Ostküste. Popkolumne

Und jetzt sind sie wirklich überall und nicht mehr zu übersehen. Feine Sahne Fischfilet finden sich nicht mehr nur auf den Partys und Sweatshirts von Antifa, vorpommerscher Jugend und linken Studierenden. Als im September 2018 in Chemnitz innerhalb kürzester Zeit auf Initiative der Band Kraftklub ein Musikfestival unter dem Hashtag #WirSindMehr die Straßen und Plätze der Stadt vom rassistischen Mob zurückerobert, ist das Provokationspotential von Feine Sahne Fischfilet so hoch, dass der Bundespräsident für seinen via Facebook geteilten Hinweis auf das Konzert massiv kritisiert wird.

(Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

Im Oktober desselben Jahres sagt die Stiftung Bauhaus Dessau mit desaströsen politischen Schlingermanövern ein Konzert der Band im Rahmen des Formats live@bauhaus ab. Die Band selbst organisiert mit dem Brauhaus in Dessau einen alternativen Raum, so dass das Konzert doch noch stattfinden und für das ZDF aufgezeichnet werden kann. Feine Sahne Fischfilet sind allgegenwärtig – in den Nachrichten, im Feuilleton, in Kultursendungen auf arte und 3sat, im Kino, in Fußballstadien, in großstädtischen Musikhallen, im Polizeiruf 110, in den Jingles der Trash-Formate auf Vox und in den Kinder- und Jugendzimmern dieser Republik.

Dass die Songs im Stadion funktionieren, hat Feine Sahne Fischfilet auch als Vorband der Toten Hosen bewiesen – woho uohoho … Schon 2013 hatte der Fleischervorstadt-Blog aus Greifswald der dort probenden Band attestiert, sich musikalisch zwischen »sozialkritischer Protestband und antifaschistischer Bierzeltkapelle« zu bewegen. 1 Damals waren sie eine Band der linken Subkultur, jetzt sind Feine Sahne Fischfilet populär. Wie schön.

Interessante Popularität

Was mit der sechsköpfigen Band aus Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2018 passiert ist, bleibt jedoch für viele Pop-Journalisten alter Schule schwer greifbar. Die einen klagen, das sei doch kein wahrer Punk, weil der Band die sophistication der frühen Sex Pistols fehle, man beklagt die stumpfe Antifa-Polit-Rhetorik – wo bleibe der Wille zum Stil. Die anderen beschweren sich über die vermeintliche Heimatduseligkeit der lyrics und rücken die Band in neotraditionalistische Kontexte, wenn nicht gar – nach der Theorie sich treffender Extreme – in die Nähe rechter Bands. Beides ist ganz falsch. Ja klar, aus der Luft sehen viele Dörfer gleich aus, aber bitte, liebe Herren, schaut sie euch doch einmal von unten an.

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Das hat Arno Frank in seiner großen Spiegel-Reportage Der nötige Zündstoff gemacht und gesehen, dass Punk nicht das einzige Register ist, das in diesem Fall zu ziehen ist – Herzlichkeit des Northern Soul, zivilgesellschaftliches Engagement und Öffentlichkeitsarbeit für die »geilen Leude« der Region schaffen weitere Bezugsrahmen des Projekts Feine Sahne Fischfilet. Geht man erst einmal von dieser Perspektive aus, dann erscheint die Band nicht mehr als (falsche) Reprise vergangener Kulturen, hießen sie nun Punk oder Heimat, sondern ganz im Gegenteil als eine zeitgemäße strategische Antwort auf die aktuelle Situation des Pop.

Diedrich Diederichsen hat 2014 in Über Pop-Musik über das Ende von Pop in der Gegenwart spekuliert – und dabei bis zu Hegels Thesen vom Ende der Kunst ausgeholt. 2 Neben den eher unbefriedigenden alternativen Auswegen des selbstreflexiven Meta-Pop auf der einen und einer ahistorischen Dauerschleife der immergleichen Erfolgsformate des Independent-Tanzhit-Segments auf der anderen Seite sah Diederichsen lediglich in der elektronischen Clubszene einen Hoffnungsschimmer für die Rettung sozialer Akte und Architekturen im Zeitalter des digitalen Narzissmus.

