Das vergessene Amt

Die Leitung der Behörde sah sich genötigt, ihre Belegschaft zur Ordnung zu rufen: »Vorkommnisse der letzten Tage geben Veranlassung darauf hinzuweisen, daß das Ausspucken auf Fluren, Treppen und in den Zimmern unstatthaft und ein Zeichen schlechter Erziehung ist. Derartige Unsauberkeiten sind zu unterlassen.« Damit nicht genug. Die Mitarbeiter mussten auch darauf hingewiesen werden, dass das Werfen von »Zigarettenresten, Briefklammern und dergleichen« aus den Zimmern in den Innenhof zu unterlassen sei, zumal genügend Aschenbecher und Papierkörbe zur Verfügung stünden. Doch was das Fass für den Leiter der Behörde endgültig zum Überlaufen brachte, war die Fahrstuhltür: »Ich habe wiederholt in den letzten Tagen feststellen müssen, daß nach Benutzung des Fahrstuhls die Tür offen gelassen wurde. Daß dadurch der Fahrstuhl für andere Personen unbenutzbar wird, scheint gewissen Leuten gleichgültig zu sein. Von meiner Person und meinem lahmen Bein ganz abgesehen, ist das eine beispiellose Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber.«

(Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

Die Dienststelle, in der es im Sommer 1935 so ungesittet zuging und deren Leiter scheinbar besonderen Wert auf Rücksichtnahme legte, war die Reichsstelle für Sippenforschung – das spätere Reichssippenamt. Die Behörde war im »Dritten Reich« amtlich damit betraut, in einem Verwaltungsverfahren per Bescheid festzustellen, ob ein »Prüfling« – wie es in der Amtssprache der Behörde hieß – »deutschblütig«, »jüdischer Mischling« oder »Jude« war. Jenseits der moralischen Monstrosität erscheint eine solche Zuständigkeit aus heutiger Sicht vor allem absurd. Wie soll man sich die Arbeit einer solchen Behörde denken? Auf welchen Wegen und unter welchen Voraussetzungen kam ein Bescheid zustande, der den Adressaten gegebenenfalls unter Verweis auf sein Blut der späteren Vernichtung preisgab? Und auch: durch wen? Waren es »ganz normale« Beamte und Angestellte, die ihre Amtsstube im Reichssippenamt bezogen hatten – und nur durch Zufall nicht in einer Bezirksverwaltung oder einem Ministerium?

Die Entstehung des Reichssippenamts als nachgeordneter Dienststelle des Reichsinnenministeriums ging auf das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 zurück. Dessen »Arierparagraph« bestimmte: »Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen.« Das Gesetz sollte eine schnelle »Reinigung« des Staatsapparats bewirken und so der neuen Regierung dessen Loyalität sichern, weshalb Beamte auch aufgrund ihrer bisherigen politischen Betätigung aus dem Dienst entlassen werden konnten.

Das Gesetz selbst gebrauchte weder den Begriff des »Juden« noch den der »jüdischen Abstammung«. Stattdessen wurde der Begriff »Arier« in einer Durchführungsverordnung definiert: Als nicht arisch galt danach, wer einen nicht arischen, insbesondere jüdischen Elternteil oder Großelternteil hatte. Um dies feststellen zu können, verpflichtete die Verordnung die Beamten, ihre arische Abstammung durch die Vorlage von Urkunden nachzuweisen. Für den Fall, dass sich hierbei die arische Abstammung als zweifelhaft erwies, war ein Gutachten »des beim Reichsministerium des Innern bestellten Sachverständigen für Rasseforschung einzuholen«. Die Einrichtung dieser Stelle im April 1933 stellt den Ursprung des späteren Reichssippenamts dar.

Zum Leiter der Dienststelle wurde im Mai 1933 der einunddreißig Jahre alte Achim Gercke bestellt. Der promovierte Chemiker hatte zuvor die NS-Auskunft bei der Reichsleitung der NSDAP im Münchner »Braunen Haus« geleitet, deren Aufgabe die Überprüfung der Abstammung von Parteianwärtern war. Gercke, protestantischen Glaubens und Professorensohn, hatte während seines Chemiestudiums in Göttingen in seiner Freizeit damit begonnen, vorhandenes genealogisches Material seiner Familie zu sichten, seine Nachforschungen aber bald darauf verlagert, den Einfluss »jüdischer« Gelehrter an den Hochschulen zu ermitteln.

