Die Banalität rhetorischer Manipulation

Selten in der Geschichte war es so wichtig, sich gegen Manipulationen zu wappnen wie heute. In Deutschland spielt die AfD mit Rednerinnen wie Alice Weidel auf der rhetorischen Klaviatur, die nicht überzeugen, sondern überreden und überwältigen will und die mit ihren provozierenden Tiraden im Deutschen Bundestag die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zieht. In den Vereinigten Staaten ist mit Donald Trump ein Demagoge, der manipulative Strategien auf seinen verschiedenen Kommunikationskanälen sendet, sogar der Regierungschef. Nicht hinzuhören ist daher keine akzeptable Strategie, weil es den Demagogen die Bühne überlässt und ihnen das letzte Wort gibt.

Manipulative Techniken werden gemeinhin der Kunst der Rhetorik zugeordnet. Womöglich könnte also eine rhetorische Analyse Hilfe bringen. Wie aber soll das geschehen? Durch eine rein formale Analyse der Stilmittel, der Anaphern und Alliterationen, der Chiasmen und Homoioteleuta? Also so, wie wir es im Deutschunterricht gelernt haben? Oder indem wir zeigen, was mit dieser Form produziert wird? Indem wir ihre Wirkung betrachten und die Emotionen, die der Redner zeigt und erweckt – das Mitleid und die Betroffenheit, den Hass und den Zorn –, als künstlich entlarven? Also dadurch, dass wir den Emotionen insgesamt ein Misstrauen entgegenbringen und uns vor ihrem Einfluss durch Abwehr schützen?

Auch wenn es auf einer intuitiven Ebene plausibel und hilfreich sein mag, Alice Weidels Rhetorikstil als schneidend und pulsierend oder sarkastisch und ironisch zu beschreiben oder darauf abzuheben, sie nutze den Gestus der Empörung, um die Wut ihres Publikums auf die von der Rednerin adressierten Gegner zu steigern: eine Analyse und Definition, warum dieses Ansprechen der Gefühle der Zuhörer manipulativ ist, während andere Reden, die ebenfalls das Mittel der Empörung einsetzen, wie etwa manche der Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth, dies nicht sind, ersetzt es nicht. Eine Rhetorikanalyse muss dem Strategischen an Reden inhaltlich auf den Grund gehen. Sie kann daher niemals im Inhaltlichen, und das heißt hier: politisch, neutral sein. Eine veritable rhetorische Analyse einer politischen Rede kann gar nicht anders als politisch Position zu beziehen, denn nur damit kommt man an den Kern der Rhetorik und den Kern manipulativer Rede und ihre Unterschiede heran.

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