Osteuropa erklären

Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen.

In Mary Shelleys Horrorroman Frankenstein von 1818 erschafft ein von prometheischen Ambitionen getriebener Erfinder ein Ungeheuer, indem er aus »dem Seziersaal und dem Schlachthaus«, ja selbst aus den »unheiligen feuchten Regionen des Grabes« stammende Leichenteile zu einem menschenähnlichen Geschöpf zusammensetzt. Doch Viktor Frankenstein, der dieses Experiment durchführt, soll seinen allzu ambitionierten Versuch, ein Faksimile seiner eigenen Art zu konstruieren, schon bald bereuen. Das Ungeheuer, bitter neidisch auf das Glück seines Schöpfers und vom Gefühl getrieben, zu Einsamkeit und Zurückweisung verurteilt zu sein, wendet sich auf gewaltsame Weise gegen die Freunde und die Familie seines Erfinders, zerstört ihre Welt und hinterlässt als Vermächtnis eines verfehlten Experiments der menschlichen Selbstreproduktion nichts als Reue und tiefen Kummer.

Wenn die US-amerikanische Soziologin Kim Scheppele das heutige Ungarn, dem als Präsident ein anderer Viktor vorsteht, als »Frankenstate« bezeichnet, sprich als illiberalen Mutanten, der auf raffinierte Weise aus Elementen der westlichen liberalen Demokratien zusammengefügt ist, treibt das die Analogie durchaus nicht zu weit. Scheppele zeigt, dass es Premierminister Viktor Orbán gelungen ist, die liberale Demokratie durch eine clevere Politik der stückweisen Nachahmung zu zerstören. Das Regime, das er geschaffen hat, verbindet Carl Schmitts Politikverständnis als Serie melodramatischer Freund-Feind-Konfrontationen mit der institutionellen Fassade der liberalen Demokratie. Kritisiert die Europäische Union die Regierung Orbán wegen des illiberalen Charakters ihrer Reformen, ist diese Regierung immer schnell mit dem Hinweis zur Hand, jede umstrittene Gesetzesänderung, Bestimmung oder Institution sei eine getreue Kopie aus dem Rechtssystem eines der EU-Mitgliedstaaten. Daher sollte es nicht weiter überraschen, dass viele westliche Liberale die politischen Systeme in Ungarn und Polen mit demselben »Grausen und Ekel« betrachten, die das Herz Viktor Frankensteins erfüllten, als er seines Geschöpfes ansichtig wurde.

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Während der beiden Jahrzehnte nach 1989 ließ sich die politische Philosophie des postkommunistischen Mittel- und Osteuropa in einem einzigen Imperativ zusammenfassen: Ahmt den Westen nach! Der Prozess hatte unterschiedliche Namen – Demokratisierung, Liberalisierung, Erweiterung, gegenseitige Annäherung, Integration, Europäisierung –, doch das Ziel, das die postkommunistischen Reformer verfolgten, war einfach. Sie wollten, dass ihre Länder »normal«, sprich wie der Westen würden. Damit verbunden war der Import liberal-demokratischer Institutionen, die Anwendung westlicher Politik- und Wirtschaftsrezepte und die öffentliche Billigung westlicher Werte. Nachahmung galt weithin als kürzester Weg zu Freiheit und Wohlstand.

Wie sich herausstellen sollte, brachte das Streben nach wirtschaftlichen und politischen Reformen durch die Nachahmung eines ausländischen Vorbilds stärkere moralische und psychologische Nachteile mit sich, als viele zunächst angenommen hatten. Ein Leben als Imitator ruft unweigerlich Gefühle wie Unzulänglichkeit, Minderwertigkeit, Abhängigkeit, Identitätsverlust und unwillkürliche Unaufrichtigkeit hervor. Ja, das vergebliche Bemühen, eine wirklich glaubwürdige Kopie eines idealisierten Modells zu schaffen, geht mit der nie endenden Quälerei der Selbstkritik, wenn nicht gar Selbstverachtung einher.

Belastend dabei ist nicht allein die implizite Unterstellung, der Nachahmende sei seinem Vorbild moralisch und menschlich irgendwie unterlegen. Belastend ist auch die Annahme, die mittel- und osteuropäischen »Copycat«-Nationen akzeptierten zugleich das Recht des Westens, ihren Erfolg oder ihr Scheitern beim Erfüllen westlicher Standards zu bewerten. In diesem Sinne fühlt sich Nachahmung schließlich wie ein Souveränitätsverlust an.

