European Son

E s ist der fünfte März des Jahres 2000, und ich bin draußen. Ich laufe gegen den Wind über die schmale Fußgängerbrücke, die das Gleisfeld des Bahnhofs Winkeln überspannt, eines Vororts der Kantonshauptstadt St. Gallen. Ich denke nochmals: Ich bin draußen, nicht mehr in Deutschland. Ich habe alle bürokratischen Hürden genommen, in meiner Tasche steckt ein Ausländerausweis Klasse B. Eine B-Bewilligung. Ich darf in der Schweiz wohnen und arbeiten, ich lebe eine Art Sparversion des deutschen Traums vom Auswandern. Wenn schon nicht in die USA, dann in die mythische Schweiz, eine Gesellschaft, die so ist wie die unsere, nur viel besser und reicher und problemfreier, weil sie nicht Mitglied in der EU ist. Ich habe keine Vorstellungen von der Schweiz, mir hat nur die Universität gefallen.

(Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

Ich lese Pamphlete, die mir die rechtsnationale Schweizerische Volkspartei ins Haus schickt, Texte ihres Chefs Christoph Blocher, garniert mit Fußnoten, die mir sagen, dass ich hier nichts zu suchen habe. Ich bleibe trotzdem, unter dem Schutz der Grenzwacht, die Schweiz wird mein neues Drinnen, während sich draußen die Welt verändert, und das sehr schnell und tiefgreifend. Bald rechne ich zwischen Franken, Euro und D-Mark hin und her. Zur selben Zeit wird die SVP immer stärker. Ich weiß, dass ich hier nur geduldet bin, meine Zeit füllt sich mit Arbeit, es ist ohnehin egal, was die anderen denken, sie haben genug Zeit zu hassen, ich nicht. Sie haben aber auch Stimmrecht, ich nicht. In den schmalen Zeitfenstern, die mir bleiben, drifte ich erst durch St. Gallen, dann durch Zürich. Ein Gespenst geht um, in Nicht-Europa. Erst schreibt es eine Dissertation, dann einen Roman. Die professionelle Distanz zu mir selbst wächst mit jener zwischen mir und der Landschaft ringsum, das schärft die Texte. Ich entwerfe Plan A, Plan B, Plan C. Plan C ist die Rückkehr nach Deutschland. Es wird Plan B.

Plan B ist, nebenbei, eine Gelegenheit, wieder in die Europäische Union zurückzukehren, nach draußen, ins Weite. Wien liegt mir näher als Berlin, hier verschwinde ich in meinem Dialekt und in der Masse der anderen EU-Bürger. Wie in der Schweiz darf ich auch hier Steuern zahlen, aber nicht politisch mitbestimmen – außer auf sehr begrenzter lokaler Ebene und bei der Wahl zum EU-Parlament, das kein Initiativrecht hat. Ein EU-Bürger hat in einem anderen EU-Land weniger Mitspracherechte als in einigen Schweizer Kantonen wie Jura oder Neuchâtel. Die Unionsbürgerschaft leitet sich aus der Staatsbürgerschaft der EU-Mitgliedsländer ab. Verlässt man ein EU-Land und zieht in ein anderes, lässt man seine Vollbürgerschaft zurück, lebt nur noch ihr Derivat. Wer sich voll auf die EU einlässt, ist in ihren Mitgliedstaaten kein ganzer Mensch.

Das stört mich zunächst wenig. In einer Gesellschaft, deren Analytiker gerne über den Verfall der Sozialdemokratie nörgeln und dabei ignorieren, dass die neue Arbeiterklasse hauptsächlich von Menschen gestellt wird, die kein Wahlrecht haben, mag die politische Entmündigung der EU-Bürger an den Orten, an denen sie leben und Steuern zahlen, ebenso selbstverständlich wie erwünscht sein.

Das ist nicht immer so gewesen. Ich bin Mitglied einer Alterskohorte, die unter Helmut Kohl aufgewachsen ist. Die europäische Integration war ein langfristig angelegtes strategisches Projekt aller Regierungen der Bundesrepublik, das in großen Schritten voranging. Ein positives Projekt, mit dem ich einverstanden war, auf das es sich vorzubereiten lohnte. Die französische Schriftstellerin Anne Berest erzählte 2018 in einem kurzen Text, wie ihre Eltern sie dazu ermutigt hätten, Deutsch zu lernen, denn dies werde für ein erfolgreiches Leben in Europa künftig noch wichtiger sein als Englisch.1

 

 

Ich wiederum habe Französisch gelernt, weil meine Eltern mir exakt dasselbe erzählt haben: Das sei die Sprache der Diplomatie, unerlässlich für eine Karriere im vereinten Europa. Das europäische Projekt würde eine neue Generation politischen Personals benötigen, es war politisch breit abgestützt, eine Utopie mit Aufstiegschance für die aufstrebende Mittelschicht, eine Expansion ohne Gewalt, ein faszinierendes Neuland, geschaffen aus dem Mehrwert seiner Teile, in das man nicht einmal auszuwandern brauchte, um sein Glück zu finden, weil man bereits da war. Es würde ein Europa sein, in dem man es besser haben könnte, ein Europa der Töchter und Söhne.

Berest beschreibt, wie sie nach Deutschland ging und dort feststellte, dass sich ihre Gesprächspartner sehr für Frankreich interessierten, genau über den aktuellen französischen Film und die Literatur Bescheid wussten. Es muss wohl zur selben Zeit gewesen sein, als ich immer wieder nach Frankreich fuhr, um dort einer dieser potentiellen deutschen Gesprächspartner zu werden. Berest berichtet, wie ihr Interesse für Deutschland noch in den Neunzigern von ihren Landsleuten als suspekt angesehen wurde. Diese Abneigung gegenüber Deutschland sei mittlerweile einer Gleichgültigkeit gewichen, kaum jemand lerne heute noch Deutsch, niemand interessiere sich für die Kultur des Nachbarlands. Für mich als Bewohner der Bundesrepublik wiederum markierte die Wiedervereinigung eine Zäsur: Deutschland wandte sich nach innen. Um gleichzeitig den Aufbau Ost und die europäische Integration inklusive der osteuropäischen Neumitglieder voranzutreiben, fehlte dem Land die Kraft – und wohl auch der Wille.

Erweiterung und Netzwerkeffekte erzeugten aber auch neue Spannungen und Zumutungen, die einen Rückfall in die Substanz des Nationalstaats als wohlverdiente Ruhepause erscheinen ließen – vor allem dann, wenn es an kompensatorischen sozialen Maßnahmen fehlte. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dessen allzu schneller Aufnahme in die Europäische Union verwandelte diese sich von einem optimistischen Mittelschichtprojekt sehr schnell in etwas radikal Anderes, das von Kennern wie Ex-Außenminister Joseph Fischer mit dem Euphemismus »Europa der zwei Geschwindigkeiten« bedacht wurde.

Mittlerweile kann man getrost von einem Europa der zwei politischen Systeme sprechen. Den Demokratien der alten Europäischen Gemeinschaft stehen mit Polen, Ungarn, der Slowakei und Rumänien Gesellschaften gegenüber, die mehr schlecht als recht von den absichtlich schwach gestalteten EU-Institutionen am Abgleiten in postdemokratische Autoritarismen gehindert werden. Die Finanzkrise von 2008 warf auch in älteren Mitgliedsländern die wirtschaftliche Entwicklung zurück.

Das alles hatte zur Folge, dass die meisten EU-Bürger im EU-Ausland Menschen aus eher armen Mitgliedstaaten sind. Im aktuellen Mainstream-Jargon würde man sie als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen. Aus dem Europa der Töchter und Söhne wurde das Europa der Austerität und des Schweißes, das Europa der Billigflieger und der weißen Lieferwagen, die rumänische Arbeiter bis an die portugiesische Atlantikküste und wieder zurück transportieren. Wer in dieses Europa emigrierte, tat es, weil er musste.

(…)

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Anne Berest, Avec la langue (mailchi.mp/f2535186a75e/la-deuxime-lettre-dt?e=4fa612f029).

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