Seine Erkenntnisse ordnete er in einer bald immense Ausmaße annehmenden Kartei und publizierte sie zwischen 1928 und 1932 als kleine Schriftenreihe. In den auf einzelne Fakultäten bezogenen Publikationen, auf deren Titelblatt jeweils der prozentuale Anteil der »verjudeten« Professoren der jeweiligen Fakultät aufgeführt war, betonte Gercke einen Wesensunterschied zwischen deutscher und jüdischer Lehr- und Forschertätigkeit und bemängelte, wenn bei einer untersuchten Universität der Umfang an »jüdischen« Habilitationen besonders hoch sei.

Die am Ende wohl auf etwa 400 000 Einträge angewachsene Kartei brachte Gercke dann sowohl bei der Übernahme der Leitung der NS-Auskunft als auch bei seinem späteren Wechsel in das Amt des Sachverständigen für Rasseforschung ein. Dessen Dienststelle hatte sich ursprünglich im Gebäude des Innenministeriums befunden, wurde aber 1934 mit den damals 64 Mitarbeitern in eine eigene Liegenschaft am Schiffbauerdamm 26 in Berlin-Mitte verlegt. Dort findet Gerckes Wirken dann im Januar 1935 – wohl aufgrund einer Intrige aus SS-Kreisen – ein jähes Ende: Er wird wegen des Vorwurfs strafbarer homosexueller Handlungen noch in seinem Dienstsitz durch die Gestapo verhaftet. Zwei Monate später geht er aller Ämter verlustig und wird aus der NSDAP ausgeschlossen.

Noch im selben Monat folgt ihm als Behördenleiter sowie als Leiter des Amts für Sippenforschung der NSDAP der sogar noch etwas jüngere Kurt Mayer nach, der zuvor Abteilungsleiter im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS in Berlin und an der Entmachtung Gerckes wohl auch nicht ganz unbeteiligt gewesen war. Mayer entstammte einem protestantischen Pfarrhaus und hatte sich wie Gercke schon früh, wohl schon zu Schulzeiten, für Genealogie und Geschichte, daneben auch für Heraldik begeistert und dieses Interessenfeld während seines Geschichtsstudiums und der sich anschließenden Promotion in München weiter vertieft. Parallel betätigte er sich frühzeitig als nationalsozialistischer Aktivist, war unter anderem Gruppenführer der Hitlerjugend und Gauredner der NSDAP. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte Mayer im Sommer 1933 eine erste Anstellung im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS erhalten und war dort im November desselben Jahres zum Abteilungsleiter und Sachbearbeiter für Familienkunde aufgestiegen, um dann im März 1935 neuer Leiter der Reichsstelle für Sippenforschung zu werden.

Mayer war der Auffassung, dass das deutsche Volk als »Blutgemeinschaft« zu denken sei. Überlebensfähig sei es nur, wenn es den Einfluss »fremdartigen« – für ihn vor allem »jüdischen« – Bluts verhindere. Einem Vortrag vor Standesbeamten im Jahr 1936 stellte Mayer in diesem Sinne ein Zitat Hitlers voran, wonach Völker, die auf ihre »rassische Reinheit« verzichteten, auch auf die »Einheit ihrer Seele« verzichteten. Und appellierte an die versammelten Beamten: »Wir wollen uns unter das Gesetz der nationalsozialistischen Weltanschauung stellen, das ich wohl kurz in die Prägung fassen kann: Der einzelne ist nichts, Sippe und Volk sind alles!«

Nürnberger Gesetze

Nicht nur Beamte, auch Notare, Rechtsanwälte, Steuerberater, Ärzte, Apotheker, Wehrmachtsangehörige, Schüler und Hochschüler benötigten im Lauf der Zeit einen Nachweis ihrer »arischen« Abstammung. Eine abermals neue Stufe stellten dann die im September 1935 beschlossenen »Nürnberger Gesetze« dar. Mit dem »Reichsbürgergesetz« wurde festgelegt, dass vollwertiger Reichsbürger und damit Träger der vollen politischen Rechte nur mehr derjenige Staatsangehörige sein sollte, der »deutschen oder artverwandten Blutes« sei und durch sein Verhalten beweise, gewillt und geeignet zu sein, »in Treue dem Deutschen Volk und Reich zu dienen«. Und mit dem »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« wurden Eheschließungen sowie »außerehelicher Verkehr« zwischen »Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes« verboten und mit Zuchthaus- oder Gefängnisstrafe belegt.