Dass autoritärer Chauvinismus und Ausländerhass in Mittel- und Osteuropa zunehmen, hat somit weniger mit politischer Theorie als vielmehr mit politischer Psychologie zu tun. Es spiegelt einen massiven Ekel vor dem nach 1989 herrschenden »Nachahmungsimperativ«, mit all seinen herabwürdigenden und erniedrigenden Folgen.

Die Ursprünge des derzeitigen Illiberalismus der Region sind emotionaler und vorideologischer Art. Sie wurzeln in der Auflehnung gegenüber den Erniedrigungen, die zwangsläufig mit einem Projekt einhergehen müssen, das die Anerkennung einer fremden als der eigenen überlegenen Kultur verlangt. Als politische Doktrin stellt der Illiberalismus also vor allem ein Ablenkungsmanöver dar. Er verleiht dem instinktiv weitverbreiteten Wunsch, die in dem Projekt der Verwestlichung selbst steckende koloniale Abhängigkeit abzuschütteln, den Anstrich intellektueller Seriosität.

Die Konterrevolution gegen den Liberalismus

Wenn der polnische Politiker Jarosław Kaczyński dem »Liberalismus« vorwirft, er sei »gegen die Idee der Nation überhaupt«, und wenn Orbáns Leutnant Mária Schmidt erklärt, »wir sind Ungarn, und wir wollen unsere Kultur bewahren«, dann bringt ihr überhitzter Nativismus die Weigerung zum Ausdruck, sich von Ausländern nach ausländischen Maßstäben beurteilen zu lassen. Tatsächlich sagen sie »Wir versuchen nicht, euch zu kopieren, und deshalb hat es keinen Sinn, wenn ihr uns als verpfuschte oder minderwertige Kopien eurer selbst betrachtet«. Nochmals: Die selbststilisierte Ideologie des »Illiberalismus« spielt eine geringere Rolle als der emotionale Drang ihrer Repräsentanten, die nationale Selbstachtung wiederherzustellen, indem sie leugnen, dass der westliche Liberalismus das Vorbild liefert, dem alle Gesellschaften entsprechen müssen. Die Abscheu vor der erzwungenen Nachahmung ist das Primäre, die intellektuelle Kritik am nachgeahmten Vorbild lediglich eine Begleiterscheinung.

Natürlich ist diese durch das Gefühl der Erniedrigung motivierte Ablehnung liberaler Ideen und Institutionen nicht in einem Vakuum entstanden. Wichtige weltpolitische Veränderungen haben die illiberale Gegenrevolution begünstigt. Dass das autoritäre China zur Wirtschaftsmacht aufsteigen konnte, hat die lange Zeit selbstverständliche Vorstellung erschüttert, materieller Wohlstand sei unmittelbar an liberale Demokratie gebunden. Während man den Liberalismus 1989 noch mit verlockenden Ideen von individueller Freiheit, rechtlicher Fairness und staatlicher Transparenz identifizierte, war er 2010 durch eine zwei Jahrzehnte währende Verbindung mit real existierenden und zwangsläufig mangelhaften postkommunistischen Regierungen befleckt. Die verheerenden Folgen des Irakkriegs von 2003 diskreditierten die Vorstellung, es sei sinnvoll, demokratischen Wandel zu erzwingen. Die Wirtschaftskrise von 2008 führte zu einem tiefen Misstrauen gegenüber den Wirtschaftseliten und dem »Kasinokapitalismus«, der die globale Finanzordnung beinahe vernichtet hätte. Mittel- und Osteuropäer wandten sich nicht so sehr deshalb gegen den Liberalismus, weil er zuhause scheiterte, sondern weil er aus ihrer Sicht im Westen scheiterte. Es war, als habe man sie aufgefordert, den global vorherrschenden Westen genau in jenem Moment nachzuahmen, in dem der Westen eben diese Vorherrschaft einbüßte. Ein solcher Kontext konnte der Politik der Nachahmung kaum förderlich sein.

Die Konterrevolutionen, die 2010 in Ungarn und 2015 in Polen ausbrachen, stellten eine absolut vorhersehbare Rückkehr des Verdrängten dar. Offenbar waren die Mittel- und Osteuropäer bei dem Versuch, mit ihrer eigenen jüngeren Geschichte auf die gleiche Weise umzugehen, wie Deutschland es nach 1945 vorgemacht hatte, auf unüberwindliche Hindernisse gestoßen.

(…)

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