Im Nebel. Theaterkolumne

Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen.

Die Luft ist wie Watte, so dicht, dass ich mich selbst nicht mehr sehen kann. Der künstliche Dunst reizt die Atmungsorgane. Das eindringliche Dröhnen mischt sich mit einem leisen Zischgeräusch von unten, wo auch immer das sein mag. Mein Herz klopft, Panik steigt auf. Immerhin führt mich ein Seil durch den Kellerraum des Bochumer Schauspielhauses, von dem ich nicht weiß, ob es sich um einen Saal oder die Besenkammer handelt. Nicht, dass man mich nicht gewarnt hätte, ich musste einen anderthalbseitigen Text unterschreiben, in dem ich darüber aufgeklärt wurde, welche Gefahren von Nebel und Stroboskoplicht in der Installation Zee für Epileptiker und junge Menschen ausgehen können. Da ist schon wieder die Tür. Mit ihr im Rücken geht es besser. Nun sehe ich doch etwas: aus- und ineinander morphende, flirrende Muster und Farben in ständigem Wandel. Aber sehe ich sie wirklich? Oder gaukelt mir mein orientierungslos gewordenes Gehirn etwas vor? Für eine minutenlange Ewigkeit löst sich die Grenze zwischen mir und dem Raum auf – blanke Physik, die sich anfühlt wie Magie.

Es ist kein Zufall, dass das Bochumer Schauspielhaus die Intendanz von Johan Simons mit der immersiven Nebel- als Selbstverlusterfahrung des österreichischen Künstlers Kurt Hentschläger eröffnet. Nebel im Verbund mit seinem unabdingbaren Partner Licht hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Entwicklung im Theater genommen: Er ist von der belächelten Hilfskraft zum ernstzunehmenden Protagonisten, ja zum Medium der Selbstreflexion aufgestiegen. Sind seine gehäuften Auftritte Ausdruck des Orientierungsverlusts in einer Welt, in der die alten ideologischen Überzeugungen nicht mehr weiterhelfen? Oder hat die wachsende Interdisziplinarität mit angrenzenden Künsten für einen neuen Materialismus in der Theaterkunst gesorgt? Denn obwohl es den Bühnennebel schon so lange wie das Theater gibt, sortiert ihn das Literatur- und Sprechtheater meist in die Hokuspokuskiste: Er zeichnet weich, wo Schwachstellen übertüncht werden sollen, illustriert Gefühle und Atmosphären, wenn Text und Schauspieler es alleine nicht schaffen, gilt generell als gefühliges Ausdrucksmittel und schwampfiger Antipode scharfer Analyse. Günstig und tourfähig ist Nebel übrigens auch; preiswerte Apparate gibt es bereits ab 70 Euro.

Reflektierende Schwebestoffe

Physikalisch ist Nebel ein Aerosol, ein heterogenes Gemisch aus flüssigen Schwe-bestoffen und Luft. Schon auf den Open-Air-Bühnen der Antike wurden Öle erhitzt, bis sie zu Ölgas verdunsteten; eine Methode, die mit Paraffin bis weit in die 1980er Jahre auch in geschlossenen Räumen praktiziert wurde, trotz gefährlicher Nebenwirkungen: Nicht nur entwickelten sich beim Verdampfen toxische Substanzen, auch die mit brennbaren Ölpartikeln getränkte Luft war ein Sicherheitsrisiko.

Dass heute Schauspieler selbst in dichten Nebelschwaden ohne massives Gehuste und Gesundheitsschäden spielen können und ein zwölfminütiger Aufenthalt im Bochumer Nebel-Mindfuck einigermaßen unschädlich bleibt, geht auf den schleswig-holsteinischen Effektspezialisten Günther Schaidt zurück. Er erfand 1973 die vom Prinzip her bis heute gebräuchliche Nebelmaschine. Sie verdampft ein Fluid aus Glykogen und demineralisiertem Wasser; der daraus entstehende Dunst (haze) oder dichtere Nebel (der Unterschied bezieht sich auf den Transparenzgrad) ist weitgehend ungiftig. Auch die Nebelproduktion mit Stickstoff oder gefrorenem Kohlendioxid sticht das Fluid locker aus, weil es den Sauerstoff nicht ganz aus der Luft verdrängt und leichter zu lagern und handhaben ist. Hollywood, aber auch Filmemacher wie Hans-Jürgen Syberberg griffen die Technologie begeistert auf, Schaidt erhielt 1984 den Technik-Oscar. Die Konzertbranche nutzte die Maschinen, um Rockbandbühnen mit nebelinduzierten Lichtsäulen und Aureolen bis in den Himmel zu verlängern. Von einem Nebelboom im logozentrischen Sprechtheater der siebziger, achtziger Jahre ist hingegen nichts überliefert.

