Um zu erzählen. Rachel Cusks Lebensromane

Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen.

Auf den ersten Seiten von Rachel Cusks Roman Kudos fragt ein Sitznachbar im Flugzeug die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, was für Bücher sie denn schreibe. Das sei schwer zu erklären, sagt sie. Der Mann fragt nicht weiter nach, sondern beginnt seinerseits zu erzählen, von der Krebserkrankung und der Einschläferung des Familienhunds, den er vergangene Nacht selbst begraben habe.

Kudos ist 2018 erschienen und bildet zusammen mit Cusks zuvor veröffentlichten Romanen Outline (von 2014) und Transit (von 2016) eine Trilogie – wobei die drei Bände sich nirgendwo explizit zu einer solchen erklären. 

Im ersten Band reist die Ich-Erzählerin für etwa eine Woche nach Athen und unterrichtet dort Kreatives Schreiben. In Transit zieht sie mit ihren zwei Söhnen vom Land zurück in eine neuerworbene Wohnung in London, die dann renoviert werden muss; sie geht zum Friseur und liest auf einem verregneten englischen Literaturfestival. In Kudos ist die Schriftstellerin dann auf Lese- und Pressereise in Europa unterwegs, sie besucht ein weiteres Literaturfestival in einer namenlosen Stadt, bei der es sich um Köln handeln könnte, und eine Schriftstellerkonferenz in einem Land, das stark an Portugal erinnert. In allen drei Romanen erfahren wir genau einmal, sehr spät im Text, den Namen der Ich-Erzählerin. Sie heißt Faye.

Gibt es einen Plot? Nein, eigentlich nur ein Muster, das sich in allen drei Romanen wiederholt: Die Schriftstellerin begegnet Menschen, mit denen sie lange Gespräche führt. Der Immobilienmakler, der Handwerker, die Freundin, ihr Frisör – sie alle erzählen aus ihren Leben. In Outline trifft sie Kollegen, einen Freund und Freunde von Freunden. In Transit begegnet sie einem Ex-Freund, ihren schrecklichen neuen Nachbarn, einer Studentin und ihrem Cousin und dessen neuer Frau. In Kudos sieht sie einen ihrer Verleger, noch mehr Schriftsteller, eine Übersetzerin und eine Verlegerin. Am Ende des dritten Bandes wird deutlich, dass seit dem ersten Buch ungefähr zehn Jahre vergangen sein müssen, ihr älterer Sohn hat sich nun, viel mehr wissen wir nicht über ihn, für ein Studium der Kunstgeschichte entschieden.

Ist ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin eine interessante Protagonistin? Ich bin mir da gar nicht so sicher. Und ich verstehe auch nicht, warum ich schon wieder, und das sehr gerne und mit größtem Vergnügen, ein mehrbändiges Werk lese, dessen Hauptfigur ein Schriftsteller ist – aber Moment, nein, hier ist die Hauptfigur ja Schriftstellerin und nicht männlich. Nach der Lektüre der Schriftsteller-Romane von Tomas Espedal, Karl Ove Knausgård und nach Emmanuel Carrères Ein russischer Roman ist das schon eine Abwechslung.

So viele andere Bücher, in denen Schriftstellerinnen als Hauptfiguren auftreten, fallen mir auf Anhieb gar nicht ein. An Chris Kraus und ihre Erzählerin in I Love Dick und Torpor muss ich denken und dann an Malina von Ingeborg Bachmann – wobei ich mich weniger an die Lektüre des Romans als an Isabelle Huppert in der Rolle der Schriftstellerin zwischen vielen weißen Blättern Papier, Schreibmaschine und lodernden Flammen in Werner Schroeters Verfilmung erinnern kann.

