Nutzen und Nutzlosigkeit der Agrarrevolution. Über moderne Legendenbildung

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Die jüngsten Untersuchungen zur Frühgeschichte der menschlichen Rasse sprechen allesamt dafür, dass die Menschheit ihren Weg am unteren Ende der Leiter begonnen und sich durch die langsame Anhäufung von Erfahrungswissen aus einem wilden Urzustand zur Zivilisation hochgearbeitet hat.

Lewis Henry Morgan (1877)1

Vor rund zehntausend Jahren begannen die Menschen, Ackerbau zu betreiben. In der Geschichte des Planeten Erde wie auch der Gattung Mensch handelte es sich dabei um ein ausgesprochen spätes Ereignis: Etwa 95 bis 99 Prozent der Existenz der Menschheit fallen in die Zeitspanne vor der Erfindung des Ackerbaus. Mit dem Moment nach den 99 Prozent, also dem Übergang von der Existenzweise als Jäger und Sammler zum Leben in den frühen agrarischen Gesellschaften, haben sich jüngst sowohl James C. Scott als auch David Graeber und David Wengrow ausführlich beschäftigt.2

(Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

Ihre Rückschau auf die Anfänge der Bildung erster Stadtstaaten nehmen Scott, Graeber und Wengrow gleichermaßen zum Anlass, Zweifel an drei grundlegenden kulturanthropologischen Annahmen zu formulieren: zunächst einmal an der These, dass mit der Landwirtschaft zwangsläufig die Entwicklung von Stadtstaaten und ihrem Verwaltungsapparat einhergeht; zweitens an der Auffassung, dass das Leben in solchen Staaten stets eine Verbesserung gegenüber anderen Lebensformen darstellt; und schließlich an der Vorstellung, dass gesellschaftliche Ungleichheit ein unvermeidbares Nebenprodukt der Lebensweise ist, die das Jäger-und-Sammler-Dasein abgelöst hat. Scott richtet sein Augenmerk in erster Linie auf die Frage, weshalb wir uns nicht von der Vorstellung lösen können, Staatenbildung sei per se erstrebenswert, wo doch die Fakten schon lange dagegen zu sprechen scheinen. Graeber und Wengrow hingegen interessiert vor allem, wie es überhaupt je dazu kommen konnte, dass Menschen sich auf ein Leben in hierarchisch organisierten Staaten einließen, wo doch die frühen Agrargesellschaften mit vielen Formen politischer und sozialer Organisation experimentiert hatten, darunter auch solchen, die auf Gleichheit statt auf Ungleichheit basierten.

Woher aber stammen die verqueren Grundannahmen eigentlich, denen alle drei Autoren entgegentreten? Vertrackterweise ist schon das eine komplizierte und uneindeutige Geschichte. Um die Begriffe »Ackerbau« und »Zivilisation« haben sich seit dem 18. Jahrhundert zahlreiche Bedeutungsschichten angelagert. Die meisten sind eng mit einem großen historischen Projekt verbunden, das weder in Against the grain noch in How to change the course of human history direkt thematisiert wird: dem Imperialismus und Siedlungskolonialismus. Da Scott, Graeber und Wengrow ihre Thesen dezidiert als Antwort auf die »konventionelle Geschichtsschreibung« mit ihren imperialistischen Wurzeln formulieren, replizieren sie letztlich deren Wissensstand, deren Erkenntnisinteressen und blinde Flecken.

Je nachdem, wie man zum langfristigen Überleben der Gattung Mensch steht, mag es entweder tröstlich oder aber deprimierend sein, festzustellen, dass die letzten zehntausend Jahre Menschheitsgeschichte in geologischen Zeitkategorien gerechnet eine verschwindend kleine Spanne ausmachen. »Stratigrafisch gesehen fallen der Ursprung des Ackerbaus und die Atombombe mehr oder weniger zusammen«, schrieben die Anthropologen Richard Lee und Irven DeVore schon 1965. In Against the Grain bezeichnet Scott Ackerbau und Atombombe als Alpha und Omega des Zeitraums, den er »das schmale Anthropozän« nennt. Sie markieren für ihn Anfangs- und Endpunkt einer sich allmählich steigernden menschlichen Einflussnahme auf das Antlitz unseres Planeten, beginnend mit den frühesten Bemühungen unserer Spezies, ihre Umwelt durch Viehzucht, Getreideanbau und die Nutzung des Feuers umzuformen. Against the Grain ist als Korrektur beziehungsweise Revision der landläufigen (und, wie Scott in der Einleitung ausführt, ehemals von ihm selbst geteilten) Vorstellung konzipiert, die frühen Menschen hätten angefangen, Ackerbau zu betreiben, weil dies eine eindeutige Verbesserung gegenüber dem Dasein als Jäger und Sammler darstellte. Denn erst der Ackerbau habe zur Entstehung all dessen geführt, was wir unter Zivilisation verstehen – Staatswesen, Kunst, Schriftsprache, öffentliche Ordnung –, und zugleich Gesundheit und Wohlergehen der Bevölkerung gesteigert, die nun etwa mehr Freizeit genoss.

