Kopernikanische Revolution als Kulturkritik. Hans Blumenbergs frühe Feuilletons

Kleine Form

Hans Blumenberg, den man als Autor großer, vielhundertseitiger philosophiehistorischer Abhandlungen kennt, hat sich in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts auch an einer kleinen Form versucht. Zwischen 1952 und 1955 entstanden zahlreiche Feuilletons, die in unterschiedlichen Zeitungen veröffentlicht wurden und inzwischen in zwei von Alexander Schmitz und Bernd Stiegler herausgegebenen Nachlassbänden – den Schriften zur Technik (2015), den Schriften zur Literatur (2017) – sowie zuletzt ebenfalls von Schmitz und Stiegler in der Neuen Rundschau (2018) dem Publikum zugänglich gemacht wurden.

(Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

Bei jemandem wie Blumenberg, der für seine stupende philosophische Gelehrsamkeit und theoretische Durchdringungskraft große Anerkennung erfahren hat, stellt sich die Frage, ob er die kleine, anlassbezogene Form ebenso virtuos beherrscht wie die fußnotenstarke Monografie. Die Arbeit am Feuilleton unterscheidet sich von der Arbeit am Mythos. Alexander Schmitz und Bernd Stiegler loten in ihrer Einleitung zu den in der Neuen Rundschau veröffentlichten frühen Feuilletons die vielschichtigen Hintergründe des Interesses aus, das Blumenberg mit dem Schreiben dieser Texte verband. Zum einen ging es dem bereits habilitierten jungen Gelehrten, dessen Professorenkarriere in den fünfziger Jahren noch bevorstand, durchaus ums Geldverdienen.

Dem Redakteur und Freund Alfons Neukirchen, der ihn bewegt, für die Düsseldorfer Nachrichten zu schreiben, ringt er das Zugeständnis ab, seine Glossen mehrfach veröffentlichen zu dürfen; mit Zurückweisungen von Texten, vor allem wenn sie sich stillschweigend vollziehen, kann Blumenberg dagegen überhaupt nicht gut umgehen, weshalb er 1956 in einem Absagebrief an den Freund vom bisher benutzten Du zum Sie wechselt. Blumenberg will sich auf keine weiteren Offerten mehr einlassen. Er verzeiht Neukirchen nicht, dass dieser zwei Manuskripte »sang- und klanglos unter den Tisch« fallen ließ, »ohne daß mir auch nur eine ausgleichende Regelung vorgeschlagen worden wäre«.

Menschlich-allzumenschlich, zweifellos, aber Blumenbergs Weigerung, »auf dem Felde der Publizistik überhaupt weiter zu arbeiten«, mag man rückblickend durchaus bedauern, denn er war keineswegs nur der in seine eigenen Texte verliebte Autor, der nicht über deren Tellerrand hinausschaute, sondern verband mit seiner publizistischen Arbeit die Absicht einer Neuorganisation des Verhältnisses von Leser und Feuilletonartikel: »Meiner Absicht nach kommt es darauf an, intimere Formen des Umgangs mit dem Leser zu entwickeln, als es der ›Artikel‹ ist, ihn direkter anzusprechen.«

Blumenberg imaginiert sich das Feuilleton als einen Ort, an dem gesagt werden kann, was in der »redaktionellen Kasuistik« keinen Ort hat: Artikel sollen einem sprachlichen Phänomen, einer symptomatischen technischen Erfindung, einem alltagsbezogenen Rechtsproblem, einer öffentlichen Menschenfigur, einer Rundfunksendung oder einem »überlebenden Buch« (statt immer nur den Neuerscheinungen) gewidmet werden. Gattungstheoretisch stellt er sich vor, das Feuilleton dem Briefwechsel oder dem Tagebuch anzunähern, um so die postulierte Nähe zwischen Autor und Publikum rhetorisch herzustellen.

Die Idee einer Intimisierung der Autor-Leser-Relation verbindet Blumenberg mit der Vorstellung eines Leserfeedbacks, das über das Institut des Leserbriefs hinausgehen soll und medientechnisch erst unter den gegenwärtigen Bedingungen digitaler Zweiwegekommunikation eingelöst werden konnte. Blumenbergs Plädoyer für eine »strategische Erweiterung des Zuständigkeitsbereichs des Feuilletons«, das systematisch Alltagsgewohnheiten und alltägliche mediale Praktiken, die nicht buchbasiert sind, berücksichtigt – warum sollte die Kunstausstellung wichtiger sein als das Plakat an der Anschlagsäule, das unseren Geschmackstypus prägt, fragt er Neukirchen in einem Brief –, weist auf das zur gleichen Zeit von Roland Barthes betriebene Unternehmen einer Untersuchung der Mythen des Alltags hin: Die Mythologies erschienen in Buchform zuerst 1957.

In der großplakatierten Ankündigung des »kulturkritischen Leitartikels«, »der das Symptomatische aus dem Gesamtbereich der Kultur in einem sehr weiten Sinn bespricht« und »die bis dato herrenlosen Phänomene einfängt«, wird man allerdings auch einen gewissen Provinzialismus erkennen, denn Blumenberg dürfte nicht verborgen geblieben sein, dass, um nur einen Namen zu nennen, Theodor W. Adorno der Meister genau dieses Modells von Kulturkritik war, der gleich auch noch deren Theorie mitlieferte.

1955 erschienen Adornos Prismen mit dem Untertitel »Kulturkritik und Gesellschaft« – einige der zentralen Essays, die zuvor im Merkur und in der Neuen Rundschau erschienen waren, beschäftigen sich mit dem Jazz, verteidigen Bach gegen seine Liebhaber und entwickeln eine Theorie des Museums, die sich an den sehr unterschiedlichen Positionen Valérys und Prousts zu dieser Institution und den Erfahrungen, die sie ermöglicht, abarbeitet. Im programmatischen Einleitungsaufsatz bestimmt Adorno Kulturkritik bündig als »gesellschaftliche Physiognomik«. Der alerte Axel Colly, als der Blumenberg fortan viele seiner kulturkritischen Glossen publiziert – zweifellos auch, um die weiterhin angestrebte Professorenkarriere nicht zu gefährden, weshalb er nur »seriöse« Rezensionen unter seinem Klarnamen veröffentlicht –, ignoriert eine ganze Tradition des kritischen Feuilletons, die in Deutschland mit den Namen Walter Benjamin und Siegfried Kracauer, international mit dem Interesse des Surrealismus an der Kultur der abjekten Dinge und profanen Erleuchtungen verbunden war.

 

 

Auf die Ausblendung dieser Traditionslinie eines kulturkritischen Feuilletons ist auch deshalb hinzuweisen, weil die Durchsicht der Glossen Blumenbergs zwar einen vielfach witzig, geistreich und polemisch zugespitzten Gestus erkennen lässt, auch Neukirchens ausdrücklicher Wunsch nach einem »Scherzo-Ton« wird beherzigt. Charakteristisch ist aber auch, dass der Autor aus der Position selbstgewisser und oft genug auch selbstgefälliger Erkenntnis formuliert. Das ebenfalls scherzhaft hingeworfene Wort: »Na, Du weißt ja, daß ich meine Bedeutung schon immer überschätzt habe!«, ist keineswegs pure Ironie. Adorno, der in vielen Formulierungen seiner Auseinandersetzung mit Erscheinungen der Populärkultur von der Bedeutung seiner Urteile zweifellos kaum weniger eingenommen war, hatte immerhin selbstkritisch notiert: »Der Kulturkritiker kann kaum die Unterstellung vermeiden, er hätte die Kultur, welche dieser abgeht.«

Kopernikanischer Umsturz

Die thematische Vielfalt der Feuilletons, die Blumenberg zwischen 1952 und 1955 veröffentlicht, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es einen inneren Zusammenhang gibt, der die Texte verbindet, ein gemeinsames Motiv, das in der Philosophie zu finden ist und das Blumenberg im selben Zeitraum akademisch ausarbeiten wird. Mit der Philosophiegeschichte der kopernikanischen Wende verbindet sich seine Reputation bis heute. Das gleichnamige Buch erscheint zwar erst 1965, aber bereits 1955 veröffentlicht Blumenberg im Studium Generale dessen Blaupause, einen wenig mehr als zehn Seiten umfassenden Artikel unter dem Titel Der kopernikanische Umsturz und die Weltstellung des Menschen. Eine Studie zum Zusammenhang von Naturwissenschaft und Geistesgeschichte.

Die Welt, so lässt sich Blumenbergs Argument resümieren, hat mit dem kopernikanischen Umsturz aufgehört, ein locus congruens homini zu sein: Der Mensch ist seitdem von dem Ort, in den er hineingeboren wird, ausgesetzt »in eine Welt, die als undienliche Fremde charakterisiert ist und nur in einem ständigen Daseinskampf dem Menschen die Bedingungen des Lebens hergibt«. Das Universum ist nicht länger ein Kosmos, dem Menschen ist fortan verboten anzunehmen, »daß die Welt für ihn gemacht und daß in ihr ihm ein besonderer Platz vorbehalten sei«.

Diese eigentlich wenig erfreuliche Sicht auf den menschlichen Stand der Dinge, mit dem die Neuzeit startet und die sie nötigt, die Brücken zu allen ihr vorausliegenden Epochen abzubrechen, bringt ein heroisches Selbstbewusstsein hervor, für das Blumenberg unverhohlene Bewunderung hegt. In seinen Feuilletons, vor allem in denen, die literaturgeschichtlich ausgerichtet sind, sind es Faust und das Faustische, die für dieses neue Selbstbewusstsein geistesgeschichtlich einstehen. Denn dieses Selbstbewusstsein wird an dem Phänomen greifbar, dass die »Unwirtlichkeit« der Welt den Menschen nicht niederdrücke, sondern ihm ein neues »Pathos« eröffne, nämlich, dass er fortan alles nur noch sich selbst verdanken könne und von der Vorstellung beseelt sei, an einem Anfang zu stehen, »an dem erkennend und handelnd nichts zu ›übernehmen‹«, aber alles zu erobern ist.

Alles, was dem Menschen überhaupt noch vorgegeben ist, ist seitdem auf pures Material reduziert, das sich darin erschöpft, Möglichkeiten für den technisch-konstruktiven Zugriff zu bieten. Blumenbergs Konstruktion des neuzeitlichen Epochenumbruchs ist auch als eine Erwiderung auf Heideggers 1954 veröffentlichten Vortrag Die Frage nach der Technik gedacht – ein Text, der gerade die »instrumentale und anthropologische Bestimmung der Technik« kritisiert, die Blumenberg radikalisiert.

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