Neukölln

Ein Jahrzehnt lang – von Mitte der neunziger bis Mitte der nuller Jahre – hatten wir im Ausland Ferienhäuser von Deutschen gehütet; dann war es genug. Es sollte wieder ein fester Wohnsitz sein, und zwar in Berlin. Dem eigenen Selbstverständnis nach hätte es Kreuzberg sein müssen, aber Kreuzberg war nicht mehr zu bezahlen. Dann eben das angrenzende Neukölln. Wir mieteten eine zufällig entdeckte Dachgeschosswohnung, die offenbar schon länger leer stand.

Freunde sagten: schöne Wohnung, aber in diesem Bezirk könne man doch nicht wohnen. Offenbar war das statusmäßig peinlich. Und eine auswärtige Freundin kam uns sogar lieber mit dem Taxi als per U-Bahn besuchen. Sie lese doch überall, wie gefährlich, wie kriminell Neukölln sei. Wir fanden es okay. Zwischen Türken und Arabern und alteingesessenen Neuköllnern fühlten wir uns zwar nicht dazugehörig, aber auch nicht ausgegrenzt. In unserem fünfgeschossigen Mietshaus gab es eine kurdische Familie und ansonsten nur Deutsche: unter anderem ein älteres Handwerkerehepaar, einen Alki, der irgendwann tot in seiner Einzimmerwohnung gefunden wurde, einen Studenten, eine junge analphabetische Flaschensammlerin, die sich bald bei uns beklagte, dass die straff organisierten neuen Russen ihr das Geschäft vermasselten, und eine klassische Hartzvierlerfamilie. Im Nebenhaus wurde ein Etagenpuff betrieben.

(…)

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