Poetische Verlässlichkeit

Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen.

»immer stärkere lesergehirne bedrohen die wirkmacht der dichtung«
Ulf Stolterfoht

Das Ungesagte meinen. Zum vollen Verständnis eines Textes gehört nicht nur das, was er sagt, sondern auch das, was er nicht sagt. Aber es ist ja nie alles gesagt. Der Frühling wird kommen, und ein Frühling imitiert immer den nächsten, also weg mit den Messern, sagt’s auch den Kellnern, und dann wird sich zeigen, ob wirklich alles gesagt ist. Zum Beispiel: Hibiskus.

Weder in einem uferlos welthaltigen Roman noch in einem wohldosierten Gedicht wird je alles gesagt sein. Zum Glück. Kleine Formen nehmen das Ungesagte in Betrieb. Zuweilen muss die leere Umgebung sehr schwer arbeiten. Irgendetwas blinkt. Blinkt nicht. Und blinkt wieder. Die Frage heißt: War das Ungesagte überhaupt gemeint? Das ist Sache der Deutung. Ich kann nicht schlankweg behaupten, je kleiner die Form, desto größer das Ungesagte, das sie umgibt – zumal die verhandelten Begriffe von ganz unterschiedlichem Ausmaß sein können. Keine solche Menge kann ich umreißen, selbst wo ich mit einer gewissen Sicherheit vermute, dass es gerade um das geht, was ausgespart wurde. Die Vielzahl des Nichtvorkommenden, der immerzu verschwiegene Plural, in dem mithin die Singularitäten balgen, die bekümmerte Lücke, die Hege der Breschen, die Sorge um das, was fehlt, das Unterlaufene und das Beabsichtigte, das in trefflichster Diskretion nicht Erwähnte, die offengehaltene Lücke, die Sturzfahrt der Leserni, 1 Gap Gardening, wie die Dichterin Rosmarie Waldrop einmal die Methodik ihrer Prosagedichte beschrieb.

Sprachkunst

Sprechen wir über genuin sprachkünstlerische Praktiken wie das Gedicht, zeigt sich das Gesagte sowie das Ungesagte auf der Bühne sprachlicher Entdifferenzierung, wo generell jede Form des Gebrauchs infrage kommt, in gleißendem Licht. Was macht eine verbale Botschaft zu einem Kunstwerk? 2 Entlassener Kontext, ausgewilderte Personalpronomen, mehrdeutiges, freigestelltes Wort, angespannte Relationen, die Freude an der poetischen Verknüpfung, eine bewusste, dreidimensionale Gelenkigkeit der Präpositionen, agrammatische Fügungen, Sprünge und Untertunnelungen, die zweideutige Unausweichlichkeit der Lautleite, halsbrecherische Beschleunigungen – ein heller Vorausraum kommender Verlässlichkeit. Dichtung erschafft unähnliche Formen der Wirklichkeit. Sie sagt nicht etwas, das bereits gesagt worden ist, besser, schöner oder anders, sie weigert sich, die bestehende Wirklichkeit sprachlich zu dekorieren. Sie steht nicht im Dienste der Beschönigung, obwohl sie von großer Schönheit sein kann. Sie ist kein Dekor, sondern die Arbeit mit dem Material, das die gesellschaftliche Wirklichkeit erst mit Bedeutung versieht. Sie weist darauf, wie Bedeutung entsteht, welche Relationen für mich triftig sind und welche nicht. Und selbst indem sie scheitert, bleibt sie auf die Repräsentation, die genauso wie sie scheitern kann, bezogen.

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»Sie haben so schön gelesen, aber ich hab fast nichts verstanden.« Diese Reaktion des Publikums ist nicht selten. Und da sich das alles in der Sprache abspielt, werden manche Leute zuweilen etwas ungehalten – denn man nimmt es dem Zeichensystem der Sprache ungleich übler, wenn man nicht mehr genau zu sagen weiß, was mit den Worten gemeint ist – übler als den ausgreifenden oder abrollenden Bewegungen des Tanzes oder dem Rumstand der Installation. Schließlich war man Erklärungen von ihr gewohnt. Doch mit einem Mal gilt es, ein Wort in eine andere Situation zu bringen, es immerzu anderswo aufzusuchen – und bellend ging endlich die Sonne auf.

Die Poetizität der Sprache – davon darf ich spätestens seit Jakobson ausgehen – kennt andere Ziele, andere Zwecke, andere Funktionen, doch ohne die alltagssprachlichen Funktionen abzuspalten oder auszuhebeln. Fülle und Selbstherrlichkeit des poetischen Wortes werden nicht zwangsläufig zur Reduktion im Bereich anderer Funktionen führen. Jede Funktion der Sprache kann als ästhetisches Strukturelement Verwendung finden, so Jakobson.

Das Gedicht schaltet Sprache, als das Zeichensystem, das andere Zeichensysteme mit Bedeutung versieht und Repräsentationen höherer Art erst möglich macht, nicht aus. Selbst in seiner Einstellung auf Ausdruck, Klang, Materialität, auf Jubel und Klage, auf das, was nicht aufhört zu passieren, während die Arbeit ohne Unterlass weitergeht, auf das ausgeeinzelte Zeichen hin, wird das Gedicht nicht indifferent auf die Referenz der praktischen Rede. Und das gilt selbst für Lautpoesie, die sich zu den Strukturen einer bestimmten Sprache anders verhält als zu denen einer anderen.

Hinzu tritt die Vervielfältigung des Ungesagten durch den ausgeblendeten Kontext. Ich kann nicht zurückblättern, um mich darüber zu informieren, wer denn nun mit dieser zweiten Person gemeint sein könnte. Das bleibt in den meisten Fällen ungesagt – aber stört auch nicht weiter. Ein hochnervöser Wind mit ballonförmigen Griffen, und unklare Agenten der Identifikation. Mit jedem Umblättern weiß ich nicht mehr, wo ich mich befinde. Bodenlose Tauschprozesse, auch wenn die lexikalischen Bedeutungen bestehen bleiben. Jetzt kommt der Herr mit dem Sparschäler, und Gurke – wird – Palme.

Eine gewisse Oberflächenspannung vorausgesetzt, kann das Gedicht, indem es beliebig vieles von weither holt, das Feld möglicher und unmöglicher Verbindungen endlos vergrößern, desautomatisierend und mit einer unerhörten Mnemotechnik begabt, die einst nur noch dem unvergesslich schlechten Witz zu vergleichen war, den man niemals mehr vergisst. Die Dichterin Ann Cotten hat in ihrem Buch Jikiketsugaki Tsurezuregusa die poetische Mnemotechnik im Selbstversuch einer Prüfung unterzogen. Dies ist eines jener Bücher, die nur alle Jubeljahre erscheinen, und gibt Grund für großen Jubel. 3 Darin, freiheitlich arrangiert: gereimte und prosodische Gedichte, ein reiches Aufgebot von Formen aus der europäischen und fernöstlichen Tradition, Fabeln, essayistische Kommentare, Auseinandersetzungen mit dem Anderen, Fotografien, Zeichnungen, gute Witze, die Erforschung des Poetischen als Form der Lehre und des Lernens, mutige Recherchen zur Erfindung neuer Ähnlichkeiten, ja neuer Verlässlichkeiten.

(…)

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