Pakistans Sicherheitsdilemma

Braucht ein Land Patriotismus? Wenn ja, dann ist Pakistan ein gesegnetes Land. Wer entsprechende Anlässe – etwa die tägliche Flaggeneinholung in Wagah Border, einem der Grenzübergänge zu Indien – miterlebt und den Blick nicht nur auf das britisch-orientalische Militärzeremoniell, sondern auf die Zuschauer gerichtet hat, wird sich an Tausende von Menschen erinnern, die lächelnd kleine grüne Fahnen schwenken und immer wieder mit aufrichtiger Anteilnahme »Pakistan zindabad« (»Lang lebe Pakistan!«) skandieren. Auf Europäer, insbesondere auf Deutsche, die den eigenen patriotischen Gefühlen eher mit Ironie zu begegnen gewohnt sind, wirkt eine solche kollektive, ungebrochene Bejahung nationaler Zugehörigkeit angesichts der Armut des Landes und seiner ethnischen wie auch sprachlichen und kulturellen Heterogenität befremdlich. Und doch kann kein Zweifel daran bestehen, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich hier ausdrückt, authentisch ist.

Seine besondere Intensität verdankt sich in hohem Maß den prekären sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen, mit denen sich das Land seit seiner Gründung auseinandersetzen muss. Pakistan, das ist ein Staat beziehungsweise eine Gesellschaft, in der die zentralen Fragen des politischen Diskurses nicht der Klimaschutz, erneuerbare Energien, Minderheiten, Gender- oder Migrationsprobleme sind, sondern die nationale Sicherheit; wo sich Staat und Gesellschaft aus allen nur denkbaren Richtungen von Feinden bedroht sehen und ungeheure Anstrengungen unternehmen, diese in Schach zu halten – Anstrengungen, die wiederum die wirtschaftlichen Entwicklungs-möglichkeiten des Landes massiv behindern.

Pakistan fühlt sich seit jeher von feindseligen Nachbarn umgeben, gegen die es sich bis an die Zähne bewaffnen zu müssen glaubt. Die Bundesrepublik gibt derzeit 1,2 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Rüstung aus. Sie erregt damit den massiven Zorn Donald Trumps, der Deutschland sicherheitspolitisches Schmarotzertum vorhält und auf der Erfüllung des NATO-Richtwerts von 2 Prozent besteht. Das wirtschaftlich ungleich weniger leistungsfähige Pakistan investiert nach Schätzungen des CIA Factbook sowie der Weltbank hingegen stolze 3,5 Prozent seines Bruttosozialprodukts in seine Streitkräfte – genauso viel wie die Vereinigten Staaten. (Der internationale Durchschnitt für Rüstungsausgaben liegt bei 2,2, der regionale für Südasien und auch der indische bei 2,5 Prozent.)

Das ist der ökonomische Preis, den das Land dafür bezahlen muss, dass es die sechstgrößte Armee der Welt unterhält – allein das Heer umfasst etwa 600 000 Mann, hinzu kommen Luftwaffe, Marine und paramilitärische Einheiten wie die Ranger, die diese Zahl für die gesamten Streitkräfte in den Millionenbereich bringen. Tatsächlich dürften die Rüstungsausgaben Pakistans sogar noch höher liegen als offiziell bekannt, schließlich sind in den Schätzungen einige Posten, so etwa die Kosten für sein Atomprogramm, nicht enthalten.

Das gefährlichste Land der Welt

Der Staat Pakistan ist eine Kunstschöpfung. Der muslimische Teil Britisch-Indiens trennte sich bei der Unabhängigkeit 1947 vom hinduistischen Teil Indiens ab. Mahatma Gandhi und anfangs auch der Gründungsvater Pakistans, Muhammad Ali Jinnah, hatten die Teilung im Vorfeld zu verhindern gesucht. Aber weder Hindus noch Muslimen gelang es, eine akzeptable politische Lösung für ein konfliktfreies Zusammenleben der ungefähr 25 Prozent muslimischer Inder mit der Mehrheit der Hindus zu finden. Bis heute sitzt die Aversion zwischen Indien und Pakistan tief und wird beiderseits von einem massiven Nationalismus befeuert, der sich an der offenen Kaschmir-Frage immer wieder neu entzündet.

Die strategische Lage Pakistans ist angesichts des ungleichen Kräfteverhältnisses zwischen den beiden Nachbarn schwierig. Pakistan hat 200 Millionen Einwohner, Indien über 1,3 Milliarden und zugleich eine deutlich dynamischere Wirtschaft. Pakistan hingegen bekommt seine ökonomischen Probleme nicht in den Griff. Es wächst langsamer als praktisch alle anderen Staaten in Südasien und kann, nicht nur wegen der aufgeblähten Verteidigungsausgaben, sondern auch we-gen niedriger Steuerquoten viel zu wenig Geld für seine innere Entwicklung ausgeben.

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