Blickwende. Von der Erfahrung, eine zu große Minderheit zu sein

In Parodie auf einen berühmten Buchanfang ließe sich sagen: Als Ostdeutscher wird man nicht geboren, zum Ostdeutschen wird man gemacht. Millionen erfuhren seit 1990 von ihrem Geburtsort Ostdeutschland per Fremdzuschreibung. Die DDR als Sozial- und Erfahrungskollektiv schien erst nach ihrer staatlichen Auflösung zu entstehen.

(Dieser Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837 erschienen)

Zwei einschlägige Formeln hierzu aus meinem eigenen Erfahrungsschatz. In den frühen neunziger Jahren, die ich im universitären Milieu erlebte, gaben sich Neuberufene aus dem Westen unfehlbar zu erkennen durch das Wort: »Ich kann zwischen Ost- und Westdeutschen schon gar keine Unterschiede mehr erkennen!« (Aus einem Interview mir sogar erinnerlich: »Die ostdeutschen Studenten sind schon genauso kritisch wie unsere!«) An die Stelle dieser wohlwollenden Eingemeindung trat milieuübergreifend bald ein anderer Kommunikationseinstieg: »Kommen Sie aus dem Osten oder aus dem Westen?« (mit spezieller Berlin-Variante) sowie das anerkennende Wort, dass dem Befragten die erfragte Herkunft gar nicht anzumerken sei. Die zweite Frageformel scheint mir aussagekräftiger für den westkollektiven Umgang mit Ostdeutschland. Wissen soll hier Erfahrung ersparen. Denn Ostdeutsche sind Marsmenschen, die aussehen wie normale, also westdeutsche Menschen und daher unerkannt überall eindringen können.

Asymmetrien

Der westlichen Erfahrungsscheu widmen sich seit längerem kultursoziologische und linguistische Vergleichsstudien. Das Bedürfnis, etwas spezifisch Ostdeutsches zu konstruieren – »Veranderung« lautet der grässliche Fachausdruck –, ist am asymmetrischen Charakter westdeutscher Berichterstattung zu verschiedensten Themen (zum Beispiel Vogelgrippe, Kindesmisshandlung, Rekrutenskandale) aufweisbar. Sobald im Osten aktuell, werden sie oft als dessen Strukturprobleme interpretiert. Seit der 2008 erschienenen Sammelstudie Diskursmauern hat sich daran wenig geändert. »Der Westen als ›Normal Null‹ bestimmt weiterhin die »Diskurssemantik von ›ostdeutsch‹ und ›westdeutsch‹«. 1

Ältere Kommentatoren aus dem Westen haben zudem nicht selten traumatische Erinnerungen an ihr linksutopisches Engagement. Ostdeutsche Gegenwart erscheint den Geläuterten dann bevorzugt im Horizont der DDR-Staatsutopie, diese wiederum als probater Korrekturort weltanschaulicher Verfehlungen. In den öffentlichkeitsgeförderten und -wirksamen Aufarbeitungsinstituten ist dies ganz manifest. Aber auch bei manchen Autorinnen und Autoren von taz bis Welt hat sich ein starker Anti-Ost-Affekt in der Begradigung eigener Lebensumwege fortgeerbt. Altwestdeutsche Kampflinien (zum Beispiel Utopiekritik versus Antiautoritarismus) werden so auf die Post-DDR-Gesellschaft abgebildet. Zudem geriet Ostdeutschland unter Heimatbewussten zum düsteren Hintergrund einer lichten, nunmehr verblassenden Alt-Bundesrepublik. Die Geschlossenheit solcher Diskurswelten, auch ihre Abhängigkeit von einer vierzigjährigen Selbstsuspension der Alt-BRD von deutscher Geschichte, wäre analytisch ein lohnendes Thema.

Ernstfall 2015

Wolfgang Engler und Jana Hensel wählen in ihrem Gesprächsbuch Wer wir sind den riskanteren Weg. 2 Sie wollen erzählen, verstehen, erklären, richtigstellen, übernehmen dadurch prinzipiell die Fremdperspektive: Ostdeutschland als Sonderfall. Das ist – immer noch – nötig und nützlich.

