Stimmungsmache. Zu Risiken und Chancen von »Stimmungen« als (sozial)wissenschaftlichem Konzept

Allerorten ist von »der Stimmung« die Rede. Oft in einem alarmistischen Ton, zumal wenn das Gefühl dominiert, die Stimmung sei schlecht. Warnungen vor den Folgen schlechter Stimmung werden dann präsentiert mit dem Gestus sozialpathologischer Diagnosekompetenz. Stimmungen, so die gängige Suggestion, sind die Fieberkurven moderner Gesellschaften. Doch wer sich die Verwendung des Begriffs näher ansieht, stolpert schnell über Ungereimtheiten. Zu unterschiedlich sind die Dinge, die damit bezeichnet werden. So hört man von der Stimmung im Olympiastadion oder auf Kirchentagen, der Bundespräsident wird nach der Stimmung im Land befragt, die Stimmung in bilateralen Beziehungen kann auf Tiefpunkte sinken, Einzelne berichten, dass sie zu irgendetwas nicht in der Stimmung seien, andere schwärmen von stimmungsvollen Bildern.

(Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

Längst wird die »Stimmung« auch auf der wissenschaftlichen Metaebene diskutiert – wenn auch nicht in der Geschichtswissenschaft: Heinz Bude diagnostizierte unlängst eine »Wiederkehr der Stimmung als seriöse Kategorie der Humanwissenschaften«.1 Wie »seriös« die Kategorie ist, sei einstweilen dahingestellt. Wenn aber der Begriff »zurück« sein soll, dann muss er eine Geschichte haben. Diese zu berücksichtigen, ist wichtig, weil sie sensibel dafür macht, inwiefern sich Inhalte und Konzepte verändern. Begriffsinhalt und -umfang unterliegen einem ständigen Wandel.2 Darüber hinaus kann man zeigen, wie frühere Bedeutungsschichten in die heutigen Verwendungskontexte hineinragen. Neue und alte Begriffsfüllungen stehen dann oftmals nebeneinander, was die Inkohärenzen bei der Verwendung dieses Begriffs erklären hilft.

Die Heterogenität dessen, was unter dem Terminus verstanden werden kann, zeigt sich schon bei Versuchen, ihn in andere Sprachen zu übertragen. Ins Englische kann man »Stimmung« übersetzen entweder als »atmosphere« oder als »mood«. Das eine aber meint die äußere, von einem selbst unabhängige Atmosphäre, das andere die individuelle Laune oder Verfasstheit. Nur der deutsche Begriff »Stimmung« vollbringt das Kunststück, »atmosphere« und »mood«, innen und außen, zusammenzufügen.

Mehr noch: Das deutsche Wort »Stimmung« umfasst nicht nur den Gefühlszustand des Individuums und die äußere Atmosphäre, sondern auch die Wechselwirkung zwischen beidem, etwa wenn es heißt, dass der Mensch »von der Atmosphäre ergriffen« werde. Letzteres verweist auf einen Kernaspekt, der den Begriff auszeichnet und ihn besonders, aber auch besonders schwierig macht: »Stimmung« ist durch dieses Kommunikationsverhältnis ein Grenzphänomen. Sie verbindet Menschen und Dinge, Individuum und Kollektiv, »subjektiv« und »objektiv«, »Geist« und »Materie«, »bewusst« und »unbewusst«, selbst – bei religiösen »Stimmungen« – Transzendenz und Immanenz.

Eindeutig gehören Stimmungen zu den Emotionen, werden aber abgegrenzt von »Gefühlen« und »Affekten«. Simpel gesagt: Affekte sind kurze, heftige Gefühlsereignisse, Gefühle hingegen Empfindungen, die sich auf etwas Konkretes beziehen und damit »gerichtet« sind. Demgegenüber sind Stimmungen anhaltender als Affekte, aber ungerichtet, vage, ihre Herkunft ist oftmals nebulös. Aber ihre Ausrichtung kann großen Einfluss darauf haben, welche Gefühle Menschen entwickeln, und damit auch darauf, zu welchen Handlungen sie neigen. Die Auseinandersetzung mit solchen Mechanismen hilft beim Verständnis gegenwärtiger Konfliktfelder. Allerdings tauchen immer wieder abweichende, widersprüchliche Nuancen auf, die sich aus der Geschichte des Begriffs ergeben.

