Derrick, Walter Sedlmayr, die Schauspielkunst und ich

Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen.

Ich wachse in einer Einfamilienhaussiedlung auf. Waldrand, Jägerzaun. Kochrezeptsammlung aus der Hausfrauenzeitschrift Ich und meine Familie , die in Meine Familie und ich umbenannt wird, weil eine deutsche Hausfrau an sich selbst zuletzt denkt. Siebziger Jahre, ein Hauch von Freiheit, das heißt: Man kocht auch mal gewagte Gerichte mit Curry und Ananas. Man weiß, welcher Nachbar seine Frau schlägt; wahrscheinlich tun es die meisten. Das geht einen nichts an.

Einer darf ungestraft in diese kleinen, ängstlich voneinander abgeschotteten und dabei Nachbarschaftlichkeit simulierenden Familienzellen eindringen: Oberinspektor Stephan Derrick vom ZDF. Das Verbrechen ermächtigt ihn dazu. Vor ihm war da noch Kommissar Keller, neben ihm ermittelt Erwin Köster, der »Alte«. Das Schlimmste am Verbrechen ist, dass man den Ermittlern die Tür öffnen muss. Aber die Angstlust, die Tür zu öffnen, muss groß sein: Siebenundneunzig Folgen Der Kommissar von 1969 bis 1976. Zweihunderteinundachtzig Folgen Derrick von 1974 bis 1998. Vierhundertachtzehn Folgen Der Alte von 1976 bis heute. Ein endloser Strom aus Schuld, Scham und Schande, mit Strafe als Gnade. Die Ordnung wird gestört, die Ordnung wird wiederhergestellt, von unleidlichen, unwirschen Beamten, kalten Vaterfiguren, deren Ungeduld die Handlung vorantreibt.

Wenn Derrick klopft und dann sofort auch in der guten Stube steht, weil es in Deutschland selbstverständlich ist, dass man die Herren von der Polizei höflich hereinbittet, gibt es im Jugendzimmer den längst verlorengegebenen Sohn, der zu laut Musik hört, also auf die schiefe Bahn gekommen ist, die nun wieder begradigt werden muss. Die Schande hätte sich vermeiden lassen, wenn es nur nicht diese Triebe gäbe, die immer ins Verderben führen und für die man nun büßen muss, so wie der Apotheker, der nach dem Abi-Treffen nicht betrunken die beiden Anhalterinnen hätte mitnehmen und sich von ihnen ablenken lassen dürfen, dann hätte er auch nicht Derricks Kollegen totgefahren und wäre auch nicht von den bösen Freunden der Anhalterinnen erpresst worden, deren Zwielichtigkeit ja schon einzig dadurch klar war, dass sie Anhalterinnen sind. Keine Anhalterinnen = kein Risiko = kein Verbrechen.

Die Menschen sind nach einfachen Regeln durchschaubar, und Derrick durchschaut sie von Amts wegen. Der Frau, die neben dem erschossenen Freund sitzt, stellt der Inspektor sofort mit übergriffiger Zutraulichkeit die entscheidenden Fragen: Wie alt sie denn sei? (Sie ist sehr jung.) Ob sie feste Arbeit habe? (Nein.) Ob sie verheiratet sei oder wenigstens heiraten wolle? (Nein.) Natürlich ist sie die Mörderin, bei so viel Verlotterung wäre alles andere nicht zumutbar.

Am Ende zeigt Derrick dann oft in geradezu atemberaubender Verlogenheit Mitleid mit den Schwachen und Gestrauchelten, die sein Drehbuchautor eben mit sadistischem Vergnügen in den Abgrund geschickt hat. So kann das Publikum sich an beidem erfreuen: an der gerechten Strafe und an der mildtätigen Ratlosigkeit, mit der sich der Ermittler aus allen moralischen Konflikten entschuldigt. Derrick ist eine nimmermüde Straf-, Entlastungs- und Verdrängungsmaschine. Es gibt keinen Ausweg außer der Staatsgewalt.

