It’s Over. Begegnungen in Hongkong

Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Die Hochhäuser ragen in den Himmel wie die stumpfen Stacheln eines versteinerten Igels. In der Lockhart Road, wo alte, biertrinkende, weiße Männer in Bars mit jungen, cocktailtrinkenden, asiatischen Prostituierten und Escort-Damen tändeln, wabert der gewohnte süßsäuerliche Fäulnisgeruch. Geschäftsmänner steigen in ihre Teslas ein, Geschäftsmänner steigen aus ihren Teslas aus. Auf den Märkten zappelt Meeresgetier in flachen Becken seinem kulinarischen Ende entgegen, und in den Boutiquen boomt das Luxus-Shopping. Am Wochenende treffen sich in den Parks die immer noch in prekärer rechtlicher und finanzieller Lage darbenden »domestic helpers« von den Philippinen, aus Malaysia, Indonesien, während ihre Arbeitgeber im Happy Valley Pferderennen verfolgen. In den Häuserschluchten, zwischen den Leuchtreklamen und den Imbissbuden, begegnet man weiterhin jenen älteren Frauen, die mit Handkarren im Gewimmel umhermanövrieren; die Blicke starr, die Rücken krumm, der Gang eine unverwechselbare Mischung aus Tippeln und Schlurfen. Und doch ist etwas anders im Hongkong des Jahres 2018. Ein Narrativ kursiert in der Sonderverwaltungszone, wird unablässig wiederholt und weitergegeben. Bei Tischgesprächen in den Cafés. In den Medien. Unter Studierenden an Hochschulen. Auf den Straßen und in den sozialen Netzwerken. Es lautet: It’s over.

(Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

»Mainlandization«

In einem Restaurant bei North Point entspinnt sich im Januar 2018 ein spontanes Gespräch mit einem Geschäftsmann aus der Finanzbranche. Er ist Anfang vierzig, wacher Blick, ausgezeichnetes Englisch, Familienvater, seit dreizehn Jahren im Business und dies augenscheinlich sehr erfolgreich. Hongkong sei jahrzehntelang ein Leuchtturm in der Region gewesen, erzählt er, während er sich seine Steamed Pork Dumplings munden lässt. Nicht nur als Labor der Finanzindustrie. Sondern auch als Hort einer eigenständigen, hybriden Gesellschaft, die weder chinesisch noch westlich im engeren Sinne sei. Seit ein paar Jahren sehe er jedoch schwarz für sie: »Hongkong ist im Niedergang.« Der ehemaligen britischen Kronkolonie war 1997 bei der Rückgabe an die Volksrepublik China bis zum Jahr 2047 weitreichende Autonomie zugestanden worden. Das Motto lautete: »Ein Land, zwei Systeme«. Dessen ungeachtet greift die Kommunistische Partei der Volksrepublik unter Staatspräsident Xi Jinping immer stärker, immer unverhohlener in Politik, Wirtschaft, Bildung und Justiz Hongkongs ein.

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Die düstere Schilderung des Geschäftsmanns steht in merkwürdigem Kontrast zu seiner guten Laune. Hongkong, fährt er kauend und lächelnd fort, zehre von den Errungenschaften der Vergangenheit. Ihm selbst gehe es zwar gut, er verdiene prächtig, besitze ein paar Immobilien, die Kinder gingen auf Privatschulen. Doch die allgemeinen Aussichten seien düster. Die nach Hongkong strömenden Chinesen vom Festland seien aggressiver, die kommunistischen Kader trickreicher, strategischer, skrupelloser, härter, besser geschult für brutalen Wettbewerb. Hongkongs Bevölkerung sei zu soft. Nicht zuletzt gebreche es ihr am militärischen Training – für Bürger Hongkongs besteht keine Wehrpflicht. Und während in der Volksrepublik laufend existentielle Konflikte bewältigt werden müssten, habe Hongkong als prosperierende Sonderverwaltungszone das Privileg gehabt, sich einigermaßen ungestört aufs Ökonomische konzentrieren zu können. »Bei uns ging es viel zu lange nur ums Geldmachen; sich politisch oder kulturell zu engagieren, liegt den meisten Bewohnern fern.« Diese Konzentration wiege doppelt schwer, weil Hongkong innerhalb des ökonomischen Sektors einseitig auf Finanzen und Immobilien fokussiere. Man müsse sich wirtschaftlich diversifizieren – etwa im Hightech-Bereich. »Doch mit was zahlen wir hier? Mit der alten Octopus Card. In China zahlt man bereits überall mit dem Smartphone.« Im selben Atemzug beklagt er die lückenlose Überwachung in China, ob im Internet oder mit Gesichts-Scannern im öffentlichen Raum: »Die Partei sitzt fest im Sattel, und die neuen Technologien verstärken ihre Macht. Früher hätte jemand heimlich eine Untergrundarmee aufbauen können. Aber heute? Unmöglich. Die sehen alles.«

Signifikante Teile der Hongkonger Industrie sind längst in die Volksrepublik abgewandert. Das kommunistische Regime setzt vor allem auf das angrenzende Shenzhen, um Hongkong zu schwächen. In der komplett videoüberwachten Megastadt entsteht ein riesiger Hafen, der Hongkong um seine Führungsrolle als globaler Warenumschlagplatz bringen soll. Hinzu kommt ein Finanzdistrikt als Konkurrenz zu Hongkongs Kerngeschäft. 2018 wurde eine Schnellbahntrasse zwischen Shenzhen und Kowloon eröffnet – damit sind erstmals Behörden der Volksrepublik auf dem Territorium Hongkongs tätig. In der West Kowloon Station dürfen chinesische Polizisten sogar Festnahmen durchführen.

