Eine kleine Geschichte der Nostalgie

Retromania: Pop Culture’s Addiction to Its Own Past lautet die kritische Diagnose von Simon Reynolds aus dem Jahr 2011, der erklärt, dass sich die Nullerjahre, anstatt eigenes und Neues hervorzubringen, in Revival, Recycling und Remake erschöpft hätten. Retrotopia nennt Zygmunt Bauman dieses Phänomen ins Politische gewendet: die Phase des Rückbezugs und (politischen) Rückschritts, die auf eine Phase progressiver Zukunftszugewandtheit gefolgt sei. In dem kurz vor seinem Tod fertiggestellten Buch schreibt Bauman, dass wir in einem »Zeitalter der Nostalgie« leben. 2018 spitzt Isolde Charim im Anschluss an Bauman zu: Wir erleben eine durchaus kombattante Form der nostalgischen Sehnsucht, die sich »mit Zäunen, mit Mauern und Stacheldraht« der Veränderung entgegenstellt. Der mittlerweile selbst schon mehrfach in Mode gekommene Begriff der Nostalgie geht auf die griechischen Worte für Heimkehr (»nostos«) und Schmerz (»algos«) zurück und bedeutet im Deutschen bis zu den 1970er Jahren vor allem ein räumlich verstandenes Heimweh. 

Obwohl der Heimkehr-Schmerz international in einem weiteren Sinn diskutiert wird, verstehen manche Intellektuelle ihn als eine typisch deutsche National-eigenschaft, die auf die Romantik und die politische Sehnsucht nach der geeinten Nation, Vorstellung einer idealisierten Vergangenheit, zurückgeht. Der amerikanische Historiker Charles Maier fragte sogar, ob sich Sehnsucht als deutscher Sonderweg verstehen ließe, und meinte, dass die Deutschen sich nach 1945 das Sehnen abgewöhnen mussten. Tatsächlich musste der idealisierende und verzerrende Rückgriff auf die Vergangenheit seitens des Nationalsozialismus die Nostalgie nach Kriegsende politisch suspekt erscheinen lassen.

Wonach konnten sich Deutsche nun sehnen? Viele Zeitgenossen meinten, ihnen sei die Nostalgie abhanden gekommen, so zum Beispiel Karl Heinz Bohrer. Als er in den 1970er Jahren als FAZ- Korrespondent nach Großbritannien ging, sah er dagegen die Briten sich in Nostalgie ergehen. Bohrer bewertete das jedoch gar nicht negativ, denn er verstand darunter den Nachweis eines Sinns für historische Kontinuität, den er bei seinen eigenen Landsleuten vermisste. Für ihn stand fest, dass »die bundesrepublikanische Bevölkerung – ihre Intellektuellen eingeschlossen – über das Jahr 1945 hinaus nicht zurückdenken« könne.

So sehr Bohrers Kritik in Deutschland damals – zumindest vielen Konservativen – einleuchtete, so sehr übersah sie, dass die Bundesrepublik in den siebziger Jahren nicht nur gerade die Zeit vor 1945 zum Thema machte, sondern gleichzeitig lebhaft über eine weitverbreitete und vermeintlich pathologische Welle von Nostalgie diskutierte. Das hätte schon ein Blick in jene Zeitschrift offenbaren können, die Bohrer selbst wenig später herausgeben sollte. Anhand des Merkur lässt sich das bundesrepublikanische Nachdenken über Nostalgie seit den 1960er Jahren nachvollziehen. Der Nostalgie-Diskurs wiederum, der Vergangenheitsreflexion und Gegenwartsanalyse verwebt, ergibt eine Mikrogeschichte der Bundesrepublik und ihrer sich wandelnden Selbstwahrnehmung.

Die Erfindung der Nostalgie

Als kulturelle Erscheinung wurde »Nostalgie« in Deutschland erstmals 1962 von Theodor W. Adorno und Helmuth Plessner im Merkur beobachtet. Die beiden Soziologen mokierten sich über ein plötzliches, von ihnen mit Misstrauen gesehenes Interesse an der Kultur der 1920er Jahre, insbesondere ihrer Schlager, Theaterstücke und Literatur. Diese Verklärung der Weimarer Republik suchten sie zu kurieren, indem sie dieser ihre eigenen negativen Erinnerungen gegenüberstellten. Sowohl in der Beschreibung des Phänomens als auch in seiner Kritik antizipierten Adorno und Plessner den späteren Nostalgie-Diskurs. Den Begriff selbst benutzten sie nicht, stattdessen schrieben sie von »Sehnsucht« und »Revivals«. An einer Stelle wählt Adorno dann jedoch in Anführungszeichen den englischen Ausdruck »nostalgia«.

Während sich die Bedeutung des englischen Wortes »nostalgia« bereits seit der Jahrhundertwende allmählich von einer räumlichen zu einer zeitlichen Sehnsucht verschob, hielt diese Bedeutungsänderung im Deutschen erst um 1970 Einzug. 1971 erweiterte der Brockhaus den bestehenden Eintrag von 1955 zum Heimweh recht pragmatisch um den Nachtrag » auch : Sehnsucht nach Vergangenem«. 

(…)

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Captcha loading...

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere