausgabe. Beide Bände enthalten keine Karte(n), so dass sich das Verständnis dessen, was »deutsch« beziehungsweise »Deutschland« ist, nur aus den abgebildeten Objekten und deren Standorten erschließt. Zu den deutschen Domen gehören (in der Ausgabe von 1955) auch Kirchen in Straßburg, Erfurt oder Danzig. Im Begleittext von Wilhelm Pinder wird deutlich, dass »unsere Baukunst« das Ordensland und die Marienburg gestaltet hat und dass Riga, Reval und Dorpat mit ihren besten Bauten noch »zu dieser großartigen deutschen Kraftleistung« gehören. Ein Jahr nach Die schöne Heimat ist der ebenfalls von Wilhelm Pinder kommentierte Bildband Deutsche Burgen und feste Schlösser erschienen. Darin finden sich Fotos aus Westdeutschland, aus Thüringen, aus dem Ostharz, aus Sachsen, Schlesien, Pommern und Westpreußen. Pinder fasst zusammen: »So erscheint … für jedes lebendige Gemüt die große zusammengesetzte Einheit, die alle empfinden, auch wer kein Bedürfnis hat, sie seinem Verstande klar zu machen: das Land

(…)

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