Seit rund zweihundertfünfzig Jahren spricht man über Stimmungen. Die Konzepte, die dahinter stehen, sind noch älter. Der Romanist und Literaturtheoretiker Leo Spitzer ist den Ursprüngen nachgegangen und stieß auf antike und frühchristliche Vorstellungen einer »Weltharmonie«: »Stimmung« entsprach Spitzer zufolge einem Gefühl der Alten Welt für ein geordnetes Universum.3 Dabei mussten nur wenige Elemente erkannt werden, um aus dem harmonischen Mikrokosmos auf den Makrokosmos schließen zu können. Wenn Heinz Bude von der Stimmung als einem »Gefühl der Welt« schreibt, dann verbirgt sich dieses Konzept dahinter.

»Harmonie« verweist zugleich auf die Disziplin, in der der Begriff »Stimmung« im 18. Jahrhundert das erste Mal explizit in Erscheinung trat: die Musik. Dieser Geburtsort ist durchaus bedeutsam, denn Bestände seiner Herkunft ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Begriffs. »Stimmung« war zunächst nichts anderes als die Nominalisierung des Verbs »stimmen«. Die Einzelelemente sollten so zueinander in Beziehung gebracht werden, dass sich ein harmonisches Ganzes ergibt. »Gestimmt sein« heißt dann, bereit zum Spiel zu sein, zur folgenden Aktion disponiert.

Diese Elemente der Proposition (wie ist das Verhältnis der Einzelteile zueinander) und Disposition (wozu ist der Mensch bereit) hat die Aufklärungsphilosophie bei ihrer Verwendung des Stimmungsbegriffs aus der Musik übernommen. Ursprünglich allerdings war vom »subjektiven Faktor« keine Rede. Das änderte sich rigoros mit dem 19. Jahrhundert und dem neuen Kult der Innerlichkeit. Die Stimmung wurde in das Ich verlegt – blieb aber abhängig von äußeren Einflüssen.

Deutungsschleifen

Besondere Bedeutung erlangten dabei zwei Kategorien: das Wetter und die Landschaft. In den Tagebuchnotizen des 19. Jahrhunderts wurde die Bezugnahme auf das Wetter zu einer solchen Obsession, dass die Wissenschaft vom »meteorologischen Ich« spricht. Die Bedeutung der Landschaft spiegelt sich nicht zuletzt in Caspar David Friedrichs »Stimmungsbildern«. Diese wirken unmittelbar – so Hans Ulrich Gumbrecht – auf Rezipienten und lösen bis auf den heutigen Tag die »Stimmungen« von damals aus.4 Zugleich vermitteln sie den Eindruck von einer Zeit, die nach Harmonie und Ordnung strebt, ohne in die Naivität vorrevolutionärer Vorstellungen zurückzufallen.

Diese Zusammenhänge von Landschaftsmalerei und Stimmung bündelte Alois Riegl 1899 zu einer ästhetischen Theorie. Die Ordnungssuggestion der Landschaftsmalerei biete Trost bei Verunsicherungen angesichts komplexer Weltzusammenhänge: »Diese Ahnung aber der Ordnung und Gesetzlichkeit über dem Chaos, der Harmonie über den Dissonanzen, der Ruhe über den Bewegungen nennen wir die Stimmung. Ihre Elemente sind Ruhe und Fernsicht.«5 Ruhe, Ordnung, Harmonie, Einheit – all das war inzwischen Reflex der Sehnsucht einer Zeit, in der sich Einzelteile in der Wahrnehmung vieler Zeitgenossen nicht mehr zu Harmonien fügten, sondern Dissonanzen hervorbrachten.

(…)

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Heinz Bude, Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen. München: Hanser 2016.
  2. Grundlegend David E. Wellbery, Stimmung. In: Karlheinz Barck u.a. (Hrsg.), Ästhetische Grundbegriffe. Bd. 5. Stuttgart: Metzler 2003.
  3. Leo Spitzer, Classical and Christian Ideas of World Harmony. Prolegomena to an Interpretation of the Word »Stimmung«. Baltimore: Johns Hopkins University Press 1963.
  4. Hans Ulrich Gumbrecht, Stimmungen lesen. Über eine verdeckte Wirklichkeit der Literatur. München: Hanser 2011.
  5. Alois Riegl, Die Stimmung als Inhalt der modernen Kunst. In: Die Graphischen Künste 22 (1899).

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