Akademische Größenverhältnisse: Ein Zettelkasten

S ie würden, sagten die enthusiastischen Kollegen von der Universität, jetzt ihr großes Projekt eingeben. Und sie hätten mich da gerne dabei in Berlin, weil es doch transdisziplinär angelegt sei, fachübergreifend. Es werde Doktorandenstellen geben und regelmäßige Workshops, internationale Konferenzen und Sommerschulen, und der Name stehe jetzt auch fest, nach langen, intensiven Diskussionen: »Kleine Formen«. So bin ich als Gastwissenschaftler nach Berlin gekommen, für vier Wochen. Was sind kleine Formen?

(Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

Die allerkleinsten Formen erscheinen zufällig. In Form von Autokennzeichen zum Beispiel. Ein großer schwarzer Nissan, und darauf steht: B-UH 810. Auf dem daneben: LOS-JA 52. Ein bisschen größere kleine Formen: Straßennamen. »Leberstraße«. »Fehlerstraße«. Kneipen: »Wurst-Käse-Szenario«. Die Aufschrift auf einem alten Lancia: »Rent-a-wrack.de« (die Idee ist aus Kalifornien, egal). Werbeslogans sind ebenfalls kleine Formen, am interessantesten, wenn sie schiefgehen: »Nemesis« (ein griechisches Restaurant). »Titanic« (ein Reisebüro). »Nichts macht mich mehr an« (ein Joghurt).

Den akademischen Sammelband zum Thema gibt es bereits: Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Er ist 2017 erschienen, und seine Herausgeber wissen eines ganz genau, Einleitung, erster Satz: »Kürze ist modern.«1

Das Buch selbst ist dann nicht ganz so kurz (395 Seiten). Auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis – Rubrik Sachbuch – kam im selben Jahr eine Geschichte der Renaissance: Der Morgen der Welt (1321 Seiten). Eine Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert von 2014 hatte 1450 Seiten, die Unterwerfung der Welt, 2016 erschienen, 1648 Seiten – alle von deutschen Professoren geschrieben und als »umfassend«, »epochal« und »gewaltig« gelobt.

Ist Kürze wirklich modern? »Schnell und kurz zu sagen, was sonst kaum ein langsam konvergierender Paragraphe würde gesagt haben«, hatte 1766 Georg Christoph Lichtenberg in einem Aufsatz gefordert. »Dieses verdiente in allen Wissenschaften nachgeahmt zu werden.« – »Allein«, setzt er hinzu, »vielleicht fürchtet man sich vor einer solchen Erfindung in denen Wissenschaften, wo noch Platz übrig ist.« Reden über kleine Formen ist Reden über Größenverhältnisse, und wer von Größenverhältnissen spricht, spricht in Wirklichkeit von Platz. Wer darf ihn besetzen, den Platz, der noch übrig ist? Oder anders gefragt: Wenn die kleine Form, das Kurze, Knappe modern ist, wie steht es dann um das Gegenteil?

Im universitären Sprachgebrauch ist das Reden über Größe allgegenwärtig. Das reicht von der Selbstbeschreibung des »Nachwuchses« als endlos verlängerter Kindheit (»Ich bin ja noch klein«, hat mir ein Postdoc gesagt, frisch habilitiert, zweiundvierzig Jahre alt) bis zu offiziellen Programmen, die für akademische Zwölfender bestimmt sind, wie Jäger vielleicht sagen würden. »Opus Magnum« lautet der offizielle Titel des Programms, das die Stiftung Volkswagenwerk seit 2006 finanziert. Es richtet sich an Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler, die, Zitat von der Homepage, »ein größeres wissenschaftliches Werk verfassen wollen«.

Voraussetzung: Lebenszeitanstellung als Professor an einer deutschen Universität. Insgesamt wurden in den letzten zwölf Jahren 441 Anträge gestellt, vergeben wurde das Stipendium an 119 Personen. 2018 wurden vier Anträge bewilligt (von drei Männern und einer Frau); 2017 zehn (acht Männer und zwei Frauen). Die deutschen Universitäten verstehen sich selbst als Horte von Freiheit und Transparenz. Was darin jeweils als groß und klein gilt, unterliegt interessanten Sprachregelungen. Wenn es Großforschung gibt, wie verhält sie sich dann zur kleinen?

Kleine Formen sind zum Beispiel die exempla, die Fallgeschichten. Eine Berliner Universität, Mitte der 1980er Jahre. Ein Mann schreibt vier Jahre lang im Fach Kunstgeschichte an seiner Doktorarbeit über den Bamberger Reiter, die berühmte Statue aus dem 13. Jahrhundert. Als die Arbeit fertig ist, gefällt sie seinem Doktorvater nicht, weil sie dessen eigene, vielpublizierte Thesen naiv und bizarr altmodisch aussehen lässt. Der Doktorand bekommt eine schlechte Note. Seine Dissertation – achthundert Seiten – erscheint als Microfiche, also unauffindbar, und weil er zwei Kinder zu ernähren hat, wird er Reiseleiter bei Studiosus. Dreißig Jahre später sitzt er mir in einem Café gegenüber, heiter und gelassen. Es sprudelt nur so aus ihm heraus über die Wunder der deutschen Romanik. Er ist, als Zurückgewiesener, noch mehr zum Verehrer der Wissenschaft geworden.

(…)

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Michael Gamper/Ruth Mayer (Hrsg.), Kurz & knapp. Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Bielefeld: transcript 2017.

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