Nun hätte man der These schon früher entgegnen können, dass womöglich der geschichtsphilosophische Blick auf Pop selbst ein Teil des Problems war. Denn er verweigert, was Diederichsen im selben Buch als Grundgeste von Pop erläutert: ein Rezeptionsverhalten, das eine einzelne, singuläre, »kleine« Position als Einspruch gegen die große Geschichte ernst nimmt. Etwa – mit Diederichsens eigenem Beispiel – Moe Tuckers Stimme in Velvet Undergrounds After Hours.

Aber auch der Gesamtkontext hat sich deutlich verändert. Für Diederichsen stand Popularität im Verdacht, vor allem Ausdruck einer sogar polare Differenzen nivellierenden Öffentlichkeit der alten Bundesrepublik zu sein – und darum erst einmal »uninteressant«. Populär ist für Diederichsen das, was innerhalb einer pluralistischen Öffentlichkeit keinen Unterschied mehr macht.

Die derzeitige Popularität von Feine Sahne Fischfilet verdankt sich aber nun gerade nicht dieser Form nivellierender Öffentlichkeit, sondern beruht auf anderen Erfahrungen. Man habe, so erzählen die Bandmitglieder in vielen Interviews immer wieder, als Teenager auf dem Schulhof zugleich rechte wie linke Bands gehört, Landser und Die Ärzte. Anders als der vermeintlich sozialdemokratisch harmonisierte Konsens der BRD-Kultur in den siebziger, achtziger Jahren schloss der »Pluralismus« auf den Schulhöfen der Bandmitglieder, im Osten der 1990er Jahre, rechte Positionen selbstverständlich mit ein.

Umso bewusster dann die Entscheidung, sich als Band erkennbar gegen Nazis zu positionieren, also nicht an Orten zu spielen, wo rechte Kleidung oder rechte Symbole im öffentlichen Raum sichtbar werden. Stattdessen hat Feine Sahne Fischfilet Orte, Netzwerke und einzelne Personen durch Auftritte oder andere Projekte unterstützt, die sich offen gegen rassistische Positionen einsetzen. Zwischen Juli und September 2016 etwa organisierte die Band unter dem Motto »Noch nicht komplett im Arsch. Zusammenhalten gegen den Rechtsruck!« eine »kulturelle Offensive« aus Lesungen, Diskussionen, Konzerten und Festivals. Während des Landtagswahlkampfs in Mecklenburg-Vorpommern spielten sie gezielt in kleineren Ortschaften wie Basedow, Boizenburg, Demmin oder Jarmen, um die dort ansässigen demokratischen Initiativen zu stärken. Das allein schon ist ein Akt der Dissidenz in einem Landstrich, wo im letzten Bundestagswahlkampf etwa auf Usedom nur die Plakate von AfD und NPD nicht mit zynischen Kommentaren verunstaltet oder gleich ganz abgerissen wurden.

Feine Sahne Fischfilet haben sich damit auf eine Weise exponiert, die in der politischen Situation Mecklenburg-Vorpommerns das Gegenteil von nivellierender Pluralität bedeutet. Buttersäureanschläge auf Proberäume, Morddrohungen auf weitverbreiteten Stickern sowie Anschlagsdrohungen vor Auftritten gehören zum Alltag von Feine Sahne Fischfilet. Gewiss, auch im Westen und schon in den achtziger Jahren haben sich Bands mit den dort ebenfalls anzutreffenden Nazis geprügelt – allerdings ohne dass diese die öffentlichen Räume für sich reklamieren konnten.

