Weltbürgerlichkeit als repräsentative Kultur? Soziologiekolumne

Das Ende des Ost-West-Konflikts und der mit ihm verbundenen bipolaren Weltordnungen hat Veränderungen epochalen Charakters angestoßen und wird längerfristig vermutlich auch die Vorstellungen von Gesellschaftskörpern, ihren Ausdehnungen, Grenzen und Binnengliederungen verändern. Der Übergang in ein neues System von Wahrnehmungen und Deutungen der Wirklichkeit dürfte noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Wie die Matrix der politischen und sozialen Ordnungen steckt auch ihr Vokabular im Umbruch.

(Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

Zweifellos bildet das seit etwa zweihundert Jahren bestehende Staatensystem bis heute die Grundlage dessen, was wir in der Alltagssprache mehr oder weniger selbstverständlich mit dem Begriff der Gesellschaft verbinden: eine kulturell und politisch-staatlich integrierte und in sich abgeschlossene Einheit, die sich mit zahlreichen anderen Einheiten dieses Typs die Erdoberfläche teilt und die intern primär durch ein Klassen- oder Schichtungssystem gegliedert wird: die deutsche Gesellschaft, die französische Gesellschaft, die amerikanische Gesellschaft, die saudi-arabische Gesellschaft. Gesellschaftstheoretisch innovative Konzepte der Weltgesellschaft (Luhmann, Stichweh), der Weltökonomie (Wallerstein) oder der globalen Ungleichheiten (Weiß) konnten dem beharrlichen methodologischen Nationalismus im Denken wie auch in der wissenschaftlichen Forschung über Gesellschaften bislang wenig anhaben.

Doch findet sich der Blick auf Gesellschaften gegenwärtig immer stärker durch ein komplexeres Bild transnational sich überlappender und sich verdichtender Räume überlagert, in dem die Nationalstaaten nicht mehr als fraglose Behälter selbstgenügsamer Gesellschaften fungieren. Vielmehr werden sie selbst zu einer unter vielen Figuren auf dem Schachbrett globaler Souveränitätskämpfe, in der globale Unternehmen, supernationale Verbände, NGOs und transnationale Akteure um Einfluss ringen.

Transnationale Bewegungen – wie etwa die Finanzmärkte oder die Migrationsströme – können nicht mehr im Rahmen von (einzelnen) Nationalstaaten kontrolliert werden. Interessanterweise sind es also nicht in erster Linie andere souveräne Staaten, sondern nichtstaatliche transnationale Akteure, Gruppen und Organisationen, die die Souveränität von Staaten im 21. Jahrhundert unterminieren und spezifische politische Abwehrkräfte mobilisieren.1 Viele Staaten legen als Reaktion auf informelle und untergründig wirkende Mächte, die in Verbindung mit Migration, Drogenschmuggel, Kriminalität oder Terrorismus gebracht werden, sogar eine neue Leidenschaft fürs Mauerbauen an den Tag, während in denselben Staaten unterschiedliche Akteure quer über das politische Spektrum hinweg – von Wirtschaftsliberalen, Kosmopoliten und Humanisten bis hin zu linken Aktivisten – die Fantasie einer Welt ohne Grenzen hegen und von globalen Märkten schwärmen oder von einer Weltregierung oder Weltbürgerschaft träumen.

In einer solchen Welt hat auch der Begriff von Gesellschaft seine Eindeutigkeit eingebüßt. Zugehörigkeiten, Erwerbschancen, soziale Netzwerke und kulturelle Identitäten sind nicht mehr automatisch mit den Flächenausdehnungen des staatlichen Territoriums identisch, sie nehmen oftmals hybride Gestalt an. Gleichzeitig und spiegelbildlich dazu formieren sich unterhalb der Ebene nationalstaatlicher Gemeinschaften neue religiöse, politische oder ethnische Gemeinschaften mit eigenen Traditionen und Gründungsmythen und scharf nach außen konturierten Grenzen, die sich oftmals gleichermaßen transnational wie »subkulturell«, jedenfalls außerhalb der Mainstreamkultur positionieren.

