Was wahr sein könnte. Plädoyer für eine fiktionale Empirie

Ich denke laut nach. Warum dürfen Wissenschaftler ihre Quellen eigentlich nicht erfinden? Ich meine nicht: Täuschung, ich meine nicht: Fälschung. Es gibt hinreichend viele Betrugsfälle, die das Vertrauen in die wissenschaftliche Wahrheit langsam, aber sicher zu zerstören drohen. Das mag mit der fatalen Tendenz zur gnadenlosen Output-Orientierung des Betriebs zusammenhängen, der Inhalte anhand monetär verwertbarer Indexziffern filtert; das freilich ist ein anderes Thema. Ich meine auch nicht die gerade um neue Fälle vermehrten wissenschaftlichen Fakes à la Sokal, die mal wieder zeigen sollen, was für einen Quark zu produzieren »postmoderne« Geisteswissenschaftler sich nicht entblöden. Nein, ich meine: wahrhaftige Quellen erfinden, eine Empirie, die es nicht gibt, die aber wahr sein könnte. Möglicherweise machen das einige von uns ohnehin hier und da ganz ungewollt: Man entwickelt eine Argumentation, und dann fällt einem das Zitat ein, das wie die Faust aufs Auge passt, ganz präzise erinnert man sich an den Wortlaut – nur im Moment nicht daran, wo es steht. Macht nichts, Beleg wird folgen.

Wenn der Text fertig ist, beginnt man die Lücken zu schließen und das Zitat in seinen Unterlagen zu suchen. Man blättert und wühlt, aber da ist nichts, da kommt nichts, denn siehe da: Das Zitat existiert nicht. Man findet nur irgendetwas, das entfernt mit der vermeintlich so exakten Erinnerung zu tun hat, kaum jedoch mit dem, was man zu belegen sucht. Man ist einer Erfindung des innersten Ich aufgesessen, die man schließlich selbst entlarvt und beiseite wischt. Ließe man das »Zitat« stehen, wäre es Schwindel. Doch wie wäre es, so ein nichtexistentes Zitat als Fiktion auszuweisen, es von der Fälschung in eine Möglichkeit zu verwandeln? Und was könnte das bringen?

Fiktion als Quelle

In der Wissenschaft gibt es Stimmen, die fiktionale Texte für die wissenschaftliche Analyse fruchtbar machen wollen. Die »stumme, schweigsame Dimension« des Sozialen sei, so Thomas Alkemeyer, mit den Instrumenten der Soziologie weder adäquat zu analysieren noch darzustellen. Literatur dagegen bringe zur Sprache, »was sich nicht exakt berechnen oder eindeutig formulieren lässt«, kurz: Sie vermittele »einen lebendigen Eindruck der empirischen Fülle des Lebens … Die Stärke literarischer Darstellungen liegt … darin, die unaussprechlichen Unterschwelligkeiten symbolischer Gewalt präsent zu machen und gewahr werden zu lassen, wie sich abschätzige Gesten, Blicke oder Scherze physisch anfühlen, wie sie die Vorstellungen und das Erleben buchstäblich penetrieren.« Schriftsteller, so auch Maja Suderland, seien in der Lage, etwas über die Welt zu vermitteln, das sich der Soziologie verschließe. Diese jedoch könne die Romane mithilfe literatursoziologischer Methoden zerlegen und »zeithistorisch plausible und ›lebenswarme‹ … Zeitfiguren « synthetisieren, die einen beispielsweise die »Zeit kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges historisch noch klarer ›sehen und nachempfinden‹« lassen.

Das leuchtet ein, Literatur macht der Wissenschaft sichtbar, was diese mit ihren Mitteln nicht sehen kann. In beiden Texten bleibt allerdings offen, was genau die literarische Beobachtung qualitativ von der soziologischen unterscheidet. Schriftsteller – man denke an Zola oder Musil – recherchieren oft selbst so intensiv wie Wissenschaftler. Sind sie in der Lage, mehr und anders zu sehen als Wissenschaftler (und warum)? Oder haben sie bloß eine freiere Hand in der Gestaltung des Stoffes? Schriftsteller immerhin sind legitimiert, wissenschaftliche Texte nachzuahmen, sie sich durch Mimikry regelrecht anzuverwandeln, und sie dürfen Forschung durchaus fantasievoll erzählen. Wissenschaftler dagegen, und das deutet eine Abgrenzung an, müssen Forschung betreiben. Schon literarische Formen des wissenschaftlichen Schreibens stoßen rasch auf Kritik von Kollegen. Ethnologen, französische Historiker und amerikanische Soziologen gönnen einander da mehr, deutsche Fachvertreter sind eher mit dem vergifteten Lob des »populären« oder auch nur »eleganten« Stils bei der Hand. Grundsätzlich jedoch dürften alle Wissenschaftler eine Differenz zwischen den gesellschaftlichen Subsystemen Kunst und Wissenschaft mit ihren spezifischen Codes sowie den Modi der Wissensproduktion und des Darstellens machen.

(…)

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Captcha loading...

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere