Eine eurozentrische Geschichte des Kapitalismus. Gefangen in der Kritik der Kapitalismuskritik

Die kaum ein Jahrzehnt zurückliegende Finanzkrise hat das Interesse am Kapitalismus wiederbelebt. Und doch sollte man die Krisenkonjunktur als Ursache eines solchen Interesses nicht überschätzen. Schließlich kommt dem Kapitalismus auch jenseits seiner Krisenhaftigkeit eine zentrale Bedeutung in nahezu allen theoretischen Konzeptionen der modernen Welt und damit im Selbstverständnis westlicher Gesellschaften zu. Max Webers Versuch, den Stellenwert des modernen Kapitalismus für eine spezifisch okzidentale Sonderentwicklung zu bestimmen, ist nur eine besonders bekannte Variante. Noch im 21. Jahrhundert trifft man auf historische Soziologen wie Richard Lachmann, die ihre Werke mit der Feststellung beginnen: »Something happened in Western Europe in the fifteenth through eighteenth centuries. Sociology’s founders believed the task of their discipline was to define that something and to explain why it happened where and when it did.«1
.

(Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

.
Werner Plumpe meint als Wirtschaftshistoriker in seiner Geschichte des Kapitalismus zwar ohne den Rückgriff auf Lachmann oder dessen vor allem in den USA zahlreiche Kolleginnen und Kollegen wie Julia Adams oder Bruce Carruthers auskommen zu können, teilt aber im Kern deren Vorannahmen über Ort und Zeit des Geschehens.2 Im Zentrum stehen die Niederlande und England, wenngleich für ihn erst (wechselweise) das 17. und das 16. Jahrhundert den Beginn definieren. Methodisch fällt Plumpe damit weit hinter Weber zurück, der meinte, zum Nachweis einer okzidentalen Sonderentwicklung die Wirtschaftsethik der Weltreligionen einer vergleichenden Betrachtung unterziehen zu müssen. Und wie anders als vergleichend sollte man Besonderheit auch nachweisen können. Plumpe insistiert stattdessen auf einem »europäischen Sonderweg, der eben aus sich selbst heraus erklärt werden muss und auch erklärt werden kann«. Überzeugend ist das nicht und schneidet überdies die interessantesten Diskussionen, die während der letzten zwei Jahrzehnte im Zeichen der Globalgeschichte geführt worden sind, von vornherein ab.3

Kapitalismus ist für Werner Plumpe, der anders als Jürgen Kocka in seiner ungleich schlankeren Geschichte des Kapitalismus von 2013 auf eine Diskussion alternativer Definitionen verzichtet, kapitalintensive Massenproduktion. Man mag sich fragen, ob es da nicht konsequenter gewesen wäre, durchgängig diesen Terminus zu verwenden als den ja durchaus aufgeladenen Kapitalismusbegriff. Aber Plumpes Vorgehensweise hat durchaus ihren eigenen Sinn. Denn über die Massenproduktion wird zum einen auch der Massenkonsum zu seinem Wesensbestandteil, eine Perspektive, die er gegen Ende des Buches zuspitzt: »Der Kapitalismus ist und war von Anfang an stets eine Ökonomie der armen Menschen und für arme Menschen«.

Berührt das eher die normative Seite vom Plumpes Begrifflichkeit, führt die Betonung der – nicht näher spezifizierten – Kapitalintensität zum anderen dazu, dass einmal mehr Kapitalismus, Wirtschaftswachstum und Industrielle Revolution ineinander geschoben und weitgehend gleichgesetzt werden. »Der Kapitalismus«, so hat dagegen der von ihm nicht zitierte R. Bin Wong ebenso knapp wie zutreffend festgehalten, »existierte schon vor der Industrialisierung«.4 Und man kann hinzufügen: Nachhaltiges Wirtschaftswachstum wie etwa in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts gab es auch ohne Industrialisierung – und Letztere wie im Falle der Sowjetunion auch ohne Kapitalismus.

