Héberts Tod

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.Der Tod ist der Beginn der Unsterblichkeit.
Robespierre

Der Kopf von Jacques-René Hébert (1757–1794) kann nicht mehr besichtigt werden. Im April 2016 schloss die Chamber of Horrors von Madame Tussauds in London; die Beschwerden besorgter Eltern waren zu zahlreich und zu vehement geworden. Damit verbannte das Unternehmen seine Gründungsgeschichte in den Keller. Die Wachsköpfe der guillotinierten Revolutionäre waren das Startkapital, das die Straßburgerin Marie Grosholtz 1802 nach England mitbrachte und dem sie den Erfolg ihrer Ausstellung verdankte. Noch immer kommt das Publikum in Scharen zu Madame Tussauds, doch die Faszination für den Gesichtsausdruck im Augenblick des Todes hat sich offenbar nicht gehalten.

(Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

Bis dahin war der aufgespießte Kopf Héberts zwischen den Häuptern Jean-Baptiste Carriers und Maximilien Robespierres aufgereiht. Die schlechte Gesellschaft spricht für Héberts üblen Ruf. Und man kann in der Platzierung eine Art Hierarchie der Erinnerung erkennen: Wenn Carrier nur mehr als barbarischer »Schlächter von Nantes« bekannt ist und Robespierre die schillernde Inkarnation der terreur, rangiert Hébert dazwischen, als »monstre subalterne« (Louis-Sébastien Mercier). Der Journalist und Politiker ist eine prominente Nebenfigur der Revolution. Er trug den fiesen Teil zum Martyrium Marie-Antoinettes bei und begründete mit seiner vulgären Zeitung, dem Père Duchesne, den populistischen, ultraradikalen Hébertismus.

In Frankreich taugen die großen Revolutionäre immer noch zur politischen Identifikation: Hält man zu Robespierre oder Danton, zu den Jakobinern oder den Girondisten, den Radikalen, den Gemäßigten oder gar den Monarchisten? Hébert spielt bei diesen historischen Selbstverortungen keine Rolle, weder als Held noch als finsterer Gegenspieler. Denn Hébert gilt als »charakterlos« (Albert Soboul), und das liegt an seinem Tod. Die Anekdote seines jämmerlichen Sterbens ist immer wieder erzählt worden: Am 24. März 1794 wurden die Hébertisten verurteilt und noch am gleichen Tag guillotiniert. Auf dem Weg zur Place de la Révolution kamen Hébert die Tränen. Die Sansculotten verspotteten ihn, und er hatte schreckliche Angst, weinte, zitterte, taumelte, fiel in Ohnmacht und schrie vergeblich um sein Leben. Dazu passen die letzten Worte, die ihm der Henker Sanson in seinen (apokryphen) Memoiren in den Mund gelegt hat: »Pas encore«.

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Die Geschichte ist grauenhaft und taucht in fast allen großen Revolutionsdarstellungen des 19. Jahrhunderts auf. In den letzten Jahrzehnten ist sie merklich seltener erzählt worden, doch bis heute führt sie mit ihrem geschmähten Protagonisten eine Schattenexistenz in den Nebensätzen und Fußnoten. Sie verschwindet nicht, weil sie das feige Wesen Héberts auf den Punkt bringt – der Gedanke, dass der Tod die Wahrheit über einen Menschen verrät, leuchtet offenbar weiterhin ein. Die Historiker folgen damit einer Argumentationslogik, die auf den öffentlichen Ankläger Fouquier-Tinville zurückgeht, der in Ermangelung von Beweisen statt einer Verschwörung Verschwörer bewies. Und sie schreiben eine Geschichte fort, die vielleicht überhaupt nicht stimmt, die man in jedem Fall auch anders erzählen könnte.

Die Verhaftung

In der Nacht vom 13. auf den 14. März 1794 wurde Jacques-René Hébert zusammen mit François-Nicolas Vincent, bis kurz zuvor erster Sekretär des Kriegsministeriums, Charles-Philippe Ronsin, General der Pariser Armée Révolutionnaire , und Antoine-François Momoro, Präsident des Club des Cordeliers, auf Anordnung des Wohlfahrtsausschusses festgenommen. Hintergrund der Verhaftung war ein politischer Machtkampf, den die Gruppe um Robespierre erst gegen die »Ultraradikalen«, wenige Wochen später gegen die »Nachsichtigen« um Danton und Desmoulins führte. Die vier Verhafteten waren namhafte und einflussreiche Wortführer der Sansculotten und verfochten das vage Programm einer direkten Demokratie, eine radikale Politik für die sozioökonomische Gleichheit aller (nichtaristokratischen) Bürger, eine expansive Kriegspolitik, den »Kult der Vernunft« und die unnachgiebige Verfolgung aller Wucherer und Konterrevolutionäre.

