Französisches Ausleerungsgeschäft. Der »Bericht über die Restitution afrikanischen Kulturerbes«

Frankreich muss den afrikanischen Völkern die unrechtmäßig erworbenen Güter zurückgeben. Diese Forderung steht im dreiundzwanzigsten Punkt der »Offiziellen Charta der Gelbwesten«, einer Liste von »25 Vorschlägen für einen Ausweg aus der Krise«, die am 7. Dezember 2018 über Facebook in Umlauf gesetzt wurde. Den Völkern sollen außerdem die Bestechungsgelder ausgezahlt werden, die afrikanische Diktatoren nach Frankreich haben fließen lassen. Operation saubere Hände: Einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen dem einstigen Mutterland und den früheren Kolonien entwirft das Manifest der Protestbewegung des tiefen, des vergessenen Frankreich.

(Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

Das Prinzip soll die Gleichberechtigung sein, das Mittel die Trennung, der radikale Schnitt. Weitere Unterpunkte: sofortiger Abzug aller französischen Soldaten; Abschaffung des CFA-Franc, der an den Euro gekoppelten Währung, die »Afrika in der Armut hält«. Muss es überraschen, dass der Forderungskatalog der Signalwestenträger, die von der hauptstädtischen öffentlichen Meinung als Populisten abgestempelt werden, auch Forderungen einer postkolonialen Agenda enthält? Der Zorn der Demonstranten speist sich aus dem tiefsitzenden Eindruck, dass ihre eigene Heimat, das Herzland Frankreichs, ausgebeutet und vernachlässigt wird, also behandelt wird wie eine Kolonie. Die Rückabwicklung korrumpierender Importe aus Afrika soll beweisen: Die Reinheit der Nation, die man von den Eliten verraten wähnt, ist keine Illusion. Im vierten und letzten Kapitel der Charta, das mit »Geopolitik« überschrieben ist, folgt auf das Thema des französischen Afrika das Stichwort Immigration. Hier lautet die Forderung, die Ströme von Migranten zu stoppen, die aufzunehmen und zu integrieren unmöglich sei, »angesichts der tiefen zivilisatorischen Krise, die wir durchleben«.

Der Philosoph Achille Mbembe hat in seinen Interventionen in die Restitutionsdebatte einen Parallelismus von Kulturgüterschutz und Fluchtbewegungsmanagement beschrieben. Er hat damit ein europäisches Publikum verstört, dessen Mitglieder es wohl mehrheitlich für unproblematisch halten wollen, gleichzeitig Kunst- und Menschenfreunde zu sein, und es gerade deshalb nicht gewohnt sind, die beiden Themen zusammenzusehen. »Europa kann nicht einfach die afrikanischen Objekte in den Herzen seiner Städte einschließen und gleichzeitig Afrikanern die Einreise und damit auch den Anblick dieser Objekte verwehren.« Der unbekannte Verfasser der Charta der Gelbwesten würde diesen Satz Mbembes unterschreiben. Aber der Anonymus bejaht Mbembes rhetorische Frage: »Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der jeder und alles wieder nach Hause zurück muss?«

Alle Aktionen der Gelbwesten sind darauf angelegt, die Ohnmacht des Staatspräsidenten zu demonstrieren. Eines der Mittel ist das Plagiat. Mit der Forderung der Genugtuung für die beraubten Afrikaner macht sich die Charta ein Versprechen zu eigen, das Emmanuel Macron am 28. November 2017 ausgesprochen hatte, in einer Rede vor den Studenten der Universität von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Als Präsidentschaftskandidat hatte er am 16. Februar 2017 in Algier die Kolonialisierung als ein »Verbrechen gegen die Menschheit« bezeichnet. In Ouagadougou nahm Macron den Begriff auf und wandte ihn auf den Menschenhandel an: ein Menschheitsverbrechen, das sich schändlicherweise noch immer vor den Augen der Welt abspiele. Die museumspolitischen Absichtserklärungen im Schlussabschnitt der zweistündigen Rede standen also vor dem Horizont des Menschheitsthemas der völkermörderischen Zwangsmigration. Ein Pfeifkonzert war die Antwort, als Macron einen Zeitrahmen von fünf Jahren für eine Einigung über »vorübergehende oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Erbes nach Afrika« setzte. Nicht Kritik artikulierten die Studenten mit diesem traditionellen Mittel des rituellen Ausdrucks ihrer kollektiven Stimmung, sondern begeisterte Zustimmung; das bewies der mit den Pfiffen gemischte Applaus. Die Szene steht am Anfang des Berichts einer Arbeitsgruppe, die der Präsident im März 2018 beauftragte, Vorschläge für die Umsetzung seines in Ouagadougou gesprochenen Satzes über die binnen fünf Jahren zu vereinbarenden Restitutionen auf Zeit oder auf Dauer zu machen. Mit der Federführung in der Arbeitsgruppe betraute Macron die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, eine Französin, die an der Technischen Universität Berlin lehrt und außerdem einen Lehrstuhl am Collège de France bekleidet, und den senegalesischen Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr.

