Arendt und Amerika

»Niemand hat je bezweifelt, dass es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist«. Dieses Fazit – von Hannah Arendt vor bald fünfzig Jahren gezogen – sagt man uns heute, »könnte gestern geschrieben worden sein. Arendts Diagnose einer systematischen Verlogenheit und der Gefahr, die daraus für das Faktische erwächst, ist höchst relevant.« 

Höchst relevant ist diese Einsicht nicht zuletzt deshalb, weil ausgerechnet der »mächtigste Mann in der Welt« lügt wie gedruckt. Keiner kann ihm darin auch nur annähernd das Wasser reichen: »Präsident Trump hat in 558 Tagen 4229 falsche oder irreführenden Behauptungen aufgestellt.« Eine andere Zählung kommt zum Ergebnis, dass er im Lauf seiner ersten zehn Monate im Amt sage und schreibe sechsmal so häufig geschwindelt hat wie sein Vorgänger über acht lange Jahre hinweg. 

Arendts Fakten

Man fragt sich, ob dieses fact checking in Trumps Fall überhaupt einen Sinn ergibt. Soll der Präsident tausendfach Zerknirschung zeigen, Reue bekunden, Buße tun oder gar Besserung geloben? Das sieht ihm so wenig ähnlich, dass die Vermutung naheliegt, er lebe in seiner ganz eigenen Welt: »Wenn wir lügen und dabei ertappt werden, müssen wir mit Konsequenzen rechnen, die uns persönlich betreffen. Für diesen Präsidenten gilt das nicht. Warum nicht? Weil schon die Idee des Irrtums oder der Täuschung voraussetzt, dass es eine allgemein geteilte Vorstellung davon gibt, was tatsächlich korrekt oder wahrheitsgemäß ist. Die Betonung liegt auf geteilt  – und genau daran fehlt es offenbar.« 

Im Unterschied zu dieser radikalen Beliebigkeit besteht Arendt (und mit ihr der gesunde Menschenverstand) darauf, dass Fakten – und damit Wahrheiten – feste Größen sind, an denen es nichts zu rütteln gibt. »Im August 1914 fielen deutsche Truppen in Belgien ein«, ist für sie so ein Fall, eine Feststellung, deren »Gültigkeitsanspruch durch Übereinkunft, Diskussion oder Zustimmung weder erhärtet noch erschüttert werden kann«. Also keine Spur von jener postmodernen Willkür, die hie und da als Sündenbock für Trumps epistemologischen Schlendrian herhalten muss.

Doch woher wollen Leute von heute wissen, was damals »tatsächlich« passiert ist. Jeder muss damit rechnen, gefragt zu werden: »Warst Du dabei?« Die Allermeisten sind in den allermeisten Fällen eben Abwesende . Darum bedürfen Ereignisse, um als Tatsachen durchzugehen, daran erinnert auch Arendt, »glaubwürdiger Zeugen«. Das sachliche Problem (was ist geschehen?) mutiert zwangsläufig zu einem sozialen (auf wen ist Verlass?) – Wahrheit und Glaubwürdigkeit verschmelzen ineinander.

»Sich ein Bild machen«

Könnte man nicht den technischen Fortschritt nutzen und auf Fotografien setzen, wenn Fakten für die Um- oder Nachwelt wahrheitsgetreu festgehalten werden sollen? Davon gibt es im speziellen Fall, den Arendt behandelt, mehr als genug. Viele zeigen marschierende Soldaten (»Die Deutschen im neutralen Belgien«), andere lichten zerstörte Städte ab (»Überall in Belgien wurden Häuser niedergebrannt«), ergänzt um Abbildungen von kujonierten oder füsilierten Zivilisten (»Massaker deutscher Soldaten«). Alles in allem: ein Übermaß an Wirklichkeit, sollte man meinen.

Allerdings: Keine einzige Abbildung beglaubigt ihre Authentizität zwingend . Soldaten marschieren: aber wohin? Gebäude sind zerstört: aber von wem? Und das Leiden der Leute mag inszeniert, also politisches Theater sein. Offenbar kann jedes Bild für unterschiedliche, ja widersprüchliche Geschichten herhalten. Ihre Botschaften sind eben nicht »zwingender« Natur, weil erst das Unsichtbare dem Sichtbaren eine Bedeutung verschafft – mit dem Effekt, dass »überschießende« Aussagen, die allesamt dem Bild nicht widersprechen, ohne von ihm vollkommen gedeckt zu werden, miteinander konkurrieren. Eben relative Wahrheiten.

Wer unbedingt etwas anderes sehen will, den kann niemand überzeugen, seine Sichtweise aufzugeben, weil er auf jeden Einwand eine Antwort finden wird, die mit der Abbildung kompatibel ist. Wir mögen manche Interpretationen für hanebüchen halten (»degenerative Problemverschiebung«) und Verrückte als notorische »Leugner« aus dem Verkehr ziehen. Oder den Sprecher einen Lügner schimpfen, der in seinem Verstand etwas im Schilde führt. Doch auch honorige Kreise sind gegen renitente Reaktionen nicht gefeit. Also gibt es ein ernstes Problem. Wie im belgischen Fall.

(…)

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.