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Und natürlich ist das alles, kurz gesagt: Waffen-SS. Der Drehbuchautor von Kommissar und Derrick, Herbert Reinecker, der das melodramatische Bild von der deutschen Kleinfamilie als ewig von den Trieben ihrer Angehörigen gefährdeten Mikrokosmos am Rande des Untergangs prägt? Nazipropagandist, Waffen-SS. Der Derrick-Darsteller Horst Tappert in seinem dicken Steppmantel aus falschen Gefühlen? Waffen-SS, Totenkopf-Division, wie nach seinem Tod herauskam. Im Deutschunterricht sehen wir Volker Schlöndorffs Blechtrommel-Verfilmung, ein auch erotisch aufwühlendes Erlebnis. Ein Film nach der Romanvorlage von Günter Grass, Waffen-SS, wie vor seinem Tod herauskam. Nicht nur die Beklemmungs-, auch die Befreiungserlebnisse meiner Jugend stammen auf rätselhafte Weise aus dem Umfeld der Waffen-SS. Gewaltherrschaft des falschen Gefühls.

Das weiß ich als Junge alles nicht, ich spüre nur die Beklemmung. Für mich ist die Welt der deutschen Fernsehserien und Quizshows gleichzeitig aber auch ein Erlösungsangebot. Es ist der Ruhm, der Erlösung verspricht: Wenn man einmal so berühmt ist wie die auf dem Bildschirm, dann muss es mit der Beklemmung, für die man keine Sprache findet, vorbei sein. Dann bricht die Zeit der wahren Gefühle an und die Zeit der wahren Worte.

1987 trete ich in dieser Fernsehwelt zum ersten und einzigen Mal körperlich in Erscheinung. Ich bin Schauspielschüler an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule, erster Jahrgang. Ich stehe in einem Büro der Neuen Münchner Fernsehproduktion von Helmut Ringelmann und unterschreibe einen Vertrag für eine winzige Rolle in der ersten Folge einer neuen Vorabendserie mit Walter Sedlmayr, die Eichbergers besondere Fälle heißt und in der ein putzig grantelnder Hausmeister drollige Kriminalfälle löst.

Die Neue Münchner hat erst den Kommissar produziert, dann Der Alte. Derrick lässt Ringelmann von der Telenova herstellen. An den Wänden des kleinen Büros hängen Gesichter aus der deutschen Fernsehfamilie. Als ich vor dem Eichberger -Produzenten stehe, wird ihm der Anruf eines Schauspielers durchgestellt, den ich aus meiner Fernsehzuschauerjugend gut kenne – eine kleinere Gottheit aus dem Olymp. Der Schauspieler bettelt um Arbeit, der Produzent wimmelt ihn ab. So lerne ich schnell viel über die Wirklichkeit des Metiers.

Die Otto-Falckenberg-Schule ist an die Münchner Kammerspiele angeschlossen, die mit ihrem Intendanten Dieter Dorn gerade als edelste deutsche Bühne gilt. Die Aufnahmeprüfung ist hart, es gibt siebenhundertfünfzig Bewerber auf vierzehn Studienplätze. Ich bin ein Auserwählter. Über die Aufnahmeprüfung im Jahr nach der meinen erscheint eine Reportage im Stern, auf einem Foto bin ich unscharf zu erkennen.

Die Ausbildung ist so: Ich soll ganz ich selbst sein, aber auch verwertbar, und am verwertbarsten bin ich, wenn ich an einen Erfolgsschauspieler erinnere, das aber ganz aus meiner Mitte heraus. (Ich bin »der neue Edgar Selge«.) Außerdem soll ich mich öffnen, auch das möglichst ganz. Ich soll meinen Körper kontrollieren, aber auch entgrenzen lernen, und zwar um die Fantasien eines Regisseurs zu verkörpern, der mich kontrollieren wird. Ich soll verfügbar sein, egal ob für Derrick oder Dieter Dorn. Ob man Fortschritte macht, entscheiden Lehrer und Lehrerinnen, die bei Bedarf durchaus auch mit einem schlafen wollen. Es fällt mir heute schwer, das alles nicht als Einübung von Missbrauchsbereitschaft zu verstehen.