»Was sich in diesem Zeitraum abzeichnete,« so Plumpe für die Zeit von 1500 bis 1820, »entfaltete sich später zu einer dramatischen Schere. Nach 1820 beschleunigte sich das Wachstum in Westeuropa weiter und erreichte nun Ausmaße, die den Begriff ›Industrielle Revolution‹ in der Tat rechtfertigen.« Wenn die europäischen Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts schon in der Frühen Neuzeit angelegt waren, so die Implikation, dann lohnt auch der vergleichende Blick nicht auf die gewerblich hochentwickelten Ökonomien einiger chinesischer oder indischer Regionen dieser Zeit. Und das obwohl der zur Verknüpfung von Konsum und Produktion eingeführte Begriff der »industrious revolution«, also einer Revolution des Fleißes, in der frühneuzeitliche Haushalte ihren Arbeitseinsatz im Interesse marktvermittelter Konsumchancen steigern, anders als Plumpe vermerkt nicht von Jan de Vries mit Blick auf Nordwesteuropa, sondern wie von de Vries selbst betont von Akira Hayami mit Blick auf Asien eingeführt worden ist.5

Die von Plumpe suggerierte Einigkeit der wirtschaftshistorischen Forschung hinsichtlich einer lange vor 1800 feststellbaren Auseinanderentwicklung Europas auf der einen, China und Indiens auf der anderen Seite gibt es indessen nicht. Ulrich Pfister, wie Plumpe Fachherausgeber der Enzyklopädie der Neuzeit für das Fachgebiet Wirtschaft, hielt noch vor wenigen Jahren fest: »Die ›große Divergenz‹ zwischen Europa und dem Rest der Welt bezüglich des Einkommensniveaus war somit wesentlich ein im 19. Jahrhundert im Gefolge der Industrialisierung stattfindender Vorgang.«6

Angesichts der durchaus nicht abgeschlossenen Debatte scheint es gewagt, weitreichende Schlussfolgerungen aus wenig gesicherten statistischen Daten und Schätzungen zu ziehen.7 Nimmt man zur Kenntnis, wie unterschiedlich zum Beispiel quantitative Vergleiche auf einem ganz begrenzten Feld wie den Löhnen von Webern in England und in Indien während des 18. Jahrhunderts ausfallen, wird man die von Plumpe immer wieder herangezogenen Schätzungen Angus Maddisons zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts oder des Pro-Kopf-Einkommens mit großer Vorsicht betrachten.8

Die enge Definition von Kapitalismus dient also auch der Ab- und Ausgrenzung anderer Weltregionen und früherer Epochen. Sie wird keineswegs durchgängig verwandt, so dass der Leser in den Passagen zum frühen 21. Jahrhundert sich nicht notwendigerweise zu der Frage provoziert fühlen muss, ob sich die Geschäftsmodelle von Google, Uber oder anderen denn als kapitalintensive Massenproduktion begreifen lassen. Die inkonsistente Begriffsverwendung – später ist von kapitalistischer Wirtschaftsordnung und ebensolcher Lebensweise oder vom Kapitalismus als Koordinationsform ökonomischen Handelns die Rede – ist aber nicht allein das Resultat von Nachlässigkeit, sondern hat zusätzlich einen systematischen Grund: Plumpes Buch bietet auch eine Kritik der Kapitalismuskritik.

Diese ist nicht durchgängig eine historische, denn von einer solchen würde man ja die Diskussion der Kritik im Kontext ihrer Entstehungszeit erwarten. Stattdessen werden Autoren wie Rudolf Hilferding eher abgekanzelt; dessen Finanzkapital zum Beispiel »war stets eine Chimäre – so sehr es in die sozialistischen Gesellschaftstheorien zu passen schien«. Und der von Hilferding 1910 so präzise vorhergesagte deutsch-englische Krieg lässt sich keineswegs »als zwingende Folge des Kapitalismus begreifen […], wie es die marxistische Historiographie zu behaupten pflegt«. Da reibt man sich dann doch die Augen und fragt sich, wer denn hier gemeint sein mag und wo sich diese marxistischen Geschichtsschreiber versteckt hatten, als der Erste Weltkrieg 2014 breite Aufmerksamkeit erfuhr.