In der heutigen Welt variieren die Grenzen von Gesellschaften mit den mentalen Vorstellungen kollektiver Zugehörigkeit, das heißt mit den Projektionen »imaginärer Gemeinschaften« (Benedict Anderson). Diese wiederum werden durch die transnationalen, lokalen oder nationalen Kontexte geprägt, in denen Subjekte ihre Ressourcen zum Einsatz bringen. Viele Menschen leben nicht allein in ihrem Staat wie in einer geschlossenen Welt, sondern in vielen und zwischen den Welten. Das gilt für professionelle Eliten, die in internationalen oder transnationalen Organisationen arbeiten, ebenso wie für Migranten, die zwischen Herkunfts- und Ankunftsland pendeln, zwei Staatsbürgerschaften haben oder in Diasporagemeinschaften leben.

Zudem strukturieren globale Wissensökonomien, globale Produktionsketten und Finanzmärkte die Erwerbschancen auch von solchen Menschen, die sich selbst als sesshaft verstehen und in ihrem Staat »vor Ort« leben, deren Handeln gleichwohl in transnationale Ökonomien eingebunden ist. Nicht alle Gruppen profitieren allerdings von den kulturellen, ökonomischen oder politischen Grenzöffnungen. Für diejenigen, deren Wohl mit dem ihres Nationalstaats steht und fällt, stellen derartige Öffnungsbewegungen eine Bedrohung dar, was wiederum die anhaltende Bedeutung des staatlichen Rahmens unterstreicht.

Transformationen

Die Neigung, Gesellschaften als territoriale Container zu betrachten, die man im nationalen Raum verankert oder etwa mit Raumbegriffen wie »Eastern Europe« eingrenzt, ist dadurch allerdings nicht aufgehoben. Sie ist eine zentrale Hintergrundannahme etwa auch der sogenannten Transformationsforschung, die sich ja eigentlich die Erforschung des Systembruchs zur Aufgabe gemacht hat, dabei aber überwiegend klassischen modernisierungstheoretisch-evolutionistischen Denkmustern verhaftet bleibt.

Während Osteuropa inklusive Ostdeutschland dabei kurzerhand zum Transformationsgebiet nachholender wirtschaftlicher Entwicklungen erklärt wurde, schien sich Westeuropa davon unberührt in einem heilen Paralleluniversum spätmoderner Gesellschaftsutopien eingerichtet zu haben. In einer solchen, gleichsam externalisierenden Aufbereitung von Systembrüchen zeigt sich die Fortwirkung des Kalten Kriegs und seines mental mapping. Unterstellt wurde zunächst, dass der Westen (Westeuropa und die Vereinigten Staaten) seine isolierte Reise auf dem Pfad des unaufhaltsamen Fortschritts unbeirrt fortsetzen wird, da dieser vermeintlich das Modell der Moderne repräsentiert, an dem sich die vorgeblich weniger entwickelten osteuropäischen Nationen nachholend zu orientieren haben. Völlig übersehen wird dabei zumeist, dass 1989 nicht nur im Osten stattgefunden, sondern auf verblüffend ähnliche Weise auch die westlichen Länder umgestaltet hat.

Entgegen der noch in den achtziger Jahren gehegten Erwartungen an weitere Fortschritte westlicher Demokratien haben sich nicht nur osteuropäische, sondern auch westliche Gesellschaften vom Typus einer »nivellierten Mittelschichtsgesellschaft« entfernt, die aus Sicht der Modernisierungstheorie den Höhepunkt demokratischer Entwicklungen markierte. Moderne westliche Gesellschaften nähern sich hinsichtlich ihres Einkommens- und Vermögensgefälles denen des 19. Jahrhunderts an, und Klassenschranken werden zudem wieder undurchdringlicher. Der ständische Charakter der neuen Klassengesellschaft zeigt sich etwa in der Schließung von Heirats- und Verkehrskreisen, der Zementierung von Bildungsungleichheiten wie auch in sozialräumlichen Polarisierungstendenzen zwischen prosperierenden Regionen mit Anschluss an globale Märkte auf der einen Seite und benachteiligten Regionen auf der anderen. Vor allem zeigt er sich in der wachsenden soziokulturellen Kluft zwischen attraktiven, von urbanen Eliten bewohnten Quartieren und »gemischten« Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil. Ein beträchtlicher Teil auch der westlichen Bevölkerung findet sich somit in »innerstaatliche Peripherien« abgedrängt.

