Nowosibirsk

Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen.

An der Tramhaltestelle hockt ein Besoffener in verdreckter Trainingshose und Tarnfarbenparka und steckt den Kopf zwischen die Knie. Es riecht nach Kohlenbrand und Hähnchenfett. Rumpelnd schiebt sich die Straßenbahn durch die Leningradskaya Ulitsa, grau hängt der Himmel über der Stadt. Grau erscheinen mir am Tag meiner Ankunft in Nowosibirsk auch die Menschen, grau die Häuser, grau die klapprigen Autos, die sich ihren Weg über die von Schlaglöchern zerklüftete Straße suchen. Es ist, als habe man die Farbe aus der Welt herausgedreht.

Vor den Hallen des Oktober-Markts stehen ein paar Gestalten neben einem demolierten Lada und bieten Produkte aus eigenem Anbau zum Verkauf: Brombeeren, Dill und Gurken, Knoblauch, Wurzelgemüse. Das Geschäft läuft nicht gut, und wer nicht aufhört, von einem besseren Leben zu träumen, verspielt sein Geld in einem verrauchten Automatencasino, das mit einer Ansicht von Las Vegas wirbt. Der American Dream ist trotz aller geopolitischen Konfrontation mit den Vereinigten Staaten in Putins Russland populär. McDonalds und KFC, amerikanische Popmusik und Lokale wie die Piwo-Factory mit ihrem Craftbeer-Angebot prägen das Lebensideal der Gegenwart, aber die wenigsten können sich den neuen Überfluss leisten. Der Supermarkt an der Ecke präsentiert auf einer Fototapete eine Frau mit strahlendem Lächeln, die prallgefüllte Einkaufstüten nach Hause trägt. Die Menschen auf der Straße dagegen haben Zahnlücken oder Goldzähne im Mund. Sie kaufen bei den Straßenhändlern, die billige Plastikprodukte aus chinesischer Herstellung unters Volk bringen, Gummistiefel und altmodisch geblümte Hausschuhe. Ärmlich gekleidete Damen mit dünnen, schlechtgefärbten Haaren und Wasser in den Beinen warten an der Haltestelle. Ein Mann im ausgeblichenen Jeansanzug steht breitbeinig auf dem Trottoir, stützt die Hände in die Hüften und unterhält sich mit einem Jugendlichen im Flecktarnmuster. Es sind diese Männer, die früh sterben, weil sie zu viel rauchen, zu viel trinken und zu wenig verdienen. Man versteht, dass sie gegen die Erhöhung des Renteneintrittsalters protestieren.

Der letzte Ehemann meiner Zimmerwirtin Ekaterina starb im Alter von 59 Jahren, ihr Vater mit 53. Auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kommunismus ist die durchschnittliche Lebenserwartung noch immer zehn Jahre geringer als in Westeuropa. Der Wodka war zu sozialistischen Zeiten ein großer Witwenmacher, und er ist es geblieben. Aber der Alkohol allein sei nicht schuld am frühen Ableben der russischen Männer, meint Ekaterina. »Es liegt auch an den gesellschaftlichen Umständen. Wir haben in nur kurzer Zeit drei Krisen durchgemacht: die chaotischen Jahre unter Jelzin nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, dann die Rubel-Krise Ende der neunziger Jahre, schließlich die Finanzkrise. Und heute leiden wir wegen der Krim. In Russland lebt man immer schlecht. Das war im Kommunismus so und ist heute im Kapitalismus nicht anders.«

Ekaterina, 51, hat es aufgegeben, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, aber eine Alarmanlage einbauen lassen, nachdem kürzlich bei ihr eingebrochen wurde. Von der Politik erhofft sie sich nichts, sie schaut keine Nachrichten und liest keine Zeitung. Seit ihre Tochter das Haus verlassen hat, lebt sie allein mit ihrem Dackel und vermietet das ehemalige Kinderzimmer über Airbnb. Mit ihrem Verdienst als Marketingberaterin der italienischen Kosmetikfirma Paese, für die sie per Skype Mitarbeiterschulungen in ganz Russland durchführt, kommt sie einigermaßen über die Runden. Am liebsten jedoch würde sie Russland für immer den Rücken kehren. Ein Jahr lang hat sie mit ihrem zweiten Mann in der Dominikanischen Republik gelebt. Ein Haus am Strand, Palmen und ein warmes Klima ohne Winter sind seitdem ihre Vorstellung vom Glück. Doch irgendwann ging ihr auf der karibischen Trauminsel das Geld aus, sie fand keine Arbeit und musste in ihre russische Heimatstadt zurückkehren.