Zu schulisch bedingten Bildungslücken fügt sich westelbisch oft ein Mangel an zeithistorischem, ja zeitgenössischem Elementarwissen, und sei es auch nur darüber, wer Solidarbeiträge zahlen muss. Kommentatoren aus Westdeutschlands »Meinungseliten« ideologisieren gern Verhältnisse im Osten, um sie ideologiekritisch aufklären zu können, ernennen real existierende Differenzen zur »Mauer in den Köpfen«. 3 Hiergegen deuten Engler und Hensel mediennotorische Eigenheiten des Ostens transformationshistorisch. Doch hat der Direktrekurs auf Lebensrealitäten und (Vor)Geschichte Ostdeutschlands hermeneutisch nicht nur Vorteile. Die Frage, warum und auf welchen Wegen die Diskursgesellschaft West ihr Selbstbewusstsein in Projektionen eines ostdeutschen Anderen sucht, diese Frage scheint mitunter allzu großzügig verschenkt.

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Mit ihrem Einstieg bei der »Grenzöffnung« 2015 und den willkommenskulturellen Defiziten im deutschen (Süd)Osten setzen sich Engler /Hensel bewusst unter »Erklärungsdruck«. Sie begegnen ihm auf unterschiedliche Weise. Für Hensel ist ein Erlebnisraum aufgestoßen (»Zeitenwende«, »Gänsehaut«, »faszinierende Vision«, »Abkehr von allem Nationalistischen«), Engler sieht das medial Gemachte der Willkommenskultur, die einer auch sozial abgedichteten Schicht entspricht.

Es bleibt ein Streit innerhalb der linken Familie. Die Rollen Klassenkampf- versus Kulturlinke sind dabei klar verteilt; sie strukturieren Themen und Argumente des Bandes. Eine latente – soziale, ökonomische – Rationalität der Proteste gegen die Migration wird von Engler erwogen. Von »Politik der offenen Grenzen« spricht Engler, auch vom »medialen Gleichklang ohne Dirigenten«. In Hensels Diskursraum verrät dies dagegen Nähe zur Wagenknecht-Linken und anderen Mächten der Finsternis. 4 Hier hätte ich Engler manchmal einen anderen Gesprächspartner gewünscht. Etwa einen »rechten«, aber ostdeutschen Intellektuellen (das gibt es tatsächlich), der bei konträrem Deutungsinteresse dieselben Phänomene im Blick hat. 5 Phänomene, die Engler in die Alternative »distanziertes Verhältnis zur Welt« versus Bekenntnis- und Denunziationsdiskurs stellt.

Eigentlich ist es Hensel (Jahrgang 1976), die auch dank kürzerer DDR-Lebensvorzeit mit der eigenen Herkunft distanzierter, ja kalkulierter verfährt. Das kulturlinke Idiom der Unterprivilegiertheit spricht sie akzentfrei. 6 Im Unterschied zu Engler (Jahrgang 1952) erlebte Hensel die westliche Herkunftsabfrage als diskriminierend-äußerlich. So wird eigenständige Selbstobjektivierung zur Subjektwerdung, in einem »Wir sind anders«, 7 ja einer ganzen Kinder-Literatur. 8 »Selbstethnisierung« hatte die Kritik angesichts von Zonenkinder (2002) geargwöhnt, »Selbstverdinglichung« hätte die klassische Linke genannt, was Hensel vorschwebt: ein medialer Austausch mit anderen »Migranten«, die sich durch verbalisierte »Ausgrenzungserfahrungen« ihrer Identität versichern. 9

Überfremdungsängste

Ausgrenzungsversuche gab es frühzeitig. »Wir sind ein Unternehmen zur Versorgung der Berliner Bevölkerung. Masseneinkäufe, wie sie zuletzt vorgekommen sind, können wir nicht verkraften«, plakatierten kurz nach der Maueröffnung diverse West-Berliner Supermärkte – in polnischer und deutscher Sprache. Nicht nur hier sah sich der Sieger der Geschichte durch seinen Erfolg bedroht. Schon vor dem Oktober 1990 meldeten sich, zuerst in Zeitschriften wie Spiegel und Stern , rasch auch in Buchform, die Überfremdungsängstlichen, Spätberufene des Kapitalismus zumeist.

Bereits das pure Auftreten von Einkäufern oder auch nur die Nachricht davon erlebten sie als Übergriff. »Gegen die Ossis muss man sogar den Kapitalismus verteidigen«, 10 grollte es etwa aus der postrevolutionären Ausnüchterungszelle Kreuzberg. Erinnerungen an ein invasives »Sie« werden noch heute in einer Publizistik beschworen, die Engler und Hensel mit dezentem Ekel zitieren. Auch wenn, wie sie bemerken, Altbundesdeutschen bald ganze Straßenzüge, ja Stadtviertel und Ländereien gehören sollten, fühlten sich ihre Vor- oder Fürsprecher bedrängt, eben »unter Zonis«.