Ganz ähnlich, wenn auch zeitversetzt zu den osteuropäischen Entwicklungen, kommt es seit der Finanzmarktkrise von 2008 auch im Westen zum Aufstieg neonationalistischer und ethnokultureller Protestbewegungen, die gegen die unterschiedlichen Folgen der Systemtransformation und die im wirtschaftsliberalen bis kulturprogressiven Spektrum zu verortenden Eliten gerichtet sind. In den neonationalistischen und rechtspopulistischen Protestparteien haben sich größere Gruppen entrechteter und entmachteter Bevölkerungsteile aus unterschiedlichen Klassenlagen zusammengeschlossen, um ihre einstigen, für legitim erachteten und jetzt durch den Aufstieg von Außenseitern als gefährdet wahrgenommenen Etabliertenvorrechte zurückzufordern. Sie votieren gegen die Öffnung von Grenzen, Märkten und Kulturen und reklamieren ethnonationale Schließungen, die den (weiteren) Niedergang der (staatlichen wie auch der eigenen) Souveränität aufhalten sollen.

Neue alte Spaltungen

Globalisierung bedeutet darüber hinaus auch, dass sich die Gruppen- und Ungleichheitskonflikte westlicher Gesellschaften verändern. Klassenkonflikte, die sich aufgrund wachsender soziokultureller Schranken ohnehin dem Zugriff der Benachteiligten entziehen, könnten zukünftig ihre bisherige Dominanz im Gesamtsystem der Spaltungen zugunsten von ethnischen, regionalen oder religiösen »Identitätskonflikten« verlieren. Der Umschlag von Klassenkonflikten in »ethnische Konflikte« kann mitunter als eine direkte Folge der Globalisierung auftreten: In einer globalen Welt wird zum Beispiel immer sichtbarer, dass sich das hohe westliche Wohlstandsniveau dem strukturellen Rassismus postkolonialer Ausbeutungsverhältnisse und der Auslagerung sozialer und ökologischer Kosten in entfernte Weltregionen verdankt.

Im Zuge von Migrationsflüssen aus den ehemaligen Kolonien und der Transnationalisierung von Ungleichheiten schrumpft jedoch der Abstand zwischen den Weltregionen. Die postkoloniale Dividende, die etwa westliche Arbeitnehmer bislang für ihre Zugehörigkeit zu einem privilegierten Nationalstaat einstreichen konnten, wird ökonomisch wie auch moralisch fragwürdig. Migranten, die zunehmend als unmittelbare Konkurrenten auf dem heimischen Arbeitsmarkt wahrgenommen werden, aber auch die Auslagerung von Produktionsstandorten in Niedriglohnländer erzeugen Interdependenzen zwischen Lohnarbeitern ehemals voneinander abgeschotteter Weltregionen.

 

 

Die Wiederkehr dieser neuen alten Spaltungen fügt sich gut in die Analysen des norwegischen Sozialwissenschaftlers Stein Rokkans ein.2 Rokkan dokumentiert, dass Klassenkonflikte ein Produkt entwickelter Nationalstaaten waren, die auf Domestizierung anderweitiger Spaltungen basierten. Die Ausdehnung von Staatsbürgerrechten wirkte sich als integrativer Mechanismus auf ethnische, religiöse und regionale Spaltungen aus, die im Laufe des 20. Jahrhunderts durch deren sozialpolitische Umdeutung gleichsam eingehegt werden konnten. Die seit dem 18. Jahrhundert in Europa stattfindende Nationenbildung erfolgte auf unterschiedlichen Ebenen und war nach Rokkan eine zentrale Voraussetzung für Demokratisierungsprozesse.

Neben der Staatsbildung im engeren Sinne, die mit dem Aufbau und der Verteidigung äußerer Grenzen, der Herausbildung eines Gewaltmonopols und eines zentralistischen Herrschaftsapparats verbunden war, hat die kulturelle Standardisierung mittels Durchsetzung einer einheitlichen Volkssprache (Vernakularisierung), der Verbreitung von Massenmedien, Massenkultur und Schulpflicht zur inneren Nationenwerdung, das heißt zur Herausbildung eines gesellschaftlichen Wir beigetragen, der »imaginären«, weil immer nur vorgestellten, Gemeinschaft der Nation. Die Egalisierung der Partizipationsrechte und die Ausweitung des Wahlrechts auf alle Bevölkerungsgruppen schuf eine politische Staatsbürgerschaft. Die Herausbildung eines Wohlfahrtsstaats kulminierte schließlich in einer sozialen Staatsbürgerschaft, die Benachteiligungen in soziale Anrechte übersetzte.