Es sind also nicht selten Pappkameraden, gegen die Plumpe in die Schlacht zieht. Das gibt dem Buch einen apologetischen Grundton, der nur eine Spur weniger penetrant ausfällt als bei dem sich gleichfalls eine sehr linke Jugend attestierenden Rainer Zitelmann, was die Frage nach Sinn und Adressaten eines solchen Dauertrommelns nahelegt. Schließlich titeln längst kapitalismuskritische Autorinnen wie Ulrike Herrmann Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung.9

 

 

Mit der Kapitalismuskritik und ihrer kritischen Kommentierung sowie über die Auseinandersetzung mit Autoren wie Fernand Braudel finden also auch andere, oft gehaltvollere Begriffsdefinitionen als die kapitalintensive Massenproduktion indirekt Eingang in Plumpes Darstellung. Diese gliedert sich im Kern in fünf chronologisch definierte und jeweils etwa hundert Seiten starke Kapitel. Das umfangreichste und zugleich mit Abstand schwächste Kapitel ist das erste, das die Entstehung des Kapitalismus klären soll. Im Zentrum dieses Kapitels steht der Wandel von Semantiken, Institutionen und Praktiken. Als Semantiken werden vor allem die Vorstellungen von der Wirtschaft gefasst, wie sie in der Geschichte der Politischen Ökonomie ihren Niederschlag gefunden haben und von Mandeville bis Smith wohlbekannt sind.

Unter den Institutionen werden unter anderem »die Pioniere des Banksystems und moderner Formen des Zahlungsverkehrs« behandelt, die einmal mehr in den Städten Oberitaliens verortet werden, obwohl man mittlerweile schon in Handbüchern nachlesen kann, dass die meisten dieser Geschäftspraktiken in den Hafenstädten des Indischen Ozeans längst Alltagsroutine geworden waren.10 Und auch hinsichtlich der letztlich entscheidenden Praktiken können nur wenige Punkte herausgegriffen werden: Was den Fernhandel angeht, scheint sich Werner Plumpe nicht recht schlüssig zu sein: Mal »war der Außenhandel, namentlich der Außenhandel mit außereuropäischen Territorien, für die europäische wirtschaftliche Entwicklung nicht so wichtig«. Dann aber heißt es mit Blick auf Antwerpen und Amsterdam: »Dass diese Städte […] zu Einfallstoren asiatischer und amerikanischer Handelsgüter wurden, war für die Entstehung des Kapitalismus letztlich von ausschlaggebender Bedeutung. Im holländischen und später im britischen Fernhandel wurden erstmals große Kapitalsummen mobilisiert, um Geschäfte zu ermöglichen, die Jahrzehnte zuvor noch ganz undenkbar gewesen waren.« Weitere zehn Seiten später hat der Handel dann aber wieder »letztlich nicht das nötige wirtschaftliche Gewicht, um in Nordwesteuropa große Wirkungen zu erzielen.«

Ohnehin schreckt Plumpe vor einigermaßen abwegigen Ausführungen nicht zurück, wenn es um das Verhältnis von gewaltbasiertem Außenhandel und Kapitalismus geht: »Die holländische Dominanz im europäischen Asienhandel und die nachfolgende britische Vorherrschaft sind letztlich nur aus der konsequenten Nutzung kapitalistischer Organisationsformen zu verstehen. Diese stellten insofern keine Folge der globalen Expansion dar, sondern eher eine ihrer Bedingungen«. Ist ihm wirklich nicht bewusst, dass allein schon das Beispiel der der niederländischen vorhergehenden portugiesischen Handelsdominanz ausreicht, um sein Argument auszuhebeln?