 

 

Paradoxerweise konnten die Nürnberger Gesetze und die zu ihrer Ausführung erlassenen Verordnungen für einen Teil der betroffenen Bevölkerung vorläufig auch zu einer Besserstellung im Vergleich zur vorherigen Rechtslage führen. Denn während noch im Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums als »Jude« bereits angesehen wurde, wer auch nur einen jüdischen Großelternteil hatte, wurde in den Nürnberger Gesetzen nun als Jude eingestuft, wer von »mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Großeltern abstammt«. Von großer Praxisrelevanz war dabei die neueingeführte Kategorie des »jüdischen Mischlings«: Als solcher galt, wer »von einem oder zwei der Rasse nach volljüdischen Großelternteilen abstammt«. Bei zwei jüdischen Großelternteilen wurde vom »Mischling 1. Grades«, bei nur einem jüdischen Großelternteil vom »Mischling 2. Grades« gesprochen.

Hinsichtlich Letzterer sahen die Nürnberger Gesetze vor, dass sie grundsätzlich innerhalb einer Generation im »deutschen Volkstum« aufgehen können sollten: So durften sie mit »Deutschblütigen« ohne Einschränkung die Ehe eingehen, und die aus solchen Ehen hervorgehenden Kinder galten dann nicht mehr als »Mischlinge«, sondern als »deutschblütig«. Aber eine Eheschließung mit »Juden« und »Mischlingen 1. und auch 2. Grades« war ihnen verboten: Die erwünschte »Verdünnung« des »jüdischen Blutes« sollte sich nicht verzögern.

Sippenforschung

Infolge der nicht mehr nur auf bestimmte Berufsgruppen beschränkten Neujustierung der Rassegesetzgebung schwoll die Arbeit in der Reichsstelle für Sippenforschung an: Wurden 1934 noch etwa vierhundert Abstammungsgutachten monatlich erstellt, waren es 1936 bereits über zweitausend. In der Regel wurde die Reichsstelle dabei »von Amts wegen« durch andere Behörden oder die NSDAP beauftragt. Daneben aber konnten auch Privatpersonen in eigener Sache gegen eine Gebühr von fünf Reichsmark ein Gutachten beantragen. Für den hierdurch bedingten Publikumsverkehr richtete die Reichsstelle eigens Sprechzeiten in ihrem Dienstgebäude am Schiffbauerdamm ein, die offenbar auch rege genutzt wurden.

Die Erstellung der Abstammungsgutachten erfolgte im Regelfall anhand von genealogischen Informationen aus einschlägigen Urkunden. Die Sippenbeamten waren demgemäß stets darauf aus, die einschlägige Datenbasis zu vergrößern, etwa durch das Erfassen von Kirchenbüchern und auch durch die Nutzung der Bestände des »Gesamtarchivs der deutschen Juden«. Nachdem dieses im Synagogenkomplex Oranienburger Straße in Berlin gelegene Archiv während und nach dem Pogrom vom 9. November 1938 beschlagnahmt worden war, wurde die Konfiszierung zwar später auf Intervention der jüdischen Gemeinde formell wieder aufgehoben – aber um den Preis, dass das Reichssippenamt seine auf Juden bezogene Abteilung nun als »Außenstelle« direkt in die Räumlichkeiten des Archivs verlegte und sich dort in der Folge mehr und mehr ausbreitete.

Letztlich ausschlaggebend für die Beurteilung der Abstammung war in Zweifelsfällen aber nicht die »Registerlage« anhand von Urkunden, sondern die tatsächliche »biologische« Sachlage. Es sollte daher durch die Beamten stets geprüft werden, ob die Registerlage nicht »durch die Wahrscheinlichkeit biologischer Vorgänge« erschüttert werde. In solchen Zweifelsfällen waren die Prüfer gehalten, ein nach »erb- und rassekundlichen Gesichtspunkten« zu erstellendes biologisches Gutachten durch eines der vom Reichsinnenministerium bestimmten »Anthropologischen Universitätsinstitute« zu beantragen.

