zweihändige variationen (nach Robert Hertz)

Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen.

»der unterschied zwischen dem guten und dem bösen, der lange zeit gleichbedeutend war mit dem gegensatz zwischen rechts und links, wird sich nicht aus unserem bewusstsein vertreiben lassen bis zu dem tag, an dem die zweite hand die herausforderung annimmt und zuweilen sogar die rechte hand ersetzen kann. wenn die beschränkungen eines mythischen ideals über die jahrhunderte aus dem menschen ein einseitiges und verstümmeltes wesen machen konnten, wird sich eine freiere und vorausblickende gesellschaft anstrengen, auf bessere weise die energien zu erschließen, die in der linken hand und der rechten großhirnrinde schlummern, und durch entsprechende übungen eine harmonischere entwicklung des organismus sicherstellen.«

Robert Hertz war sozialist, und die letzten beiden sätze seines aufsatzes zur polarität der linken und rechten hand lassen sich gleichermaßen als körpertechnisches und als politisches versprechen lesen. was ist aus diesem doppelten versprechen geworden? die händigkeiten haben sich seitdem nicht groß verschoben. im prinzip werden weltweit weiterhin die selben tätigkeiten mit entweder der rechten oder der linken hand ausgeführt. man kann unsere welt damals wie heute mithilfe der frage klassifizieren, bei welchen tätigkeiten beide hände gleichberechtigt agieren können und sollen, und bei welchen nicht. beim musizieren und in einigen sportarten sind beide körperhälften und beide hände gleichermaßen gefordert, und in diesen fällen stellt sich heraus, dass die linke hand all das kann, was die andere auch kann. weil sie es können muss und soll. bei anderen tätigkeiten erweist sich die linke hand als verkrüppelt oder unverständig, als wären die musikalischen und sportlichen lektionen nicht genug, um sie aus ihrem mangelnden selbstvertrauen zu erlösen. die linke hand, die eben noch zusammen mit der rechten eine fuge gespielt hat, weiß kaum oder stellt sich so an, als wüsste sie nicht, wie man den brei im topf wirkungsvoll umrührt, und sie ermüdet schneller als die andere und lässt sich auf ihren assistierenden status zurückfallen.

die politische unterscheidung von rechts und links verweist auf die rechte und die linke hand. diese anordnung wird dem zufall einer historischen anekdote zugeschrieben, einer einmaligen parlamentarischen anordnung während der französischen revolution. dass sich die benennung durchgesetzt und erhalten hat, deutet auf eine anhaltende motivation, diese beiden benennungen zu verknüpfen. außerdem ist es bekanntlich eine frage der perspektiven, ob die fraktionen oder parteien links oder rechts sitzen – was von vorne gesehen links ist, liegt beim betreten des saals rechts. dass links links geblieben ist und rechts rechts, ließe sich nicht einmal durch eine gespiegelte anordnung ändern und lässt sich nicht einmal durch die jetzige perspektive begründen. es geht allem anschein nach um die bezeichnung selbst: eine politische richtung zur linken und eine zur rechten. politik wird von der seite der linken hand betrieben und von der rechten. schließlich hat die französische revolution nie ein ende gefunden: solange wir an einer sitzordnung festhalten, in der man sich von links bis rechts platzieren muss. von den vielen versuchen der französischen revolution, die welt neu zu ordnen – ein neuer kalender, ein neuer kult der vernunft, neue antike gewänder –, ist dieser dualismus weiterhin in kraft, gleich neben der öffnung der museen für die öffentlichkeit.

wie würden die hände selbst politisch agieren? man stelle sich vor, das recht der rechten hand würde bestritten – sie würde zur rechtsextremistin. man stelle sich vor, die linke hand rebellierte, sie würde das recht der assistierenden, dienenden, linkischen, liminalen hand auf gleichbehandlung einklagen – sie würde in ihrem rechtsanspruch auf beidhändigkeit linksextrem oder schlicht egalitär. sie würde wie Hertz sprechen. man stelle sich vor, die linke hand wüsste nicht, was die rechte tut – dann gehörte ihr die welt, ihre eigene ungeschickte welt. sie wäre weniger als die hälfte wert, aber glücklich. sie müsste alleine zurechtkommen und würde von tag zu tag mehr lernen. konfrontiert mit der ständigen virtuosität einer besseren hand würde sie allerdings vielleicht irgendwann resignieren und am eigenen entwurf zweifeln. man stelle sich vor, die rechte hand wüsste nicht, was die linke tut – sie wäre ganz und gar desorientiert. sie würde darauf warten, dass ihr eine andere kraft zuarbeitet und assistiert, aber diese koordination bestünde nicht mehr. ihre macht wäre am ende, und damit ihr selbstbewusstsein aus den angeln gehoben. für sie ginge eine welt zu ende, und nicht nur eine herrschaftsform. man stelle sich vor, beide rebellierten gegeneinander. wir würden immer davon ausgehen, dass die linke hand den ersten schritt zur rebellion getan hätte, indem sie auf ihr eigenes recht oder auf ihre ebenbürtigkeit pochte.

icon printMehr Merkur?
Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!

 

aus sicht der rechten hand ist die linke hand link und die rechte recht. die worte stehen auf ihrer seite. sie muss denken, dass die sprache ihr recht gibt, und unbezweifelbar recht gibt. aus der sicht der linken hand ist die rechte hand herrschsüchtig und die linke vernünftig. aber sie müsste sich und anderen ihre vernünftigkeit ständig beweisen, um sich und andere aus der unterwürfigkeit herauszuführen. denn die linke hand müsste begründen, warum sie auf beidhändigkeit pochte oder auf ihr eigenrecht und ihre ebenbürtigkeit. sie wird begründungspflichtig, sobald sie nicht mehr gehorcht oder assistiert. und die rechte hand könnte nicht mehr begründen, warum sie die oberhand hatte und ihr das zusteht, außer weil das immer schon so war und die ordnung der welt es so verlangt. sie würde aus allen wolken fallen, sobald ihr die linke hand nicht mehr gehorcht oder abwechslung fordert. sie würde aus dem gefühl handeln, dass nicht nur ihre eigene welt, sondern das schicksal der welt schlechthin mit ihrer dominanz auf dem spiel steht. die begründung wäre nicht besonders konsistent, aber umso dramatischer und lauter, bis zum tobsuchtsanfall und zur blinden gewalt. die linke hand könnte gut begründen, dass sie jetzt auch einmal an der reihe ist und dass sie schon längst als ebenbürtige hätte behandelt werden sollen. sie würde die rechte zur weißglut bringen mit ihrer unleugbaren vernünftigkeit. sie würde außerdem auf eine lange geschichte von opfern verweisen, von zurücksetzungen, von widernatürlichkeiten, die ein glückliches ende finden könnten und sollten. ein fortschritt würde in aussicht gestellt und eine emanzipation aller hände. diese emanzipation wäre auch eine der rechten hände, die von der geschichte und dem zwang ihrer willkürherrschaft befreit würden. aber mit diesen worten variieren wir nur das von Hertz bereits betonte.

(…)

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere