Herr Grzesiek und mein Großvater

Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen.

»Hätten die Amerikaner ihre Atombombe doch einfach auf Deutschland geworfen, dann wäre Ruhe gewesen«, sagt Herr Grzesiek und fügt hinzu: »Damals, 1940, habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie in Praga, am anderen Ufer der Weichsel, ein Deutscher in einer grauen Uniform ein jüdisches Mädchen erschoss. Einfach so. Am helllichten Tage. Mitten auf der Straße. Vor aller Augen.« Pan Grzesiek war als Jugendlicher Zwangsarbeiter bei der Eisenbahn. Die Stadt, in der er aufwuchs, gibt es nicht mehr, weil die deutschen Besatzer im Spätsommer 1944 nach der Niederschlagung des Aufstands Haus für Haus in Brand gesetzt hatten. Jetzt sitzt Herr Grzesiek auf dem Balkon eines Warschauer Hauses, das nur stehengeblieben ist, weil es ganz am Rand der Stadt gebaut wurde. Unwirsch erzählt er vom Krieg. Jetzt fragt er, woher ich komme. Ich erzähle von meinem Großvater Heinz, der drei Jahre früher als er zur Welt gekommen war und sich als Siebzehnjähriger noch kurz vor Kriegsende freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hatte. Er lebt in Görlitz in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit Gasetagenheizung, Raufasertapete an allen Wänden und meiner Großmutter, die sich rund um die Uhr um ihn kümmert. Herr Grzesiek lebt allein in einem Zimmer, die Wände wurden vor einigen Jahrzehnten das letzte Mal gekalkt. Die letzten Nachbarn in dem Haus, das von der Stadt verwaltet wird, zogen schon vor Monaten aus.

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2017 gehört die Erinnerung an den Krieg zum Warschauer Alltag. Sie ist omnipräsent, aber nicht weiter auffällig. Deshalb bin ich überrascht, als ich im Frühjahr großformatige Plakate einer »Bewegung für politische Hygiene« im Zentrum entdecke. Der Grafiker hatte den Metallbogen des Tors zum Stammlager von Auschwitz mit dem Spruch »Reparationen machen frei« überschrieben. Ein Foto von ausgemergelten Lagerinsassen ist mit einem schwarz-rot-goldenen Stempel versehen: Made in Germany. Ich empfinde das als Provokation, gehe aber der Sache nicht weiter nach. Doch als Jarosław Kaczyński in einem Interview mit Radio Maryja verkündet, die Deutschen hätten ihre Kriegsschuld nicht beglichen, wird klar: Es hat sich etwas verändert, und die Plakate waren nur die visuellen Vorboten. Nach über zwei Jahrzehnten von Versöhnungsinitiativen und dem beiderseitigen Ringen um Verständigung hatte sich eine neue Normalität des Austauschs eingestellt. Doch hatten sich wirklich alle in dieser neuen Qualität von Nachbarschaft wiedergefunden? Die Regierung der Partei »Recht und Gerechtigkeit« hält diese Normalität für eine Folge geschickter deutscher Politik und setzt gezielt auf Konfrontation, auf rigoroses Einfordern und auch auf Diffamierung. Dabei geht es nicht um den Auftakt zum Gespräch mit der deutschen Seite. Die Adressaten dieser Politik sind die Wähler der PiS in Polen, denn sie bekämen es zu spüren, wenn Polen ab 2020 weniger EU-Subventionen erhielte.

2016 hatte sich die antiwestliche Rhetorik noch gegen Brüssel und damit indirekt auch gegen eine deutsche Dominanz in der Europäischen Union gerichtet. Ab dem Sommer 2017 wenden sich Kaczyński und sein damaliger Außenminister offen gegen Deutschland. Sie stellen die rechtliche Konstruktion der Nachkriegsordnung in Frage, die seit dem Abkommen von Potsdam stets auf eine Friedenskonferenz in der Zukunft verwies. Das offizielle Polen sieht Deutschland nicht mehr als starken Verbündeten. PiS-nahe Medien stellen es seither systematisch als feindselig und antipolnisch dar. Das Staatsfernsehen bezeichnet die deutsche »Flüchtlings- und Multikultipolitik« als Geheimwaffe, mit der Berlin gezielt das Ende des Abendlands einleiten will. Zu den anderen Dauervorwürfen gehört, dass der deutsche Staat polnische Kinder germanisiere, wenn das Jugendamt in der Ortschaft X in einem Sorgerechtstreit im Sinne des deutschen Elternteils entscheidet. Außerdem setze sich Deutschland systematisch über den Willen der kleineren Staaten innerhalb der EU hinweg. Und es befördere das, was in Polen »Ideologia Gender« heißt – die Abwendung von einem traditionellen, patriarchalischen Familienbild, in dem Frauen vor allem für die Geburt von Kindern und ihre Aufzucht zuständig sind und Homosexualität als Problem dargestellt wird.

Das Wort der Stunde ist »Podmiotowość« – die Fähigkeit, Entscheidungen eigenständig umzusetzen. Seine fortwährende Verwendung unterstellt, Polen sei innerhalb der EU nicht mehr souverän, weil es in den zwischenstaatlichen Verträgen bestimmte Entscheidungskompetenzen an die Union abgetreten hat. Was Jarosław Kaczyński und seine Minister verschweigen, ist, dass frühere Regierungen demokratisch legitimiert für den Beitritt gestimmt und sich aktiv an der Ausarbeitung von Kompromissen innerhalb der Union beteiligt hatten. Die Komplexität bestehender Verträge, die Polen selbst unterzeichnet hat, stellen sie deshalb immer wieder als Verschwörung gegen Polen dar.

(…)

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