Viviennis Molitrix

Raff mich auf, in die Quadrate, zum Barbier. Weil der Mann seinen Beruf ernst nimmt, traue ich mich nicht, nach einem einrasierten Scheitel zu fragen, Style aller zeitgenössischen Sechzehnjährigen, die etwas auf sich halten, und damit eigentlich grad gut genug für mich. Ich esse eine Linsensuppe. Auf dem Marktplatz findet ein Hochzeitstanz statt. Das sind die berichterstattungsfähigen Öffentlichkeiten, für die ich mich interessiere.

Neuerdings spiele ich GTA, von morgens bis abends. Einmal war ich so ins Spiel vertieft, dass der Kaffee in der Maschine überlief; ich zog das Kabel aus der Wand und erlitt einen Stromschlag. Meine Todesfurcht war gerührt, und doch raste ich kurz darauf schon wieder durch Los Santos. Vielleicht daher das plötzliche Interesse an so einem jugendlichen Scheitel, frisurgewordene Antwort auf den sogenannten Rechtsruck, der ja eher die spontane Entleerung eines knapp unter der Oberfläche immer schon schwelenden, geradezu kosmisch anmutenden Furunkels ist.

Ich lerne, wie man Amok läuft, zum Yoga geht, eine Jacht kapert, eine Waffe auswählt, zielt, die verschiedenen Kraftbalken im Auge behält. Ich lerne präsent zu sein in einer fiktiven Welt und ja, das ist ein Real-Life-Skill.

Vor einem Weinausschank in einem kleinen, bahnhofslosen Ferienort plaudern wir mit der britischen Bürgermeistergattin. Can trinkt sein viertes Glas Blanc de Noirs. London hat mir gut gefallen, sage ich, aber ich würde nicht zurückziehen, es war mir irgendwie zu … und bevor ich hektisch sagen kann, meint die Bürgermeistergattin mit einem verständnisvollen Nicken: zu multikulturell. Zu hektisch, sage ich nun endlich, ja, genau, wiederholt sie, zu multikulturell. Prost, sagt Can, zum Wohl, sage ich, Jooooo, sagt der Dorfalkoholiker, der uns gerade anvertraut hat, dass er zwar auf viel zu junge Mädchen steht, mit lieben, speckigen Armen, aber sehr gut weiß, dass er seinen Gelüsten nicht nachgeben darf, und er sagt es mit einer rieslinggestählten Deutlichkeit. Später essen wir Saumagen und wundern uns über des Gerichts schlechten Leumund.

(…)

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