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Umso häufiger zeigt sich das Theater der Gegenwart in Nebelschwaden getaucht. In Simon Stones freier Antikenbearbeitung Eine griechische Trilogie etwa (Berliner Ensemble, Premiere im Oktober 2018) lässt Bühnenbildner Bob Cousins gleich zu Anfang zwei Hazer und eine Nebelmaschine (von LOOK Solutions, der Rolex unter den Dunsterzeugern) den Bühnenraum hinter einer Glaswand mit weißem Dunst füllen, der ihm jede Tiefe raubt und ihn bildschirmartig erscheinen lässt. Außerdem spielt die erste Szene auf dem Land. Hierher sind Caroline Peters’ Arztgattin Philippa und Stefanie Reinsperger als deren Tochter Lina geflüchtet, ohne sich einig zu sein: Zwei Farbflecken streiten auf monochromer Leinwand. Als sich der Nebel ein wenig lichtet, kommt eine dritte Person über den jetzt sichtbar gewordenen Acker, Gewehr über der Schulter, toter Hase in der Hand. Kathrin Wehlisch spielt Uli, die Chefin einer Landkommune, in der es weder Männer noch Handy-Empfang geben darf, dafür aber jede Menge Zeit zur Selbstversorgung durch Jagd und Landwirtschaft, mit fast beängstigender Ruhe. Ihr Entschluss, der bürgerlichen Welt den Rücken zuzukehren, löst wiederum bei Philippa Panik aus. Drei Stunden später wird man wissen: zu Recht.

Der in der Schweiz geborene Australier Stone ist bekannt geworden mit aktualisierenden Überschreibungen meist kanonischer Dramen, die ihm den Vergleich mit Fernsehserienautoren eingetragen haben. Seine Tschechow-, Ibsen- oder Strindberg-Bearbeitungen übernehmen zwar deren Konflikte, übersetzen sie jedoch mit alltagssprachlichen Dialogen voller zeitgeistiger Pointen in unsere Gegenwartskultur. Das gilt auch für Eine griechische Trilogie , die sich nur lose auf Motive der antiken Dramen Lysistrata Die Troerinnen und Die Bakchen bezieht: Sechs Frauen aus verschiedenen sozialen Schichten ziehen sich von ihren Männern zurück, im Rückblick erfahren wir in durchaus kunstvoll miteinander verbundenen Shortcuts die Gründe – Narzissmus, häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch und ja, auch Wegschauen und Mangel an Empathie auf allen Seiten. Der Showdown wieder in der Landkommune – übrigens bei vollkommen klarer Sicht – variiert schließlich das Rasen der von Dionysos berauschten Athenerinnen zur kaltblütigen Geschlechterrache, die keine Unterschiede mehr macht zwischen Tätern und Unschuldigen.

Der vom Lichtpult aus immer wieder nachdosierte Nebel setzt einen eigenen Rhythmus von Opazität und Durchsichtigkeit. Ein paradoxer Effekt: Einerseits erfüllt Nebel in dieser Stone-Inszenierung keine rein illustrative Funktion, denn er gestaltet nicht nur Natur, sondern auch Wohnungen, Kinderspielplätze, Flughäfen und Hotelflure und sorgt – trotz seiner Flüchtigkeit – in einer komplizierten Erzählstruktur mit Zeitsprüngen, Ortswechseln und personalen Überschneidungen für Konstanz. Andererseits hat er auf das realistische, die Inszenierung klar dominierende Schauspiel des Ensembles keine konkrete Auswirkung: Die Spieler ignorieren ihn einfach.

(…)

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