Folgt man Scott, so hat sich mittlerweile herausgestellt, dass diese Vorstellung »falsch ist oder zumindest in die Irre führt«. Osteologische Analysen etwa haben ergeben, dass sesshaft gewordene Menschen, die mit domestizierten Tieren zusammenlebten und domestizierte Pflanzen anbauten, in Wahrheit unter einer messbaren Verschlechterung ihrer Gesundheit litten. Sie infizierten sich nämlich bei den Tieren mit Krankheiten, während zugleich das Nahrungsangebot an Vielfalt einbüßte. Zudem mussten sie für die tägliche Arbeit auf den Feldern vermutlich sogar mehr Zeit aufbringen als zuvor für das Sammeln von essbaren Pflanzen oder Schalentieren und die Jagd auf Kleinwild.

Zwar liegen zwischen dem ersten nachweisbaren Auftauchen sesshafter Bauern im sogenannten Fruchtbaren Halbmond und der Entwicklung der frühesten Stadtstaaten in derselben Region mehrere tausend Jahre. Doch auch danach verbesserten sich die Lebensumstände keineswegs merklich. Sklaverei sowie die Ausbeutung durch Abgaben erweiterten die Palette an Möglichkeiten menschlichen Elends vielmehr deutlich. Das Beste, auf das man bei einem Staat hoffen konnte, war deshalb, dass er zusammenbrach. Zumindest die frühen Staaten kamen dem recht häufig nach: Das Reich der Qin bestand kaum fünfzehn Jahre. Das dritte Reich von Ur, vergleichsweise ein Hort der Stabilität, wurde innerhalb von hundert Jahren von fünf Königen regiert, bis es zerfiel. Die »dunklen Jahrhunderte«, die auf solche Zusammenbrüche folgten, ermöglichten der Bevölkerung, ihr Leben im Hinterland nach eigenem Gutdünken einzurichten, beförderten neue kulturelle oder gesellschaftliche Entwicklungen, mitunter änderte sich für die örtlichen Gemeinschaften aber auch gar nichts.

 

 

Im Großen und Ganzen wirkt Scotts Darstellung überzeugend. Die These, Getreideanbau sei vielleicht nicht die maßgebliche Ursache für die Ausbildung von Stadtstaaten gewesen, habe diese aber zumindest stark begünstigt – Getreide lässt sich einfach messen, ansammeln und mit einem Steuersatz belegen –, riecht dann allerdings doch ein wenig nach Zirkelschluss: Staaten sind die Folge von Getreideanbau, denn in allen frühen Staaten wurde Getreide angebaut.

Nun wurde jedoch in China der Reisanbau nachweislich ebenfalls besteuert. Und es dürfte mittlerweile unstrittig sein, dass wir es bei den frühen chinesischen Dynastien mit Staaten im selben Sinne zu tun haben wie bei Ur, Sumer, Akkad sowie den anderen bekannten Kulturen auf dem Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds. Für Mesoamerika wiederum ist gutorganisierter Maisanbau nachgewiesen, der sich um 2100 v. Chr. bis zu den südlichen Ausläufern Nordamerikas erstreckt haben muss. Doch die prähistorischen Kulturen Mesoamerikas finden in Scotts Ausführungen keine Berücksichtigung, und das, obwohl Mais gleichfalls messbar und taxierbar ist.