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Rachel Cusk erspart ihrer Schriftsteller-Protagonistin die Schreibarbeit und fast alle Selbstreflexion über das Schreiben. Am Schreibtisch sitzt sie nie, Faye hat schon geschrieben, sie ist unterwegs, um zu unterrichten, um vorzulesen oder um eine Übersetzung vorzustellen. Im Grunde macht Cusk ihre Protagonistin Faye zu einer Schriftsteller-Darstellerin und lässt sie das Schriftstellerleben führen, von dem viele träumen: Lesereisen durch Europa, Übersetzungen, Schriftstellerkonferenzen. Auf der, die wahrscheinlich in Portugal stattfindet, lässt Cusk sogar einen von anderen, nicht aber von Faye bewunderten Knausgård-Doppelgänger auftreten.

Am Telefon – ihre Kinder tauchen nie auf, sie rufen nur einige Male an – sagt ihr jüngerer Sohn einmal »Faye, […] will you just listen?« Das ist fast ein bisschen unfair, denn sie hört doch immer zu, die ganze Zeit. Sie macht nichts anderes, die Menschen öffnen sich ihr und erzählen ihre Leben, sie reden und reden, und Faye fragt nach. An einer Stelle in Transit wundert sich eine Frau: »I like it that you ask these questions, […] but I don’t understand why you want to know.«

Ja, warum will sie alles wissen? Weil alles, was zur Sprache kommt, doch etwas mit ihr zu tun hat?

Lustig, wie sie Journalisten, die eigentlich sie interviewen sollen, wiederholt dazu bringt, nur über sich selbst zu reden. Statt ihre Arbeit zu tun und die Autorin zu befragen, erzählen sie von ihren Familien oder elaborieren Thesen zu Fayes Werk. Und wenn sie dann endlich eine Frage stellen, sagt die begleitende Pressedame: Ihre Zeit ist leider um. Und so kommt die höfliche, zurückhaltende Schriftstellerin wieder um die Beantwortung einer Frage herum. Ja, das ist ihre Methode: Andere zum Sprechen bringen, um selbst nur ja nichts sagen zu müssen, ihre Gesprächspartner indirekt aber, ihr Interesse verrät sie, auch über sich, Faye, sprechen lassen.

Wie praktisch, denke ich, ein Buch über die Presse- und Lesereise schreiben, die mit dem vorletzten Buch unternom-men wird. In Kudos weist die Frage eines Journalisten darauf hin, dass es sich bei dem Roman, über den er sprechen möchte, um Outline handeln könnte – aber das ist ja gar nicht möglich, Outline ist ja ein Buch von Rachel Cusk. Wie Fayes Bücher heißen, erfahren wir nicht.

Faye hört immer zu? Nein, stimmt nicht, es ist eigentlich gar nicht so, wie ich es gerade beschrieben habe. Faye – so oft wie ich den Namen hier gebrauche, kommt er in den Büchern gar nicht vor, es erscheint mir nun fast ein wenig indiskret, ihn so oft zu nennen – hört gar nicht zu. Sie hat schon zugehört, sie erzählt die Gespräche im Past Tense nach, in ihrer Tonlage, mit ihrer Stimme. Sie komponiert, moduliert, rhythmisiert all das, was sie vielleicht, vielleicht auch nicht von ihren Gesprächspartnern gehört hat. Sie lässt sie, eine nach der anderen, wie Handpuppen sprechen.

Und ihre Wiedergabe amalgamiert, der Rückblick schweißt zusammen, einheitlich abgemischt wirkt alles wie aus einem Guss. Dass die einzelnen nacherzählten Begegnungen episodenhaft nebeneinander stehen, stört dabei nicht, denn Cusk beherrscht, und dafür bewundere ich sie, die Kunst des Übergangs.

Ebenso beherrscht sie das unscheinbare Stilmittel der kurzen Zwischenbeobachtung, durch die sie jedes Gespräch konkret verortet. Mit wenigen Strichen skizziert sie Innenräume, das Athener Apartment zum Beispiel, das Faye in Outline für eine Woche bewohnt, die neue Wohnung in Transit, die sich bald in eine Bauruine verwandelt, und die verschiedenen Lobbys der Hotels in Kudos .

Wer wo erzählt, ist immer deutlich, die Figuren sitzen im Flugzeug, in einem Restaurant, in einem Auto oder auf einem Boot. Ganz zuletzt sitzt Faye an einem Strand und geht ins Wasser.

 

(…)

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