Dort wurden dann »spezifisch jüdische Körpermerkmale« gesucht, Gesichter vermessen und etwa durch Vergleiche mit vorliegenden Fotografien der infrage kommenden Erzeuger die »Rassezugehörigkeit« beurteilt. Dieses pseudowissenschaftliche Verfahren wurde wohl nicht selten zum letzten Rettungsanker verzweifelter Betroffener, die sich etwa in vollendeter moralischer Paradoxie gezwungen sahen, als für sie günstig vorzutragen, dass sie tatsächlich nicht von ihrem gesetzlichen, mit ihrer Mutter verheirateten »jüdischen« Vater abstammten, sondern aus einem außerehelichen Verhältnis der Mutter mit einem »deutschblütigen« Mann hervorgegangen seien.

Begrifflichkeit und Systematik der verschiedenen für die Arbeit des Sippenamts maßgeblichen neuartigen Gesetze und Durchführungsbestimmungen waren nicht immer einfach nachzuvollziehen. Hinzu kam, dass sich die Bestimmungen während der laufenden Tätigkeit abermals wandelten – wie der Erlass der Nürnberger Gesetze zeigt. Die Umsetzung in die Verwaltungspraxis dürfte deshalb nicht immer reibungslos verlaufen sein, wie eine Hausmitteilung der Behördenleitung belegt: Noch Mitte 1937 musste sie im Haus-Nachrichtenblatt mahnen, es sei nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze kein Raum mehr dafür, von »arischem« Blut zu sprechen: »Der Ausdruck ›arisch‹ ist mit den Nürnberger Gesetzen ›aus der Gesetzessprache verschwunden‹ und nicht mehr zu verwenden.«

Bei der Erschließung und Ordnung des neuen rechtlichen Terrains tat sich bald ein junger Jurist besonders hervor: Christian Ulrich Freiherr von Ulmenstein. Der Spross eines protestantischen Adelsgeschlechts hatte sich in auffallender Parallelität zu Gercke und Mayer schon während seines Studiums mit Genealogie und Heraldik, mit Rassen- und Sippenkunde befasst. Zum Jahresanfang 1934 ließ er sich vom Referendariat beurlauben, um – vorerst als Hilfsarbeiter angestellt – vierundzwanzigjährig seinen Dienst in der Abteilung für Abstammungssachen der Reichssippenstelle anzutreten. Parallel dazu schloss er ein rechtsgeschichtliches Promotionsvorhaben bei Professor Herbert Meyer in Göttingen ab.

Als Referent der Reichssippenstelle trat Ulmenstein schon bald in der Fachöffentlichkeit durch verschiedene kleinere juristische Zeitschriftenbeiträge zum neuen Abstammungsrecht und vor allem die kleine Handreichung Der Abstammungsnachweis in Erscheinung. 1937 eröffneten sich dem aufstrebenden, der SA und der NSDAP angehörenden Jungjuristen weitere Perspektiven: Der ihm aus Göttingen verbundene Professor Meyer, der im gleichen Jahr in seiner Schrift Rasse und Recht bei den Germanen und Indogermanen das »Unglück der Rassenmischung« anprangerte, folgte einem Ruf der Friedrich-Wilhelm-Universität nach Berlin. Dort machte er sich in der Folge vehement dafür stark, Ulmenstein zur Habilitation und einer Dozentur in »rechtlicher Sippenkunde« – nach der damaligen Studienordnung einem zukünftigen Grundlagenfach für die Juristenausbildung – zu verhelfen. Im Reichssippenamt avancierte Ulmenstein derweil zum »Generalreferenten für Abstammungsprüfung«.

