Verlarvung. Der Briefwechsel zwischen Arno Schmidt und Hans Wollschläger

Ein älterer und ein jüngerer Mann. Eine Generation trennt sie und auch der Umstand, dass nur der Ältere Mitglied der Wehrmacht gewesen ist. Sie trennen Herkunft und Sprache, körperliche Erfahrungen. 1957, als sie sich das erste Mal schreiben, ist Arno Schmidt schon ein bekannter Schriftsteller. Hans Wollschläger will erst noch einer werden und arbeitet im Karl-May-Verlag in Bamberg. Das bestimmt zunächst und über lange Zeit hin ihren Briefwechsel. Neben die anfänglich offizielle Korrespondenz treten nach einem ersten Besuch Wollschlägers bei Schmidt in Darmstadt dann fast nur noch private Schreiben. Wollschläger erfüllt in Schmidts literaturstrategischem Spiel immer mehr die Rolle eines Maulwurfs, der ihm Interna und unerlaubt seinerzeit noch vor der Öffentlichkeit verborgene Dokumente aus dem Karl-May-Verlag zukommen lässt. Erst nach einer ganzen Weile geraten auch Wollschlägers eigene literarische Ambitionen in den Blick. Schmidt versucht, letztlich erfolglos, ihm Türen bei Verlagen zu öffnen, verschafft ihm aber immerhin Aufträge für Übersetzungen.

Das erste Treffen, knapp ein Jahr nach Wollschlägers erstem Brief im September 1957, protokolliert Schmidt, wie spätere Besuche auch, peinlich genau. Er notiert, dass Wollschläger 1,70 Meter groß sei, 23 Jahre alt und »dürr & hinfällig«. Er sei »intelligent und voller unfertiger Pläne«, schneide »begreiflicherweise derb auf (von Konzerten in New York und Prag)«. Wichtig ist Schmidt auch, dass er »Angestellter mit 350,– Gehalt« sei, »Spesen extra«. Andere Besucher wurden in Schmidts Buchhaltung ebenso rücksichtslos verarbeitet.

Im nächsten Brief begibt sich Wollschläger explizit in die Schülerrolle und dankt »für das, was Sie und Ihre Arbeiten mir bedeuten: für das, was ich von Ihnen lernen kann (– es ist seltsam und erstmalig für mich: eigentlich bin ich in dieser Hinsicht kaum einem Lebenden verpflichtet; meine Quellen liegen sämtlich – im wörtlichen Sinne – bereits irgendwo begraben)«. Schmidt unterstreicht sich, wie in vielen Briefen seiner Korrespondenten, diese Passage fein säuberlich mit einem Lineal. Höflich und freundlich im persönlichen Umgang erlebt ihn Wollschläger. Dagegen aber steht Schmidts permanenter Wutdruck, der sich dann schriftlich, zunächst im Tagebuch oder in Protokollblättern entlädt. Von innerer persönlicher Freiheit erzählt das nichts Gutes.

Das inhumanste Literatur-Buch

Vor dem Krieg hatte der junge Schmidt versucht, im Karl-May-Jahrbuch seine erste Veröffentlichung unterzubringen, mit der Entdeckung, dass May eine Figur seines späten Romans Im Reiche des silbernen Löwen Friedrich Nietzsche nachgebildet hätte. Der kurze Aufsatz wurde von dem »kleinen, häßlichen Verlag«, wie Schmidt ihn schon 1933 in einem Brief genannt hatte, nicht gedruckt. Die Werke Karl Mays, zumal die späten, hat Schmidt immer dechiffrierend gelesen, ganz so, wie später seine eigenen Bücher gelesen wurden. Tarnung als Prinzip, Maskerade als System teilt er Wollschläger schon in einem der ersten Briefe unfreiwillig prophetisch als Konstanten seiner schriftstellerischen Arbeit mit: »Dann mischen sich Spieltrieb, Rachegelüst, Freude an der Verlarvung, Interesse an der Erprobung solch künstlerischer Möglichkeit … derart intensiv, daß es zur größten Gefahr wird, Thema und Verfahren tot zu reiten.«

Nach dem Krieg nimmt Schmidt erneut Kontakt auf, doch schon bald entwickelt sich eine ebenso lustvoll wie erbittert geführte Fehde gegen die editorischen Fehler des Verlags und die hagiografische Verunstaltung der Werke. Dieser Feldzug findet erst mit zwei Büchern sein Ende: Schmidts May-Buch Sitara und der Weg dorthin von 1963 und in gewisser Weise auch mit Wollschlägers May-Biografie von 1965. Sitara ist für Schmidt nach jahrelangem publizistischen Anrennen in Zeitungen und Radioprogrammen die ultimative Zertrümmerung des Hauses, das ihm einst den Einlass verwehrte.

Natürlich steht das Buch auch für eine literarische Sprachverpuppung in selbstgebasteltem Psychoanalyse-Jargon, die für Schmidts spätere Poetologie prägende Selbstentdeckung, dass alles Sprechen und Schreiben von sexuellen Konnotationen unterfüttert ist. Bald darauf wird diese noch vorläufige Konstruktion mit Zettel’s Traum zum überdimensionalen Verhau ausgebaut. Doch der großangelegte Versuch, Karl May in Sitara als Homosexuellen zu entlarven, soll endlich eine Rechnung begleichen. Zwar stellt Schmidt seine Studie über Wesen, Werk & Wirkung als humoristisch dar, und auch Wollschläger spricht in einer Rezension von einem »urkomischen Buch«. Später, nach Schmidts Tod 1979, nennt Wollschläger aus der Distanz Sitara dann jedoch eine »mörderische Schwulenhatz«.

Komisch ist Schmidt bisweilen, wenn es ihm gelingt, die Fallhöhe zu seinen eigenen Defekten mindestens sprachlich transparent zu machen. Wie sehr aber buchhalterische Formulierungen, schwiemelige Witze und manchmal auch pure Aggression nicht nur in Sitara ein eigenes Gewicht bekommen, wird ebenso deutlich. In einem Brief von 1961 schreibt Schmidt: »das Geküsse der MAY’schen Helden war mir schon in meinen Jungenjahren immer anstößig«. Die stilistisch und thematisch rückwärtsgewandten Erzählungen, die Schmidt vor und während des Kriegs schrieb und zu Lebzeiten nie veröffentlichte, die tiefe Hassliebe zum Phänomen Karl May und das eigene Gefühl, nicht die verdiente Anerkennung zu erhalten, bilden dann die biografische Kulisse für das spätere lustvolle Einpeitschen auf May in Sitara .

In einer Rede von 1989 bezeichnete Wollschläger Sitara als »gewaltig ausgebrochene Lebens-Äußerung, als phantastische, wenn nicht gar halluzinierte Selbstdarstellung«.  – »Wäre dies nicht so, stünde nicht die Wesens-Tragödie dieses sehr großen Autors über seinem Thema hier, so müßte nun die Kritik am Detail beginnen.« Das ginge, so Wollschläger, katastrophal für Schmidt aus, und am Ende bliebe »nur noch ein Mordversuch; es wäre das inhumanste Literatur-Buch, das ich kenne«.

(…)

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