Die Zukunft der Klimapolitik. Ein ethnologischer Bericht von der norddeutschen Küste

Vor der Französischen Revolution ging an alle Gemeinden, Dörfer und Städte in Frankreich ein Fragebogen, in den sie eintragen konnten, unter welchen Bedingungen sie lebten, welche Steuern sie zu zahlen hatten und was sie dringend brauchten. Die Liste der Beschwerden war lang und eindrücklich, schließlich litt man unter der Willkür des Adels, es gab Hunger, und die Infrastrukturen ließen zu wünschen übrig. Aus diesen Beschwerdeheften entstand eine vollständige und buchstäblich zu verstehende Geo-Grafie des Landes. Daran erinnert Bruno Latour in seinem Buch Das terrestrische Manifest aus aktuellem Anlass.1

(Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

Was würde heute in einem solchen Beschwerdeheft stehen, wenn danach gefragt würde, was es braucht, um ein gutes Leben zu führen? Ein gutes Leben im Sinne von klimafreundlich, erdverbunden und dennoch weltoffen? Gerade vor dem Hintergrund des Aufstiegs von Populismus und Trumps Ausstieg aus dem Klimavertrag von Paris gewinnt diese Frage an Relevanz. Weder Brexit, America First noch Heimattümelei sind eine gesunde Reaktion auf den Stress, den die globalen Probleme soziale Ungleichheit, Migration und Klimawandel verursachen.

Auch die Europäische Union sorgt sich um die Folgen des Klimawandels und finanziert Projekte, um die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu verbessern. Als Ethnologe bin ich in ihrem Auftrag in Norddeutschland unterwegs, um ein Anforderungsprofil für einen Klimaservice zu erstellen, der ortsbezogen Klimapolitik ermöglichen und unterstützen soll. Der Begriff »Klimaservice« klingt allerdings wie einem Textbuch für neoliberale Ökonomie entlehnt, wo »Dienstleistungen ausgelagert«, »Informationen transferiert«, »Entwicklungen ermöglicht« und »Win-win Situationen« für »Stakeholder« und »Entscheidungsträger geschaffen« werden – alles Begriffe, die auch im Weltklimabericht IPCC verwendet werden, wie man in Die große Verblendung, dem Buch des indischen Schriftstellers Amitav Gosh zum Klimawandel, nachlesen kann.2 Doch andererseits schreibt die EU nicht vor, mit welchen Inhalten dieses Konzept gefüllt und wie es in die Praxis umgesetzt werden soll. Für mich geht es zuallererst einmal darum, einen Lagebericht zu erstellen: Wie sieht Klimapolitik, die immer global verhandelt wird, vor Ort aus? Wie wird der Klimawandel wahrgenommen, und wie verändert er das Leben an der Küste? Was bedeutet es, ein Mensch zu sein, wenn wir das Leben und unsere Umwelt nicht mehr nach den Maßstäben des Kohle- und Ölzeitalters gestalten?

Mit gebührend Forschungsmitteln ausgestattet, machte ich mich Anfang 2018 auf ins platte Land, um dort meine Erhebung zu beginnen. Die omnipräsenten Windparks lassen keinen Zweifel daran, dass in diesem Teil der Welt Klimapolitik und Energiewende längst in Gang gesetzt sind. Das Wetter meinte es gut mit mir, auch wenn das zynisch klingen mag. Der Winter war lang, nass und ewig dunkel. Die Felder und Äcker standen unter Wasser, die Bauern konnten den Dünger nicht ausbringen, weil sie mit ihren Traktoren im Matsch steckenblieben. Die winterlichen Sturmfluten kosteten gar das Leben eines Menschen, der jenseits des Deichs in seinem Auto eingeschlafen war. Weil es so warm war, klarte der Himmel wochenlang nicht auf. Das ist der Klimawandel, so die einhellige Meinung. Gefolgt wurde dieser Winter von einem scheinbar endlosen Sommer mit extremer Dürre, der von Mai bis weit in den Oktober dauerte. Die Felder und Weiden färbten sich braun, das Viehfutter wurde knapp, die Bauern mussten zukaufen oder gar Vieh vorzeitig zum Schlachthof bringen. Auch hier die einhellige Meinung: So sieht der Klimawandel aus. Doch das ist nur die eine Seite der Debatte über diese extremen Wetterereignisse, wie es im Klimadiskurs heißt. Die andere handelt von der europäischen Agrar- und Umweltpolitik, von Düngeverordnungen, von der Förderung industrieller Landwirtschaft, die mit ihren Monokulturen wetteranfälliger ist als die konventionelle oder organische Landwirtschaft. In der EU wird nach wie vor und trotz besseren Wissens die Fläche und weniger die Qualität gefördert. Allerdings wurden die routinemäßig von der Bauernlobby eingeforderten Kompensationen für Dürreausfälle in Berlin länger als sonst diskutiert. Die Stimmen mehren sich, den Klimawandel als Berufsrisiko einzustufen.