Rostock-Lichtenhagen

»Wer heute symbolistisch denkt, bleibt epigonal.« Schrieb Karl Heinz Bohrer über Punk im England der 1970er Jahre. 3 In diesem Sinne ist Pop von Feine Sahne Fischfilet nicht in erster Linie als Symbolismus, also ästhetische Distinktion, wahrzunehmen, sondern als Aktion, als eine veränderte Praxis in einem neuen historischen Kontext. Im Selbstverständnis der Band ist dies ganz wesentlich ein Kontext nach Rostock-Lichtenhagen. Anhand des unterschiedlichen Blicks auf die Akteure der eskalierenden Gewalt in Rostock lässt sich die Differenz zwischen Pop als sozialer Praxis auf der einen und der (westdeutschen) Perspektivierung desselben Phänomens als Frage des Stils auf der anderen Seite deutlich markieren.

Zur Erinnerung: Ende August 1992 kam es in Rostock-Lichtenhagen zu lebensbedrohlichen Angriffen erst gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber, in den folgenden Tagen schließlich auch gegen das benachbarte Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter. Es gab Anfang der 1990er Jahre an vielen Orten im Osten wie im Westen Anschläge auf Wohnheime und ähnliche Einrichtungen, die Eskalation in Rostock aber konnte man über Tage hinweg im Fernsehen beobachten. Man sah die große Meute Hunderter randalierender Rechter, die noch größere Gruppe von Tausenden, die nicht eingriffen, sondern applaudierten, und auch die Hilf- und Machtlosigkeit staatlicher Institutionen. Die 2002 von der Rostocker Bürgerinitiative Bunt statt braun e.V. entwickelte Ausstellung und Broschüre Trauma einer Stadt weist zudem auf die etwa zweihundert Menschen hin, die sich in einer Demonstration auf die Seite der Bedrohten zu stellen versuchten, von der Polizei jedoch daran gehindert wurden. 4

In Charly Hübners und Sebastian Schultz’ Dokumentarfilm Wildes Herz von 2017, der primär ein Porträt von Jan Gorkow (Monchi), dem Sänger von Feine Sahne Fischfilet, aber auch ein Porträt der ganzen Band ist, spielen die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen eine zentrale Rolle. Nicht das temporäre Versagen des Staates steht hier im Vordergrund, sondern die Tatsache, dass es der lokalen Antifa nicht gelang, die Asylsuchenden und Arbeiter besser zu schützen. Dieses Versagen dürfe sich nicht wiederholen, erklärt Monchi die Motive der Band: »Der fette Monchi will jetzt mit seiner Kapelle übers Land ziehen und die Leute bekehren«, so lautet die Selbstbeschreibung. Und genau das tut die Band.

Auch in der Pop-Diskussion der alten Bundesrepublik bedeuteten die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen eine Zäsur. In der anschließenden November-Ausgabe der Musikzeitschrift Spex veröffentlichte Diedrich Diederichsen mit dem Essay The kids are not alright seinen Abgesang auf Pop als Gegenkultur. 5 Der Text wurde in stark überarbeiteten und erweiterten Fassungen mehrfach veröffentlicht und enthielt später auch jene zum Begriff gewordene historisch-systematische Unterscheidung von Pop I und Pop II.

Den Aufbruchsjahren von Pop in den sechziger bis achtziger Jahren, die sich durch enge Verbindungen zu neuen sozialen Bewegungen und klare Gemeinschaftsbildungen auszeichnen, stehe eine allgemeine Pop-Kultur unverbindlicher Zugehörigkeiten gegenüber, die zum indifferenten Konsens der Öffentlichkeit gehöre. Die Unterscheidung von Pop I und Pop II hat inzwischen als Lehrbuchwissen in akademische Einführungen Einzug gehalten, dabei aber den Bezug auf das politische Ereignis in Rostock gänzlich verloren. 6