Interessenverschiebungen

Da wirkt es fast wie eine verzweifelte Reaktion auf den eigenen Kontrollverlust, dass 2019 im West Kowloon Cultural District mit dem M+ eines der größten Museen der Welt eröffnen soll – als müsse die Kunst kompensieren, was Politik und Wirtschaft verlieren. Manche unken, das M+ werde wie ein Ufo in der Kunst- und Kulturwüste Hongkongs landen. Deren Bewohner seien allenfalls mit Business Art vertraut.

Dass die Sonderverwaltungszone seit jeher eine kulturfreie Zone gewesen sei, will die junge Kunsthistorikerin Michelle Wong so nicht stehen lassen. Ich treffe sie im Valiant Industrial Center draußen in den New Territories, dem nördlichsten, historisch jüngsten Teil Hongkongs. Hier ist die Stadt rauer und derber, der Flair des Postindustriellen weniger stark als auf Hongkong Island. In einem der schlecht gealterten, stets etwas schäbig wirkenden Betonkübel mit ihren typischen Fassadenkrakelees aus Klimaanlagen, Fallrohren und Feuerleitern hat Wongs Arbeitgeber, die Hongkonger Non-Profit-Organisation Asian Art Archive, Räume angemietet. Beim Betreten des Centers bemerke ich ein kleines, ausgeblichenes Bild an der Wand – irgendwer hat eine Reproduktion von Pierre-Auguste Renoirs impressionistischem Gemälde Bal du moulin de la Galette (1876) mit einer Heftzwecke in den unwirtlichen kalten Gang gepinnt.

Michelle Wong, die in den Vereinigten Staaten studiert hat und seit geraumer Zeit wieder in Hongkong lebt, zieht ein Notizbuch aus einem Schrank. Es stammt aus dem Nachlass des autodidaktischen Hongkonger Künstlers Ha Bik Chuen, dessen Nachlass Wong unter archivtheoretischen Gesichtspunkten erforscht. Der 1925 geborene und 2009 gestorbene Künstler betrieb in Hongkong eine Fabrik für Plastikblumen und betätigte sich parallel als experimenteller Grafiker, Bildhauer und Fotograf. Seine Sammelobsession – unter anderem trug er zahllose Zeitschriften und Bücher zusammen, die er humorvoll sezierte und collagierte – passt ins derzeit modische Raster der Outsider Art, wohingegen seine Museums- und Galerieausstellungen im ostasiatischen Raum für eine konventionelle Kunstkarriere sprechen. Wong nennt den in der Forschung lange marginalisierten Künstler als Beispiel für das Prinzip »man sieht nur, was man weiß«.

Solange man Hongkong nur als Finanzplatz und Schaltzentrale des globalisierten Kapitalismus wahrnahm, gerieten die hiesigen Kulturschaffenden aus dem Blick. Nun, da Hongkong, folgt man dem It’s-Over-Narrativ, auf dem absteigenden Ast ist, rücken sie stärker ins Bewusstsein. So profitieren Kunst und Kultur ungewollt, zumindest kurzfristig, von der mutmaßlichen Verwandlung der »city in the world« in eine »city within China«. Weitere Kunst- und Kulturwissenschaftler in Hongkong, mit denen ich in den letzten Jahren sprach, berichteten mir Ähnliches. Nicht nur die Aussicht, dass die Stadt in der Volksrepublik China aufgehen dürfte, sondern auch die sich verschlechternde Lebensqualität für weite Teile der Bevölkerung tragen aus ihrer Sicht zur wachsenden Bedeutung von Kunst und Kultur bei. Wie in vielen Teilen der Welt werden in Hongkong die Einkommensunterschiede immer größer. Vor allem junge Menschen finden keine bezahlbaren Wohnungen. War es in der Vergangenheit noch möglich, durch harte Arbeit den sozialen Aufstieg zu schaffen und sich ein Eigenheim in der Stadt zu kaufen, ist das mittlerweile vorbei – die Parallelen zur Situation in den USA sind offensichtlich. Wenn aber sowieso keine realistische Aussicht auf Aufstieg besteht, denken sich die Menschen: Na gut, dann kann ich mich auch etwas widmen, das mir Spaß macht – zum Beispiel Kunst.

(…)

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