Im Westen blieben Einheitsgewinnler und -verlierer zumeist durch Klassengrenzen getrennt. In der Post-DDR hingegen verbanden Erfahrungen mit einer importierten, übermächtigen, dabei oft lautstark fremdelnden Herrenschicht bald Volk und Intelligenz. In ihrem pauschalen Anti-Ost-Affekt erscheint dort namentlich Westdeutschlands Linke als bloßer Appendix des raumgreifenden Kapitals. Der Kreditverlust der (West)Linken, die 1990 vom sozialismussatten (Ost)Volk enttäuscht war und 2015 von dessen Mangel an Vielfaltseuphorie, schwelt in Wer wir sind als Dauerfrage insbesondere an die Identitäts- und Kulturlinke Hensel.

Minoritätsromantik

Das Willkommen von 2015, im »Prestige-Journalismus« (Engler) teils gespiegelt, teils generiert, hängt offenbar mit spezifisch westdeutschen Normalisierungswünschen zusammen, die sich per Symbolpolitik erfüllen sollen: Wertegemeinschaft statt Herkunftsgeschichte, erwiesene Gefühlswärme statt Tätervolks- und Komfortzonenkälte, endgültige Ankunft unter den Nationen.

Die klassische Repräsentationsproblematik der Linken – wer sind die Benachteiligten und wie erfahren sie sich als Kollektiv – hat sich dabei erhalten. Engler und Hensel – ein Ex-DDR-Soziologe, dem über den Bruch von 89/90 hinweg Tätigkeitsart und -ort erhalten geblieben sind, eine ostdeutsche Journalistin, die ihr Ostdeutschsein erfolgreich thematisieren kann – reflektieren dies. 11 Sie wissen sich als privilegierte Vertreter »ihres« Volkes. Das Wir-Sagen fällt Engler /Hensel schwer, das Ihr-Sagen eines medialen Mehrheitsblocks West empfinden sie als leichtfertig.

Die ostdeutsche Minderheit nimmt im westdeutschen Diversitätsdiskurs eine seltsame Zwischenstellung ein. Soziale und politische Mehrheit werden kann sie schon deshalb nicht, weil sie als sozialpolitisches Kollektiv ein Konstrukt ist. Oft war es gerade die geringere Kollektivtauglichkeit, sprich: Milieu- und Ideologieformatiertheit des Ostens, die eine hilflose Häme erzeugte: »Mit dem hoch gelobten ostdeutschen Wir-Gefühl ist es nicht weit her!« 12 Blamiertes Vorurteil gibt sich als souveräne Entlarvung. Weiterhin kann das Minoritäre der Ostler schwerlich auf eine regionale Mentalität reduziert werden, obgleich im deutschen Westen vielerorts der Glaube ungebrochen ist, östlich der Elbe werde durchweg sächsisch gesprochen. Die ostdeutsche Minderheit ist auch nicht klein genug, um – wie andere Gruppen von »Migranten« (so Hensels häufiges Wort) – Schutzimpulse auszulösen.

Ivan Krastev hat trocken angemerkt, dass die Willkommenswelle 2015 kaum eine Million Ukrainer getragen hätte, kulturell näherstehend und ökonomisch vermutlich höchst integrationswillig; seine Erklärung lautete auf moralhedonistischen Exotismus im Stil des 19. Jahrhunderts. 13 Migranten aus einem ferneren Osten lassen sich selbst in hoher Zahl als das ganz Andere kulturell konsumieren, sofern ökonomisch-soziale Distanz garantiert ist.

Jahrzehntelang hatte die mittelschichtig geprägte Mehrheitsgesellschaft West »ihre« Fremden in den schlechteren Stadtvierteln, den schlechter bezahlten Jobs sicher verwahrt gewusst. Die ostdeutschen Neubürger mit ihrem Anspruch politisch-sozialer Gleichstellung mussten diese Mehrheitsgesellschaft verstören. Via Weltoffenheitsdiskurs konnte das westdeutsche juste milieu seine Verstörtheit in einem Fremdenhass zweiten Grades und besten Gewissens artikulieren.

Ostdeutsche, sofern Ex-DDR-Bürger, befremden durch eine qualitativ andere Sozialerfahrung und finden sich zugleich in den kulturellen Komparativ versetzt. Der brutale »Rückbau« der sozialistischen Architekturmoderne, mithin soziokultureller Räume, ist eines der Beispiele, auf die Engler schon in seinem Klassiker Die Ostdeutschen hinweisen konnte. 14 Diese gelebte und erfahrene andere Moderne, tatsächlich eine andere kulturelle Qualität, erscheint im Blick des deutschen Westens als unvollständig entfaltete, ideologisch behinderte Industriegesellschaftsversion.

Auch hier ist es Engler, der im Gegenzug – in der Emanzipationsfrage assistiert von Hensel – das Steckengebliebene, Halb-Entfaltete der westdeutschen Modernisierung in Lebens- wie Landesgeschichte anspricht. Seine kultursoziologischen Exkurse zielen darauf, dass die Tiefe der Zerstörungen in SBZ /DDR, die längere Spürbarkeit der Kriegsfolgen und damit die Schwierigkeit, sich bei den Siegern der Geschichte zu wähnen, das Land an der Basis nachhaltiger modernisiert habe. Diese Radikalmodernisierung bei desavouiertem Utopie-Überbau konnte nach 1990 als ökonomischer Härtetest und bewährte Ideologieskepsis zum sozialen Überlebensvorteil gereichen. Sie ist als ostdeutsche Erfahrung bislang eine Selbsterfahrung geblieben.

Merkel-Mysterien

Die Willkommenspolitik von 2015 erzeugte eine Hochkonjunktur ferndiagnostischer Merkel-Analyse, mit Akzent auf der neuentdeckten Empathiefähigkeit der Kanzlerin. Auch nach drei Amtszeiten nennen westsozialisierte Journalisten sie »die Ostfrau«, »die Frau aus dem Osten«, »die Ost-Kanzlerin« oder schlicht »die Ostdeutsche«. Mitunter folgt der mehr oder minder deutliche Hinweis an ihre Landsleute, darauf stolz zu sein, dass es eine von ihnen so weit gebracht habe. Weshalb Merkel »im Osten so viel Hass auf sich zieht«? »Weil sie ihren Landsleuten den Spiegel vorhält: Seht her, wer sich anstrengt, der schafft es auch.« 15

Als Erklärung mangelnder Merkel-Liebe ist weiterhin zu hören, dass die Kanzlerin den Ihren nicht genügend ostdeutsch erschien. Doch war Merkels Politikstil weder ostdeutsch noch westdeutsch, sondern in seiner normativen Treue gegenüber jeweiliger Faktenmacht wohl übernational, ja überzeitlich. In Fernost verehrte man sie für etwas, das sie von Helmut Kohl übernommen zu haben schien, das Politikziel: einfach nur da sein. Dieses Minimum an Selbstexposition durch Handlung hat ein Maximum an Deutungsarbeit provoziert, zu dem Wer wir sind (leider) ein Kapitel beisteuert. Es geht da um Vorbilder von »Identitätsbildung«. Hensel bewundert den » dezidiert-schwarzen« Präsidenten Obama wie die Kanzlerin mit dem richtigen Geschlecht: »Ich habe mein weibliches Selbstbewusstsein wesentlich aus ihrem Selbstbewusstsein abgeleitet«. Nicht nur hier findet Engler, dass der feministische Diskurs »partiell entgleist ist«. Repräsentationskonkurrenz, Differenzpflege, kurz: »Identitätspolitik« ist genau das, was Engler für das von rechts gefüllte Politikvakuum mit verantwortlich macht. Dagegen Hensel: »Identitätspolitik ist Sozialpolitik!«

Merkels Kanzlerschaft – eine ostdeutsche, eine weibliche oder doch bloß eine Parteikarriere? Und was überhaupt ist das Ostdeutsche oder Weibliche, das man bei Merkel suchte? Im Osten war Merkel zumindest nicht als emanzipierte Frau angepöbelt worden. Man erinnere sich dagegen ans westmedial eifrig kolportierte CDU-Wort »Zonenwachtel«! Eine linksliberale Publizistin hatte die Kanzlerkandidatin 2005 gar zum politischen »Neutrum« erklärt, das anders als Gerhard Schröder auf diversen Parketten schwerlich bella figura machen werde. Merkels Opportunismus (ihre Anbiederung bei George W. Bush 2003, ihre Absage an »Multikulti« noch 2010), nicht ihre angeblich verleugnete Herkunft oder Geschlechtsidentität waren es, die bei Ostdeutschen Anstoß erregten. Sie mussten darin genau jene Charakterzüge honoriert sehen, die ihnen jahrelang von westdeutschen DDR-Erklärern vorgehalten wurden.

