Die Moschino-Merkel-Abaya von Britz

Ich bin jetzt öfter in Berlin-Britz. Meine Wanderung ist immer zwei Kilometer lang, vom Bahnhof Hermannstraße nach Süden, jedes Mal an die Straßenecke, wo sich unlängst die berühmte Schießerei zwischen zwei arabischen Clans ereignet hat, aus der abgeleitet wurde, eine bestimmte deutsche Fernsehserie, die gerade beworben werden musste, sei sehr realistisch. Britz ist eine No-go-Zone, in der mir noch nie etwas Böses passiert ist, und nichts erinnert mich hier an eine Fernsehserie.

(Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

Das Grundgefühl im Viertel ist Erschöpfung, Erschöpfung durch Armut. Die ständige Anstrengung, es irgendwie schaffen zu müssen, ohne es jemals schaffen zu können, macht die Menschen müde und aggressiv zugleich. Außerdem ist Armut schlecht für die Haut.

Manchmal nehme ich auch den Bus. Die Fahrt führt erst an einem Geschäft für »Wurst-Sonderposten« vorbei, dann am »Billig-Bestatter«, das hat eine gewisse Logik. Es gibt kaum eine Busfahrt ohne Zwischenfälle, Auseinandersetzungen am Rande der Schlägerei. Auch die Busfahrer sind erschöpft. Aber wir kommen jedes Mal an den Betriebshof Britz der Berliner Verkehrsbetriebe, und oft dürfen sie dort Feierabend machen.

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Einmal begegnet mir auf der Straße eine Frau mit drei kleinen Kindern. Sie trägt ein Kopftuch und eine Abaya, das fußlange Kleid, das züchtig wirken soll. Die Abaya ist schwarz, aber anders als alle anderen, die ich bisher gesehen habe, ist sie beschriftet, mit großen weißen Lettern, von Kopf bis Fuß. Auf der Abaya steht YOU CAN DRESS ME UP, BUT YOU CAN’T TAKE ME OUT. Du kannst mich schön machen, aber du darfst nicht mit mir ausgehen. Das Statement, in diesem Zusammenhang, in all diesen einander überlagernden Zusammenhängen, kommt mir auf Anhieb unzüchtig vor, ohne dass ich genau sagen könnte, was diese Unzüchtigkeit ausmacht.

Ich verpasse den Augenblick, die Frau zu fragen, was sie damit sagen will (und ob sie damit überhaupt etwas sagen will). Wir sind Großstadtbewohner, das heißt: Wir gehen aneinander vorbei.

Die Online-Recherche ergibt, dass der Spruch selbstironisch von Frauen verwendet wird, die sich zu tollpatschig finden, als dass man sich mit ihnen sehen lassen könnte. Im Kontext mit der Debatte über die Behandlung von Frauen im Islam, in den diese Muslima auf der Straße ihn versetzt, wie schräg, verkantet oder unbewusst auch immer, taucht er sonst nicht auf. In Britz brechen Bedeutungsebenen über mir zusammen. Nicht jedes Rätsel ergibt einen Sinn.

(…)

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