Als zeitgenössischer Beobachter findet Diederichsen 1992 zuerst in österreichischen Zeitschriften den Hinweis, »einige der Angreifer hätten Malcolm-X-Kappen getragen«. Beim genaueren Hinsehen auf die Bilder, die Fernsehen und Printmedien liefern, zeige sich unter den Aggressoren ein repräsentativer Querschnitt aktueller Jugendkulturen. Zwischen deren Stil, deren Mitteln der Distinktion, und den Nazis sei nicht mehr klar zu unterscheiden. Daher werde der Abschied von der Jugendkultur und ihren Konzepten wie »symbolische Dissidenz, Tribalismus, Revolte, Abgrenzung etc.« notwendig. Für Diederichsen zerbricht die Jugendkultur zuerst an der falschen Verwendung der über Einschlüsse und Ausschlüsse entscheidenden Codes – »Malcolm in Rostock«, »Underground unterm Hakenkreuz« –, also am falschen Gebrauch ihrer Symbole.

Im Rückblick wird diese ereignishafte Dimension im Hintergrund der Unterscheidung von Pop I und II in neuer Weise interessant. Sie akzentuiert die symbolische oder ästhetische Distinktion (in der oben zitierten Unterscheidung Bohrers), nicht die Aktion. Sie decodiert mit den Mitteln des auch von Diederichsen selbst immer wieder als westlich markierten »meaning of style« (Dick Hebdige) . Diederichsen leitet daraus die Diagnose vom Ende der Jugendkultur ab, anstatt angesichts von gewalttätigen Nazis nun umgekehrt das Ende ihrer primär symbolischen Form der Dissidenz festzustellen. Wer der Band Feine Sahne Fischfilet nun fehlenden Stilwillen, schnulzige Texte oder musikalische Schlichtheit vorhält, denkt in den alten Parametern der symbolistischen Jugendkultur.

In gewisser Weise verlängert sich in dieser Haltung das Missverständnis, mit dem die 1992 und 1993 in der alten Bundesrepublik gegründeten Wohlfahrtsausschüsse aufbrachen, um im Osten Etwas Besseres als die Nation – ja was? zu finden? zu proklamieren? zu gründen? 1993 setzte sich »ein Troß von etwa 250 Musikern, Intellektuellen und Antifas« Richtung Leipzig, Dresden und Rostock in Bewegung und fand dort: »kein Interesse«: »Man lief ins Leere.« 7 Der ein Jahr später publizierte Band dokumentiert eher die Disparatheit aller beteiligten Akteure als den Ost-West-Konflikt, den es noch zusätzlich gab. Wenn die Projektgruppe Druck aus Leipzig auf die Differenz von Erfahrungen im Osten beziehungsweise Westen bei gleichem style (Punk) hinweist, dann können Die süßen Dogmatikerinnen darauf nur mit der Forderung nach härterer Abgrenzung von den inzwischen zu Nazis mutierten alten Schulfreunden antworten.

Moin (in der Hood)

Sieht man den erwähnten Dokumentarfilm Wildes Herz im Greifswalder Cinestar, fast gegenüber dem Geburtshaus von Caspar David Friedrich gelegen, springt die ikonische Inszenierung des Protagonisten auf den Filmplakaten sofort ins Auge. Mit dem Rücken zur Kamera steht er gen Horizont blickend da – Monchi am Meer. Anders als Friedrichs kleiner Mönch ragt der Sänger von Feine Sahne Fischfilet allerdings mit seiner massiven physischen Präsenz deutlich über die Horizontlinie heraus, als sei er bereit, mit einem Sprung ins Nass die Wassermassen zu teilen wie die wall of death bei Konzerten. Überhaupt erweckt der Film den Eindruck, Monchi sei schon als Baby in einen Zaubertrank gefallen, der ihm unendliche (Tat)Kraft, gute Laune und eine nicht enden wollende Kindheit verpasst hat. In einem quasimagischen Ritual springt er auch jenseits des Films bei Wind und Wetter in die Ostsee, oder, wenn auf Tour, in andere verfügbare regionale Gewässer. Auch im November, dokumentiert auf Instagram.