Meine ethnologische Erhebung fing, wie so oft, mit einem Kulturschock an. Ich wohnte auf einem Bauernhof und fuhr mit dem Auto um den Jadebusen, vom Wangerland über Wilhelmshaven durch den Landkreis Friesland nach Butjadingen bis nach Fedderwardersiel, wo man hervorragend Fischbrötchen essen kann. Eine platte, menschenleere Landschaft, 52 Kilometer immer am Deich entlang, der in einem großen Schwung diese Bucht eindämmt, die letztlich nur dazu dient, Wilhelmshaven einen Tiefseehafen zu sichern. Der Historiker David Blackbourn nennt zu Recht den Jadebusen neben dem Oderbruch oder der Kanalisierung der Flüsse als Beispiel für »the making of Germany«: Nationenbildung durch die Eroberung der Natur, durch Dämme, Stauseen und Trockenlegung.3

Auf einer meiner ersten, noch ziellosen Fahrten durch Butjadingen fiel mir ein Schild mit der Aufschrift »Umweltstation Iffens« auf – ein Zeichen, ohne Zweifel. Ich bog ab und parkte auf dem gepflasterten Hof mit dem mächtigen alten Bauernhaus. Ich klopfte im Regen an die Holztür, und es öffnete ein freundlicher älterer Herr mit längeren grauen Haaren unter der Mütze und in wetterfester Kleidung. Wie durch eine magische Fügung schien ich hier mein Paradies gefunden zu haben: Die Umweltstation entpuppte sich als Forschungslabor, als Ausbildungsstätte für angehende Lehrlinge in der Region, als eine alteingesessene Wohngemeinschaft, als Kunstatelier und als Museum; in der Bibliothek auf dem Dachboden findet man viele Bücher zur Geschichte dieser Region. Ich zögerte nicht, mein Anliegen vorzubringen, gemeinsam mit Menschen aus der Region Grundlagen für einen Klimaservice zu entwerfen. Ich tat mich ein bisschen schwer zu erklären, was das genau ist, aber das würde sich schon noch geben. Umweltbewusste Menschen, citizen scientists und Künstler mit enger Bindung an die Region, das war es doch, was ich gesucht hatte.

 

 

Nur leider blieb mein Gastgeber an diesem Punkt zurückhaltend. Ich verabredete ein Interview an einem anderen Tag und fand mich in Gesellschaft weiterer Kommunarden und zweier junger Frauen wieder, die hier ihr ökologisches Jahr ableisteten. Ich kam alsbald wieder auf mein Projekt zu sprechen. Wieder stieß ich auf Zurückhaltung, und ich beschloss, in die Offensive zu gehen. Macht ihr euch keine Sorgen wegen des Klimawandels? Habt ihr keine Angst vor den Folgen des Meeresspiegelanstiegs, hier, direkt hinter dem Deich? Die Antwort war ein eindeutiges Nein. Mehr noch, alle äußerten sich kritisch: Klimawandel sei ein Modebegriff und ähnlich unpräzise wie Nachhaltigkeit oder Waldsterben. Kein Zweifel, die Temperaturen würden ansteigen, und wer hinter dem Deich wohne, sorge sich natürlich um die Deichsicherheit. Aber Klimawandel sei inzwischen ein Konzept, das von allem und von nichts handele, aber nichts mehr mit den konkreten Gegebenheiten vor Ort, mit Gewässern, Tieren und Pflanzen zu tun habe. Ihr Ziel sei es, gemeinsam mit den Menschen, die diese extreme Landschaft bewohnen, eine lebenswerte Umwelt zu schaffen.