Im Eingangsflur der Schule auf dem Hof des Theaters klebt oben an der Wand ein blutiger Tampon. Eine Mitschülerin soll ihn sich aus der Scheide gezogen, dort hingepfeffert und dazu gebrüllt haben: »Ihr wollt alles von mir? Da habt ihr es!« Dabei darf man nicht vergessen, dass jeder Wutanfall auch ein Auftritt ist, ein Karriereschritt. Entdeckt werden kann man überall, auch im Flur.

Schauspieler/innen, die ich aus dem Fernsehen kenne, begegne ich jetzt in der Theaterkantine. Das sonore Schnarren von Thomas Holtzmann verfolgt mich bis in meine Alpträume. Mit den Fernsehrollen finanziert man sich die neuen Gartenmöbel für das Haus am Starnberger See. Skrupellos macht man bei Derrick oder vor dem Alten Männchen, auch wenn man Rolf Boysen oder Thomas Holtzmann heißt. Die Vorstellungen für den eigenen Wohlstand gehen nicht weit über die in der Eigenheimsiedlung meiner Kindheit hinaus.

In der ersten Folge der neuen Serie mit Walter Sedlmayr habe ich zwei Sätze. Für jeden Satz bekomme ich vierhundertfünfzig D-Mark. Der zweite Satz lautet »Nein«. Am Set – ein enges Treppenhaus, ich stehe hinter einer Wohnungstür und muss Sedlmayr öffnen – regiert der Star. Der Regisseur tritt eher duldend in Erscheinung. Sedlmayr ist das Werbegesicht der Paulaner-Brauerei (»Gud, bässa, Baulana!«) und hat in einhundertdreißig Folgen Polizeiinspektion 1 die Hauptrolle gespielt: Putzig grantelnder Polizeirevierschichtführer löst drollige Fälle und zementiert dabei traditionelle Geschlechter- und Autoritätsverhältnisse. Er weiß, wo ich stehen muss, damit er gut aussieht, und sagt es mir deutlich. »Wenn der schon am ersten Drehtag so eine Laune hat, wie soll das dann noch werden?«, seufzt die Kostümfrau. Ich sage mein »Nein« auf und gehe nach Hause.

Dieter Dorn inszeniert den Faust. Dorn-Inszenierungen sind wie gigantische Konfektschachteln. In die Faust -Konfektschachtel wird als Gretchen Sunnyi Melles gesetzt, die große Jungdiva am Haus. Sie war auch auf der Falckenberg-Schule – so viel Karriere ist möglich, das habe ich täglich vor Augen. In der Kantine bittet sie mich, den zarten Schauspielschüler im ersten Jahr, um Feuer und beugt sich zu mir herab. Mein Feuerzeug ist falsch eingestellt, und die Stichflamme fackelt ihr ein paar Haare ab.

Dorn will das Gretchen nackt sehen, aber eine Nacktszene ist Sunnyi Melles nicht zuzumuten. Als Schauspielerin verkauft man Leib und Seele schichtweise. Bürgerliche Moral funktioniert als Instrument der Wertsteigerung für nackte Haut, die teurer ist als gespieltes Gefühl. Das Natürliche lässt sich im Zustand der Schmierigkeit teurer verkaufen, und je mehr als Anstand verkleidete Aufmerksamkeit man ihm schenkt, desto schmieriger und teurer wird es; das unterscheidet das Stadttheater vom Straßenstrich, wo die Verhältnisse vergleichsweise unkompliziert sind. Für ein paar Augenblicke, in denen man das nackte Gretchen sitzend von hinten erspäht, noch dazu von einem Gazevorhang halb verborgen, muss also an den Münchner Kammerspielen ein Body Double her, eine ausgebildete junge Schauspielerin, die nichts tut, als ihren nackten Leib zu zeigen, den man für den einer anderen halten soll, was er selbst aus dem Rang sichtlich nicht ist. Die Inszenierung wird ein epochaler Erfolg.