Beides ist an dieser Inszenierung wichtig – die physische Präsenz des männlichen Körpers und seine Lokalisierung an einem spezifischen Ort. Nicht »Heimat« ist dessen Name, wie einige unterstellen, das Wort taucht im Textuniversum der Band gar nicht auf. »Tu Huus« hieß es einmal auf Instagram, und das wäre wohl in etwa die niederdeutsche Variante des Rap-Topos der (neighbor)hood.

Zurück in unserer Stadt und Wo niemals Ebbe ist heißen zwei in diesem Sinne einschlägige Titel der 2018er LP Sturm & Dreck, in denen die eigene Region voller Pathos besungen wird. »Wir leben da, wo niemals Ebbe ist« – eine Liebeshymne auf die Ost(see)küste: »ich lieb die Wellen und das Meer«. In anderer Tonlage die Reviermarkierung in Zurück in unserer Stadt – »mit zwei Promille durch die Nachbarschaft … Wir haben Bock auf Stress und ne Menge Hass«. Das Video zum Song zeigt natürlich das dazugehörige Auto, claiming the streets.

Auf Bleiben oder Gehen von 2015 verhandelt der Song Für diese eine Nacht die Kernfrage junger Menschen nicht nur aus den östlichen Provinzen. Setzte sich die urbane Hamburger Schule aus ostwestfälischen und nordfriesischen Provinz-Geflüchteten zusammen, so markiert Feine Sahne Fischfilet demgegenüber den Pol des Bleibens. Auf dem Außencover der LP Schuljungs, die aussehen wie zwei der Bandmitglieder als Kinder, noch vor der Entscheidung fürs Bleiben oder Gehen auf der Straße stehend, vor einem Haus mit einer brettervernagelten Fensterscheibe, alles sofort als Osten zu erkennen und real in Grimmen als Vorlage gefunden. Im aufklappbaren Innencover die leere Straße. Wasted in Jarmen von 2012 ist nicht nur ein Stück übers Abstürzen, sondern gleichzeitig Name eines selbstorganisierten Festivals, das trotz Gülleattacken und Provokationen von rechter Seite weiterhin in Jarmen stattfindet. Man könnte in dieser Liste noch viel mehr anführen.

Was passiert hier? Über visuelle Strategien im Artwork, auf Social Media und in den wunderbaren Videos, neben Songtexten, politischen Aktivitäten, LP-Release-Partys in alternativen kulturellen Institutionen in kleinen Orten der Region, neben der Einbeziehung lokaler demokratischer Initiativen und anderem mehr wird die »Nachbarschaft« nicht nur repräsentiert, sondern auch fabriziert. Vorpommern wird zum Standpunkt der Aussage »Ich hier jetzt« und bekommt dabei eine neue Bedeutung. Eastcoast. Ohne Urbanität. Wie die hood im Hip Hop, die sowohl eine Lokalisierung des Sprechers an einem realen geografischen Ort bedeutet, der durch die Erwähnung von Orts- oder Straßennamen erkennbar ist, als auch durch einen imaginären Raum geteilter Sozialität. 8 Zu Ersterem gehören für Feine Sahne Fischfilet der Baggersee in Jarmen, der Proberaum in Greifswald oder der Strand in Rostock, zu Zweitem der Pfefferminzlikör, das ritualisierte Bad in der Ostsee, das weiche D in der Formel der »geilen Leude« und das entspannte »Moin«. Sowie natürlich die Identifikation und Kooperation mit anderen lokalen Bands, Freunden und Familie – den homies.