Kompensationsavantgarde

Für Engler und Hensel sind die öffentlichen Proteste gegen Merkel ein Grund zum Fremdschämen, gleiches gilt für Pegida und die AfD-Wahlerfolge in Sachsen. Zum einen ordnen beide Autoren diesen vielfach ja »bürgerlichen« Protest in eine Krise des Repräsentationssystems ein, als etwas, das von der wendezeitlich-basisdemokratischen Erfahrung her anschlussfähig ist: Parteiendemokratie und -streit als durchschaute Überbaukomödie, als sachferne Eigenwelt.

Zum anderen resultiere die Abneigung gegenüber dem westdeutschen Repräsentationssystem aus materiellem und kulturellem Entwertungserleben. Manche neuvölkische Kostümierung sei Füllung einer durch Heimatverlust bedingten Sinnleere, die auch bei der disneyländischen Rekonstruktion ostdeutscher Altstadtviertel für ihre neuen, meist westdeutschen Bewohner fortbestehe. Die von zugezogenen Eliten oder Elitedarstellern empfohlene Verbürgerlichung scheiterte schlicht an Depravationsfakten, am typischen Kapitalmangel im Osten. Dort fehlten die materiellen »Werte«, die – im Narrativ von einer Demokratie sichernden »bürgerlichen Mitte« – als Sockel für die moralischen gelten.

Aus Arbeitslosigkeit, Entvölkerung und anderen typischen Phänomenen einer De-Industrialisierung hingegen hatte Engler schon 2002 seine Avantgarde-Reflexionen abgeleitet: 16 der Osten als Schnelldurchlauf von Erfahrungen, die den lange sozialstaatlich abgedichteten Westgegenden noch bevorstünden, zudem die Ableitung von mentalen Wettbewerbsvorteilen aus der »arbeiterschaftlichen« Vorschule DDR. Das berührte sich objektiv mit damaligen Planspielen um Sonderwirtschaftszonen, beispielsweise in Dohnanyis »Gesprächskreis Ost«. Zur Jahrtausendwende zeichnete sich ein Wandel im westmedialen Ostdeutschlandbild ab. Nachdem kurz zuvor noch ein »Ende der Schonfrist« gefordert worden war, 17 verriet der Avantgarde-Topos das Frösteln vor einem grenzenlosen Selbstausbeutungswillen. Von einer »Speerspitze des neuen Amerikanismus« (Heinz Bude) wurde geraunt. Ihre Träger dürften freilich eher ostdeutsche Frauen in »flexiblen« Lohnverhältnissen und Geringerqualifizierte als der in Massen arbeitslos gewordene, DDR-typische Facharbeiter gewesen sein.

Bürgerbewusstsein

Soziale Beispielssphäre für Rückstands- wie Avantgarde-These sind oft jene »Abgehängten«, die »entwerteten Biografien«. Man könnte ebenso von Überqualifizierten sprechen. Auch hier deutet sich eine Ost-West-Inversion an. Gerade nämlich für viele, auf gut neoliberal gesagt: Leistungswillige, die nach 1990 durchstarten wollten, konnte der Westen eine Enttäuschung sein. Sie mussten die Erfahrung machen, dass sich Leistung und Qualifikation gerade nicht immer lohnten, dass beispielsweise Herkunft oder Gesinnung (gar Geschlecht) über sozialen Aufstieg entschieden. Namentlich das Beispiel Dresden zeigt: Der Westen ist längst kein Vorbild mehr.

Dort würde man wohl »gutbürgerlich« nennen, was im Osten still und stetig gewachsen ist: Verachtung für den westlichen Landesteil, der in basalen Kulturtechniken unterklassig wirkt – der nach 1990 die Deutschlandhälfte Ost etwa mit seinen zahlreichen Nichtschwimmern, Rechen- und Rechtschreibschwachen oder auch nur mit Schülern schockierte, die kein einziges Gedicht aufzusagen wissen.