Ein »historisches Fenster«

Der von Savoy und Sarr vorgelegte Bericht über die Restitution des afrikanischen Kulturerbes ist ein bürokratisches Dokument.1 Er ist in amtlichem Auftrag erstellt worden, und seine Autoren walteten eines ihnen auf Zeit verliehenen Amtes. Zwar ist eine Publikation in Buchform angekündigt, aber auch die Öffentlichkeit, nicht nur den Auftraggeber, erreichte der Bericht zunächst in der Originalversion, komplett mit Paratexten im Kanzleistil. Die »lettres de mission«, die Beauftragungsschreiben an die Arbeitsgruppenleiter, werden beide faksimiliert, obwohl der Wortlaut identisch ist. Zur Berichterstattung gehört die Dokumentation des Auftrags, damit überprüft werden kann, ob dieser im juristischen Sinn als erledigt anzusehen ist. Savoy und Sarr verstehen ihre Mission nun aber nicht ausschließlich gemäß dem Rechtsbuchstaben, sondern zugleich in einem erweiterten, historischen Sinn. Das zeigt ihr historiografischer Ansatz, die Entscheidung, den Bericht mit der Szene in Ouagadougou beginnen zu lassen, Lärmkulisse inklusive.

 

 

Im Katalog der Offiziellen Charta der Gelbwesten erscheint die Aufforderung zur Rückgabe afrikanischen Eigentums formal betrachtet unter ferner liefen. Der Name Macron fällt nicht; beiläufig gibt das Ersatzregierungsprogramm zu verstehen, dass sich das Projekt eines Ausgleichs mit Afrika auch ohne Macron im Amt verwirklichen lässt. Die To-do-Liste der Unzufriedenen, die sich mit dem Titel des Offiziellen nur wie mit einer erbeuteten Kokarde schmückt, entspricht den Erwartungen bürokratischer Rationalität paradoxerweise viel besser als der von Savoy und Sarr im Elysée-Palast abgelieferte, wahrhaftig offizielle Bericht. Dort wird nämlich der Vorgang, der in den Auftrag an die Verfasser des Berichts mündete, als persönliche Initiative des Präsidenten dargestellt, als einsame Handlung, die von den Usancen der Vorgänger abwich und auch von den Normen, nach denen die Usancen sich richteten, oder jedenfalls von deren bislang maßgeblicher Auslegung.

Eine Objektkategorie, die der Bericht bei der Klassifizierung der Museumsbestände nach Provenienzen unterscheidet, bilden die Stücke, die durch die Sammlungstätigkeit von Forschungsreisenden nach Frankreich gelangt sind. Die Expeditionen der französischen Ethnologie waren typischerweise Gemeinschaftsunternehmen auf Staatskosten. Als Schutzpatron einer solchen »mission« war der republikanische Staat an die Stelle des Monarchen getreten. Der Bericht über die Mission von Savoy und Sarr, die in der Hauptsache in Reisetätigkeit bestand, in Reisen der Arbeitsgruppenleiter in afrikanische Hauptstädte sowie in Reisen von Experten nach Paris, fällt in den Ton der höfischen Schmeichelei zurück, wenn er den Anteil des Initiators am Werk herausstreicht. Doch diese Partien sind mitnichten zeremonielles Beiwerk. Savoy und Sarr beschwören die Chance einer historischen Stunde, die deshalb geschlagen haben soll, weil Macron selbst die Rolle des Staatspräsidenten als Auftrag zum historischen Handeln interpretiert. Durch die Rede von Ouagadougou, sagt der Bericht, habe sich ein »historisches Fenster« geöffnet.

Der Bericht, in den Akten der französischen Kulturverwaltung unter der laufenden Nummer 26 des Jahres 2018 abgelegt, rief weltweit eine gewaltige Resonanz hervor. An inhaltlicher Kritik fehlte es nicht.2 Aber was das weitere Verfahren betrifft, übernahmen die meisten Berichterstatter in den Medien die wichtigste Prämisse des Berichts. Allenthalben war zu hören, der französische Präsident setze die anderen europäischen Staaten unter Druck. Gemeint war Zeitdruck. Beim Humboldt-Forum im nachgebauten Berliner Schloss, in dem die ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aufgehen sollen, konnte dieser spannungsdramaturgische Kniff des Kulturjournalismus an den geplanten Eröffnungstermin Ende 2019 anknüpfen. Doch dieser Termin ist schon oft genug verschoben worden. Die in der Bundesregierung für Kulturpolitik zuständigen Staatsministerinnen, Monika Grütters und Michelle Müntefering, beeilten sich, in einem Zeitungsbeitrag die Direktoren der früheren Völkerkundemuseen vor einer »Verzögerungstaktik« bei der Identifikation von Restitutionsfällen zu warnen – Direktoren, die bei der Disposition über die Finanzmittel ihrer Häuser von der staatlichen Alimentation abhängen.3

