The Trouble With Talking

Der Essay ist im Dezemberheft 2018, Merkur # 835, erschienen.

2013 nahm ich in der Schweiz an einer Diskussionsveranstaltung teil, in deren Verlauf ein Herr aus dem Publikum sagte, das Internet tauge schon aus dem einfachen Grund nichts, weil es voll Zank und Streit sei. Der wiederum entstehe aus den Missverständnissen, die die schriftliche Kommunikation zwangsläufig mit sich bringe und die man nur im persönlichen Gespräch vermeiden oder ausräumen könne. Das Argument begegnete mir nicht zum ersten Mal, und ich sagte das, was ich immer sage, nämlich dass meine Erfahrungen andere sind. Ich unterhalte mich lieber schriftlich als mündlich, und der größere, oft auch der interessantere Teil meiner Kommunikation findet schriftlich statt. Ich arbeite seit zwanzig Jahren in räumlich verstreuten Teams und lebe seit fünfzehn Jahren in einer Fernbeziehung, in der nie telefoniert wird.

Mit mir zusammen stand ein Neuropsychologe auf dem Schweizer Podium. Er guckte mitleidig und sagte sinngemäß, die Evolution habe schon sehr viel Zeit gehabt, das mündliche Gespräch zu optimieren. Jede neuere Kommunikationsform sei daher zunächst einmal ein Rückschritt. In der Aussage stecken mehrere Annahmen. Die erste lautet: Die Evolution hat alles bereits perfekt eingerichtet. Nehmen wir zugunsten des Schweizer Forschers an, dass er nicht sagen wollte, am aktuellen Stand menschlicher Kommunikation sei nichts mehr zu verbessern, sondern lediglich, dass Fortschritte sich sehr langsam vollziehen. Dagegen spricht unter anderem das Beispiel des Lesens. Auf evolutionären Zeitskalen ist zwischen allgemeinem Analphabetismus und hochentwickelten Lesefähigkeiten überhaupt keine Zeit vergangen.

Die zweite Annahme: Bevor es das Internet gab, wurde weniger gestritten. Das ist die ältere Version, sie war ungefähr zwischen 1995 und 2010 beliebt. Eine neuere Version lautet: Im frühen Internet ging es friedlicher zu, und erst seit es Einrichtungen wie Facebook und Twitter gibt, kommt es ständig zu Missverständnissen und Streit. Aber die Klagen über schriftliche Streitigkeiten in den Mailinglisten und Foren der 1990er, den Usenet-Gruppen der 1980er und den Mailboxen der 1970er Jahre sind gut dokumentiert. Und der Vergleich mit Prä-Internet-Zeiten ist schwierig. Vielleicht wurde damals mündlich so viel gestritten wie heute schriftlich, aber die Auseinandersetzungen fanden weniger öffentlich statt und blieben unbemerkt. Vielleicht wurde tatsächlich weniger gestritten, es gab aber gleichzeitig auch weniger freundliche und konstruktive Debatten in großen Gruppen. Oder vielleicht wird im Schriftlichen derzeit tatsächlich mehr gestritten, aber nicht, weil die Schriftform das zwangsläufig mit sich brächte, sondern weil es uns an Übung fehlt. Als sich schriftliche Kommunikation im Netz ausbreitete, war das Briefeschreiben bereits weitgehend durch das Telefonieren verdrängt. Diskussionen in größeren Gruppen waren als Format ganz neu, wenn man von Zeitlupenversionen wie dem Austausch in wissenschaftlichen Journalen absieht, wo zwischen zwei Argumenten Jahre vergehen können. Im Netz bekommen nicht nur viele Menschen erstmals Zugang zu Debatten, die darin keine Übung haben. Auch diejenigen, die in anderen Diskussionsformaten erfahren sind, müssen sich unter den neuen Bedingungen erst zurechtfinden, ein Lernprozess, dessen Dauer eher in Jahren als in Monaten zu messen ist. Wer Französisch lernt, wird in der Fremdsprache öfter Missverständnissen begegnen, aber das bedeutet nicht, dass die französische Sprache als solche missverständlicher ist als die Muttersprache. 1

In der Theorie von der Missverständlichkeit schriftlicher Kommunikation steckt drittens die Annahme, dass mündliche Kommunikation dann vorgezogen wird, wenn die Vermeidung von Missverständnissen besonders wichtig ist. Dagegen spricht, dass die Schriftform gerade dann beliebt ist, wenn Missverständnissen vermieden werden sollen: wissenschaftliche Veröffentlichungen, Gesetzestexte, Verträge. Es kann dabei nicht nur um die langfristige Haltbarkeit des Aufgeschriebenen gehen, denn auch bei flüchtigen Anlässen wie der Vereinbarung eines Vortrags ist in der Regel ein schriftlicher Vertrag im Spiel. Solche Verträge dienen nicht in erster Linie der Vorbereitung späterer juristischer Auseinandersetzungen, sondern sollen sicherstellen, dass beide Parteien die Rahmenbedingungen auch wirklich zur Kenntnis genommen haben, und damit eine juristische Auseinandersetzung vermeiden helfen.

 

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Die vierte Annahme: Das, was wir anderen mündlich mitteilen, wird in der Regel richtig verstanden. In diesem Glauben stecken drei Unterannahmen: Wir drücken uns verständlich aus, wir hören anderen zu, und wir bemerken Missverständnisse, wenn sie auftreten. Alle drei kommen mir unwahrscheinlich vor, seit ich gelegentlich interviewt werde und selbst Gespräche mit anderen aufzeichne und transkribiere. Erst beim Wiederanhören merke ich, wie oft ich nichts verstanden, mein Unverständnis aber währenddessen nicht einmal bemerkt habe. Und erst bei der Wiedervorlage der Interviews, die andere mit mir geführt haben, merke ich, wie oft ich selbst falsch verstanden werde. Gelegentlich passt die Interviewerin nicht auf oder hört das, was sie hören wollte, aber meistens drücke ich mich unklar aus, lasse wesentliche Informationen weg oder sage versehentlich das Gegenteil von dem, was ich eigentlich sagen wollte. Wenn andere reden, merke ich erst anhand der Aufzeichnung, wie oft ich die andere Person unterbrochen habe anstatt zuzuhören, und wie oft ich das Gesagte falsch verstanden habe, weil ich in Gedanken schon bei meiner nächsten Frage war. Bei nicht aufgezeichneten Gesprächen nehme ich einfach an, dass ich mich schon verständlich gemacht haben werde. Ich glaube, dass erfolgreiche Kommunikation stattgefunden hat, und es gibt keine Möglichkeit, diese Annahme zu überprüfen. In einer schriftlich geführten Diskussion kann ich noch einmal nachlesen, was eigentlich gesagt worden ist.

Die fünfte Annahme: Ärger ist nur das Ergebnis von Missverständnissen, in Wirklichkeit wollen doch alle Beteiligten dasselbe. Aber vielleicht ist der Konflikt ganz real, und wir verbergen ihn bei persönlichen Begegnungen lediglich erfolgreicher. In einem Brief vom 23. Juni 1969 wünscht sich der Autor Thomas Bernhard von seinem Verleger Siegfried Unseld ein Treffen »von Angesicht zu Angesicht … vorausgesetzt, dass mich der Verlag tatsächlich auf seine Kosten fahren lässt, ich selbst habe kein Geld für einen derartigen Ausflug. Ich halte es für besser, zu reden, als zu korrespondieren, denn in der Korrespondenz kreuzen sich seit Jahrtausenden die Missverständnisse, wie Sie wissen«. 2 Siegfried Unseld antwortet ihm am 2. Juli: »Sie haben schon recht, man hat mit der Korrespondenz und ihrer Wortfixierung manchmal Schwierigkeiten.« Der Interessenkonflikt, um den es geht, entspringt aber wahrscheinlich keinem Missverständnis. Bernhard möchte Buchvorschüsse von Unseld, Unseld möchte Bücher von Bernhard, und zwar möglichst exklusiv. Im nächsten Brief vom 8. Juli schreibt Unseld: »Wann werden wir wohl aus unserer Korrespondenz und Beziehung die leidige Geldangelegenheit eliminieren?« Es folgt eine Aufzählung geleisteter Vorauszahlungen und Garantiehonorare. »Das ist eine Summe von rund DM 38 000.- und also wirklich nicht gering. Ich verdiene wirklich mehr Anerkennung als Ihren dauernden Tadel, den ich mir von Ihnen, Gott weiß warum, zuziehe.«

