Die Vernunft ist stärker als der Tod – Leben und Sterben des Anacharsis Cloots

Er wurde am 24. Juni 1755 als Johann Baptist Cloots auf Schloss Gnadenthal bei Kleve geboren und starb am 4. Germinal des Jahres II der Republik im Alter von achtunddreißig Jahren als Anacharsis Cloots in Paris unter der Guillotine. Der Vater, Thomas Fransiskus Cloots, reicher katholischer Reeder aus Amsterdam und Bankier diverser europäischer Adelshäuser, verließ 1748 nach der Heirat mit Adelaida de Pauw die calvinistischen Niederlande, um sich kurz hinter der preußischen Grenze in Schloss Gnadenthal niederzulassen. Noch im selben Jahr wurde er von Friedrich dem Großen zum preußischen Geheimrat ernannt, 1756 von Maria Theresia in den Baronsstand erhoben. Aktien und Fonds in England, Frankreich, Spanien und Österreich, Ländereien in Preußen und Häuser in Holland sicherten den herrschaftlichen Lebensstil der Familie. Die Mutter kam aus einem der führenden Patriziergeschlechter Hollands, das im Goldenen Zeitalter der Niederlande höchste politische Ämter innehatte. Ihr Bruder Cornelis de Pauw war Chorherr in der Xantener Stiftskirche Sankt Viktor und leitete die dortige Bibliothek. Friedrich der Große versuchte vergebens, den hochgebildeten und geistreichen Gelehrten mit Geld und Ämtern an sich zu binden. Der zog es vor, philosophische Schriften über die Indianer, die Ägypter und Chinesen sowie die Griechen zu verfassen, und wurde von Diderot und d’Alembert zur Mitarbeit an den Supplementbänden der Encyclopédie eingeladen.

(Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

An der preußischen Zivil- und Militärakademie, wo junge Adlige auf eine Offiziers- oder Diplomatenlaufbahn vorbereitet wurden, war deutsch zu sprechen bei Strafe verboten. Jean Baptiste de Cloots – Baron du Val-de-Grâce, wie er sich nun nannte – lief keine Gefahr, das Reglement zu übertreten. Die Sprache seiner Landsleute war ihm so verhasst, wie er ihre Kultur als minderwertig und ihr Benehmen als barbarisch empfand. Bei der Entscheidung, ihn nach Abschluss des Jesuitenkollegs zum weiteren Studium nach Berlin zu schicken, wird die Mutter ihren Bruder zu Rate gezogen haben, denn ihr Mann war vier Jahre zuvor verstorben und hatte dem ältesten Sohn das Gut und Jean Baptiste Vermögenswerte hinterlassen. Cornelis de Pauw kannte die Akademie und ihre Unterrichtsziele, die vom König selbst stammten: Vernunft entwickeln, Urteile kräftigen, klare Begriffe bilden.

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Er kannte auch einige Lehrer, darunter Dieudonné Thiébault, der das reinste Französisch in ganz Preußen sprach und die Briefe des Königs korrigierte, und dann Johann Georg Sulzer, den Schweizer Aufklärer, dessen mehrbändige Ästhetik gerade erschienen war. Wenn dieser Sulzer seine Schüler beschwor, sich niemals auf die Autorität anderer zu stützen, ohne deren Worte zuvor mit den Regeln der Vernunft verglichen zu haben, dann war das für Jean Baptiste die reine Lehre: Der Weg der Autorität als Weg in den Untergang. Einen Professor so reden zu hören, spornte seinen wachen Geist an, die Maxime auf sich selbst zu beziehen und auf die Verhältnisse an der Militärakademie. Stand doch auch das Exerzieren auf dem Lehrplan. Wer von einer Kadettenanstalt kam, wie die meisten seiner Kameraden, dem mochten die abgezirkelten Bewegungen nach dem Exerzierreglement in Fleisch und Blut übergegangen sein. Nicht so Cloots, dem jeder Befehl, ob nun auf Französisch oder Deutsch, zu denken gab: »Rechts umkehret euch!« – »Links her stellet euch!« Waren die geometrischen Schritte, Philosophenkönig hin oder her, nicht Ausdruck eines militärischen Despotismus? »Links umkehret euch! – Rechts her stellet euch!«

Sah er nicht morgens vom Fenster seines Zimmers aus Leichen in der Spree treiben? Soldaten, die den Drill nicht mehr hatten ertragen können: »Ergreifet die Patron!« – »Öffnet die Patron!« – »Pulver auf die Pfanne!« – »Schließet die Pfanne!« – »Links schwenket das Gewehr zur Ladung!« – »Die Patron in den Lauf!« – »Ziehet aus den Ladestock!« – »Den Ladestock in den Lauf!« Nach drei Jahren Militärakademie war in Cloots der Entschluss gereift, keine Staatskarriere anzustreben, sondern nur die eine Magistratur, wie er später in einem Brief an Camille Desmoulins schrieb – die der Feder und der Stimme. Mit einem ererbten Vermögen, das jährlich 100 000 Livres abwarf, stand dem Achtzehnjährigen die Welt offen. Und das war Paris.