Ähnlich aufschlussreich gerät die Behandlung der Plantagensklaverei in der Karibik und in Amerika. Deren Existenz ist unbestreitbar, und so ist der Autor froh, mit guten Gründen schreiben zu können: »Einen direkten Weg von den Profiten der Kolonialwirtschaft zur britischen Industrie gibt es nicht.« Nur hat das eben nach Eric Williams auch sehr lange niemand behauptet. Dieser hatte in der Tat in seiner während des Zweiten Weltkriegs entstandenen Dissertation angenommen, die Profite aus dem Sklavenhandel hätten den Aufbau der Textilindustrie in Lancashire ermöglicht, ein Argument, das schon angesichts des vergleichsweise bescheidenen Kapitalbedarfs der frühen Textilindustrie wenig für sich hatte.11

Plumpe stützt sich hier auf ein Buch von Christopher Hill aus dem Jahr 1967, das allerdings mittlerweile als überholt gelten muss. Wie etwa Joseph Inikori nachgewiesen hat, spielte der Handel mit Gütern aus Plantagen, auf denen Sklaven eingesetzt waren, eine ganz erhebliche Rolle für die Industrialisierung Englands, nicht zuletzt auch über zusätzliche indirekte Effekte von der Förderung des Schiffbaus bis zu der der Versicherungswirtschaft.12

Werner Plumpe ist hier schlicht nicht auf der Höhe der Forschung und führt in diesem Zusammenhang auch gleich noch vor, zu welcher Denkakrobatik er bereit ist, um unliebsame Aspekte kapitalistischer Entwicklung aus der Welt zu schreiben: »Auch die Vorstellung, in der Plantagenwirtschaft, vor allem in der karibischen Zuckerproduktion, hätten sich kapitalistische Strukturen gebildet, um sich von dort aus zu verbreiten, ja hier seien kapitalistische Unternehmen zuerst entstanden, hat vieles für sich, aber letztlich noch mehr gegen sich, denn an keinem der betreffenden Orte konnten sich dauerhafte kapitalistische Verhältnisse etablieren.« Als ob Sidney Mintz, der diese Strukturen als einer der Ersten eindrücklich beschrieben hat, dies behauptet hätte oder der Fortbestand eines solch barbarischen Arbeitsregimes nach der Abschaffung von Sklaverei und Kolonialismus auch nur denkbar gewesen wäre.13

Der apologetische Grundton und apodiktische Setzungen kennzeichnen auch die folgenden Kapitel. Dennoch haben diese eine ungleich höhere Qualität, kommt ihnen doch für die letzten anderthalb Jahrhunderte zugute, dass der Verfasser für diesen Zeitraum eine Fülle eigener Forschungen zur deutschen Wirtschaftsgeschichte vorgelegt hat. Das könnte zugleich erklären, warum die deutsche Entwicklung nun sehr viel stärker ins Zentrum rückt. England und (seltener) Frankreich bleiben dabei allerdings präsent, die Vereinigten Staaten finden ausführlich, Japan und China in den Schlusskapiteln eher knapp Berücksichtigung.

Dagegen kommt Südeuropa so gut wie nie, Osteuropa allenfalls als Bühne sozialistischer Experimente und der Rest der Welt praktisch gar nicht vor. Die Logik einer solchen Auswahl ist klar: Kapitalismus ist ein Lernprozess und die Weltwirtschaftsgeschichte ein Wettrennen, bei dem Volkswirtschaften aufholen oder zurückfallen können. Ob bei diesem Wettrennen Chancengleichheit herrscht oder ob vielleicht in der seit dem 16. Jahrhundert etablierten internationalen Arbeitsteilung Asymmetrien verankert waren, die Lernprozesse systematisch behindert haben mögen, interessiert dagegen nicht.

Mit Blick auf die Zentren kapitalistischer Entwicklung bietet das zweite Kapitel aber einen kundigen und breit angelegten Überblick, der sich nicht auf die wirtschaftliche Entwicklung im engeren Sinne beschränkt, sondern Arbeits- und Lebensverhältnisse, Wirtschafts- und Sozialpolitik oder kapitalismusbezogene Kulturkritik mit einbezieht. Die kapitalintensive Massenproduktion wird weniger zentral gestellt, als man das nach der Einleitung erwarten könnte. Die Unterschiede zwischen einer weniger kapitalintensiven Industrialisierung im textilindustriell dominierten England und dem von kapitalintensiven Investitionsgüterindustrien bestimmten deutschen Fall treten jedoch genauso wenig hervor wie die zwischen der englischen Entwicklung und dem stärker auf Luxusgüter abhebenden französischen Weg.

Jenseits des Ökonomischen bleiben die Maßstäbe gelegentlich unklar: »Dabei waren die zerstörerischen Folgen des neuen Fabriksystems gemessen an seiner Aufbauleistung von geringer Bedeutung.« Wären für eine solche Aussage nicht zumindest Kriterien zu benennen, nach denen etwa eine Verrechnung von Autonomieverlusten einer Generation mit Wohlfahrtsgewinnen einer folgenden oder von Einkommenszuwächsen mit Entfremdungserfahrungen vorgenommen werden können? Und wäre es nicht ohnehin angemessener zu versuchen, die Dynamik der kapitalistischen Entwicklung und ihre gelegentlich zerstörerischen Folgen als zwei Seiten derselben Medaille zu fassen, als sie gegeneinander verrechnen zu wollen?

Manches ist schlicht falsch, anderes fehlt. So soll etwa der kapitalistische Wohnungsbau die Nachfrage passgenau adressiert haben, weshalb dann auch, wie im gründerzeitlichen Baubestand nicht nur Berlins bis heute gut sichtbar, die regelmäßig über Bedarf hinaus gebauten großen Wohnungen immer wieder aufgeteilt wurden. Und im Falle der gemeinhin konstatierten Konzentrationsprozesse geht der Furor gegen die unzulässigen Verallgemeinerungen marxistischer Autoren so weit, dass man von ihnen auch für die Schwerindustrie gar nichts Substantielles mehr erfährt. Düstere Seiten hat der Kapitalismus ohnehin nicht. Aber er kann wie im Zeitalter der Weltkriege »schwarze Jahre« erleben.

Kern des Krisenbefunds ist hier, »dass mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine politische Überformung, schließlich im Vorfeld und Verlauf des Zweiten Weltkrieges eine regelrechte Pervertierung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung zu politischen Zwecken einsetzte«. Noch knapper könnte man von einem Versagen des Staates sprechen, von dem der Autor allerdings auch viel erwartet: ein erfolgreiches Krisenmanagement zur Erhaltung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und gleichzeitig ein Respektieren der Autonomie der Wirtschaft, um die kapitalistische Dynamik nicht zu gefährden. Gelingt diese Quadratur des Kreises nicht, findet Plumpe es »naheliegend«, dass »in Deutschland nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise gerade in der Industrie eine Regierung ohne das Parlament, eine nach der Verfassung in Notsituationen mögliche Präsidialregierung, durchaus auf Sympathie stieß«.

Den »Beginn einer weltwirtschaftshistorisch einmaligen Erfolgsgeschichte«, nämlich den Export des amerikanischen Fordismus »nach Westeuropa und in Teile Ostasiens« behandelt das vierte Kapitel, das den wachstumsstarken Jahren vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Krise von 1973 gewidmet ist. Die Begeisterung des Verfassers für diese Epoche kann angesichts der von ihm von Beginn an starkgemachten Verbindung von Massenproduktion und Massenkonsum, die hier vielleicht am augenfälligsten zutage tritt, nicht überraschen, allenfalls der Umstand, dass sie selbst die staatlichen und nichtstaatlichen Transferzahlungen als »automatische Stabilisatoren« der Massennachfrage mit einschließt. Das gilt allerdings nur auf Zeit.