Der Autor hält an seiner Geldforderung fest, der Verleger überweist schließlich, woraufhin der Autor zu seiner These zurückkehrt, man habe es lediglich mit Verständigungsproblemen zu tun, die im Gespräch leicht behoben werden könnten: »Ihren Brief vom 25. verstehe ich überhaupt nicht und ich kenne mich genauso überhaupt nicht aus, was unser Finanzielles betrifft, das muss einmal mündlich und anhand von Papieren mit unseren Köpfen gemeinsam geklärt und dann aus der Welt geschafft werden, das hoffe ich, ich glaube auch daran, dass der Zeitpunkt nicht in aller weitester Ferne ist.« Das Autor-Verleger-Verhältnis ist traditionell problematisch, unter anderem weil sich darin Freundschaft und geschäftliche Interessen vermischen, aber auch, weil die geschäftlichen Interessen des Verlegers denen des Autors zwar ähneln, aber nicht deckungsgleich mit ihnen sind. Es mag im Interesse beider Parteien sein, die Existenz grundsätzlicher Konflikte vor sich selbst und voreinander zu leugnen. Die Missverständnis-Behauptung hat in diesem Versteckspiel eine wichtige Funktion.

Douglas Adams beschreibt in seinem Roman Per Anhalter durch die Galaxis den Babelfisch, ein außerirdisches Lebewesen, das sich in den Gehörgang einführen lässt, von Gehirnwellen lebt und seinem Wirt das Verständnis aller gesprochenen Sprachen ermöglicht. »Mittlerweile«, heißt es im Buch, »hat der arme Babelfisch dadurch, dass er alle Verständigungsbarrieren zwischen den verschiedenen Völkern und Kulturen niederriss, mehr und blutigere Kriege auf dem Gewissen als sonst irgendjemand in der ganzen Geschichte der Schöpfung.« Die schriftliche Kommunikation im Netz hat ähnliche Auswirkungen: Sie macht die vorhandenen Meinungsverschiedenheiten erst richtig sichtbar.

Und es sind nicht nur die oben beschriebenen Faktoren Unaufmerksamkeit und Wunschdenken, die Konflikte im mündlichen Gespräch verdecken. In einer schriftlich geführten Auseinandersetzung spielen physische Faktoren wie die körperliche oder zahlenmäßige Überlegenheit der Gegenseite keine Rolle, außerdem ist es vergleichsweise einfach, sich aus der Debatte zurückzuziehen. Im Gespräch mit körperlich anwesenden Gesprächspartnern ist das weniger leicht. Deshalb verharmlosen wir häufig durch Mimik und Gestik das Ausmaß der Meinungsverschiedenheit. »Ich finde die körperliche Nähe zu jemandem, der seine Meinung mündlich stark kundtut, unangenehm, bedrohlich«, beschrieb eine Freundin im Gespräch über diesen Text ihr Kommunikationsverhalten. »Je nach Situation gehe ich demjenigen aus dem Weg. Wenn sich jemand schriftlich danebenbenimmt, kann ich dem eher etwas entgegensetzen.« Vielleicht ist eine friedlichere mündliche Kommunikation das Ergebnis strategischer Beschwichtigungs- und Unterwerfungsgesten.

Die sechste Annahme: Je mehr Informationen wir über den emotionalen Zustand unserer Gesprächspartner haben, desto erfolgreicher verläuft die Kommunikation. Dazu müsste es wiederum eine eindeutige Interpretation der sichtbaren Emotionen geben. Aber Mimik und Gestik lassen ebenso unterschiedliche Interpretationen zu wie Wörter und vermehren daher lediglich die Zahl der möglichen Missverständnisse. Schon als die Alternative zum Gespräch mit anwesenden Personen noch das Telefongespräch war, gab es Situationen, in denen die Unsichtbarkeit des Gesprächspartners offenbar geschätzt wurde. Der Soziologe Claude S.Fischer zitiert in America Calling: A Social History of the Telephone to 1940 eine australische Umfrage, in der viele der befragten Frauen Telefongespräche mit Freundinnen als ehrlicher und intimer einstuften als Gespräche in Anwesenheit. Gegen die These, dass mehr visuelle Informationen grundsätzlich für mehr Zuneigung zwischen den Gesprächspartnern sorgen, spricht auch die Tatsache, dass im Zusammenhang mit Dating häufiger vom Gegenteil berichtet wird: Solange die Beteiligten einander nicht sehen, können sie ihren optimistischen Annahmen freien Lauf lassen.

Ein großer Teil der Forschung zu computergestützter Kommunikation stammt aus einer Zeit, in der noch nicht klar war, ob im Netz vielleicht nur aus Mangel an Bandbreite und verfügbarer Technik schriftlich kommuniziert wurde, während sich eigentlich alle nach Videokommunikation sehnten. Diese Frage ist mittlerweile beantwortet, Videokommunikation wäre in den meisten Fällen möglich, ohne dass das bisher zu einem allgemeinen Umstieg geführt hat. Arvid Kappas und Nicole C. Krämer vermuten in ihrem Einleitungskapitel zum 2011 erschienenen Sammelband Face-to-Face Communication over the Internet : »Die massive Beliebtheit dieser anscheinend indirekteren Kommunikationsformen« (gemeint sind unter anderem Nachrichten in sozialen Netzwerken) »deutet darauf hin, dass es auch spezifische Befriedigungen und Vorteile gibt, die damit zusammenhängen, dass nicht alle Informationen übermittelt werden und, wichtiger noch, dass diese Formen zusätzliche Aspekte ins Spiel bringen, die die normale Kommunikation von Angesicht zu Angesicht nicht bietet. So bringen zum Beispiel Second Life oder World of Warcraft zusätzliche Optionen der kreativen Selbstdarstellung mit sich, die die Interaktionserfahrung bereichern und mehr Kontrolle über die Selbstdarstellung ermöglichen.«

Die siebte Annahme: Das mündliche Gespräch mit Anwesenden ist die beste Kommunikationsform für alle. »Face-to-face communication is the best way to make decisions, solve problems and for relational development«, schreibt die Psychologin Elza Venter in einem Beitrag über das Überbrücken von Kommunikationsproblemen zwischen den Generationen. 3 Die Hervorhebung stammt von mir; Venter spezifiziert zwar einige Einsatzzwecke, aber keine bestimmten Personen, ihre Aussage gilt für alle. Allerdings bietet das schriftliche Gespräch einigen Gruppen Vorteile gegenüber dem münd-lichen. Lawrence Lessig hat 1999 in Code and Other Laws of Cyberspace drei solche Gruppen benannt, »die Blinden, die Tauben und die ›Häss-lichen‹«: »Im realen Raum sehen sich diese drei Gruppen mit Architekturen konfrontiert, die sie im Vergleich zum Rest der Welt behindern. Aber in den Anfängen des Cyberspace war das anders.« 4 Blinde konnten sich Texte über die Sprachausgabe anhören und schreibend antworten. Gehörlose konnten sich schriftlich verständigen. In sozialen Situationen waren Hässliche den Gutaussehenden gleichgestellt. Niemand wusste, dass die Blinden blind, die Gehörlosen gehörlos und die Hässlichen hässlich waren. »Die Architektur dieses ursprünglichen Cyberspace«, schreibt Lessig, »verschaffte diesen Gruppen etwas, das ihnen im realen Raum fehlte. Allgemeiner gesagt verschob sich hier das Verhältnis der Vor- und Nachteile im Leben – im Vergleich zur Situation im realen Raum waren die Lese- und Schreibfähigen bessergestellt und die Attraktiven behindert.«

Was Lessig über Blinde, Gehörlose und Hässliche sagt, gilt auch für andere, in seinem Text nicht genannte Gruppen: Schüchterne und Menschen mit sozialen Angststörungen. Menschen, die langsamer als andere im Interpretieren von Gesichtsausdrücken, Körpersprache und sozialen Signalen sind. Sehr junge und sehr alte Menschen, deren physische Anwesenheit in einer bestimmten Situation andere als unangebracht empfinden könnten. Menschen, die nicht persönlich erscheinen können, um an einer Diskussion teilzunehmen, weil sie nicht am richtigen Ort wohnen, kleine Kinder haben, nicht genug Freizeit oder nur zu unpassenden Zeiten frei haben. Menschen wie ich, die keine Gesichter unterscheiden können und darauf hoffen müssen, dass Gesprächsteilnehmer Namensschilder tragen, möglichst immer auf denselben Plätzen sitzen und sich nie umziehen oder ihre Frisu-ren ändern.

Und natürlich Frauen. Lawrence Lessig zitiert eine Freundin, die viel Zeit in Politik-Chats zubringt: »Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist, ich zu sein. Du hast dein Leben lang in einer Welt gelebt, wo deine Aussagen für sich stehen können; wo die anderen den Inhalt des Gesagten zur Kenntnis nehmen. Ich hatte vor diesem Raum noch nie einen Raum, wo der Inhalt meiner Äußerungen zählte. Vorher waren es immer die Äußerungen von ›dieser Süßen‹, ›dieser Frau‹, ›dieser Mutter‹. Ich konnte nie einfach als Ich sprechen. Erst hier bin ich das, was ich sage.«

Es geht dabei nicht nur um Frauen, die nicht gern »diese Mutter« sein wollen, sondern schon auch um ganz reale Belästigungsprobleme. Julia Enthoven, Softwareentwicklerin und Gründerin des Startups Kapwing, erläuterte Anfang 2018 in einem Blog-Beitrag, warum sie in Chats mit Kunden der Firma nicht ihr eigenes Profilbild verwendet: 5 Mit ihrem eigenen Foto ausgestattet wird sie pro Woche zwischen fünf und zehn Mal beschimpft oder sexuell belästigt. Leistet sie unter dem Namen und mit dem Foto ihres männlichen Mitgründers Support, gehen die Beschimpfungen auf zwei pro Woche, die sexuelle Belästigung auf null zurück. Als fiktive Mitarbeiterin »Rachel Grey« mit attraktivem Profilfoto wird sie noch intensiver belästigt, als Cartoon-Katze unter dem Namen »Team Kapwing« so gut wie gar nicht. Die Sichtbarkeit des realen Körpers wird nicht von allen als Vorzug wahrgenommen.

Elza Venter vermeidet in ihrer oben zitierten Aussage immerhin ein verwandtes Problem, nämlich die Annahme, das mündliche Gespräch eigne sich in allen Situationen besser als das schriftliche. Die naheliegendsten Beispiele für Anlässe, bei denen das nicht der Fall ist, handeln vom Wunsch nach Anonymität. Dazu muss man kein Systemkritiker in einer Diktatur sein. Eine Kunstkritikerin berichtete vor einigen Jahren in einer Gesprächsrunde (die, soweit ich mich erinnere, in den Räumen des Merkur stattfand), die Kunstkritikbranche sei so klein und so von Konflikten durchzogen, dass produktive inhaltliche Diskussionen überhaupt nur in anonymer, schrift-licher Form möglich seien. Auch bei Kritik am aktuellen Arbeitgeber bleiben viele lieber anonym.

Wenn es um heikle oder potentiell stigmatisierende Themen geht, zum Beispiel um sexuelle Orientierungen oder sonstige Fragen der Identitätsfindung, wollen sich nicht alle so einer Situation gleich als ganze Person aussetzen. Die durch Schriftlichkeit und Anonymität geschaffene Distanz erleichtert die ersten Schritte. Falls man in der neuen Rolle abgelehnt werden sollte, muss nur die extra dafür geschaffene Spielfigur damit klarkommen, und man braucht die neue Lebensform nicht gleich vor Nachbarn und Verwandtschaft zu verteidigen, solange man noch gar nicht so genau weiß, ob sie überhaupt passt.

Manchmal ist es hilfreich, ein Gespräch zu dokumentieren. Wenn es keine Aufzeichnung gibt, ist es schwerer, später herauszufinden, wer eigentlich was gesagt hat, und es fällt leichter, Unvorteilhaftes einfach abzustreiten. Wenn das Gespräch schriftlich vorliegt, lässt sich bei Konflikten der Ursprung des Problems rekonstruieren. Anhand der Aufzeichnung können sich auch zusätzliche Personen ein Bild vom Vorgefallenen machen und bei der Schlichtung helfen. Auch wenn es gar nicht um Konflikte geht, sondern nur um die Zusammenarbeit an einem Projekt, ist es für neu hinzustoßende Personen leichter, anhand der Dokumentation herauszufinden, was bisher geschah und an welchen Stellen sie sich beteiligen können.

Und schließlich ist Nachdenken ein langsamer Vorgang. Im mündlichen Gespräch bleibt dafür weniger Zeit als im schriftlichen. Selbst wenn es mir in einer Podiumsdiskussion gelingt, meinen Gesprächspartner richtig zu verstehen, werde ich wahrscheinlich nicht auf sein Argument eingehen können und stattdessen das sagen, was sich in ähnlichen Situationen bereits bewährt hat. Vielleicht fällt mir am nächsten Tag ein Gegenargument ein, vielleicht sehe ich am übernächsten ein, dass der Gesprächspartner recht hatte. In einer Podiumsdiskussion nutzt das nichts mehr. In einer schriftlichen Auseinandersetzung ist dafür Platz. Außerdem bin ich schriftlich ein höflicherer, freundlicherer Mensch als mündlich. Selbst in einem Chat reichen die paar Sekunden Verzögerung des Schreibens meistens aus, damit ich boshafte Kommentare, schlechte Wortspiele und Nullcheckermeinungen wieder löschen kann. Wenn mich ein Gespräch anstrengt, kann ich aufspringen, mich bei anwesenden Personen über die Zumutungen der Welt beschweren, und mich dann wieder hinsetzen und eine besonnene Antwort schreiben.

