Public History auf Abwegen. Heimatgeschichte als Einladung

referenzbild

Abbildung 1: Das Referenzbild. Aufgenommen von Annett Röber, 2. 1. 2018

»Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit«, lässt Richard Wagner seinen Ritter Gurnemanz am Ende des ersten Aufzugs zu Parsifal sagen. Wenn man das obige Bild betrachtet, ein etwas düsterer Gelegenheitsschnappschuss, rasch mit einer Handykamera in Nordsachsen aufgenommen, käme einem das sicher nicht gleich in den Sinn. Man sieht nicht viel. Wem man es zeigt, der rätselt etwas verständnislos. Irgendetwas mit NVA? Und doch handelt es sich um ein Geschichts-Bild sondergleichen.

Man beobachte den eigenen Blick, der wird zunächst angezogen von: erstens den beiden bemoosten Betonelementen im Vordergrund, diese blockieren zweitens einen grasbewachsenen Weg, eher Pfad; links ist drittens ein kleiner verwachsener Graben zu erkennen, daran anschließend viertens ein weites, ebenes Feld. Die ungepflegten Bäume (Robinien, Pappeln, Eschen) links und rechts des Weges scheinen fast eine Allee zu bilden, aber das kann täuschen. Zur Rechten, vorn, fünftens eine kleine freie Fläche, dahinter sechstens ein kleines, wildes Gehölz. In der Bildmitte als Maßstab ein Fahrrad.

Immer schon war bei mir die Empfindung da, dass es mit diesem Weg »etwas auf sich habe«, wie man so sagt. Es ist ein merkwürdig ungenutzt-vergessener Ort inmitten eines intensiv bewirtschafteten Landes. Das Randgehölz eines Zwickels, eine Stunde zu Fuß von der Leipziger Messe. Eine bemerkenswerte Zeitinsel, fast ein Deutschlandarchiv. Zur Vertiefung und Verständlichmachung der eigenen Einsichten habe ich historische Bilder, Karten, Postkarten, historische Forschungsliteratur unterschiedlicher Epochen, Zeitzeugenberichte genutzt.

Gleichwohl – das scheint mir wichtig – ist die Auswahl dieses Referenzbildes eher zufällig, auf unseren digitalen und zerebralen Bildspeichern finden sich Hunderte andere ähnliche Zeitinseln als Zufallsschnappschüsse.

Der Weg

Der Weg (etwa 500 Meter lang) ist ein herrschaftlicher. Er ist mindestens 650 Jahre alt; davon ist zumindest auszugehen, weil er ein Zuweg von einer Magistrale zu einem Herrenhaus (erst Mannlehngut, dann Allodialgut, 1638 Rittergut) war, 1 dessen erste Erwähnung 1350 mit einem Johannes de Plusk verbunden ist. 2 Dieses Anwesen kann man sich als ein wohlhabendes und bedeutendes vorstellen, sein Ertrag nach Steuern war im Vergleich zu den anderen Gütern des kursächsischen Landkreises Delitzsch am Anfang des 19. Jahrhunderts vergleichsweise riesig. Es war eines der bedeutendsten Rittergüter des Landes.

Kursächsisch war dieses Gut dann allerdings nur noch bis 1815, als es durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses mit weiteren fünfzig Prozent Sachsens an Preußen geschlagen und Teil der neuen preußischen »Provinz Sachsen« wurde. Die neue königlich-preußische und jetzt dank Napoleon auch königlich -sächsische Landesgrenze verlief exakt auf dem Graben, links im Referenzbild. Der Wiener Kongress zu Füßen des Betrachters.

Das Gut, zu dem der abgebildete Weg führt, wird seit dem 19. Jahrhundert als »Zschölkau« bezeichnet, zuvor taucht es in den Akten als Zcelkow, Czelgkow, Schelkow, Zschelkau, Tzschelkaw auf – eine weitere Variante mag einem kaum einfallen. Der Name ist wendischen Ursprungs (»Ort des Celek«). Eine wendische Siedlung, dem Weg weiter folgend, hundert Meter westlich des Ritterguts ist überliefert, typischerweise um ein stilles Gewässer gelegen, dort, wo sich ein kleines Flüsschen staute.

Das Rittergut, erstmals 1350 erwähnt, war dagegen eine deutsche Herrschaftsgründung. Spätestens seit Anfang des 17. Jahrhunderts siedelten sich am nördlichen Rand des Ritterguts abhängige Bauern an, was als ein Erfolg der Grundherren gelten darf; immerhin sechs Drescherhäuser sind ab 1613 aktenkundig. Diese entlang einer Gasse und in einer Reihe entstandenen Häuser waren aber nicht über unseren Weg zugänglich, sondern über einen eigenen, nichtherrschaftlichen, der weiter nördlich in Richtung Rackwitz führt. Dieser, unser Weg war nur für die Herrschaften und ihre Gäste.

(…)

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