Denn sobald »aus dynamischen Strukturen […] alltägliche Praktiken und schließlich regelrecht Altlasten geworden« waren, gab es Plumpe zufolge keine Alternative zum Strukturwandel. Ihm ist sicherlich zuzustimmen, dass viele der sich zeitlich anschließenden und gern als »neoliberal« bezeichneten Reformen primär aus der Krise geboren waren und deshalb als gezielte Pläne zur Steigerung von Kapitalverwertungschancen nicht hinreichend zu verstehen sind. Die von Plumpe nicht herangezogene einschlägige Studie Capitalizing on Crisis von Greta Krippner (2011) macht indessen schon im Titel klar, dass man einmal mehr zwei Deutungsoptionen nicht zwingend gegeneinander ausspielen muss.

Aber mit Reagan und Thatcher befinden wir uns schon im fünften und letzten Kapitel, das dem weltweiten Siegeszug des Kapitalismus gewidmet ist. Neben dem bereits angesprochenen Strukturwandel in westlichen Industrieländern behandelt es vor allem die ungleich radikalere und von Plumpe als alternativlos beschriebene Transformation der ehemals sozialistischen Staaten sowie den Wiederaufstieg Chinas. Ausführlich geht er auch auf das ein, »was später als Finanzialisierung beziehungsweise Finanzmarktkapitalismus eher denunziert als bezeichnet wurde«. Dessen Zuspitzung in der Finanzkrise von 2007/8 erscheint ihm als Menetekel einer »Vermischung von staatlicher Institutionenbildung und der Funktionsweise der Märkte«, und er spricht von »Eingriffen des Staates zur Stabilisierung der Finanzmärkte, die ihre Stabilität ohne entsprechendes staatliches Handeln freilich gar nicht verloren hätten«. Hier dürfte allerdings das letzte Wort noch nicht gesprochen sein.

Es folgt ein bemerkenswerter Schluss, der weniger eine Zusammenfassung als vielmehr eine theoretische Rahmung bietet, die das vorhergehende Narrativ durchaus hier und da neu perspektiviert. So wird zunächst die im Untertitel des Buchs mit guten Gründen verwandte Wendung von »einer andauernden Revolution« durch eine Auflistung der entscheidenden Etappen nochmals plausibilisiert: Die finanzielle Revolution des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts erhält hier mehr Gewicht als in dem entsprechenden Kapitel; ihr folgen die Industrielle Revolution im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, die Transportrevolution des 19. Jahrhunderts und die darauf folgende zweite Industrielle Revolution, die Konsumrevolution der 1920er Jahre und eine Informationsrevolution unserer Zeit.

Interessant ist nun, wie Plumpe den so aufgerufenen Wandlungsprozess modelliert, nämlich als Evolutionsprozess, als »Zusammenspiel von Variation, Selektion und Restabilisierung«. Konkret habe es in den Niederlanden und England in der Frühen Neuzeit einen besonderen Reichtum an ökonomischen Handlungsvarianten gegeben, über deren Fortbestand dann der Markterfolg entschieden habe. Auf Dauer gestellt werden können habe dieser segensreiche Mechanismus aber nur durch obrigkeitliche Maßnahmen, denen die (Re)Stabilisierung freier Märkte und manches mehr zu verdanken sei. Das ist elegant, dehnt aber die Empirie in hohem Maße. Zwar verschweigt der Verfasser die regierungsseitigen Eingriffe im Zeichen des Merkantilismus keineswegs, hängt sie aber ungebührlich tief.