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Nowosibirsk ist heute die drittgrößte Stadt Russlands, noch um 1900 hatte die heutige Millionenmetropole lediglich 8000 Einwohner. Der Bahnhof bildete die Keimzelle der Stadt, nachdem die 1889 errichtete Eisenbahnbrücke über den Ob ihr rasantes Wachstums verkehrstechnisch möglich gemacht hatte. Ein Stück der ehemaligen Stahlkonstruktion, die an die funktionalistischen Brückenbauten von Alfred Eiffel erinnert, ist am Flussufer ausgestellt. Daneben steht ein Denkmal für Zar Alexander III., der den Auftrag zum Bau der Transsibirischen Eisenbahn gab. Das heroische Projekt der Erschließung Sibiriens begann im 17. Jahrhundert, als Pelz- und Rohstoffhändler sich den Weg durch die Wildnis bahnten und an strategischen Stellen erste Holzfestungen errichteten, und fand mit der Transsibirischen Eisenbahn seinen Abschluss. Schwarzweißfotos im Heimatmuseum zeigen bärtige Männer mit Schaufel und Hacke, wie sie Schwellen und Gleise verlegen. Nicht selten waren es Sträflinge, die aus dem europäischen Westen Russlands nach Sibirien verbannt worden waren.

Anders als bei der Eroberung des amerikanischen Westens kam es bei der imperialistischen Landnahme des asiatischen Kontinents nicht zum Genozid an den Ureinwohnern. Das waren hier die Tungusen, die als nomadische Jäger und Rentierzüchter verstreut in der Weite von Tundra und Taiga lebten und einem schamanistischen Glauben anhingen. Die russischen Siedler brachten ihre orthodoxe Religion mit und errichteten Kirchen, die die Kommunisten dann schlossen oder zu Waisenhäusern, Lazaretten, Observatorien usw. umfunktionierten. Heute sind in Nowosibirsk die Alexander-Newski-Kathedrale und die Himmelfahrtskathedrale wieder für die Gläubigen geöffnet. In frischrenovierten Räumen wird gebetet und gesungen. Man zündet Kerzen an, küsst Ikonen, und vor den Kirchen lagern die Verlierer des russischen Kapitalismus und hoffen auf Almosen.

Am zentralen Platz der Stadt steht vor dem Staatlichen Theater für Oper und Ballett (1945 erbaut) ein eherner Lenin. Sein langer Mantel verdeckt fast die zum Boden gereckte Faust. So wirkt der Prophet der Revolution weniger kämpferisch als melancholisch, als wolle er mit dem Lauf der Geschichte nichts mehr zu tun haben. Zu seinen Füßen üben Teenager mit Baseballkappen das Rauchen und das Fahren mit Trickrädern, Tretrollern und Skate-boards.

Gegenüber dem Leninplatz befindet sich das Ausgehviertel um das altehrwürdige Podeba-Kino, ein eleganter Tempelbau aus sozialistischen Tagen, der supermoderne IMAX-Säle beherbergt und neben amerikanischen Blockbustern auch eine Dokumentarreihe über russische Impressionisten im Programm hat. In schicken Cafés, Restaurants und Bars feiern die Angehörigen der neuen Mittelschicht. Der Kellner zeichnet ein Blattornament in den Milchschaum des Latte Macchiato, das Menü gibt es auf Englisch, die Gäste – junge Leute in Jeans und Sneakers, die schwarze Hornbrillen tragen – beugen sich über ihre Laptops und Smartphones. Ein paar traditionelle Holzhäuser aus der Gründerzeit der Stadt tragen zur ästhetischen Aufwertung der Flaniermeile bei. Wie das 1905 erbaute, zweistöckige Gebäude der ehemaligen Stadtkasse von Novo-Nikolajew, wie die Stadt damals noch hieß, dessen prächtige Fassade die sibirische Holzarchitektur eklektisch mit barocken und klassizistischen Stilelementen kombiniert. Im renovierten Innern residiert ein teures Restaurant mit stylischer Whiskybar.

Im kleinen Vodnik-Park schieben Mütter Kinderwägen, plauschende Rentnerinnen sitzen auf den Bänken, und auf einem halbhohen Sockel steht ein Doppelgänger Lenins, diesmal die Schiebermütze in der linken Hand, die Rechte autoritär ausgestreckt. Auf den ersten Blick scheint er auf die Universität für Wassertransport zu deuten, ein Gebäude im Stil der neuen Sachlichkeit, das auf seinem Giebelfries arbeitende Männer und Frauen, Soldaten und Mütter mit Kindern in einer mythisch verklärten Zukunftslandschaft zeigt. Auf den zweiten Blick kommt es mir vor, als ob er bloß den Verkehr auf dem Platz regeln möchte, ein mürrischer Rentner, der mit dem Finger auf Falschparker zeigt.

(…)

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