Mein Gastgeber hatte sich meine Website angeschaut und meinte, ich würde darüber sicher eine schöne Arbeit schreiben, aber für sie sei das nichts. Mit wem sollten sie denn da was machen? Und sie erzählten mir als Gegenbeispiel von ihrem Apfelprojekt: Jeden Herbst bringen Leute aus der Region ihre Äpfel zu ihnen, wo sie dann gemeinsam gepresst und in Flaschen abgefüllt werden. Viele Leute haben noch alte Apfelbäume, die die EU-Standardisierung überlebt haben, und die Sorten werden benannt, Apfelfeste gefeiert und Apfelgedichte verfasst. Äpfel schaffen Community, bewahren Biodiversität, sie helfen, das Insektensterben zu verhindern, und sie schmecken nach Butjadingen. Klimawandel ist hingegen ein abstraktes Konzept, etwas für die Verwaltung und die Wissenschaft.

Nach einem Salzwiesenspaziergang hinter dem Deich und einer Besichtigung der hauseigenen Mosterei machte ich mich beschämt davon. Ich hatte meine Lektion erhalten. Als Ausführender eines europäischen Projekts war ich selbst, aus dem Wunsch heraus, einen guten Job zu machen, zu einem technokratischen Vertreter einer Klimapolitik geworden, die ich gerade noch als neoliberal kritisiert hatte. Es war eine Lektion in Sachen Demut: Ich war hier, um zuzuhören, und nicht, um zu überreden.

Zu Weihnachten 2017 jährte sich die Weihnachtsflut von 1717 zum dreihundertsten Mal. Auf einer Gedenkveranstaltung wurde daran erinnert, im Welterbeportal von Dangast. Der Pfarrer versuchte zu erklären, dass die Flut keine Strafe Gottes mehr sei, wie damals viele Stimmen behaupteten, sondern dass Gott den Menschen inzwischen bei Katastrophen mitfühlend beistehe. Dennoch solle man seinen ökologischen Fußabdruck bedenken, wenn man wieder bei Amazon bestellt. So ändern sich die Zeiten und Predigten in einer Landschaft, die ihre Apokalypse schon mehrfach hinter sich hat. Eine Serie von Sturmfluten hatte diese Region zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert bis weit ins Inland überflutet. Es ist nur folgerichtig, dass ein Vertreter des Vorstands des Deichbandes, wie die für die Deicherhaltung zuständige Körperschaft heißt, ebenfalls eine Rede hielt und dabei an eine Sturmflut von 1953 und die noch rudimentären Mittel des Katastrophenschutzes in seiner Kindheit erinnerte. Auch die Flut von 1717 hatte einen zeitgenössischen Chronisten; Lesungen aus dessen Aufzeichnungen erinnerten in ihrer Drastik daran, dass der Tod durch eine Sturmflut ein nasser, oft quälend langsamer Tod ist. Es wurde die Geschichte des Vaters erzählt, der bei dem Versuch, sein Kind aus den Fluten zu retten, ertrank, zuvor aber noch die Haare seiner toten Frau um einen Baum geknotet hatte, damit sie noch gefunden werde und ein Grab erhalte.

(…)

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Bruno Latour, Das terrestrische Manifest. Berlin: Suhrkamp 2018.
  2. Amitav Gosh, Die große Verblendung. Der Klimawandel und das Undenkbare. München: Blessing 2017.
  3. David Blackbourn, Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft. München: Pantheon 2007.

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