Dass »die Chancen des internationalen Handels« zunächst und vor allem von den staatlich privilegierten Ostindienkompanien genutzt wurden, denen staatliche Hoheitsrechte und die Ausübung militärischer Gewalt zugestanden worden waren, kann man in seinem Evolutionsmodell ebenso wenig wiederfinden wie deren stetes Streben nach Monopolpositionen. Auch für spätere Epochen macht Plumpes Darstellung nie deutlich, wie gern kapitalistische Unternehmen der »Selektion über preisbildende Märkte« zu entkommen suchen. Das ist aus der Perspektive ihrer Gewinnorientierung ja auch mehr als verständlich, wird aber vom Autor hinter der behaupteten »Selektion über preisbildende Märkte« versteckt. Ähnlich gewichtige Unsichtbarkeiten gibt es bis in die gegenwartsnahen Kapitel, in denen die zentrale – und nicht nur bei Standortfragen auf die »Selektion über preisbildende Märkte« gern verzichtende – Rolle des Staates etwa im Bereich von Forschung und Entwicklung gar nicht deutlich wird.14

Ohnehin ist von den Bedingungen für Innovation erstaunlich wenig die Rede. In der Auseinandersetzung mit dem Aufstieg beziehungsweise Wiederaufstieg der USA im 19. Jahrhundert und Chinas in jüngster Zeit wird zwar erwähnt, dass sich beide lange Zeit hinter den protektionistischen Schutzwällen einer sehr bewussten Zollpolitik abgespielt hätten, aber es wird nie reflektiert, was das für Plumpes Modellbildung oder die dem »Washington Consensus« verpflichtete Politik der Industriestaaten gegenüber dem globalen Süden bedeuten könnte. Mit Blick auf die spektakulären wirtschaftlichen Erfolge Chinas etwa heißt es: »Wesentlich war (und ist) die starke Stellung der staatlichen Autoritäten, die Chinas Wirtschaft nur sehr vorsichtig und strategisch abgesichert für den Weltmarkt öffneten, die Wechselkurse dirigierten und den Zustrom ausländischen Kapitals und ausländischen Einflusses sehr genau kanalisierten und kontrollierten.« Mit dem behaupteten evolutionären Zusammenspiel von Variation, Selektion und Restabilisierung ist das kaum vereinbar.

Am Ende bleiben vier informative Großkapitel zur wirtschaftlichen Entwicklung der kapitalistischen Kernstaaten während der letzten zweihundert Jahre. Das ihnen vorangestellte Kapitel zur Entstehung des Kapitalismus dagegen überzeugt weder in seinem bornierten Eurozentrismus noch in dem gerade für die Frühe Neuzeit aussichtslosen Versuch, Markt und Staat, Ökonomie und Politik fein säuberlich auseinanderzudividieren, um so die Entstehung des Kapitalismus von den Spuren gewaltsamer Expansion, des Kolonialismus und der Sklaverei zu reinigen. Und auch der abschließend unternommene und elegant ausgefallene Versuch einer theoretischen Rahmung lässt vor allem deutlich werden, zu welchen Einseitigkeiten die grenzenlose Marktgläubigkeit des Verfassers führt.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Märkte sind ohne Zweifel die effizientesten Allokationsmechanismen für alle Produktionsfaktoren. Das erlaubt einer Geschichte des Kapitalismus aber nicht, ihre historische Existenz und Wirksamkeit mehr zu unterstellen als kritisch zu prüfen. Überdies sollte eine solche Geschichte des Kapitalismus sich nicht als Magd einer Kritik des Antikapitalismus verstehen. Denn das verstellt wichtige Fragen eher, als sie aufzuschließen. So ist, um hierfür nur ein letztes Beispiel anzuführen, die Beobachtung ja durchaus zutreffend, dass die realsozialistischen Wirtschaften Osteuropas mit der Umwelt noch rücksichtsloser Raubbau betrieben haben als ihre kapitalistischen Konkurrenten im Westen. Aber hilft das beim Verständnis der kapitalismustypischen Externalisierung von Umweltbelastungen und ihrer Einschreibung in die Geografie einer auch aufgrund kapitalistischer Dynamiken von Asymmetrien gekennzeichneten Welt wirklich weiter?