Vieles deutet nun darauf hin, dass sich unter den Bedingungen der Systemtransformationen unterschiedliche Aspekte der Staatsbürgerschaft voneinander entkoppeln beziehungsweise abgetragen werden. In einem offenen Gemeinwesen mit unklaren Grenzen wird zunächst die soziale Staatsbürgerschaft problematisch: Strittig wird etwa, wer in einem transnationalisierten Gemeinwesen zu den Einzahlern und wer zu den Nutznießern des Kollektiveigentums gehören soll. Die Möglichkeiten des Trittbrettfahrens multiplizieren sich sowohl auf der Seite der Einzahler (etwa durch Steuerflüchtlinge) wie auch auf Seiten potentieller Nutznießer (vorgeblich durch Einwanderer, die noch nicht in das Kollektiveigentum eingezahlt haben).

Aber auch die Idee der politischen Staatsbürgerschaft erodiert: Was bedeutet Demokratie in einer Welt, in der relevante politische Entscheidungen nicht mehr durch die Volksparteien, sondern im Rahmen supranationaler Regierungen, Organisationen (zum Beispiel NGOs) und Kommissionen gefällt werden, also durch Entscheidungsinstanzen, die nicht durch »das Volk« gewählt wurden und außerhalb dessen Verfügungsmacht stehen? Schließlich verändern sich auch die kulturellen Grenzen der Nation. Die Internationalisierung des Bildungssystems, die Ausdehnung des Privatschulwesens, die Fragmentierung von Öffentlichkeiten durch die sozialen Medien und die Herausbildung eines globalen Kulturkapitalismus lockern allesamt den kulturellen Zusammenhalt der »Nation« und eröffnen den Raum für transnationale Hybridisierungs- wie auch für subnationale Spaltungs- und Fragmentierungstendenzen.

Diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass der Horizont der Globalisierung von einigen Teilen der Bevölkerung nicht mehr mit Vorstellungen von Fortschritt, Reichtum, Emanzipation, Solidarität oder Rationalität in Verbindung gebracht wird. Sichtbar wird zudem, dass das modernistische Selbstbewusstsein des Westens ein integraler Teil jener »imperialen Lebensweise« war, von der größere Bevölkerungsgruppen längere Zeit profitiert hatten und deren Aufrechterhaltung fraglich wird beziehungsweise an die Grenzen ihrer stabilen Reproduktion stößt.

Zersprungene Gefäße

Der Historiker Dan Diner fasst die neue Konstellation in Europa in das Bild eines doppelt zersprungenen Gefäßes: das Gefäß des Kalten Kriegs und das Gefäß des Wohlfahrtsstaats.3 Durch die Zerstörung dieser beiden Gefäße drängen globale Belange – Klimaveränderungen, globale Gerechtigkeitsvorstellungen, transnationale Ungleichheiten – nun in den geschützten Raum des Nationalstaats ein. Diner zufolge wird dadurch eine für das ausgehende 19. Jahrhundert charakteristische Konstellation neuerlich lebendig. Mit dem Ende des Kalten Kriegs habe der wichtigste Mechanismus der internationalen Ordnung, das Gleichgewicht des Schreckens, seine regulierende Funktion eingebüßt, ohne die sich regionale, ethnische und religiöse Konflikte nun erneut entfalten und an bestehende Ungleichheitskonflikte andocken könnten.

Und mit dem Zerspringen des Gefäßes des Wohlfahrtsstaats sei das wichtigste Instrument zur Einhegung von Klassenkonflikten zerbrochen. Diese Konstellation findet, wie gesagt, historische Parallelen: So lieferte etwa im »schwarzen Arbeitermilieu« des Kaiserreichs der Katholizismus das ideologische Material für die Errichtung einer Widerstandskultur gegen die herrschenden protestantischen Klassen.4 Diese diente der kulturellen Abschirmung ihrer zumeist benachteiligten Trägergruppen auch gegen Modernisierungs- und Differenzierungsfolgen.

Analoges lässt sich heute an den Subkulturen ethnischer Minderheiten beobachten, die aus der Sicht der ethnischen Majorität wie »Parallelkulturen« erscheinen, sich dabei jedoch einer den älteren, autochthonen Milieus vergleichbaren Konstellation verdanken: dem Verwehren der vollen staatsbürgerlichen Gleichheit, den unterprivilegierten Soziallagen, der Aktivierung religiöser Deutungsmuster und schließlich der Ausbildung subkultureller beziehungsweise milieuspezifischer Vereine und Organisationen, die sich deutlich von der Mehrheitskultur abheben.