Ein paar Jahre später wird Sunnyi Melles Peter Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Sayn heiraten und von da an Judith-Viktoria Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein-Sayn heißen. Walter Sedlmayr wird man mit einem Hammer erschlagen. Der Tatort wird sexualisiert. Dass der Volksschauspieler schwul war, durfte niemand wissen. Seine Mörder haben ihn nackt ans Bett gefesselt und gefoltert, bevor sie ihn erschlagen haben. Alles soll auf einen Sadomaso-Mord hindeuten, begangen von einem Strichjungen. Die Scham und Schande des nackten toten Körpers, die Scham über den nackten toten Körper, das tote Leben des toten Fernsehvorabendstars sollen davon ablenken, dass die Täter nur an sein Geld wollten. Fünfzig Strichjungen müssen bei der Polizei aussagen. Die Paulaner-Brauerei lässt sofort alle Plakate mit Sedlmayr überkleben. Der ermittelnde Kommissar stilisiert sich später zum Derrick aus dem wirklichen Leben.

Eine Körperinszenierung. Körperlich anwesend sein, ganz, immer. Präsenz zeigen. Alles geben, noch als Leiche etwas darstellen, in einer Welt, die auf beunruhigende Weise durchsexualisiert ist, sich aber nie ohne Scham zur Sexualität bekennen kann und sie entschlossen funktionalisiert. Und die dann an der Schamgrenze Verbrechen inszeniert, in Film, Funk und Fernsehen und im wirklichen Leben. Und dann kommt Derrick, der übergriffig seufzt. Mein Körper möchte in meiner Münchner Schauspielschulzeit gar keine Sexualität. Er wird schon gewusst haben, was er tat. Ich breche die Schauspielschule nach einem Jahr ab und habe kurz darauf wieder ein Liebesleben.

Das Body Double von Sunnyi Melles macht Karriere als Tatort-Kommissarin. Ich werde Kritiker.

Vor kurzem hat sich die AfD beim Deutschen Fernsehen über den Tatort beklagt, ganz oben bei den Intendanten. Das Multikulti-Patchworkfamilienleben der Ermittler sei unanständig, undeutsch. Gefordert wurde ein Sonntagabendkrimi, in dem man sich mit seinen konservativen Werten wiederfinden könne. Anständiges Familienleben, Vatermutterkind, die zitternd darauf warten, dass Derrick kommt und sie bestraft und durch die verdiente Strafe erlöst. Die Vergangenheit vergeht nicht, und die Enge darf sich nicht weiten.

In der Einfamilienhaussiedlung, in der ich aufgewachsen bin, ist – abgesehen von den verdeckten Grausamkeiten in der Familie, die natürlich niemanden etwas angehen – meines Wissens nie ein Verbrechen geschehen. Nie ist die Polizei gekommen, in über fünfzig Jahren nicht, und schlimm sind ja auch nicht die Verbrechen selbst, schlimm ist, wenn die Polizei kommt.

Vor zehn Jahren haben in der Siedlung einmal Kinder ein paar Chinaböller in den Briefkasten an der Ecke geworfen, dort hängt jetzt ein neuer. Bis heute sagt mir meine Mutter, dass man diesen Briefkasten nicht benutzen dürfe, er sei nicht mehr sicher und könne jeden Augenblick in die Luft fliegen. Die Angst sitzt tief, wenn man nicht sehen will, woher sie eigentlich kommt.


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