Deutschland mag heute die höchste Dichte an Beauftragten für verletzbare Empfindlichkeiten haben, darin vielleicht nur Skandinavien vergleichbar. Anders als dort – »Finnland« als Synonym für das DDR-Schulsystem mit seiner effektiven Breitenbildung! – ist die berufsvorbereitende Qualifikation in der Bundesrepublik prekär. So schwinden die qualifizierten Facharbeiter, zudem der risikobereite Mittelstand. Das Neobürgertum in Dresden und anderswo argwöhnt in der Masseneinwanderung Unqualifizierter schlechtere Standortbedingungen; die »bunten« Viertel gewisser Großstädte sind ihm Schreckens-, nicht Wunschbilder. »Pegida hat sich ja nicht irgendwo versammelt, sondern im Herzen der Stadt, direkt vor der Semperoper. Dafür braucht es auch Selbstbewusstsein« (Hensel).

Heimatliteratur

Bald nach 1990 war eine zuweilen wehmütig, zuweilen pathetisch gehaltene Literatur entstanden, deren alleiniges Thema »die alte Bundesrepublik«, der »rheinische Kapitalismus«, »die Bundesrepublik Adenauers« (Stephan Detjen) bildete und deren Produktion bis heute anhält. In ihr verschmelzen Wirtschaftswunder, Schutzmachttreue und Achtundsechzigerrevolte zu einem homogenen Erinnerungsblock.

Vielleicht hat niemand die Sehnsucht nach den Jahren, als man mit sich selbst, der D-Mark und seiner Weltoffenheit noch unter sich war, so farbenfroh bebildert wie jüngst Peter Prange. Der Autor des Romans Unsere wunderbaren Jahre bewarb diesen im Deutschlandfunk als Erzählung von einer Zeit, »die mit der D-Mark begann und endete« und das bundesdeutsche Daseinsempfinden bis heute präge. »Was für ein doch weltoffenes Land wir geworden sind«, bemerkte Prange. »Ich würde sagen, dass wir uns da sehr toll entwickelt haben.« 18

Der Osten Deutschlands erscheint in derlei Erzählungen meist als eindringender Fremdkörper, als Agens eines Verfalls. »Die Westdeutschen leben heute, gemessen an dem, was sie hatten, in einer beschädigten Republik«, hatte Wolfgang Herles seine vielgekaufte (An)Klageschrift Wir sind kein Volk (2004) eingeleitet. Der hochtönenden Klagen gab es im Qualitätsfeuilleton hinfort viele; 19 vom Flachland der Comedians ganz zu schweigen. In ihrer Mischung aus Ignoranz, Arroganz und Larmoyanz sind solche Erzeugnisse unverkennbar fürs heimische Publikum gemacht; der Osthass dient als Medium von Selbstverständigung wie Selbstverschließung.

Überzeugen, gar aufklären wollen diese Autoren jedenfalls kaum, höchstens entlarven. Hingegen sind Bücher wie das von Engler /Hensel vage oder explizit an ein Gegenüber gerichtet, das damit als »Normal-Null« anerkannt ist. Gerade die besten Exemplare dieses Genres zeigen jedoch, dass seine Möglichkeiten begrenzt sind. Nicht nur, weil der Adressat dieser Erfahrungs- und Reflexionsbücher davon gar nicht hören und lesen will, nicht nur, weil daseinsprägende Erfahrungen nur gemacht, nicht gelehrt werden können. Es fragt sich vielmehr, ob ein Blickwechsel – ein Wechsel von versuchter Selbstnormalisierung zum Blick auf die Normalisierungsverweigerer ihrerseits – nicht weiter führt. Die jüngeren Erfahrungen mit Westdeutschland legen nahe, dass ein Land (oder Landesteil), in dem die Existenz historischer Normal- wie auch Sonderwege kollektiver Glaubenssatz ist, selbst ein historischer Sonderfall ist.

Mit anderen Worten: Die »alte«, um ihre Erinnerungen gedrängte Bundesrepublik, nicht die DDR und ihr Nachfolgekollektiv, könnte das explanandum der deutschen Geschichte sein; zu erklären diesmal freilich nicht – wie bislang – exklusiv durch die Ihren. Nicht nur war im Osten die Konfrontation mit Kriegsschuld(en), Besatzung, Reparationslast vollständiger, »existentieller«, daher weniger Bedarf an Ersatz-, sprich: Bekenntnis- und Symbolpolitik.