Wie können wir eine produktivere Diskussion über die Eigenheiten schriftlicher Kommunikation führen? Zunächst würde es helfen, nicht davon auszugehen, dass die Vorteile der persönlichen Anwesenheit und des mündlichen Gesprächs auf der Hand liegen. Im oben erwähnten Sammelband kommt der Kommunikationsforscher Joseph B.Walther in seinem Beitrag über den Nutzen des Videokanals bei der »computer-mediated communication« (CMC) zu dem Fazit: »In Bezug auf den Wert visueller Signale in der Onlinekommunikation ist uneingeschränkter Optimismus eventuell so wissenschaftlich unbegründet wie intuitiv naheliegend. In Forschungsarbeiten zum Nutzen bildlicher Sichtbarkeit der Teilnehmer an CMCzeigen sich immer wieder zwei Trends: Erstens große Beständigkeit in den Nutzerangaben zur Erwünschtheit von Videokommunikation und zweitens ungeachtet dieser Attraktivität keine belastbaren Anhaltspunkte für einen konkreten Nutzen des Kanals. Diese Diskrepanz legt nahe, dass visuelle Signale in der CMC im wahrsten Sinne des Wortes ›überschätzt‹ sind.« 6

Für eine sinnvollere Diskussion wäre es außerdem hilfreich, die Welt nicht in »online« und »offline« oder »im Netz« und »draußen« zu unterscheiden. Auch »computer-mediated communication« eignet sich wegen der Vielfalt der Möglichkeiten als Einschränkung nur begrenzt. Die Unterschiede zwischen E-Mail, Instant Messaging, Social Media, Videokonferenzen und die Unterschiede innerhalb der einzelnen Chats oder Messenger sind nicht kleiner als die zwischen Telefongespräch und Videokommunikation oder die Unterschiede zwischen Brief und E-Mail. Dazu kommen, auch wenn man nur eine bestimmte Plattform betrachtet, Unterschiede in der Nutzung. »Der Ausgangspunkt jeder anthropologischen Facebook-Forschung ist: Es gibt kein Facebook«, schreibt der Anthropologe Daniel Miller in Tales From Facebook . Miller meint damit, dass die Facebook-Nutzung in Trinidad eine ganz andere ist als in den USA. Aber auch innerhalb eines Landes verwenden Personen, die gleich alt sind und den gleichen kulturellen Hintergrund haben, dieselbe Plattform oft auf sehr unterschiedliche Weise. Das führt immer wieder zu Verständnisfragen wie »Videoskype oder Textskype?«, »WhatsApp-Sprachnachricht oder Text?«. Und selbst nach Eingrenzung auf eine Version der jeweiligen Technik gibt es individuelle Nutzungsweisen, die für andere gewöhnungsbedürftig bis unverständlich sein können.

Naturgemäß kommt die Verteidigung der Mündlichkeit vor allem aus Gruppen, die durch physische Anwesenheit Vorteile genießen, also von Personen mit unproblematischen Körpern, die redegeübt und sozialkompetent sind und es sich leisten können, zur richtigen Zeit lange genug am richtigen Ort zu sein. Zum Teil hat das Mündlichkeitsargument aber auch einfach strategische Funktion selbst dann, wenn die Kommunikation in der Praxis auf ganz anderen Wegen stattfindet. Die Projekt- und Informationsmanagementforscherin Magda Hercheui hat das 2011 in einer Studie an vier brasi-lianischen Netzgemeinschaften gezeigt. 7 Die untersuchten Projekte widmen sich Umweltschutzthemen und kommunizieren über Mailinglisten. Obwohl Bürgerbeteiligung, Basisdemokratie und dezentrale Entscheidungsstrukturen zu den erklärten Zielen der Gruppen gehören, setzen sie in ihrer Mailinglistenverwaltung auf die an den meisten Orten im Netz üblichen zentralen Regierungsformen: Die Person, die eine Mailingliste ins Leben gerufen hat, bestimmt darüber, wer die Liste moderiert. Moderatoren entscheiden darüber, wer sich an einer Liste beteiligen darf, sie können Beiträge löschen und unerwünschte Diskussionen unterbinden. Entscheidungen werden in kleinen Gruppen auf gesonderten, einladungsbasierten Listen getroffen. Die Entscheider lehnen den Einsatz anderer Tools ab, in denen die Beteiligten ohne vorherige Genehmigung eigene Diskussionsräume anlegen könnten.