Bereits im Hip-Hop amerikanischer Provenienz droht die gleichzeitig reale wie mythische hood neue Grenzen zu produzieren. »Identität und Familie sind Waffen, böse Waffen«, schrieb Diedrich Diederichsen über John Singletons Film Boyz In the Hood, »aber es gibt Lagen, wo man sie einsetzen muß. Es hilft nur Identität, wo Identität herrscht.« 9 Mit Blick auf das Mobilitätspotential zeigt sich dann doch eine Reihe signifikanter Unterschiede zwischen South Central LA und Mecklenburg-Vorpommern. Mögen sich die spezifischen Bedingungen des Lebens in beiden Nachbarschaften der Marktrationalität von Arbeit und ihrer geografischen Verteilung verdanken, 10 so kann dies besonders im Fall schwarzer Communitys in den urbanen Vierteln von Los Angeles wie eine Grenzziehung wirken, die nahezu unüberwindlich ist. Anders auf dem Land an der Ostsee, wo sich die Frage »gehen oder bleiben« ja real stellt. Teile der Band sind längst gegangen, auch wenn sie permanent zurückkehren.

»Tu huus« entgeht also einer essentialisierenden Verklärung, bleibt trotz der Affektbesetzung offen für andere und behält auch andere Nachbarschaften im Blick. Zuhause, so wird es im gleichnamigen Song klar markiert, ist nicht gegeben, sondern an eine Reihe von Bedingungen geknüpft, die für jede /n gelten und insbesondere für die, die Zäune und Mauern überwinden, um dort erst ankommen zu können. »Zuhause heißt«, so wird wiederholt an den Versanfang gestellt, »wenn dein Herz nicht mehr so schreit || … wenn die Angst der Freundschaft weicht || … wir schützen uns alle sind gleich || … wenn die Bombe nicht mehr knallt«. Der abschließende Vers »jeder Mensch braucht ein Zuhause« macht klar, dass es dabei um die Aufnahme der Neuen geht, und versucht sich damit noch einmal an der Formel »Kein Mensch ist illegal«.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Joachim Schmidt, Pop am Wochenende: Feine Sahne Fischfilet, »Sturm und Dreck« (blog.17vier.de/2018/01/14/feine-sahne-fischfilet-sturm-und-dreck/).
  2. Vgl. Eckhard Schumacher, Institutionalisierung und Sezession: Pop-Musik-Theorie. In: Merkur, Nr. 780, Mai 2014.
  3. Karl Heinz Bohrer, Haß als Zeitbombe in einer Gesellschaft ohne Liebe. Punk-Kultur und Kulturkritik. In: Ders., Ein bißchen Lust am Untergang. Englische Ansichten. Frankfurt: Suhrkamp 1982.
  4. www.rsjr.de/rsjr/UserFiles/File/Chronik%20Trauma%20einer%20Stadt.pdf
  5. Diedrich Diederichsen, Das Ende der Jugendkultur (wie wir sie kennen)  / The Kids Are Not Alright. Abschied von der Jugendkultur. In: Spex , Nr. 114, November 1992.
  6. Vgl. zuletzt Niels Penke /Matthias Schaffrick, Populäre Kulturen zur Einführung. Hamburg: Junius 2018.
  7. Andreas Fanizadeh, Vorwort. In: Wohlfahrtsausschüsse (Hrsg.), Etwas Besseres als die Nation. Materialien zur Abwehr des gegenrevolutionären Übels. Berlin: Edition ID-Archiv 1994.
  8. Murray Forman, The ’Hood Comes First. Race, Space, and Place in Rap and Hip-Hop. Middletown: Wesleyan University Press 2002.
  9. Diedrich Diederichsen, The Kids Are Not Alright, Vol. IV – Oder doch? Identität, Nation, Differenz, Gefühle, Kritik und der ganze andere Scheiß. In: Ders., Freiheit macht arm. Das Leben nach Rock’n’Roll 1990–93. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1993.
  10. »›Difference‹ and ›otherness‹ is produced in space through the simple logic of uneven capital investment and a proliferating geographical division of labor.« David Harvey, From Space to Place and Back Again. Reflections on the Condition of Postmodernity. In: Jon Bird u.a. (Hrsg.), Mapping the Futures. Local Cultures, Global Change. London: Routledge 1993.

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