Vieles, was die industrielle Moderne ausmacht, haben Ostdeutsche gründlicher absolviert: Glaubensschwund etwa oder Frauenemanzipation. Im Osten erregt der Kampf um Gender-Sterne oder gegen Gomringer-Gedichte bestenfalls Heiterkeit. Zu sehr dementiert er die Existenz jenes Selbstbewusstseins, das dadurch behauptet werden soll. Das gilt auch für andere Selbstzuschreibungen. Wenn es so etwas wie eine ostdeutsche »Identität« geben sollte, dann würde diese sich in Identitätspolitik kulturlinken Typs wahrscheinlich auflösen. Nicht die Artikulation des eigenen Andersseins, sondern die Analyse jenes Daseins, das zu seiner Selbstvergewisserung so dringend dieses Andersseins bedarf, verspricht kognitiven Gewinn. Mehr dürfte für die ostdeutsche Minderheit vorerst nicht drin sein.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Kersten Sven Roth / Markus Wienen (Hrsg.), Diskursmauern. Aktuelle Aspekte der sprachlichen Verhältnisse zwischen Ost und West. Bremen: Hempen 2008.
  2. Wolfgang Engler / Jana Hensel, Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Berlin: Aufbau 2018.
  3. Oder gar zum »Beitrittsphantasma«. Die politische Unterrepräsentiertheit Ostdeutscher beruht demnach auf folgender Fehlwahrnehmung: »Das Sagen haben im heutigen Deutschland die, die zuerst da waren, die Westdeutschen.« Pure Einbildung sei auch die Annahme ostdeutscher Intellektueller, es gäbe »Einflussstrukturen, in die man hinein muss, wenn man etwas erreichen will«. (Vom ostdeutschen Glauben, mehr zu wissen. Die alte Heimat ist weg, der Komplex bleibt, meint Heinz Bude. In: ZEIT online vom 4. August 2011).
  4. Typisch hierfür die Besprechung von Dirk Pilz in der Berliner Zeitung vom 19. September 2018.
  5. Zum Beispiel Klaus Rüdiger Mai oder Thorsten Hinz, die sich immer wieder zu Ost-West-Themen äußern.
  6. Englers Nachfrage, worin konkret seine »Privilegien« als »alter weißer Mann« bestünden, kann Hensel freilich ebenso wenig beantworten wie die nach ihrer persönlich erlebten »Ausgrenzung«.
  7. Jana Hensel, Wir sind anders. In: Zeit vom 23. September 2010.
  8. Aus der gleichen Generation überliefert: Mauerkinder, Eisenkinder, Schokoladenkinder.
  9. Gewährt die Mehrheitsgesellschaft dem medial keinen Raum, kann das zu »Ausgrenzungserfahrungen« zweiter Stufe führen, die Hensel »Marginalisierungserfahrungen« nennt.
  10. So Klaus Bittermann noch zwanzig Jahre später als Herausgeber von Unter Zonis. Zwanzig Jahre reichen jetzt so langsam mal wieder. Berlin: Edition Tiamat 2009.
  11. Erfrischend offen ihre Diskussion von Repräsentations- und »Wir-Problem«.
  12. Heinz Bude gegenüber der Märkischen Oderzeitung vom 25. März 2013.
  13. Im Gespräch mit Oliver Jens Schmitt verwies Krastev auf die Griechenbegeisterung der Romantik (in der FAZ vom 15. Mai 2016).
  14. Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land. Berlin. Aufbau 1999.
  15. Ralph Bollmann, Migranten im eigenen Land. In: FAZ vom 3. Oktober 2017.
  16. Wolfgang Engler, Die Ostdeutschen als Avantgarde. Berlin: Aufbau 2002.
  17. Thomas Roethe, Arbeiten wie bei Honecker, leben wie bei Kohl. Ein Plädoyer für das Ende der Schonfrist. Frankfurt / M.: Eichborn 1999.
  18. Denk ich an Deutschland: Peter Prange. In: Deutschlandfunk vom 6. Mai 2018.
  19. Als Musterwestdeutsche vgl. Maxim Biller über den Biss des »Ossivampirs«, der »unsere einst so libertäre, offene, unnationalistische Gesellschaft mit seiner Osthaftigkeit vergiften« werde (FAS vom 22. März 2009) und Friedrich Küppersbusch, Wir haben euch nicht gerufen. Hier gelten unsere Werte! (taz vom 21. Februar 2016).

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