In der Debatte um die räuberischen Enteignungen jüdischer Kunstsammler im Nationalsozialismus zog die Losung der Eilbedürftigkeit ihre Plausibilität aus dem Wunsch, betagten Überlebenden Bilder auszuhändigen, die sie in ihren Elternhäusern vor Augen gehabt hatten. Aber mit der Restitution afrikanischer Erbstücke ist im Bericht von Savoy und Sarr nicht die Herausgabe an Erben nach bürgerlichem Recht gemeint. Das Eigentum an allen Museumsgegenständen, die vor 1960 im Auftrag des französischen Staates, von Akteuren des Staates oder auch nur mit Geld des Staates aus Afrika abtransportiert wurden, soll, das schlägt der Bericht vor, an die Staaten übergehen, die sich heute dort befinden, wo die Dinge hergestellt wurden. Wenn mit dieser Eigentumsabtretung wirklich eine jahrhundertelange Übung wiedergutgemacht werden soll, die sich heute als Gewohnheitsunrecht darstellt, verbietet sich Hektik jedenfalls solange, wie mit der Idee der Gerechtigkeit die Vorstellung der Angemessenheit im Einzelfall verknüpft ist. Der Eindruck der Zeitknappheit, den die Autoren mit einem eng getakteten Zeitplan für die nächsten Schritte beglaubigen, hat mit der Sache nichts zu tun, sondern folgt aus dem Setting ihres Unternehmens: der Vorgabe des Präsidenten, dass die »große Arbeit« fünf Jahre nach der Rede von Ouagadougou getan sein soll. Und die Erklärung für diese Selbstverpflichtung steht in der französischen Verfassung: 2022 endet die fünfjährige Amtszeit Macrons.

Automatismus der Restitution

Acht Monate nach Entgegennahme des Auftrags legten Savoy und Sarr ihren Bericht vor – pünktlich, denn auch der Abgabetermin war vorgegeben. Dieses Akkordarbeitstempo trug nicht wenig zur Wirkung des Berichts bei. Aus einer anderen Welt schien das Paket der 240 Seiten gefallen zu sein, das den Wissenschaftlern und Kulturbürokraten auf die Schreibtische knallte. In der Ethnologie, der Museologie und überall sonst, wo Untersuchungsaufträge an Forscher vergeben werden, gehen acht Monate normalerweise schon für die Antragstellung drauf. Vor lauter Staunen unterließ man die Frage, was Savoy, Sarr und ihre Mitarbeiter innerhalb der ihnen gesetzten Frist überhaupt hatten untersuchen können. Eine deutsche Zeitung vermeldete: »Jetzt liegen die Fakten auf dem Tisch: Es ist alles viel schlimmer und einfacher als gedacht.« Aber Fakten haben Savoy und Sarr gar nicht ermittelt. Sie haben keine exemplarischen Objektbiografien erforscht. Ihre Untersuchung ist normativer, um nicht zu sagen: politischer Natur. Moralische Gründe für das »Projekt der Restitution« werden starkgemacht, juristische Gegengründe sollen entkräftet werden. Hermann Parzinger, als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Chefplaner des Humboldt-Forums, aus dessen Beirat Bénédicte Savoy im Sommer 2017 im Protest ausgetreten war, äußerte sich unnötig defensiv, als er versicherte, in Deutschland befinde man sich längst auf dem von Macron gewiesenen Weg, da man sich intensiv in der Provenienzforschung engagiere.4 Savoy und Sarr erklären die Provenienzforschung kurzerhand für entbehrlich. Die Stichjahrsregelung des Berichts will einen Automatismus der Restitution installieren: Jedes vor 1960 erworbene Objekt ist zurückzugeben – es sei denn, es liegen »ausdrückliche Zeugnisse« für die »volle Zustimmung« des Eigentümers im Moment des Besitzübergangs vor.

(…)

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. In französischer und englischer Version unter: https://restitutionreport2018.com
  2. Erhard Schüttpelz, Everything Must Go: Looting the Museum as Compensation for Looting the World. In: Wie weiter mit Humboldts Erbe? Ethnographische Sammlungen neu denken (blog.uni-koeln.de/gssc-humboldt/en/everything-must-go-looting-the-museum-as-compensation-for-looting-the-world/).
  3. Monika Grütters/Michelle Müntefering, Eine Lücke in unserem Gedächtnis. In: FAZ vom 15. Dezember 2018.
  4. Hermann Parzinger, Zeitenwende oder Ablasshandel? In: FAZ vom 29. November 2018.

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