Wenn dieser Widerspruch in den Gruppen thematisiert wird, taucht immer wieder das Argument von der Überlegenheit des persönlichen Treffens auf: »Die Diskussionsliste ist nicht der richtige Ort für Entscheidungen. Wir treffen Entscheidungen in persönlichen Treffen, weil man im Virtuellen das Lächeln nicht sieht, die Gesten, die Haltung. Das sind menschliche Werte.« – »Wenn man zu einem Konsens finden will, ist der Austausch von Mails nicht der richtige Weg. Wir brauchen persönliche Treffen. Die Leute müssen einander in die Augen sehen, sie brauchen den menschlichen Kontakt.« Allerdings ist der wesentliche Kanal für Entscheidungen in der Praxis nicht das Gespräch, sondern die kleinere, einladungsbasierte Mailingliste. »Das Argument«, fasst Hercheui zusammen, »tauchte systematisch immer dann auf, wenn die Befragten aufgefordert waren, zentralisierte Organisationsstrukturen zu erklären, also beispielsweise den Ausschluss normaler Mitglieder aus den gesonderten Diskussionslisten. Außerdem wird dieser symbolische Wert vor allem von Führungspersonen ins Feld geführt: nur drei von 26 Zitaten stammen von normalen Mitgliedern.« – »Das müssen wir bei einem Treffen klären« bedeutet oft nur »Das wollen wir unter uns klären«.

Es geht bei Diskussionen nicht nur um den Erkenntnisgewinn. Manchmal – wie bei Podiumsdiskussionen – geht es auf offensichtliche Weise überhaupt nicht um Erkenntnisgewinn. Diskussionen mit körperlich anwesenden Teilnehmern leisten etwas, das das Netz nicht leisten kann: Sie demonstrieren, dass es den Veranstaltern gelungen ist, angesehene Personen auf die Bühne zu locken. Sie verhindern, dass irgendjemand außer diesen Personen wesentliche Wortbeiträge leistet. Sie schaffen Anlässe für Fotos und journalistische Berichterstattung, die wiederum die Bedeutung der einladenden Institution unterstreichen.

Dieser Text beruht auf einem Vortrag, den ich im Rahmen einer sprachwissenschaftlichen Tagung in Berlin gehalten habe. Am Ende der öffentlichen Abendveranstaltung fragte ich mich und das Publikum: »Warum bin ich hier? Warum sind Sie hier?« Schließlich hätte ich meine Argumente leichter aufschreiben und das Publikum sie schneller und bequemer auf dem Sofa zu Hause zur Kenntnis nehmen können. Ich begründete meine Anwesenheit damit, dass Vorträge ein ausgezeichnetes Antiprokrastinationsmittel sind: Sie müssen zu einem bestimmten Termin gehalten werden, und dieser Termin ist – anders als die Deadlines der meisten Texte – unverschiebbar. Ich glaube nicht, dass sich meine Ansichten besser vermitteln lassen, indem ich sie live vorbringe, jedenfalls geht mir das bei anderen Vortragenden höchst selten so.

Das (internationale und überwiegend akademische) Publikum schien das ähnlich zu sehen, jedenfalls hoben auf meine Frage, wer grundsätzlich lieber einen Vortrag höre, als einen Text zu lesen, nicht einmal zehn Prozent die Hand. Ich machte verschiedene Vorschläge zur Deutung der Publikumsanwesenheit: Man trifft bei so einer Veranstaltung Freunde, kann mit etwas Glück die Karriere voranbringen, und schließlich hat man sich auf die Konferenz eingelassen, und der Startvortrag ist Teil des Gesamtpakets. Aus dem Publikum ergänzte jemand, dass hinterher Wein ausgeschenkt werde.

Das sind alles gute und rationale Gründe, zu einem Vortrag zu erscheinen. Sie haben nur eher wenig mit einer Überlegenheit der direkten, mündlichen Kommunikation zu tun. Und mit der Evolution schon gar nicht.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Diesen Vergleich und einige der folgenden Argumente habe ich einem Blog-Beitrag von Dyske Suematsu entnommen: Deconstructing the Myth of Email As a Conflict-Prone Medium. In: Dyske vom 18. Dezember 2012 (dyske.com/paper/951 )
  2. Raimund Fellinger /Martin Huber /Julia Ketterer (Hrsg.), Thomas Bernhard – Siegfried Unseld. Der Briefwechsel . Frankfurt: Suhrkamp 2009.
  3. Elza Venter, Bridging the communication gap between Generation Y and the Baby Boomer generation. In: International Journal of Adolescence and Youth , Nr. 22/4, 2017.
  4. »Realer Raum«, »Cyberspace«, so hieß das eben damals. Der Cyberspace-Begriff kam später etwas aus der Mode, bis er um 2010 herum von der Bundeswehr wiederbelebt wurde, die ein Interesse daran hat, das Netz als Territorium mit Grenzen und Verteidigungsbedarf zu interpretieren.
  5. Julia Enthoven, Why I don’t use my real photo when messaging with customers on my website. In: Kapwing Blog vom 14. Februar 2018 (www.kapwing.com/blog/why-i-dont-use-my-real-photo/ ).
  6. Joseph Walther, Visual cues in computer-mediated communication. Sometimes less is more. In: Arvid Kappas /Nicole C.Krämer (Hrsg.), Face-to-Face Communication over the Internet . Cambridge University Press 2011.
  7. Magda David Hercheui, IT Artifacts and Online Communities. The Role of Technology as Institutional Carriers . In: ICIS 2011 Proceedings ( aisel.aisnet.org/cgi/viewcontent.cgi?article=1224&context=icis2011 ).