Auch wenn man Diner in dieser Deutung nicht folgen möchte, so ist doch unverkennbar, dass sich die Kultur sozialer Ungleichheiten in westlichen Ländern verändert hat. Der zentrale Unterschied zwischen der nationalstaatlich verankerten industriellen und der im globalen Rahmen entfalteten postnational-neoliberalen Gesellschaft besteht nicht in der Auflösung jeglicher Kollektivbindungen, sondern in deren Tribalisierung, ihrer Reduktion auf kleine und kleinste soziale Gemeinschaften, etwa die Familie, das Stadtquartier, die Nachbarschaft, die Ethnie, die Lebensstilenklave, die Verwandtschaft, die Diasporagemeinschaft etc.

Bildete die Industriegesellschaft noch einen durch weitgehend homogene Klassenlagen geteilten Raum, in dem soziale Zugehörigkeiten durch übergreifende Großmilieus im Kontext von Klasse, Stand und Geschlecht verbürgt waren, so haben wir es in globalen Gesellschaften also oftmals mit einer Vielzahl kultureller, »quasiethnischer« Enklaven zu tun, die eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen repräsentieren und einen heterogenen Raum sich überlappender regionaler, nationaler und transnationaler Identitäten bewohnen.

Zwei Lager

Was sich gegenwärtig vollzieht, ist allerdings nicht das Ende des spätmodernen Neoliberalismus. Was sich vielmehr herausbildet, ist eine neue, in den globalen Raum ausgreifende Klassengesellschaft, deren zentrale Kämpfe sich als kulturelle Mittelklassenkämpfe rekonstruieren lassen, die sich um die Frage drehen, wessen Kultur repräsentativ sein soll, welche Fraktionen das Ganze repräsentieren dürfen. Das gesellschaftliche Wir, das in der langen prosperierenden Nachkriegsepoche der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich durch das Großmilieu einer kulturell nivellierten und sozialpolitisch integrierten Mittelschicht konstituiert wurde, zerfällt heute in zwei Gruppen, die gleichermaßen Anspruch auf kulturelle Hegemonie, das heißt auf Definition der legitimen Kultur erheben.

Auf der einen Seite steht jenes neobürgerliche Lager, das den spätmodernen Kulturkapitalismus in die globale Zukunft hinein fortschreiben möchte und dazu auf das Leitbild kosmopolitischer Bürgerlichkeit setzt. Diese Position reicht vom wirtschaftsliberalen Mainstream bis hin zu Visionen des digitalen oder »grünen« Kapitalismus in Deutschland. Auf der anderen Seite stehen die Repräsentantinnen jener Positionen, die die als Zeitalter des sozialen Kapitalismus verklärte Vergangenheit zurückgewinnen möchten und dazu auf das Ethos der »klassenlos-nivellierten« Mittelschichtsgesellschaft setzen. Beiden Seiten aber geht es im Kern um die Frage, wie sich das wohlstandskapitalistisch Gewachsene in die Zukunft retten lässt.5

Worin sich die Positionen jedoch unterscheiden, ist die Frage, wo die Grenzen der Gemeinschaft imaginiert werden und wer im gesellschaftlichen Wir aufgehoben sein soll. Während die Vertreter der nivellierten Mittelschichtsgesellschaft sich aus den (unteren) Mittelschichten rekrutieren, deren Lebensführung und Lebenschancen in besonders hohem Maße an die Nation und die Funktionsfähigkeit des Wohlfahrtsstaates gebunden sind und die darum eher zur nationalen Schließung der Gemeinschaft neigen, orientieren sich die Vertreter des globalen Kapitalismus, die aus den stärker transnationalisierten Fraktionen der oberen Mittelschicht kommen und deren sozialräumliche Autonomie deutlich größer ist, in ihrer Alltagspraxis wie in ihren Werthaltungen stärker an Strukturen und Deutungsangeboten jenseits des Nationalstaats. Beiden gemeinsam ist jedoch der Rekurs auf soziale Schließung: Auch wenn sich die kosmopolitischen Milieus der akademischen Mittelklasse dies nicht eingestehen möchten, so verteidigen auch sie auf scheinbar offen-inklusive Weise einen exklusiven Lebensraum.6