Sie waren die selbsternannten Advokaten des Volks, und insbesondere Hébert verfügte mit dem populären und auflagenstarken Père Duchesne über erheblichen Einfluss auf die Sansculotten. Insofern war das Manöver der Revolutionsregierung äußerst riskant. Frankreich wurde im Winter 1793/94 von einer neuerlichen Hungersnot heimgesucht. In Paris kursierten Gerüchte über einen baldigen Aufstand, heimliche Massaker, Gefängnisverschwörungen, und Flugblätter, die für eine Revolte der Marktfrauen und die Ermordung führender Politiker warben. Hébert zog am 4. März im Club des Cordeliers offen die Möglichkeit einer »Insurrektion« in Erwägung, verbunden mit einer kritischen Anspielung auf Robespierre. Die Historiker sind sich einig, dass es keine Pläne für einen Aufstand gegeben hat, zumal die Sektionen trotz ihrer Unzufriedenheit gar nicht dazu bereit gewesen wären. Vermutlich war nur ein Protestmarsch zum Konvent angedacht. Die führenden Jakobiner begriffen aber, dass die Cordeliers-Gruppe nach der Macht zu greifen versuchte, und nahmen Hébert beim Wort.

Der Prozess

Das Reden von der Insurrektion war Bestandteil der üblichen Revolutionsrhetorik, Verweis auf die »heiligste Aufgabe« des Volks, wie sie in der zweiten Menschenrechtserklärung von 1793 festgeschrieben war. Es reichte bei weitem nicht aus, um Hébert und Genossen der konterrevolutionären Tätigkeit oder gar der Verschwörung zu überführen. Das Risiko, das Vertrauen der Pariser Bevölkerung zu verspielen und die Stimmung zugunsten der Angeklagten kippen zu lassen, war groß, weshalb man sich zu einem »Amalgamierungsverfahren« entschloss: Denjenigen, die man mit einem gewissen Recht als politische Fraktion, als Hébertisten oder exagérés bezeichnen konnte, wurde unter anderen eine bereits länger inhaftierte Gruppe von ausländischen Politikern, Bankiers, Agenten und Verdächtigen im Skandal um die Ostindien-Kompagnie beigemengt, dazu zwei royalistische Konterrevolutionäre, die tatsächlich und dilettantisch einen Aufstand geplant hatten.

Der Prozess fand vom 22. bis 24. März vor dem Revolutionstribunal statt. Allen konnte irgendetwas zur Last gelegt werden, manchen zu Recht, anderen zu Unrecht. Zusammengehalten wurden die einzelnen Anklagepunkte durch das Konstrukt der Verschwörung mit dem so ungeheuerlichen wie vagen Ziel, »die Souveränität des Volks und die Freiheit der Franzosen für immer auszulöschen und den Despotismus und die Tyrannei wieder einzuführen«. Bezahlt von England und den anderen gegnerischen Kriegsparteien, hätten die Angeklagten eine künstliche Hungersnot herbeigeführt, Unzufriedenheit geschürt und die wahren Patrioten denunziert, um schließlich die »energischsten und eifrigsten Verteidiger der Freiheit« zu »massakrieren« und einen »grand-juge« als Tyrannen einzusetzen.

Auch wenn es mit über zweihundert Jahren Abstand nach wie vor schwerfällt, sich im Gewirr der Aussagen, Verleumdungen, Lügen und der teilweise durchaus merkwürdigen persönlichen Beziehungen zurechtzufinden – es gab weder eine Verschwörung noch Beweise dafür. Daher entschloss sich der Ankläger Fouquier-Tinville, den Hauptangeklagten selbst zum Beweisstück zu machen. Hébert wurde überführt: nicht der Konspiration, aber der Maske, der falschen Biografie und der heimlichen Niedertracht, Gemeinheit, Charakterlosigkeit. Die geladenen Zeugen sagten nicht zu seiner Verwicklung in das Komplott, sondern zu seiner Lebensführung und seiner Vergangenheit aus. Die Demontage seiner persona stützte sich von Anfang an auf die Behauptung seines angeblichen Zusammenbruchs vor Gericht. In der Zeitung wurden Héberts Verzweiflung im Gefängnis und ein Selbstmordversuch ausgemalt; an den Straßenecken ließ man verlesen, dass der Hauptangeklagte kaum ein Wort zu seiner Verteidigung vorbringen könne.

