Alexandru Dragomir: In der Zeit sein

Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen.

Ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich ihm begegnete. Im Dezember 1985, kurz vor Weihnachten, lud mich Constantin Noica, einer der bekanntesten rumänischen Philosophen, in die Wohnung eines Freundes zu einem privaten Vortrag über Platons Ideen ein.

»Dragomir wird auch kommen«, sagte er.

Was ich über ihn wusste, war nicht viel. Nur dass Alexandru Dragomir Noicas Freund und Heideggers Student gewesen war. Damals war ich Vordiplomstudent an der Fakultät in Bukarest und strebte den Abschluss in Philosophie an. Ich glaube, Noica lud mich zu jenem exklusiven Symposium ein, weil ich seinen Rat befolgt und damit begonnen hatte, Altgriechisch zu lernen.

Am Tag des Vortrags hatte es in Bukarest geschneit, und die öffentlichen Transportmittel waren unvorhersehbar geworden; deshalb nahm ich das Auto meiner Eltern. Es wurde ein Treffen in kleinem Kreis, wobei ich der Jüngste von allen war. Noicas Vortrag war kurz, aber fesselnd. Anschließend verstrickte er sich mit Dragomir in eine hitzige Diskussion. Dabei waren beide so scharfsinnig, flott, geistreich und gleichzeitig zuvorkommend, dass sie mir exotischer erschienen als die Gamaschen, die Noica trug. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich auch nur ein Wort gesprochen hätte.

Als Noica und Dragomir aufbrechen wollten, bot ich an, sie zu fahren, und sie akzeptierten dankbar. Sie nahmen auf dem Rücksitz Platz und führten gestikulierend ihr Gespräch fort, Noica nach oben deutend, Dragomir nach unten. Ich schenkte ihrer Diskussion mehr Aufmerksamkeit als dem Fahren und verlor bald die Kontrolle über den Wagen, die Straße war vereist und mit Neuschnee bedeckt. Der Wagen begann, sich zu drehen. Ich geriet in Panik, sah schon die Schlagzeile: »Rumäniens prominentester Philosoph von einem Philosophiestudenten getötet.« Ich beobachtete die beiden im Rückspiegel, der wie ein stiller Punkt inmitten des Wirbels von Blocks und Häusern war, und dachte mir: »Gottseidank ist es Sonntag, und die Straßen sind menschenleer.« Dann geriet das Auto in einen Schneehaufen, und die Welt kam zum Stillstand. Die beiden jedoch fuhren mit ihrer Debatte fort, die Arme in der Luft, Noica nach oben deutend, Dragomir nach unten.

Dragomir wurde 1916 geboren. Zwischen 1933 und 1939 studierte er Philosophie und Jura an der Universität Bukarest. Er wollte das Studium der Philosophie fortsetzen, Rumänien war allerdings zu jener Zeit ein geradezu unmöglicher Ort dafür. 1941 war Dragomir fünfundzwanzig Jahre alt, wurde in die Armee einberufen und glaubte, dass die einzige Lösung ein Langzeitstudium im Ausland sei. Zunächst ging er an die Breslauer Universität, um Altgriechisch, Latein und Deutsch zu studieren; dann erhielt er ein Humboldt-Stipendium und immatrikulierte sich als Doktorand an der Universität in Freiburg im Breisgau, unter der Betreuung von Martin Heidegger. Es ist nicht bekannt, was das genaue Thema der Arbeit war, an der er unter Heidegger arbeitete, nur dass es um Hegel ging.

Während einer Sprechstunde hatte Dragomir Heidegger verraten, dass er eine interessante Interpretation zu einem Hegel-Thema gefunden hätte, aber keinen textlichen Nachweis, um diese zu belegen. Daraufhin soll Heidegger zu einem Regal gegangen sein, in dem sich eine Gesamtausgabe von Hegels Werk befand, einen Band herausgenommen, einige Seiten überflogen und Dragomir das aufgeschlagene Buch mit den Worten gereicht haben: »Nun, Herr Dragomir, hier ist der Textnachweis, nach dem Sie suchen.«

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Dragomir erzählte mir, er habe einmal Heidegger zu seinen Studenten sagen hören, sie mögen doch »Dinge denken, um sich selbst zu kompromittieren«.

»Als ich das hörte«, berichtete Dragomir, »entspannte ich mich und dachte mir: Nun, das ist etwas, das ich gewiss besonders gut kann.«

1943 ging Dragomir zum rumänischen Militär, verließ deshalb Freiburg ohne Abschluss. Er wurde an die Ostfront verschifft und 1944 wieder entlassen. Er kehrte in seine Heimat zurück. Einige Jahre später kamen die Kommunisten an die Macht. Unter ihrem Regime konnte Dragomir keine akademische Karriere verfolgen. Er nahm verschiedene merkwürdige Jobs an. In den späten fünfziger Jahren war er in der Lieferabteilung eines Staudammwerks angestellt, das sich damals »Wladimir Iljitsch Lenin Hydrozentrale« nannte. Er erzählte mir, dass er dort einen verarmten, kleinen, alten Mann getroffen habe. Sie kamen gut miteinander aus. Eines Tages nahm dieser Alte ihn beiseite und sagte zu ihm: »Weißt du, ich habe zwei Vornamen. Einer ist ganz gewöhnlich, Ion . Keiner aber kennt den anderen. Er lautet Napoleon . Das ist wahr, ich schwöre es. Verrate es aber keinem.«

(…)

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