Die Krise der Erinnerungskultur

Das historische Selbstverständnis der Bundesrepublik gründet seit langem auf der weithin gefestigten Übereinkunft, die eigene Vergangenheit nicht als nationalstolze Kontinuitätserzählung im Gedächtnis zu bewahren, sondern als opferzentrierte Wandlungserzählung. Um zu diesem Geschichtskonsens zu kommen, hat das Land in der öffentlichen Auseinandersetzung um die Verfassung ihrer Geschichtskultur einen weiten Weg zurückgelegt.

Kein Unternehmer würde noch wie der frühere IG-Farben- und nachmalige Bayer-Manager Fritz ter Meer jede Schuld am Leid der für den Konzern schuftenden Zwangsarbeiter mit der kühlen Feststellung abwehren, den Zwangsarbeitern sei ja kein besonderes Leid zugefügt worden, »da man sie ohnehin getötet hätte«. Unmöglich wäre es heute, deutsche Freiwillige in der Kriegsgräberfürsorge »vor zudringlicher Anbiederung und vorlautem Versöhnungseifer« zu warnen, wie es die Welt zum fünfzigsten Jahrestag des Kriegsausbruchs von 1914 tat. Kein Bundeskanzler würde mehr wie einst Ludwig Erhard in einer Gedenkansprache zum zwanzigsten Jahrestag des Kriegsendes den 8. Mai als einen Tag »so grau und trostlos wie so viele vor oder auch nach ihm« bezeichnen. Kein Oppositionsführer würde aus demselben Anlass heute noch wie damals Willy Brandt fordern, es sei nun »genug des bloßen Zurückschauens«, und auch jemandem wie Heiner Geißler würde es nicht mehr einfallen zu behaupten, dass der Pazifismus der dreißiger Jahre Auschwitz erst möglich gemacht habe.

Der historische Konsens

Theodor Adornos bitteres Wort, »im Hause des Henkers soll man nicht vom Strick reden; sonst hat man Ressentiment« gilt zumindest auf staatlicher Ebene längst nicht mehr. Im Gegenteil: Die historische Staatsräson der Bundesrepublik formulierte Bundespräsident Joachim Gauck 2015 anlässlich der Gedenkfeier des Bundestags für die Opfer des Nationalsozialismus in lakonischer Eindeutigkeit: »Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.« Die bei Adorno noch vor allem gegen das staatlich verantwortete »Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie« gerichtete Bewältigungsforderung ist heute ein Handlungsziel für das staatliche Handeln, das sich der Aufarbeitung nicht mehr entgegenstellt, sondern sie aktiv befördert.

Die damit formulierte Norm der andauernden kritischen Auseinandersetzung mit dem Zivilisationsbruch von Auschwitz markierte für fast drei Jahrzehnte den Rahmen des öffentlich Sag- und Vertretbaren. Der Schweigekonsens der Nachkriegszeit wurde seit den späten siebziger Jahren immer deutlicher von einem Aufarbeitungskonsens abgelöst, der sich gegen einen öffentlich verstummenden und gesellschaftlich immer weniger greifbaren Dritten richtete – wegen des generationellen Zeitablaufs in Bezug auf die erste deutsche Diktatur und ihre Menschheitsverbrechen oder durch soziale Marginalisierung und weitgehende Abdrängung der entmachteten DDR-Eliten aus dem öffentlichen Diskurs im Fall der ostdeutschen Nachfolgediktatur.

Der Verbrechenscharakter der Naziherrschaft und der Diktaturcharakter des SED-Regimes sind seither im Grundsatz nicht mehr öffentlich verhandelbar, und die 2010/11 geführte Kontroverse um die Rolle des Auswärtigen Amts im »Dritten Reich« markierte den Abschluss einer konfrontativen Aufklärung. Seither wetteifern im Gegenteil Bundesministerien und oberste Bundesbehörden vom Bundeskanzleramt bis zum Bundesarchiv, vom Justiz- bis zum Gesundheitsministerium in der Aufarbeitung von personellen und mentalen NS-Kontinuitäten ihrer Häuser. Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Nationalgeschichte bildet eine konstante Größe in bundes-politischen Koalitionsverträgen, wie die erneuerte Große Koalition auch 2018 wieder bekräftigte: »Deutschland ist aufgrund seiner Geschichte besonders dafür verantwortlich, die Erinnerung an die Folgen von Diktatur und Gewaltherrschaft wachzuhalten. Dies ist Teil unseres nationalen Selbstverständnisses.«

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