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Richard Lachmann, Capitalists in Spite of Themselves. Elite Conflict and Economic Transitions in Early Modern Europe. Oxford University Press 2000.
  2. Werner Plumpe, Das kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution. Berlin: Rowohlt 2019.
  3. Vgl. Friedrich Lenger, Die neue Kapitalismusgeschichte. Ein Forschungsbericht als Einleitung. In: Ders., Globalen Kapitalismus denken. Historiographie-, theorie- und wissenschaftsgeschichtliche Studien. Tübingen: Mohr Siebeck 2018.
  4. R. Bin Wong, Möglicher Überfluss, beharrliche Armut. Industrialisierung und Welthandel im 19. Jahrhundert. In: Sebastian Conrad/Jürgen Osterhammel (Hrsg.), 1750–1870. Wege zur modernen Welt. München: Beck 2016.
  5. Vgl. Jan de Vries, The industrious revolutions in East and West. In: Gareth Austin/Kaoru Sugihara (Hrsg.), Labour-Intensive Industrialization in Global History. London: Routledge 2013.
  6. Ulrich Pfister, Art. Weltwirtschaft. In: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 14. Stuttgart: Metzler 2011.
  7. Vgl. Stephen Broadberry/Hanhui Guan/David Daokui, China, Europe, and the Great Divergence. A Study in Historical National Accounting, 980–1850. In: Journal of Economic History, Nr. 78/4, September 2018.
  8. Vgl. die eingangs referierte Kontroverse bei Prasannan Parthasarati, Historical Issues of Deindustrialization in Nineteenth-Century South India. In: Giorgio Riello /Tirthankar Roy (Hrsg.), How India Clothed the World. The World of South Asian Textiles, 1500–1850. Leiden: Brill 2009.
  9. Vgl. Rainer Zitelmann, Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung. München: FinanzBuch 2018; Ulrike Herrmann, Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie oder Was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können. Frankfurt: Westend 2016.
  10. Vgl. Jos Gommans, Continuity and change in the Indian Ocean basin. In: The Cambridge World History. Nr. VI/1. Cambridge University Press 2015.
  11. Vgl. Eric Williams, Capitalism and Slavery. Chapel Hill 1944; vgl. Andreas Eckert, Historiker des »schwarzen Atlantik«. C. L. R. James und Eric Williams. In: Merkur , Nr. 829, Juni 2018.
  12. Vgl. Joseph E. Inikori, Africans and the Industrial Revolution in England. A Study in International Trade and Economic Development. Cambridge University Press 2002.
  13. Vgl. Sidney W. Mintz, Sweetness and Power. The Place of Sugar in Modern History. New York: Viking 1985.
  14. Auf die Auseinandersetzung mit den zugespitzten Thesen von Mariana Mazzucato (The Entrepreneurial State. Debunking Public vs. Private Sector Myths. New York: Anthem 2013) wird von Plumpe dann auch verzichtet.

2 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Ein Artikel der zeigt wie schwierig die Erfassung der Thematik ist, nach dem es eine Gesellschaft vor dem Kapitalismus gegeben hat, wird es auch eine nach dem Kapitalismus geben. Was die Frage der Kritik der Probleme und der Lösungen angeht muß man sehen, das immer wieder vormoderne und auch religöse Motive in all den Vorhandenen Kritiken und Reformen mit hinein gespielt haben. Die wirkliche Kritik muß erst noch erfunden werden, wird aber sicher aus der Freiheitsidee des Republikanismus kommen und auch die Humanistische Gerechtigkeitstheorie von Rawls und seinen Schülern berücksichtigen müssen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere