Im Bann der fossilen Vernunft

Ende Juni 2018. Eine fünfköpfige Gruppe des Berliner Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte ist unterwegs nach Kanada. Eingeladen haben eine Historikerin und eine Anthropologin aus dem Forschungsverbund »Energy In Society« der Universität Calgary. Geistes- und Sozialwissenschaftler untersuchen hier die gesellschaftlichen und kulturellen Folgen der auf Erdöl basierenden Lebensweisen und Ökonomien des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Die Reise dient dazu, Möglichkeiten einer Kooperation auszuloten, um gemeinsam, aber doch aus den jeweils unterschiedlichen akademischen und geografischen Perspektiven das Zusammenspiel von Energie, Ressourcen, historischen Prozessen und Gesellschaften zu erforschen. Was dabei unter anderem auf dem Spiel steht, haben wir aus dem Flugzeugfenster gesehen: die Eisberge und Gletscher von Grönland. Was sie gefährdet, sehen wir im Anflug auf Calgary: eines der größten Erdölextraktionsgebiete der Erde, die Athabasca Oil Sands in der Provinz Alberta.

Riesige Landstriche sind hier in geometrische Felder unterteilt und abgegraben. Peter Mettlers im Internet verfügbarer Dokumentarfilm Petropolis. Aerial Perspectives on the Alberta Tar Sands von 2009 vermittelt einen anschaulichen Eindruck von Maßstab und Gewalt der Eingriffe: Durchwühlte schwarze, graue und braune Flächen wechseln sich ab mit Becken voller mehr oder weniger fester oder flüssiger Rückstände. Alles schillert, gelblich, grünlich, bläulich, türkis, giftig. Daneben, jenseits von scharfen Grenzen, die mit dem Lineal in die Landschaft gezogen zu sein scheinen, die üppige boreale Waldnatur des Nordens.

Die Universität Calgary ist, ebenso wie die eine halbe Flugstunde entfernte University of Alberta in Edmonton, vor allem für ihre petrotechnischen Departments bekannt. Klassische geistes- oder sozialwissenschaftliche Inhalte können sich an solchen Orten nur schwer halten. Es überrascht also zunächst nicht, wenn man erfährt, dass hier vor allem zu Geschichte, Folgen und möglichen Zukunftsperspektiven der Ära des Erdöls geforscht wird, für die sich im US-amerikanischen und kanadischen Diskurs seit etwa zehn Jahren der Begriff der »Petromoderne« eingebürgert hat. Überraschend ist allerdings, dass ausgerechnet in einem derart stark von der Erdölwirtschaft dominierten Umfeld Wissenschaft betrieben werden kann, die angemessen kritische Distanz zu ihrem Gegenstand hält. Aber es ist möglich, und vielleicht auch kein Zufall, dass die Zentren der systematischen und interdisziplinären Erforschung der modernen »petrocultures« in Calgary und Edmonton sowie an der ebenfalls aus Ölgeldern finanzierten privaten Rice University in Houston /Texas liegen. Zu den Begründern und einflussreichsten Vertretern dieser energy humanities gehören in Kanada der Literatur- und Kulturwissenschaftler Imre Szeman und in Houston die Anthropologen Dominic Boyer und Cymene Howe, aber auch die Literaturwissenschaftlerin Stephanie LeMenager aus Oregon. 1

Über die Verquickung von Ölgeld und Ölkritik staunen wir in dieser Woche noch öfter, ebenso über den brutalen, binnenkolonialen Abbau der Ressourcen. Einen Tag verbringen wir in den Ölfeldern von Fort McMurray. Anflug per Propellermaschine, am Boden geht es weiter in einem von der Universität gemieteten monströsen SUV. Wir lernen, dass die Athabasca Oil Sands insgesamt im so genannten »First Nations«-Gebiet liegen, dass die dort vertraglich zugesicherte, indigene Selbstverwaltung gerade nicht für die fossilen Ressourcen gilt und dass die riesigen Tagebaue nur den sichtbaren Teil der Extraktion darstellen. Sehr viel ausgedehnter sind die Flächen, auf denen das Bitumen unterirdisch, also chemisch und thermisch, gelöst wird. Angesichts der gigantischen Größenordnung des Ressourcenabbaus und der Fruchtlosigkeit aller Proteste versteht man auch, wie es möglich ist, dass nahezu die gesamte Ökonomie des G7-Staats Kanada auf Rohstoffwirtschaft aufbaut.

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