Behördenalltag

Während das leitende Personal des Amts sowohl bei der »Säuberung« des Staates »nach einheitlichen rassenmäßigen Gesichtspunkten« als auch persönlich ehrgeizige Ambitionen hegte, gestaltete sich der Behördenalltag in den Fluren am Schiffbauerdamm weitaus profaner. Da pries etwa der Behördenleiter höchstselbst per Hausmitteilung den Mittagstisch im Gau Groß-Berlin der NSDAP in der Voßstr. 11 an, wo die Portionen groß seien und nach Belieben nachgeholt werden könne. Wenn der »Führer« redete, wurde »Gemeinschaftsempfang« angeordnet: Die Mitarbeiter hatten sich dann zum gemeinsamen Rundfunkhören zu versammeln.

Anlässlich des Betriebsausflugs einer Amtsabteilung im Oktober 1941 erstellten die Mitarbeiter unter dem Titel Sippensittliche Rundschau sogar eine kleine Zeitung mit Sottisen und Persiflagen auf den Behördenalltag. In Versen, vermeintlichen Annoncen oder auf »Rätselseiten« werden von der Putzfrau über die Sekretärin bis hin zum Kirchenbuchchronisten und demjenigen Mitarbeiter, der für den Betriebsausflug das Lokal ausgewählt hatte, in dem es dann aber offenbar nichts zu speisen gab, zahlreiche Kolleginnen und Kollegen namentlich erwähnt und karikiert.

Das vorherrschende Dauerthema der Mitarbeiter aber scheint ein rußender Ofen in den Diensträumen gewesen zu sein, was für die Sippensittliche Rundschau Anlass zum Abdruck eines fiktiven Schreibens des Abteilungsleiters Günter Kayser an das Reichsinnenministerium gab, in dem er von den Erfolgen des »äußeren Räucherns« seiner Mitarbeiter berichtete: »Die Haut erhält seidigen Glanz und bräunliche Färbung wie bei Bücklingen, Jugendliche erhalten die interessante Färbung lange in Gebrauch befindlicher Elfenbein-Pfeifenköpfe«, sämtliche Angestellten hätten sich sehr jung und arbeitsfähig erhalten. Auf der Seite »Inserieren bringt Gewinn« schließlich wird für das »Sanatorium Kayser am Schiffbauerdamm« geworben: »Herrliche Lage mit Aussicht auf den vollen Kanal. Außer Kaltwasserbehandlung und kalten Duschen auch moderne Kur- und Heilverfahren: Staub-, Bazillen- und Rauchbäder«. Ja, auf den Fluren des Reichssippenamts, dessen Abstammungsbescheide draußen Schicksal um Schicksal zerstörten, dürfte viel gelacht worden sein.

Während des Kriegs

Die aus heutiger Warte schaurig anmutende Heiterkeit wird im nach und nach fortschreitenden und näher rückenden Krieg schließlich verklungen sein. Waren von den 171 Planstellen, über die das Amt verfügte, zeitweilig immerhin 142 besetzt gewesen, mussten immer mehr Mitarbeiter zum Kriegsdienst beurlaubt werden – im Januar 1944 verblieben 92, im Januar 1945 nur noch 59 Mitarbeiter.

Schon früh waren Durchhalteparolen ausgegeben worden, so 1939 in einer Hausmitteilung Mayers: »Der dem Führer und dem Reich aufgezwungene Kampf hat den Einsatz eines Teils meiner Mitarbeiter bei der Wehrmacht notwendig gemacht. Unter diesen Umständen ist es vornehme Pflicht aller derer, die noch zur Dienstleistung in der Reichsstelle für Sippenforschung verblieben sind, alle Kraft einzusetzen, daß die für die Volksgenossen zu leistende Arbeit weiterhin reibungslos und sorgfältig erledigt wird.«

Auch bei den im Kriegsdienst befindlichen Angehörigen des Amts dürfte sich im Laufe der Kriegshandlungen ein Wandel von anfänglicher Begeisterung zu mehr und mehr Ernüchterung vollzogen haben, wie das Beispiel des Abstammungsreferenten Ulmenstein zeigt. Dieser, mit der 257. Infanteriedivision abwechselnd an der West- und der Ostfront eingesetzt, berichtete anfangs noch voller Kriegsromantik vom Wunsch, als Kompaniechef mit seinen Mannen »den Olymp« zu stürmen. Nach dem Marsch durch die Ukraine und der Teilnahme an den Kesselschlachten von Uman und Kiew sehnte er, wenn auch robust verbrämt, dann wohl doch eher das Kriegsende herbei: »Hoffentlich schlagen wir den Russen in nicht allzulanger Zeit kaputt, damit wir dem Ende des Krieges näher kommen und wieder an Friedensaufgaben denken können!«