Zwar sieht sich die obere Mittelschicht als Träger einer weltbürgerlichen und im globalen Maßstab repräsentativen Kultur (Friedrich Tenbruck) und fühlt sich einem Ideal universalistischer Teilhabe- und Aufstiegschancen verpflichtet, das auf die Überwindung starrer Grenzen, auf Überlappung und Überlagerung gerichtet ist und die rigide Festschreibung kultureller Lebensformen und Differenzen vermeiden will. Gleichwohl bleibt die weltbürgerliche Kultur – vorläufig jedenfalls – zumeist auf ihre akademischen Trägergruppen beschränkt, die sich über kulturkosmopolitische Lebensstile vergesellschaften, dabei eine Verschmelzung mit hochgebildeten Migranten (expats) anstreben, sich aber zugleich nach unten abgrenzen. Zudem laufen die weltbürgerlichen Milieus Gefahr, die Reichweite postnationaler Vergesellschaftungsmuster für Milieus, die über weniger Ressourcen und geringere Bewegungsspielräume verfügen, zu überschätzen.

Nach wie vor bestehen die kosmopolitischen Klassen überwiegend aus professionellen Eliten, die in transnationale Unternehmen, transnationale Kultur- und Wissensökonomien eingebunden sind, über länderumspannende Netzwerke verfügen und oftmals auch international mobil sind. Darüber hinaus durchlaufen sie auch in Fragen der Existenzfürsorge Prozesse der Entstaatlichung, da sie zunehmend höhere Ansprüche an öffentliche Infrastrukturen stellen. So verfügen die reichsten unter ihnen (in Deutschland immerhin 10 Prozent der Gesamtbevölkerung) über genügend Mittel, eigene Versicherungen abzuschließen, nach Belieben exklusive Bildungstitel auch im Ausland zu erwerben, die Kinder auf Privatschulen zu schicken und im Krankheits- und Notfall für sich selbst einzustehen.

Wie schon Tenbruck für das klassische Bürgertum des 19. Jahrhunderts argumentiert hat, weist repräsentative Kultur zwar stets über ihre Trägergruppen hinaus, bleibt aber nichtsdestotrotz an deren ständische Interessen rückgebunden. Max Weber sprach von dem progressiven Ideenüberschuss in den bürgerlichen Wertideen, also von dem, was man die Bürgerlichkeit des Bürgertums nennen kann, die vor dem Bürgertum nicht haltmacht, sondern unaufhörlich weitere Bevölkerungskreise anzieht. Auch die hier skizzierten Trägerschichten des neuen Bürgertums leben im Spannungsfeld zwischen verallgemeinerbaren Ideen-, Wert- und Institutionenprogrammen einer sich globalisierenden Welt und eigenen Klasseninteressen. In dem Maße, in dem die weltbürgerliche Gesellschaft von Erfolg gekrönt wäre, würden diese ständisch-bürgerlichen Imprägnierungen möglicherweise verschwinden.

Vorläufig jedoch bleibt diese Färbung erhalten: Nicht nur sozialstrukturell, auch kulturell knüpfen die weltbürgerlich Orientierten dabei an alte bürgerliche Traditionen an. Das europäische Weltbürgertum ist in die großstädtischen Gründerzeitviertel zurückgezogen, die schon im Kaiserreich bürgerliche Domizile waren.

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Vgl. Wendy Brown, Mauern. Die neue Abschottung und der Niedergang der Souveränität. Frankfurt: Suhrkamp 2018.
  2. Stein Rokkan, Staat, Nation und Demokratie in Europa. Frankfurt: Suhrkamp 2000.
  3. Dan Diner, » Die bisherige CDU /CSU wird die Erschütterungen nicht überstehen «. In: Welt vom 20. September 2018.
  4. Klaus Tenfelde, Historische Milieus – Erblichkeit und Konkurrenz. In: Manfred Hettling/Paul Nolte (Hrsg.), Nation und Gesellschaft in Deutschland. Historische Essays. München: Beck 1996.
  5. Stephan Lessenich, Die ewige Mitte und das Gespenst der Abstiegsgesellschaft. In: Nadine M. Schöneck/Sabine Ritter (Hrsg.), Die Mitte als Kampfzone. Bielefeld: transcript 2018.
  6. Cornelia Koppetsch, Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im Zeitalter der Globalisierung. Bielefeld: transcript 2019 (im Erscheinen).

1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Ein sehr schöner Artikel der die Themen der aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen sehr gut erfaßt. Man wäre froh, wenn die Medien die Thematik so erfassen würden.

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