Cloots war in seinem Innersten getroffen, als sich Stefano Zannowich, alias Prinz Castriotto von Albanien, in auswegloser Lage am 25. Mai 1786 im Kerker zu Amsterdam das Leben nahm. Er hatte den vornehmen Fremden erst wenige Monate zuvor bei seinem Verleger kennengelernt, wo soeben sein Buch über das geliebte Frankreich, Voeux d’un Gallophile, erschienen war. Mit seinem geschmeidigen Benehmen, ansprechenden Äußeren und einer seltenen Redegabe hatte Castriotto den etwas jüngeren Cloots auf der Stelle für sich eingenommen. Patriarch der griechischen Kirche, polnischer Magnat, Herzog von Saba, spanischer Grande erster Klasse, Hochmeister des Ordens vom Heiligen Konstantin, Großprior von Malta – jeder Titel, den Castriotto in eine Erzählung aus seinem Leben einflocht, hatte Cloots’ ungestüme Bewunderung noch weiter befeuert.

Zu erfahren, dass sein »angebeteter Prinz«, wie er Castriotto in Briefen tituliert hatte, in Wahrheit Sohn eines montenegrinischen Krämers war, der in Venedig als Hasardspieler ein kleines Vermögen gemacht hatte, war ein Choc für den Dreißigjährigen. Wie um den Schlag durch eigene Bewegung abzuleiten, reiste Cloots drei Jahre lang durch Europa. Wien, Budapest, Italien, Griechenland, Nordafrika, Spanien, die Pyrenäen – aber wo immer er auch hinkam, alle waren begierig zu erfahren, wie Castriotto den Generalstaaten ein Armeecorps Montenegriner angeboten und sich mit den Empfehlungsschreiben der Regierung neue Kredite verschafft hatte, wie das Bankhaus Chomel und Jordan den Hochstapler enttarnt hatte, wie er wegen Täuschung und wiederholten Betrugs post mortem verurteilt, seine Leiche auf dem Henkerkarren zum Richtplatz gefahren und unter dem Galgen verscharrt worden war.

Und immer wieder hörte er, wie sein Prinz in höchsten Tönen gepriesen wurde – sein glänzender Auftritt, seine mannigfaltigen Kenntnisse, seine Belesenheit. Homer und Hesiod, Ovid, Vergil und Horaz, Dante, Tasso und Ariost sollte er aus dem Gedächtnis zitiert haben. Mit Voltaire in Ferney, dem Philosophenkönig in Sanssouci und der aufgeklärten Zarin in Sankt Petersburg stand er, wie man wissen wollte, in persönlichem Kontakt, mit bedeutenden Männern der Kunst und Wissenschaft in regem Briefwechsel. Immer wieder fielen die Namen Rousseau, Metastasio, Gluck, d’Alembert, Marmontel, auch Casanova wurde genannt. In Montenegro, hieß es, habe Castriotto sich für Zar Peter III. ausgegeben. Und wen er nicht alles geprellt haben sollte – den Prinzen von Oranien, den Amsterdamer Bürgermeister, den sächsischen Kurfürsten, die Herzogin von Kingston, sogar Oginsky, den polnischen Fürsten, wie sein Onkel Mitarbeiter an der Encyclopédie . Stimmte auch nur die Hälfte von dem, was Cloots zu Ohren kam, wollte es ihm wie eine Ehre erscheinen, von Castriotto düpiert worden zu sein. Wenn er seinen Meister gefunden hatte, dann gleich einen Großmeister.

»Franzosen! Wahret euren Kopf auf euren Schultern!« Mit diesem Aufruf beschloss Cloots – von Gnadenthal, Baron in Deutschland, Bürger in Frankreich, wie er sich inzwischen nannte – am 18. März 1790 seinen ersten Auftritt im Jakobinerklub in der Rue Saint Jaques. Die Rede wurde sehr kontrovers diskutiert, die Chronique de Paris wollte die Druckfassung nicht einmal annoncieren. Cloots traf den Mitherausgeber Millin auf der Straße und sprach ihn sofort darauf an: Warum man vor kurzem seinen Essay angenommen habe, nun aber nicht einmal eine bezahlte Anzeige? Millin druckste herum und redete sich auf eine Redaktionsentscheidung heraus. Cloots ließ nicht locker: In der Chronique befürworteten sie doch auch die konstitutionelle Monarchie. Da lägen sie auf einer Linie mit seiner Forderung nach einer vollständigen Unterordnung des Königs unter die Legislative. »Mon cher ami«, sagte Millin und legte Cloots den Arm auf die Schulter, um ihn zum Weitergehen zu bewegen: Das sei doch längst in die Konstitution aufgenommen. Nicht umsonst hätten die Marktweiber den König im Jahr zuvor gezwungen, von Versailles ins Palais des Tuileries zu ziehen.

Cloots blieb stehen und sprach jetzt so energisch, dass etliche Passanten ebenfalls Halt machten, um seinen Ausführungen zu lauschen: Nein, ohne Zusatzartikel, der dem König verbiete, seine Truppen in Krieg und Frieden selbst zu befehligen, sei man auf seine Gutartigkeit angewiesen. Angenommen, das Projekt der Reise Seiner Majestät nach Metz wäre ein abgekartetes Spiel mit Österreich. König und Kaiser heuchelten einen Kriegszweck vor und verfolgten in Wahrheit das Ziel, Paris zu überrumpeln und den alten Despotismus wiederherzustellen. »Chimären«, sagte Millet, und die Umstehenden murmelten beifällig. Doch Cloots fuhr unbeirrt fort: Selbst wenn es Hirngespinste wären, müsse man dem König ein für alle Mal die Truppen aus der Hand nehmen. Der König sei der Kopf der Nation und gehöre an seinen Platz – auf den Schultern des Volkes, in der Gewalt der Hauptstadt!

(…)

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