Zum Erliegen kam die Arbeit im Reichssippenamt auch während des Krieges nicht: Allein von 1939 bis 1943 wurden über 75 000 Abstammungsbescheide erstellt. In der Endphase der Kämpfe beschränkte die Behörde ihre Tätigkeit dann auf nach eigener Wahrnehmung »kriegswichtige Tätigkeiten«, insbesondere die Erstellung von Abstammungsbescheiden für die Wehrmacht. Noch im Januar 1945 wurden über 500 von anderen Behörden beantragte Gutachten erstellt.

Wegen zunehmender Kriegsschäden an dem Gebäude am Schiffbauerdamm war zu diesem Zeitpunkt der überwiegende Teil der Beschäftigten bereits in die Außenstelle in der Oranienburger Straße verlegt worden, deren Kellerräume als bombensicher galten – ausgerechnet das Reichssippenamt suchte also Zuflucht in den Räumlichkeiten der jüdischen Gemeinde. Vielleicht auch deshalb hatte der fanatische Antisemit Mayer darauf beharrt, selbst solange wie möglich im Gebäude am Schiffbauerdamm zu bleiben und die Sprechzeiten für die Bevölkerung dort aufrechtzuerhalten.

Nach dem Krieg

Irgendwann im Frühjahr 1945 setzte Mayer sich dann aber mit seiner Frau und den vier Kindern nach Bad Oldesloe ab. Dort beging er im Juni 1945 Suizid – die Kinder nahm er dabei mit. Ulmenstein, inzwischen Dozent für Rassenkunde, war da bereits tot: Nachdem er noch im Frühjahr 1944 in Potsdam seine gerade achtzehnjährige Verlobte Adelheid von Ditfurth geheiratet hatte, war er im Dezember desselben Jahres am Westwall während der Schlacht im Hürtgenwald gefallen. Achim Gercke, der erste Leiter der Reichsstelle für Sippenforschung, hingegen überlebte den Krieg und profitierte nach 1945 von seinem zehn Jahre zurückliegenden Rauswurf aus Staats- und Parteiämtern: Er arbeitete im Archiv der Hannoverschen Landeskirche, wirkte bis ins hohe Alter als ehrenamtlicher Standesbeamter und wurde fünfundneunzig Jahre alt.

Wer sich heute in Berlin auf die Suche nach dem Reichssippenamt begibt, begegnet einigen Schwierigkeiten: Zwar gibt es die Straße »Schiffbauerdamm« nach wie vor – eine Hausnummer 26 allerdings existiert nicht mehr. Erst wenn man historische Stadtpläne hinzuzieht, versteht man, warum: Dort, wo einst die geschlossene Häuserzeile verlief, deren Bestandteil der Dienstsitz des Reichssippenamts war, steht heute keines der damaligen Gebäude mehr. Stattdessen ragt grau und gläsern das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen Bundestags empor, in dem Beamte der Bundestagsverwaltung ihren Dienst versehen. Nichts deutet an diesem Ort gegenüber dem schwarz-rot-gold beflaggten Reichstag darauf hin, dass hier einst eine für das verheerende Rasseprojekt der Nationalsozialisten zentrale Institution stand. Vielleicht möchte man daran nicht erinnert werden.

 


1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Hier wird der Leser zurück verworfen auf die Auswirkungen des völkischen und rassistischen Denkens, leider werden, diese gar nicht so kuriosen Denkspiele, die damals in das Leben jedes Menschen einwirken konnten, heute gerne vertränkt. An die Stelle der oberflächlichen Gegenkultur der heute viele anhängen sollte eine stärkere Begrifflichkeit dessen treten, was in einer von Rassenideologie durchtrunkenen Gesellschaft wirklich passiert. Vor allem zeigt der Artikel, dass es willige Leiter gab.
    Ein wichtiger Beitrag zur deutschen Geschichte. Die Adresse Schiffbauerdamm ist natürlich für jeden Theater interessierten mit dem Berliner Ensemble verbunden.

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