8 Kommentare

  1. Anja Schürmann sagt:

    Ja, man muss unterscheiden, welches Facebook man wie nutzt. Aber bei Kommunikation gibt es auch zahlreiche Varianten und Unterarten. Ich finde bspw. Verabredungen viel leichter persönlich als schriftlich zu organisieren wg. der Vielzahl an Variablen. Bei anderen Kommunikationsarten würde ich der Autorin aus den von ihr genannten Gründen zustimmen.

  2. Antje Schrupp sagt:

    Ich bilde mir irgendwie ein, dass ich eine Person besser verstehen kann, wenn ich sie mal gesehen habe, mir ihr in einem Raum war. An Vorträgen finde ich interessant, wie die Person auftritt, wie sie so auf Fragen reagiert usw. Außerdem ist Treffen in Fleisch und Blut letztlich die einzige Weise, zu verifizieren, ob die Person ist, wofür sie sich ausgibt, wie wir seit dem Fake-Blog „gay girl in Damaskus“ wissen. Hat man sich mal getroffen, kann die Diskussion für mich dann auch schriftlich weitergehen. Generell würde ich aber nicht mündlich und schriftlich unterscheiden, sondern medial vermittelt oder direkt. Also: telefonieren ist das Schlimmste 🙂

  3. 90 % der Kommunikation werden nonverbal übermittelt – was meiner Ansicht nach immernoch stark untertrieben ist. Wir Leben im Zeitalter der Intelligenzbestien. Das Gefühl wird diskreditiert. Die Psycho-Praxen sind voll. Weniger unverbindliches Geschreibsel – Sich wieder sehen lassen im persönlichen Kontakt.
    Wer soll denn ohnehin noch diesen Ozean an schriftlicher Information bewältigen.
    Und Lügen ist schriftlich auch viel einfacher als im Gespräch.
    Warum wohl ?

  4. Kommunikation ist, entgegen der allgemeinen Wahrnehmung ein ganzheitlicher, natürlicher Prozess. Um Missverständnissen vorzubeugen oder falsche Schlüsse zu ziehen, kommt es auf jedes Detail an. Auch wenn dies manchen Sitten und Gebräuchen oder religiösen Motiven widerspricht, gehören außer einem gemeinsamen Zeichensatz folgende äußeren Bedingungen, die für ein umfängliches Verständnis wesentlich sind, dazu:
    – 1. Beide Kommunikationspartner müssen physisch anwesend sein, sodass die Körperhaltung und Gestik erkennbar sind.
    – 2. Das Gesicht darf nicht verdeckt sein, sodass Gesichtszüge und Mimik erkennbar sind. Dies sind maximal Forderungen, die gerade in der heutigen Kommunikationsgesellschaft gerne vernachlässigt werden. Wie wichtig sie sind, wird im Folgenden deutlich.

    Nicht wenige behaupten, dass im Wasser alles Wissen gespeichert ist- sie haben wohl Recht. Wasser ist als Information selbstredend wahr, ist in unterschiedlichen Formen reale Information, die wir fühlen, sehen, riechen, hören und schmecken können. Für Wasser gibt es in jeder Sprache ein anderes Wort, doch alle beschreiben das gleiche Element. Damit wir das Wasser verstehen, reicht seine Anwesenheit also grundsätzlich aus. Für unsere eigene Kommunikation müssen wir es mit einer zusätzlichen Information versehen. Um zu verstehen über was wir reden, müssen wir ihm ein “Schild“ anheften mit dem Wort: Wasser. Wir benötigen als Adapter die Wörter unserer Sprache, die uns ein Bild vor Augen führen. Das macht es in jeder Hinsicht manipulierbar.

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