Mao in Frankreich

Wer Jean-Luc Godards Film La Chinoise (1967) heute anschaut, mag zwischen Irritation, Belustigung und Langeweile schwanken. Trotz der ironischen Brechung ist das Werk streckenweise maoistischer Agitprop und führt halbdokumentarisch vor, wie nicht eben wenige im studentischen und künstlerischen Milieu seinerzeit gedacht und diskutiert haben. Ungläubig verfolgt man die Rituale der Fünfer-Kommune, ihr krauses Vokabular und ungelenke Übungen in Kritik und Selbstkritik. Godard inszenierte das wie ein Lehrstück für die Bühne und nimmt dabei das Scheitern vorweg. Die Vision des Schauspielers Guillaume vom »sozialistischen Theater« nach Art der chinesischen Kulturrevolution erweist sich als Hirngespinst, es misslingt ein Anschlag auf den sowjetischen Kultusminister, den die Philosophiestudentin Véronique ausführen will (nebst Gelegenheitshure Yvonne und dem Physikstudenten Henri als weitere dramatis personae ), weil sie die falsche Tür öffnet und jemand anderen erschießt.

Nur die Wiederholung einer Tragödie im Fernen Osten als hexagonale Farce? Aus heutiger Sicht erscheint es völlig rätselhaft, wie sich Linke in Frankreich (aber auch in Deutschland, Italien und vielen anderen Ländern) ernsthaft auf Theorie und Praxis einer Partei beziehen konnten, die abominable Willkür- und Terrorakte zu verantworten hatte, Millionen verhungern ließ und während der »Großen Proletarischen Kulturrevolution« noch einmal Hunderttausende opferte. Wie konnte das »Mao-Zedong-Denken« die akademische Jugend, junge Arbeiter und nicht zuletzt seriöse Intellektuelle faszinieren? Nachzuvollziehen ist das weder durch Exkulpation als Jugendsünde im »roten Jahrzehnt« noch durch eine Ex-post-Verdammung, sondern durch zeithistorische Kontextualisierung und die Beachtung nichtbeabsichtigter Effekte des Mao-Imports.

Kontexte sind der geopolitische Wandel der 1960er Jahre, die kulturrevolu-tionäre Explosion in den Künsten und die Jugendrevolte um 1968. Geostrategisch spitzte sich im März 1969 der zu Beginn der sechziger Jahre zutage getretene Ideologiestreit zwischen Sowjetkommunismus und Maoismus in einem Grenzkonflikt militärisch zu. Die Akteure der antiautoritären Achtundsechziger-Revolte splitteten sich, wenn sie nicht einfach nach Hause gingen, in Reformer, linksradikale Sekten, Terrorgruppen, spirituelle Gemeinden, Landkommunen auf, Popkultur und Jugendprotest wurden vom Markt und der Gesellschaft des Spektakels neutralisiert.

Der importierte Maoismus war ein neuerlicher Beleg für die Tendenz zur Verschärfung, die dem linken Radikalismus eigen ist, 1 dafür also, wie ein originärer Befreiungsimpuls in freiwillige Unterwerfung mündet. Und, mit einiger Dialektik und Katharsis, zur Versöhnung mit der alten Ordnung auf höherem Niveau führen kann – denn genau darin lagen die unbeabsichtigten Folgen des westlichen Maoismus: im Niedergang der poststalinistischen Arbeiterparteien und darin, dass sich viele linksradikale Sektierer in antitotalitäre Verteidiger der liberalen Demokratie verwandelten. Dabei hat der Maoismus den Blick für die »Dritte Welt« und auf die Opposition in den osteuropäischen Satellitenstaaten der Sowjetunion geöffnet und haben Maoisten früh, wenn auch mit kruden Begründungen, ein Gespür für die deutsche und europäische Wiedervereinigung entwickelt.

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