Wer Against the Grain liest, spürt deutlich Scotts Absicht, unsere offenbar tief eingewachsene Überzeugung von der Überlegenheit der Zivilisation und unsere abwertende Abwehr all dessen, was er mit ironischem Unterton »den barbarischen Lebensstil« nennt, infrage zu stellen. Aber sofern in meinem Geschichtsunterricht nicht ein paar entscheidende Lerninhalte zur Theorie der Kulturentwicklung übersprungen wurden, kämpft Scott hier mit einem Phantom. Er scheint ein Publikum im Sinn zu haben, das nicht Ende des 20. Jahrhunderts sozialisiert worden ist, sondern im 18. oder 19. Jahrhundert, als Sozialphilosophen und kolonialistische Ethnografen zu verstehen suchten, warum manche Gesellschaften sich so deutlich von anderen unterscheiden, und zugleich erklären wollten, warum manche der »anderen« Völker einer niedrigeren Entwicklungsstufe der Menschheit zuzurechnen seien. Scott beschreibt folgendermaßen, was er für die herkömmliche Sichtweise hält: »Die Welt der Bauern ersetzte die wilde, primitive, gesetzlose und gewalttätige Welt der Jäger-Sammler und Nomaden. Die Ernte von Feldfrüchten […] war Ursprung und Garant von Sesshaftigkeit, von Religion, Gesellschaft und Gesetz. Die sich weigerten, Ackerbau zu betreiben, taten dies aus Unwissen oder aus mangelnder Bereitschaft, sich der neuen Lebensform anzupassen.«

Wer aber waren diejenigen, die sich weigerten, Ackerbau zu betreiben? Die Antwort hängt zum Teil davon ab, was man unter »Ackerbau« versteht. Zwei Jahrhunderte lang galt es beispielsweise als erwiesen, dass die australischen Ureinwohner und die Torres-Strait-Insulaner kein Land bebauten. Wie Bruce Pascoe mittlerweile nachgewiesen hat, finden sich in den schriftlichen Zeugnissen der frühen europäischen Siedler zuhauf Hinweise darauf, dass auch die Aborigines pflanzten und ernteten, Bewässerungssysteme anlegten und durch kontrolliertes Abbrennen für neue Ackerflächen sorgten. Für die Kolonisten, aber auch für viele spätere Beobachter, fielen diese Aktivitäten einfach deshalb nicht in die Kategorie Ackerbau, weil sie zu wenig Ähnlichkeit mit entsprechenden europäischen Praktiken aufwiesen. Archäologische Untersuchungen haben mittlerweile überdies Hinweise darauf geliefert, dass in weit zurückliegenden Zeiten der menschlichen Siedlungsgeschichte auf dem gesamten australischen Kontinent Yamswurzeln angebaut sowie Fließgewässer umgeleitet wurden. Getreide dominierte lediglich in Teilen Eurasiens. In vielen anderen Weltgegenden, einschließlich weiter Teile des pazifischen Raums, setzte sich hingegen durch, was landläufig als »Gartenbau« bezeichnet wird.

Wichtiger noch ist allerdings, dass die Frage »Wer hat keinen Ackerbau betrieben?« nicht beantwortet ist mit: »Menschen, die aus Mesopotamien ausgerissen sind, um ein freies und erfüllteres Leben im Hinterland bei den Barbaren zu führen«. Die historisch korrekte Antwort auf diese Frage liefern die Erfahrungen der indigenen Bevölkerung überall auf der Welt, die versklavt, gemordet oder enteignet wurde, damit ihr Land von Kolonisten besiedelt und bebaut werden konnte. Das Interesse an den Ursprüngen der Zivilisation war nie rein wissenschaftlich motiviert. Es spiegelte immer auch das Selbstverständnis der europäischen Nationen, die auf andere Völker in Asien, Afrika, im Pazifik sowie in Amerika herabschauten, weil diese ihrer Ansicht nach auf früheren Entwicklungsstufen der Menschheitsgeschichte stehengeblieben waren.

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Lewis Henry Morgan, Ancient Society; or Researches in the Lines of Human Progress from Savagery, Through Barbarism to Civilization. New York 1877.
  2. James C. Scott, Against the Grain. A Deep History of the Earliest States. New Haven: Yale University Press 2017. Die deutsche Übersetzung Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten erscheint im Mai 2019 bei Suhrkamp. Der Essay How to change the course of human history (at least, the part that’s already happened) von David Graeber und David Wengrow erschien im März 2018 bei Eurozine (www.eurozine.com/change-course-human-history).

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