»Nichts erinnert weniger an den Père Duchesne als der Angeklagte Hébert, der bis jetzt keinerlei Energie an den Tag gelegt hat und dessen Haltung im Gegenteil gegen ihn spricht und tatsächlich zum Beweisstück taugt«, kommentierte der Verfasser des für die Öffentlichkeit bestimmten Prozessberichts. 1 Nach Verlesung des Todesurteils habe man Hébert aus dem Saal heraustragen müssen.

In den Spitzelberichten der Agenten des Innenministeriums findet man widersprüchliche Aussagen zum Verhalten Héberts. Verärgert schrieb Georges Couthon nach dem ersten Verhandlungstag an seine Heimatgemeinde: »Der berühmte Père Duchesne hat eine künstliche Selbstsicherheit vorgespielt; er hat versucht, das Volk weiterhin zu täuschen, indem er es wagte, sich immer noch als den Patrioten par excellence darzustellen.« 2

Man kann also berechtigte Zweifel an der offiziellen Darstellung des Prozessberichts haben. Sie war Teil einer strategischen Inszenierung; die Feigheit, die Schwäche und die Angst Héberts sollten auf der Bühne der Place de la Révolution zur finalen Aufführung kommen.

Der falsche Sansculotte

Auch wenn es einen Hébertismus nicht in dem Sinne gegeben hat, dass Hébert tatsächlich der Anführer seiner Fraktion gewesen ist, war er doch sicherlich der bekannteste der Angeklagten. Mit dem Père Duchesne, einem bärbeißigen Ofensetzer, hatte er eine Ikone der Revolutionskultur geprägt (wenn auch nicht erfunden – die Figur stammt wohl aus dem Volkstheater). Die gleichnamige Zeitung zeichnete sich durch den Charakter und vor allem den derben Humor dieser fiktiven Figur aus, die sich in der Sprache des Volks ausdrückte, kein Blatt vor den Mund nahm und die Interessen der kleinen Leute vertrat. Der Père Duchesne war der Idealtypus des »tapferen Sansculotte«. Haim Burstin hat gezeigt, dass diese politische Selbstbezeichnung nur bedingt auf eine festumrissene Klasse oder Schicht verweist. Die Protagonisten der Volksbewegung waren nicht nur arme Arbeiter und Handwerker, sondern eine heterogene Gruppierung von Menschen, die in einem faszinierenden Prozess der Selbsterfindung die Figur des tapferen Sansculotte entwarfen und ihr Sein diesem Typus anglichen. 3 Dabei wirkte gerade der Père Duchesne normierend.

Mit der Zeit verwuchs Hébert in der Öffentlichkeit zunehmend mit seiner Kreatur. Das war insofern problematisch, als Hébert, nach allem was wir wissen, selbst nicht der Norm des tapferen Sansculotte genügte. Ursprünglich aus gutem Haus, hatte er in den 1780er Jahren eine ärmliche Bohemien-Existenz geführt. Verschiedene Quellen bezeugen, dass er nach seinem Aufstieg jedoch ein Leben in sichtbarem Wohlstand führte und wenig Anstalten machte, sein Äußeres und seine Manieren der frugalen Mode anzupassen. Allein das bot in Zeiten der Not eine breite Angriffsfläche. In seinem Prozess wurde ihm aber auch die Rolle zum Verhängnis, die sein Père Duchesne als passionierter Hinrichtungsbeobachter gespielt hatte. Der Ofensetzer genoss das Spektakel der Guillotine, vor allem wenn ihr prominente Verschwörer wie Marie-Antoinette zum Opfer fielen: »Das Luder war übrigens wagemutig und frech bis zum Ende. Doch die Beine versagten ihr in dem Moment, als sie aufs Brett geschnallt wurde […] Ihr verfluchter Kopf wurde schließlich von ihrem Hurenhals getrennt, und die Luft erbebte von den Rufen: Es lebe die Republik, verdammt noch mal« (Père Duchesne, Nr. 299).

(…)

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. In: Gérard Walter (Hrsg.), Procès instruit et jugé au tribunal révolutionnaire contre Hébert et consorts. Paris: Edhis 1969. – Übersetzung hier und im Weiteren: Niklas Weber.
  2. Georges Couthon, Brief vom 2. Germinal. In: Correspondance inédite de Georges Couthon, 1791–94. Hrsg. v. Francisque Mège. Paris: A. Aubry 1872.
  3. Haim Burstin, L’invention du sans-culotte. Regards sur le Paris révolutionnaire. Paris: Odile Jacob 2005.

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