Deutsches Wohnen

Es gibt Großstadt als geistige Lebensform und Großstadt als Einkaufspassage. Man muss sich aber entscheiden, beides geht nicht. Es gibt keine richtige geistige Lebensform in der falschen Einkaufspassage. Ganz schwer wird es, wenn die Einkaufspassage ihr Gehäuse verlässt und überall hin vordringt, bis in den Schutzraum der Wohnung. Gute Idee für einen Horrorfilm im Grunde, The Blob II: Alexa.

(Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

Mein Wohnen in Berlin hat sich verändert, früher konnte ich am Wirtschaftsleben teilnehmen und abends nach Hause gehen und wohnen; in der Erlebnisökonomie konsumiere ich abends mein Wohnerlebnis, für das ich Erlebnisaufschlag bezahle. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich nur noch Wirtschaftsleben: kein Meter mehr, auf dem nicht Geld verdient werden muss, auf dem den Menschen kein Alkohol angeboten wird, kein Meter mehr, auf dem kein Alkohol konsumiert wird, die Konsumenten steigen aus riesigen Panzerwagen, an denen noch das Preisschild hängt, in weiten schwarzen Roben, an denen noch das Preisschild hängt, in riesigen weißen Turnschuhen, an denen noch das Preisschild hängt, mit nackten Knöcheln, an denen noch kein Preisschild hängt. Nachts will ich schlafen, muss aber zuhören, wie die Airbnb-Nachbarn ihr Berlin-Erlebnis feiern, für das sie schließlich bezahlt haben, und frühmorgens weckt mich der Nachbar aus der Gewerbeeinheit, der teuer ein Bio-Back-Erlebnis verkaufen muss, um die astronomische Gewerbemiete bezahlen zu können. Wohnen im Kapitalismus ist wie Krieg.

In dieser Kolumne muss es um Perversität gehen, damit es nicht mehr nur um Absurdität geht, meine Freundin S. hat sich das gewünscht, und zur Unterscheidung ließe sich vielleicht versuchsweise sagen, dass Absurdität etwas ist, was eben da ist, wie Kaufhausmusik, während Perversität einen Vorgang der Pervertierung voraussetzt, eine pervertierende Kraft, die möglicherweise schuldhaft eingesetzt wird – jedenfalls solange wir uns das Unpervertierte als etwas denken, das Schutz verdient.

Schon das schiefe Bild mit der Absurdität als Kaufhausmusik zeigt, wie schwierig es ist, etwas zu beschreiben, das einfach da ist, ohne da sein zu müssen, ohne dorthin gezwungen worden zu sein. Einfach da wie zum Beispiel was? Die Meereswelle? Die hat der Wind gemacht. Der Mond? Den hat ein Zusammenstoß gemacht. Die Kaufhausmusik? Die hat jemand eingeschaltet, der mich manipulieren will, mehr zu kaufen. Auch Absurdität ist nicht einfach da. Vielleicht ist sie eine Dissonanz aus einander überlagernden Kaufhausmusiken, die zu entwirren zu kompliziert wäre, so dass man der Einfachheit halber beschließt, sie schön zu finden, und anfängt, in ihren Klängen nach einem Trick zu suchen, die Kaufhäuser doch wenigstens über Nacht ein paar Stunden zu schließen oder sie sich wegzudenken. Aber man findet sich ab. Es kommt ja immer darauf an, ob man aufbegehrt oder sich abfindet.

Womit sich Geld verdienen lässt, das muss getan werden, einer unerbittlichen Logik nach. Die unique selling proposition des Biobäckers bei mir im Erdgeschoss ist die Schaubäckerei: Man kann zuschauen, wie der Teig geknetet wird. Wenn man den Bäcker oder die Bäckerin schwitzen sieht, muss das Brot besonders authentisch sein. Die Bäckerinnen, die ich in Filialen dieser Biobäckerkette gesehen habe, in ihren Arbeitsweltterrarien, sahen nicht immer besonders glücklich aus, und ich weiß nicht, ob sie einen Aufschlag bekommen für den Peepshow-Exhibitionismus, den man ihnen aufzwingt. Aber das Peepshow-Erlebnis macht den Laden voll, und es gelingt den Biokunden offenbar, die Würdelosigkeit des Spektakels auszublenden.

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